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Jahrgang 2015 Nummer 9

Die Aufzeichnungen aus dem Hinterhaus

Ausstellung am Obersalzberg über das Tagebuch von Anne Frank

Anne Frank als Schulmädchen, 1941.
Das Zimmer, das Anne mit dem Zahnarzt Fritz Pfeffer teilte. Nachträglich wieder eingerichtet nach Angaben von Bekannten.
Tagebuchblätter von Anne Frank.
Die vierjährige Anne mit ihrer Mutter und der Schwester Margot (1933).
Anne Franks Vater Otto Frank überlebte als einziger der Familie den Holocaust. Aufnahme von 1967.
Das Hinterhaus in der Prinsengracht in Amsterdam. (Alle Fotos stammen aus dem Ausstellungskatalog, herausgegeben vom Anne Frank Haus in Amsterdam).


Das Tagebuch der Anne Frank ist ein bewegendes Dokument über die Verfolgung der Juden im Dritten Reich. Die Aufzeichnungen des klug beobachtenden, aufgeweckten und bei der Beurteilung anderer Menschen zuweilen recht kecken Teenagers lassen den Leser die Belastungen ahnen, mit denen die von den Nazis aus der Gemeinschaft ausgegrenzten Menschen leben mussten und wie es ein junges Mädchen schaffte, trotz aller Einschränkungen seine innere Selbstständigkeit zu wahren und in den zwei Jahren der Isolation zu einer Frau mit einem erstaunlich sicheren Urteilsvermögen und gesundem Menschenverstand heranzureifen. Unter welchen äußeren Bedingungen sich dieses Seelendrama in einem Antwerpener Hinterhaus abspielte, welche weiteren Personen an Anne Franks Seite lebten und wie sich ihr Tagesablauf gestaltete, das schildert die Ausstellung »Das Tagebuch der Anne Frank«, die bis Ende Mai im Dokumentationszentrum Obersalzberg in Berchtesgaden gezeigt wird.

Am 12. Juni 1942 hatte Anne Frank zu ihrem 12. Geburtstag ein Poesiealbum geschenkt bekommen. Damals lebte sie mit ihren Eltern und ihrer älteren Schwester Margot bereits in Amsterdam, wohin sich die Familie wegen der gefährlichen Lage für die Juden in Deutschland abgesetzt hatte. Der Vater Otto Frank leitete die niederländische Filiale der Firma Opekta. Bedingt durch die immer gefährlicher werdende Situation für die Juden auch in Holland beschloss der Vater am 6. Juli 1942, in Amsterdam unterzutauchen und sich mit der Familie im Hintergebäude seines Bürohauses an der Prinsengracht zu verstecken. Später kam noch die Familie van Pels mit Sohn Peter sowie der befreundete Zahnarzt Fritz Pfeffer dazu, der mit Anne ein Zimmer teilte. In ihren Notizen macht Anne kein Hehl aus ihrer Abneigung gegen Fritz, durch den sie sich in ihrer Privatsphäre gestört fühlte und den sie im Tagebuch nur Albert Dussel nennt. Insgesamt lebten acht Personen in dem Versteck. Es war durch eine drehbare Bücherwand vom Haupthaus abgeschlossen. Enge Mitarbeiter der väterlichen Firma versorgten die Untergetauchten mit Essen, Kleidung und Büchern. Die Hauptlast der Versorgung lag bei Miep Gies, der bisherigen Sekretärin des Vaters.

»Ich hoffe, dir alles anvertrauen zu können, wie ich es noch bei niemandem gekonnt habe, und ich hoffe, du wirst mir eine große Stütze sein«. So redet Anne in einem ihrer ersten Einträge ihr Tagebuch an. Und es gab dem Tagebuch viel anzuvertrauen – über die Enge des Verstecks, die Furcht vor dem Entdecktwerden, die Eintönigkeit des Tagesablaufs, den Verzicht auf Spaziergänge an frischer Luft, die Sehnsucht nach ihren Freundinnen. Und über die Konflikte mit ihren Mitbewohnern, die bei dem engen Beisammenleben nicht ausbleiben konnten. Die kritischen Äußerungen über ihre Mutter und über die Ehe ihrer Eltern hatte Vater Frank später in den ersten Auflagen des von ihm herausgegebenen Tagebuchs weggelassen, weil sie seiner Meinung nach die Intimsphäre der Familie verletzten; in spätere Auflagen wurden sie aufgenommen.

