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Jahrgang 2016 Nummer 43

Der Weiß Ferdl – ein Volkssänger und Komiker

Mit »Ein Wagen von der Linie 8« sang er sich in die Herzen der Münchner

Weiß Ferdl als Sänger.
Autogrammkarte: »I' hab' nix g'sagt!«.
Verschiedene Filmaufnahmen.
Weiß-Ferdl-Brunnen.

»Am 19. Juni des neunundvierziger Jahres ist der Weiß Ferdl zum allerletzten Mal in die Linie Acht eingestiegen und schnurstracks durchgefahren bis zur Endstation. Geschwind is dahingangen, er ist gar nicht mehr zum Abläuten gekommen: Das hat ein anderer getan. Grad, dass er noch die buschigen Augenbrauen hat hochziehen können – mehr hat der Weisheitinger Ferdinand nie gebraucht, um die Leut zum Lachen zu bringen – da ist der Wagen auch schon abgefahren, pfeilgrad in den weißblauen Volkssängerhimmel hinein.

Soweit Walter Panofsky in seinem Vorwort zu dem Band »Bayerische Schmankerln«, in dem die besten Geschichten des Münchner Volkssängers in Erinnerung gerufen werden. Geboren wurde Ferdinand Weisheitinger am 28. Juni 1883 in Altötting. Beherrscht wurde seine Kindheit von der Person der Großmutter, Maria Weisheitinger – seiner Mutter Anna, die als Kellnerin ihren Lebensunterhalt verdiente, konnte sich kaum um ihn kümmern. Er war ein »braves Kind, das keine Schläge brauchte«, wie er später schrieb, und sollte auf Betreiben der Großmutter 'etwas Besseres' werden, nämlich Lehrer. Dank seiner auffallend schönen Stimme sang er bereits mit acht Jahren im Kirchenchor der St. Anna-Kirche, und als Maria Weisheitinger von der Möglichkeit erfuhr, besonders talentierte Kinder in der Salzburger Domsingschule unterzubringen, arrangierte sie beim dortigen Präfekten ein Vorsingen, das erfolgreich verlief.

In Salzburg blieb Ferdinand aufgrund seiner Herkunft jedoch ein Außenseiter, der »Boarafrack«, und als nach dreieinhalb Jahren der Stimmbruch kam, kehrte er nach Altötting zurück. Hier absolvierte er auf Druck seines Großvaters Georg Weisheitinger eine Lehre als Schriftsetzer, nebenbei erhielt er auf Wunsch der Großmutter Violinunterricht. Anschließend ging er als Schriftsetzergehilfe auf Wanderschaft, unter anderem nach Nürnberg, Regensburg und Passau. Anfang 1902 kam er erstmals nach München, wo er im vielfältigen Vergnügungsangebot der Stadt schnell etwas fand, das ihn faszinierte: In Wirtshäusern und Bierhallen traten sogenannte »Volkssänger« auf, die durch humoristische Vorträge, kurze Spielszenen, Instrumental- und Gesangsdarbietungen zur Unterhaltung der Gäste beitrugen.

Kurz gesagt, er entdeckte seine Neigung zur Bühne, als Kapital brachte er seine Singstimme und seine Notenund Instrumentalkenntnisse ein – und den festen Willen, einer von den ganz Großen zu werden. Auf eine Zeitungsanzeige hin bewarb er sich bei einer Singspielgruppe als Sänger, und wurde engagiert. Am 24. September 1902 erhielt er von der königlichen Polizeidirektion »die Erlaubnis des Auftretens als Sänger bei der Singspielgesellschaft Ernst Karl«.

Nach seiner Militärzeit in Metz (1903 bis 1905) wurde er Mitglied der 'Münchner Meistersänger' von Max Neumayer und nannte sich Weiß Ferdl. 1907 erhielt er auf Vermittlung eines Kollegen das Angebot, Mitglied des Platzl-Ensembles zu werden, bei dem er sich bald heimisch fühlte, auch wenn die Anfangszeit recht hart war: »Zuerst saß ich an der großen Trommel und machte bei der Blechmusik mit, dann sang ich den Begrüßungschor, dann kam mein Solo, dann das Textbüchl, wo ich laut singen musste, damit das Publikum mitsang. Dann spielte ich Komödie, dann kamen die Quartette dran, dann noch eine Komödie, und dies alles für sechs Mark und zwei Bierzeichen«. Dem Platzl, diesem »Juwel heimischer Kleinkunst«, dessen Direktor er 1923 wurde, blieb Weiß Ferdl bis zum Ende seiner Bühnentätigkeit treu.

Am 28. Juni 1914, an Weiß Ferdls 31. Geburtstag, fielen die Schüsse in Sarajewo – kurz darauf brach der Erste Weltkrieg aus. Auch der Weiß Ferdl wurde einberufen und kam Anfang 1915 mit der 6. Kompanie des Bayerischen Reserve-Infanterie-Regiments Nr. 1 an die Westfront bei Arras. Hier zeichnete er sich durch Einsatz und Disziplin aus, und erwies sich als Talent in der Truppenbetreuung. Zunächst als Alleinunterhalter, der sich mit seinen humoristischen Couplets, Moritaten und gefühlsbetonten Liedern ganz auf die Bedürfnisse der Soldaten einstellte, ihre Wünsche, Stimmungen und Sehnsüchte artikulierte. Ab Mitte 1916 fungierte er als Leiter der Singspieltruppe des Regiments, dem »Platzl im Felde«, wie es bald hieß, zu dem auch Wastl Witt und Kiem Pauli gehörten und deren Mitglieder vom Frontdienst befreit waren.

