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Jahrgang 2004 Nummer 3

Der Zaunkönig – Vogel des Jahres 2004

Seine Nahrung sucht er hauptsächlich in Bodennähe und wird deshalb auch »Mäusekönig« oder »Zaunschlüpfer« genannt

Der Zaunkönig – Vogel des Jahres 2004

Der Zaunkönig – Vogel des Jahres 2004
Man muss kein Vogelexperte sein, um den »Vogel des Jahres 2004« auf Anhieb zu erkennen: der aufgestellte Schwanz verleiht diesem rotgraubraun gefiederten Winzling das charakteristische Aussehen. Alles andere als winzig ist hingegen sein trillernd flötender Reviergesang: Messungen ergaben Werte von 90 Dezibel – so viel Lärm verursacht ein haushaltsüblicher Staubsauber.

Bei so viel Besonderheiten überrascht es nicht, dass der Zaunkönig reichlich Stoff für Legenden bietet. Im Wettstreit um die größte Flughöhe besiegte er selbst den mächtigen Adler – weil er sich in dessen Gefieder verbarg und sich dadurch den mühsamen Höhenflug ersparte; deshalb muss er sich nun vor dem Zorn des Adlers im Unterholz und in Sträuchern verstecken. Nach einer Überlieferung aus dem Vorarlberg kam der Zaunkönig jedoch auf ehrliche Weise zu seinem Namen: Da er sein Nest in der Krippe in Bethlehem gebaut hatte, konnte er das Jesuskind von einer lästigen Spinne befreien und erhielt zum Dank den Königstitel.

Der lediglich 10 Zentimeter große Zaunkönig sucht seine Nahrung aber tatsächlich vor allem in Bodennähe. Sein spitzer Insektenfresserschnabel erlaubt ihm, selbst in engen Spalten und Ritzen nach der begehrten Beute zu suchen. Dieses Bodenleben führte auch zu regionalen Bezeichnungen wie »Mäusekönig« oder »Zaunschlüpfer«.

In Bodennähe spielt sich auch das Brutgeschäft ab. In ihrem Revier bauen die Männchen in alten Wurzelstöcken, an Böschungen oder in Holzstößen gleich mehrere kugelförmige »Backofennester«, die sie mit Moos, Federn und anderem Material weich auspolstern. Denn beim Zaunkönig herrscht Damenwahl: Je mehr Nester ein Männchen baut – so haben Ornithologen herausgefunden –, desto größer ist die Bereitschaft eines Zaunkönigweibchens, sich nach einer »Wohnungsbesichtigung« mit dessen Erbauer zu paaren.

Von Treue, wie wir sie bei anderen Vogelarten kennen, kann beim Zaunkönig keine Rede sein. Die Väter beteiligen sich nicht am Brüten und auch nicht an der Aufzucht der Jungen. Häufig paaren sie sich sogar mit einer Reihe von Weibchen, die von April an bis zu acht 1 Zentimeter große und 1,5 Gramm schwere weiße Eier legen. Nach zwei Wochen schlüpfen die Jungen dann, und 10 bis 12 Tage später verlassen sie bereits ihr Nest.

Der Zaunkönig ist in seinem aktuellen Bestand nicht gefährdet. Der Naturschutzbund Deutschland (NABU) hat ihn trotzdem zum »Vogel des Jahres 2004« gewählt, da er ein typischer Vogel des menschlichen Siedlungsraums ist. Er ist ein Sympathieträger und soll im Rahmen der NABU-Kampagne »Nachbar Natur« für ein Mehr an Wildnis in den Städten werben; außerdem soll er deutlich machen, dass die Umwandlung naturnaher Lebensräume in sterile, pflegeleichte »Natur« für die einheimische Tierwelt zu einem Problem wird. Denn wo schützendes Unterholz und Laubschichten fehlen, wo Holzstapel, Reisighaufen oder Hecken unachtsam entfernt werden, da geht es auch dem Zaunkönig schlecht!



3/2004