Zunächst wollte Anne dem Tagebuch nur die eigenen Gefühle anvertrauen, ihre Ängste ebenso wie ihre Hoffnungen und Sehnsüchte. Das änderte sich, als sie im Radio den Aufruf der niederländischen Exilregierung hörte, dass man nach Kriegsende und nach dem Ende des Naziregimes eine Dokumentation über die Unterdrückung der Bevölkerung während der deutschen Besatzung veröffentlichen wolle. Dafür solle man möglichst viel alltägliches Material sammeln wie Briefe, Tagebücher und Familienchroniken. Das empfand Anne als Auftrag, sie arbeitete zu diesem Zweck die Notizen um, indem sie manche Abschnitte entfernte, für die Mitbewohner des Hinterhauses Pseudonyme erfand und alle Einträge einheitlich an eine imaginäre Freundin Kitty als ihre Ansprechpartnerin richtete.

Aus Anne Franks Tagebuch

»Ab Mai 1940 ging es bergab mit den guten Zeiten: erst der Krieg, dann die (holländische) Kapitulation, der Einmarsch der Deutschen, und das Elend für uns Juden begann.

Judengesetz folgte auf Judengesetz, und unsere Freiheit wurde sehr beschränkt. Juden müssen einen Judenstern tragen; Juden müssen ihre Fahrräder abgeben: Juden dürfen nicht mit der Straßenbahn fahren; Juden dürfen nicht mit einem Auto fahren, auch nicht mit einem privaten; Juden dürfen nur von drei bis fünf Uhr einkaufen; Juden dürfen nur zu einem jüdischen Friseur. Juden dürfen zwischen acht Uhr abends und sechs Uhr morgens nicht auf die Straße…

Miep schleppt sich ab wie ein Packesel. Fast jeden Tag treibt sie irgendwo Gemüse auf und bringt es auf dem Fahrrad mit. Sie ist es auch, die jeden Samstag fünf Bücher aus der Bibliothek bringt. Sehnsüchtig warten wir immer auf den Samstag, weil dann die Bücher kommen, wie kleine Kinder auf ein Geschenk. Normale Leute können nicht wissen, was Bücher für einen Eingeschlossenen bedeuten. Lesen, lernen und Radiohören sind unsere einzige Ablenkung.

Wenn es in Holland schon so schlimm ist, wie muss es erst dann in Polen sein? Wir nehmen an, dass die meisten Menschen ermordet werden. Der englische Sender spricht von Vergasungen, vielleicht ist das noch die schnellste Methode zu sterben. Ich bin völlig durcheinander.

Am besten gefällt mir noch, dass ich das, was ich denke und fühle, wenigstens aufschreiben kann. Sonst würde ich komplett ersticken.«

Jeden Tag beschäftigten sich Anne, Margot und Peter mehrere Stunden mit ihren Schulfächern, unterstützt von Otto Frank. Am liebsten war Anne das Fach Geschichte, gegen Mathematik empfand sie eine Abneigung. Was ihr ausgesprochen Freude machte, war das Aufsatzschreiben. Sie träumte davon, einmal als Journalistin zu arbeiten und als Schriftstellerin berühmt zu werden.

Das sollte sich bewahrheiten, wenn auch ganz anders, als sie ahnen konnte. Durch ihr posthum veröffentlichtes Tagebuch, das später zu einem Theaterstück umgearbeitet, mehrfach verfilmt und in 70 Sprachen übersetzt wurde, ist Anne Frank weltweit bekannt geworden.

Am 4. August 1944 wurden die Untergetauchten verhaftet. Niemand weiß, wer das Versteck verraten hat. Vier Polizisten nahmen alle fest und beschlagnahmten Schmuck und andere Gegenstände. Die Blätter mit Annes Notizen fand die Helferin Miep Gies am Fußboden verstreut und verstaute sie in einer Schublade, um sie nach dem Krieg Otto Frank zu übergeben. Anne und ihre Schwester starben im KZ Bergen-Belsen an Typhus, die Mutter kam in Auschwitz zu Tode. Von den anderen Verhafteten aus der Prinsengracht überlebte nur Otto Frank.

Nach dem Krieg wurde er von Freunden bedrängt, Annes Tagebuch zu veröffentlichen, aber bei der Suche nach einem Verlag erhielt er zunächst nur Absagen. Im Juni 1947 erschienen die Aufzeichnungen dann unter dem Titel »Het Achterhuis« (Das Hinterhaus) in einer kleinen Auflage. Einige Jahrzehnte später gehörte das Buch zu den erfolgreichsten Werken über die Judenverfolgung durch die Nationalsozialisten und wurde von der UNESCO in das »Weltdokumentenerbe« aufgenommen. »Habent sua fata libelli« – auch Bücher haben ihre Schicksale«, heißt ein lateinisches Sprichwort, das sich auch an Anne Franks Tagebuch bewahrheitete.


Julius Bittmann

 

9/2015