weather-image
11°
Jahrgang 2015 Nummer 3

Die Anfänge des Wintersports im Chiemgau

Sonderausstellung »Ski und Schuh« im Schusterhof in Bergen (Schellenberg)

Eduard Hauenstein, circa 1910.
Titelblatt der 1. Ausgabe der Zeitschrift »Der Schneeschuh« vom 1. November 1893.
Franz Plenk beim Vorstechen für die erste Naht.
Blick in den Stanzraum.
Ausputz bei Beuthin 1933.

Der in dieser Woche begonnene Biathlon-Weltcup in Ruhpolding weckt Erinnerungen, wie einst im Miesenbacher Tal das Skifahren angefangen hat. Vor über 100 Jahren war es dort noch kein Sport, sondern das Unterfangen, im tiefverschneiten Gelände mit langen Brettln voranzukommen. Es war ein geborener Schwabe (28. Juli 1857 in Kaufbeuren), der als studierter Forstbeamter einige Jahre in der Staatsforstverwaltung in München tätig war und 1893 wieder in den Außendienst übertrat. Auf seinem ersten Dienstposten, Schlichtenberg im Bayerischen Wald, lernte er die Schwierigkeiten eines langen, schneereichen Winters kennen. Die machten aus dem Tüftler Eduard Hauenstein einen Pionier des Skilaufs. Darüber erzählt er folgendes:(1)

»Auf meiner Einöde, 810 m über dem Meer, 20 km von Bahn und Arzt, in einem Klima, das etwa dem in 1100 m Höhe unseres Hochgebirges entspricht, traf ich so ungeheure Schneemassen an, dass ich von der forstlichen Versuchsanstalt in München die leihweise Überlassung von Schneeschuhen erbat. Nach acht Tagen kamen 3,30 m lange, echte Kaiana aus Birkenholz, ohne Fersenriemen. Kaiana ist ein völlig ebenes Land (Anmerkung der Redaktion: im Osten von Finnland), die Bewohner tragen zum Skilauf Fellschuhe mit hochgebogener Spitze, so dass sogar kleine Steigungen trotz des fehlenden Fersenriemens, der das Rückwärtsrutschen aus dem Zehenriemen heraus verhindert, genommen werden können. Obwohl ich Skilaufen noch nie gesehen hatte, erkannte ich sofort, dass ich mit diesen langen Dingern (3,30 m!) in dem steilen, mit vielen Gräben durchzogenen Bergwald meines Dienstbezirks nicht viel anfangen konnte. Doch schon die Übung auf den flachen Stellen um mein Haus herum gaben mir herrlichen Vorgeschmack von dem ungeheuren Nutzen, den diese Gleitbretter im Dienst bringen konnten. Der Zufall brachte mir zur Kenntnis, dass in den ersten Heften von Nansen »Auf Schneeschuhen durch Grönland« alles stehe, was auf den Gebrauch der Schneeschuhe Bezug habe. Sofort ließ ich mir die betreffenden Hefte kommen, und war selig! Da waren sie ja, die Ski, die prächtigen Gleitbretter, von ewig schöner, schlanker Form, wie es Nansen in seinem prachtvollen Werke so grundlegend beschreibt. Nun, dachte ich mir, wenn Nansen damit durch Grönland kam, werde ich wohl auch durch meinen Bezirk kommen! Es ging ans Rechnen und Messen, nach den im Nansenbuch abgebildeten Skiern. Mein Forstwart ließ sich vom Dorfschreiner ein Paar Ski aus Eichenholz machen, von unnachahmlicher Form, Dauerhaftigkeit und Schönheit.

Die Anfangsstudien auf den Bretteln, die für uns damals wirklich die Welt bedeuteten, machten mein Forstwart und ich möglichst geheim, um nicht bei den unvermeidlichen Stürzen von den Bauern verhöhnt zu werden. Da kam eines Morgens mein Jagdgehilfe Fenzl ins Büro und sagte ganz aufgeregt: »Herr Assessor, kommen Sie gleich mit in den Wald, da hab’ ich was g'spürt, was ganz Verhext's! Schlittenspuren san's, aber koane Füß siacht mer, und viel z'eng sans beinand für an Schlitten, der müßt ja umfalln!« Ich lächelte und ging mit ihm in die Scheune, wo meine 3 m langen Birkenski mit dem Stock lehnten. Da ging meinem Fenzl ein Licht auf!

