weather-image
-1°
Jahrgang 2004 Nummer 20

Der Zufallsfund von Pfaffing

Beim Hausbau wurde eine fossile Keulenschnecke gefunden

Keulenschnecke Clavilithes Kracherae

Keulenschnecke Clavilithes Kracherae
Die meisten Schnecken sind Wassertiere, die teils im Meer, teils im Süßwasser leben und zur Atmung mit Kiemen ausgestattet sind. Das Meer ist die ursprüngliche Heimat aller Schnecken, auch der bei uns vorkommenden Weinbergschnecken und der Nacktschnecken, die besonders in regenreichen Jahren den Gartenbesitzern durch ihre Gefräßigkeit Kummer bereiten.

Landschnecken haben eine Lunge anstatt der Kiemen, sind aber wegen ihrer dünnen Haut auf schattige Lebensräume angewiesen. Längere Sonneneinstrahlung führt zum Tod durch Austrocknung. An heißen Tagen zieht sich die Weinbergschnecke in ihr Haus zurück, Nacktschnecken graben sich im Erdreich ein.

Unter den mehr als hunderttausend bekannten Schneckenarten, von denen die meisten auch heute noch im Meer leben, nimmt die Keulenschnecke wegen ihres merkwürdigen Gehäuses und wegen ihrer Größe von über 30 Zentimetern eine Sonderstellung ein. Ihr Name »Clavilithes« ist abgeleitet vom lateinischen Wort »clava« (Keule) und vom griechischen Wort »lithos« (Stein). Tatsächlich erinnert sie mit ihrer großen Endwindung und dem daran ansetzenden, lang ausgezogenen Mündungsteil, dem Siphon, an eine Keule. Der Wortbestandteil »lithos« bezieht sich darauf, dass fossile Keulenschnecken im Gestein eingebacken gefunden wurden beziehungsweise im Stein erhalten geblieben sind.

Das abgebildete Exemplar einer Keulenschnecke mit der zoologischen Bezeichnung »Clavilithes Kracherae« verdankt seinem Namen der ursprünglichen Besitzerin des Fossils, Frau Anita Kracher aus Pfaffing bei Wasserburg am Inn. Auf ihrem Grundstück musste in den sechziger Jahren für den Bau eines Hauses ein riesiger Findlingsblock gesprengt werden. Der Felsbrocken war in der letzten Eiszeit vom Inngletscher aus dem Gebiet um Oberaudorf bis in die Nähe von Wasserburg verfrachtet worden; sein Gewicht betrug circa 150 Tonnen. Bei der Sprengung des Findlings kam das versteinerte Gehäuse der Keulenschnecke zum Vorschein.

Das Fossil liegt nur in Steinkernerhaltung vor, das heißt, es ist nur die Steinausfüllung des Gehäuses erhalten, die Schale wurde nach der Einbettung in das Gestein weggelöst. Außerdem fehlen die Anfangswindungen und ein Teil des Mündungskanals. Rekonstruiert ergibt sich für die Schnecke eine Gesamthöhe von 48 Zentimetern. Das Gehäuse ist auffallend hoch gewunden und beginnt mit deutlich gewölbten Windungen. Die letzten drei Umgänge haben eine »Treppung« (Suturalsimse), am Ende der letzten Windung ist am obersten Teil ein gerundeter Wulst zu sehen.

Experten schätzen das Alter der Schnecke auf etwa 36 Millionen Jahre. Als sie lebte, waren die Alpen und die angrenzenden Gebiete von einem warmen Flachmeer bedeckt. Anhand des Gesteins, in dem die Schnecke eingebettet war und auf Grund der sie begleitenden Fossilien nimmt man an, dass sie in einer Lagune gelebt hat, die gegen das offene Meer durch einen Riffgürtel abgetrennt war. Das Wasser in der Lagune hatte normalen Salzgehalt, war warm und flach mit einer Tiefe zwischen 30 und 100 Metern. Diese äußerst günstigen Lebensumstände ermöglichten das Riesenwachstum von »Clavilithes kracherae«. Die nächst größte Keulenschnecke ist »Clavilithes maximus«, die eine Höhe bis zu 22 Zentimetern erreichte und deren Fossilien im Pariser Becken gefunden wurden.

JB



20/2004