Im nächsten Winter machte unser Schreiner ungefähr 100 Paar Ski, die er rasch mit der sogenannten Nansenbindung absetzte. Allerdings waren diese Ski (wie die jetzt in Deutschland allgemein verkauften) aus gesägten Brettern, statt aus gespaltenem Holz, wie ich sie mir machen ließ. Denn nur richtig gespaltenes Holz behält die Spanne, ohne dass die Ski eingespannt werden müssen.«

Seitdem beschäftigte sich Hauenstein unentwegt mit technischen Fragen zum Ski und wie dieser im Alltag verwendet werden kann. Dazu erschien in der Erstausgabe der illustrierten Zeitschrift »Der Schneeschuh« von 1893 der Aufsatz »Können die norwegischen Schneeschuhe (Ski) bei uns im Dienst gebraucht werden?«, verfasst von einem Forstmann. Das war Hauenstein, der seinen Namen verschwieg, weil er befürchtete, von »hohen und höchsten Stellen« könnte es ihm verübelt werden, in einer solchen Frage öffentlich das Wort zu ergreifen.(2) Er ist der geistige Vater der Skikanten: schon im bayerischen Walde verwendete er als erster blechbeschlagene Ski und empfahl ihre Bewehrung mit Stahlschienen zum Schutz gegen Abnutzung auf Harsch und zur Erhöhung der Geschwindigkeit.

Das Hochgebirge legte ihm neue skitechnische Fragen vor. Wie Zdarsky, mit dem er in Verbindung stand, fuhr Hauenstein mit einem Stock, den er als Ski-»Ruder« ausbildete, das man in der Ebene und beim Aufstieg wie ein stehender Fischer zum Fortbewegen des Kahns verwendete, bei der Abfahrt aber als seitliche Bremse. Das Blatt seines Skiruders versah Hauenstein auf der Längsseite mit einem abnehmbaren Messer, mit dem man bei der Fahrt durch den Wald Äste abschlagen konnte, die die Fahrt störten.

Hauenstein war ein selbstbewusster, aufrechter Mann, der sich wenig um Autoritäten scherte, im Beruf ein leidenschaftlicher Wald- und Wegebauer.

Das war also der Skipionier im Miesenbacher Tal. Einen solchen hat es allerdings auch für das Reit im Winkler Tal, im Tal der Schwarzlofer, gegeben. Aus der Chronik des dort 1921 gegründeten Wintersportvereins ist zu erfahren, dass der bereits 1892/93 nach Reit im Winkl versetzte Forstassistent Michael Trimbach mit zwei auffallend langen Latten, die er Ski nannte, in geraden Spuren durch den tiefen Schnee gleiten konnte.(3)

Ob er sich 10 Jahre später einmal mit Hauenstein getroffen hatte, um über Arbeiten in ihren angrenzenden Revieren oder gar über den Einsatz von Skiern zu sprechen, ist nicht bekannt. Vielleicht findet sich dafür im Archiv der Gemeinde Reit im Winkl ein Hinweis, sofern Trimbach dort noch 1905 in Staatsdiensten und sesshaft war.

Ganz gleich, ob sie sich je begegneten, ist doch bemerkenswert, dass es ausgerechnet Forstleute waren, die sich mit dem Einsatz von Skiern befassten. Das hatte natürlich nichts mit Sport, sondern mit dem beruflichen Alltag bei Holzarbeiten während der Winterszeit zu tun, in der bekanntlich das beste Nadelholz geschlagen und mit Schlitten zu Tal befördert wird. Während dazu die Holzknechte mit Rössern und Schlitten unterwegs waren, mussten die Forstbeamten die verschiedenen Holzeinschläge anweisen und überwachen. Statt durch tiefen Schnee zu stapfen, war es um ein Vielfaches leichter, auf Brettern voranzukommen.

Hauenstein wollte aber auch die Ruhpoldinger, die ihn liebevoll Hauei nannten, von den Vorteilen und vom freudigen Erlebnis des Skifahrens überzeugen, was schließlich dazu führte, dass 1920 der Skiclub Ruhpolding gegründet wurde.

Ein Jahr später trat der junge Toni Plenk (Jahrgang 1903) in den Skiclub ein und wurde bereits 1924 zum Sportwart alpin-nordisch gewählt. Noch im gleichen Jahr wurde mit dem Bau der Adlerschanze in Maiergschwendt begonnen. Den Grundstein für das neue Sportzentrum am Zirnberg legte er 1962 mit dem Bau der Großschanze. 10 Jahre später organisierte er die 1. Deutsche Biathlonmeisterschaft in Ruhpolding.(4)

Die Erfolgsgeschichte einer Sportschuhmanufaktur in Grassau

Ohne passenden Schuh kein richtiger Wintersport. Das hatten nach dem verlorenen 1. Weltkrieg etliche Schuhmacher im Chiemgau erkannt, aber auch der Inhaber einer traditionsreichen Gerberei und Lederhandlung aus Hamburg. Die zunehmende Begeisterung von Männern und Frauen am Skilauf und die wiederbelebte Freude am Wandern und Bergsteigen vor Augen ermunterten Max Beuthin, in Grassau eine Sportschuhfabrik zu gründen. Das erfolgte nicht von ungefähr im Ortsteil Oberdorf in Grassau, wo eine seit Anfang des 19. Jahrhunderts bestehende Gerberei vorhanden war. Beste Maschinen zum Stanzen von Ledersohlen und Schaftleder, Maschinen zum Nähen der Schäfte und Ausputzmaschinen sowie unzählige Schuhleisten aller Art und Größe, Schuhmacherwerkzeug, Nägel, Zwirn und Nadeln waren eine der Grundlagen für einen leistungsfähigen Betrieb. Die wichtigste war aber eine Belegschaft mit tüchtigen Facharbeitern, fleißigen Näherinnen und besten Schuhmachern. Einer davon war vermutlich Franz-Xaver Lindlacher, geboren am 2. April 1913 in Marquartstein als Sohn eines Schuhmachers, der 1930 mit großem Erfolg die Gesellenprüfung abgelegt hatte. So konnte Max Beuthin zu Recht von Hand zwiegenähte Berg-, Touren- und Skistiefel als Sportschuhspezialitäten »in höchster Vollendung« anpreisen.

Nach 1945 übernahm Rolf Beuthin den Wiederaufbau des Betriebs mit Franz Lindlacher als verantwortlichem Betriebsmeister, wobei die Zahl der Beschäftigten bis Ende 1948 auf 115 Köpfe anwuchs. Völlig überraschend hieß es dann Mitte des Jahres 1950, der Betrieb müsse stillgelegt werden. Einheimische und Vertriebene wären jetzt ohne Arbeit gewesen. Zusammen mit Georg Hofer, einem gelernten Schuhfacharbeiter, gründete er im gleichen Jahr die »Grassauer Sportschuh Franz Lindlacher K.G.«, die in einer an der Bahnhofstraße auf Pachtgrund wiederaufgebauten Reichsarbeitsdienstbaracke unter Übernahme eines Großteils der Maschinen aus der Konkursmasse der Firma Beuthin ihren Betrieb aufnahm.

Der allgemeine wirtschaftliche Aufschwung und die handwerklich hervorragend gearbeiteten Sportschuhe sorgten in den folgenden Jahren für immer mehr Kundschaft in ganz Deutschland. Unter den Skistiefeln der beliebteste war das Modell »Arlberg«, von dem Tausende und Abertausende jährlich hergestellt wurden (Verkaufspreis laut Katalog 1952/53 für die Größe 41 bis 45 mit 55,70 DM). Mit zunehmender Konkurrenz und vereinfachter sowie preisgünstigerer Herstellung (kleben statt zwienähen) ging Ende der 1960er Jahre der Absatz spürbar zurück, weshalb der Betrieb Ende 1972 eingestellt wurde. Das war also das Ende der Sportschuhfabrik, die in den besten Jahren bis zu 25 Arbeitsplätze bot und in der Bevölkerung als Schusterbude bekannt war.

Herstellen und Vertrieb von Schuhen für den Wintersport war ein notwendiger, aber nicht allzu bedeutender, Teil im Bereich der »weißen Industrie«. Die hat in den letzten Jahrzehnten einen solchen Aufschwung genommen, dass gegen zunehmend fehlenden Schnee mit Wasser und Kanonen angegangen wird. Für die Wintersportorte im Chiemgau wie Ruhpolding mit der Chiemgau-Arena und Reit im Winkl als Langlaufparadies bleibt zu wünschen, dass sie auch künftig davon noch gut leben können. Womöglich wächst dabei auch das Bedürfnis, an die Anfänge des Wintersports und ihre Pioniere zu erinnern.

Anmerkungen:
Sofern nicht anders angegeben alle Fotos und Zeichnungen aus Bildarchiv des früheren Vereins für Industrie- und Technikgeschichte im südlichen Chiemgau, Sitz Grassau, heute Museumsverein Torfbahnhof Rottau.

Öffnungszeiten im Schusterhof: Mittwoch bis Sonntag jeweils von 11 bis 17 Uhr.


Claus-Dieter Hotz

 

Quellennachweis:
1 Beringer Karl »Der Winter, Zeitschrift für Skilauf und Winterturistik«, 37. Jahrgang 1949/50, Heft 2, Bergverlag Rudolf Rother, München. S. 20.
2 Ebenda S. 21.
3 Helmberger Hans »Sport im Landkreis Traunstein. Seine Geschichte – seine Höhepunkte«, Traunstein 2014, S. 12.
4 Firmenchronik Anton Plenk, unveröffentlicht und undatiert.

 

3/2015