Nach dem Krieg empfanden viele Deutsche den Friedensvertrag von Versailles als Verrat und bittere Ungerechtigkeit. Weiß Ferdl war einer von ihnen. Er unterstützte restaurative Bemühungen und beschrieb die »Revoluzzer« der Münchner Räterepublik als unversehens an die Macht gekommenen dümmlichen Mob, kleidete seinen Spott aber in eine Form, die ihn auch für die »Gegenseite« akzeptierbar werden ließ. Verscherzen wollte es sich Weiß Ferdl mit keinem. Andererseits warb er früh für eine Bewegung, die versprach, Deutschland wieder in Ordnung zu bringen und den Versailler »Schandfrieden« zu rächen.

Am 17. Dezember 1921 trat Weiß Ferdl im Bürgerkeller zum ersten Mal bei einer Veranstaltung der NSDAP auf. Weiß kannte Hitler vom Platzl her, wo dieser manchmal seine Abende verbrachte. Nach der Machtübernahme 1933 sah Weiß seine Erwartungen bestätigt. Nun musste es aufwärts gehen mit Deutschland, denn »es rührt sich was«. Seine Bekanntschaft mit Hitler, der ihn selbst auf den Obersalzberg einlud, verschaffte ihm Beziehungen, die er für seine Karriere zu nutzen wusste. Parteimitglied wurde er aber erst 1937.

Zeitungsberichten zufolge wurde die Art, in der Weiß Ferdls 'Frechheiten' abgefasst waren, als »versöhnende Satire« bezeichnet: »Weiß Ferdls Satire besitzt die Gabe, treffend und harmlos zugleich zu sein, frei vom Geist der Negation, voll des aufbauenden und versöhnenden Humors, der nottut«. Weiß Ferdls Kunst war die Andeutung, und seine obersten Ziele hießen, bei möglichst allen beliebt zu sein und sich in jede Zeit hineinzufinden, wie er selber sagte. Die vielzitierte Maßregelung durch Goebbels 1939 im Hotel Vier Jahreszeiten könnte tatsächlich stattgefunden haben, ausreichende Belege dafür finden sich aber nicht. Auch während des Zweiten Weltkriegs stand er weiter auf der Bühne des Platzl, bis 1943 ein Herzleiden eine regelmäßige Bühnentätigkeit nicht mehr zuließ. Bis dahin schrieb er für die »Münchner Feldpost« auch seine »Feldpostbriefe aus dem Platzl«, Anekdoten, Lieder und humoristische Betrachtungen zu unpolitischen Themen sowie Erzählungen aus seiner eigenen Zeit als Soldat.

Im Zuge der Entnazifizierungsverfahren wurde er am 27. Oktober 1946 von einer Spruchkammer als »Mitläufer« zu einem Sühnebeitrag von 2000 Reichsmark verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es unter anderem: »Der Betroffene war ein echter Bayer und Demokrat, ehe auch er von braunen Spritzern nicht verschont wurde«.

Ein erstaunlich mildes Urteil für den »Komiker des Dritten Reichs« (Münchner Post), bei dem sicher auch seine große Popularität eine Rolle spielte. Denn Weiß Ferdl war nicht nur im Platzl der Platzhirsch, er war auch ein höchst erfolgreicher Autor, Theater- und Filmschauspieler. Die Ufa engagierte Weiß Ferdl bereits 1929 für einen ihrer ersten Tonfilme, »Der unsterbliche Lump«, in dem er den stotternden Bürgermeister eines abgelegenen Bauerndorfes darstellte. Den Durchbruch brachte der Film »Die beiden Seehunde« (1934), mit Weiß Ferdl in einer Doppelrolle, Fürst und Dienstmann. Knapp zehn weitere folgten, anspruchslose Unterhaltungsfilme in der Art, wie sie auch Hans Moser drehte, sie stiegen und fielen mit seiner Präsenz. Auch trat er oft im Rundfunk auf, und ein Großteil seiner Vorträge war auf Schallplatte erhältlich. So erzählte er in »Meine Amerikareise« von einer Tournee, die er 1925 in Amerika unternommen hatte, und eine Reise mit seiner Frau von 1927 beschrieb er unter dem Titel »Weiß Ferdl im Orient«.

1946 erlebte er mit seinem Vortrag »Ein Wagen von der Linie 8« ein letztes Comeback. Mit diesem Lied hat sich Weiß Ferdl bis heute tief in die Herzen der Münchner und der Bayern eingegraben.

Zuletzt noch ein Wort zu Karl Valentin, Weiß Ferdls größtem »Konkurrenten«. Sabine Sünwoldt schreibt dazu: »Sie respektierten einander – verstehen konnten sie einander nicht. Hier der pralle Altöttinger, für den die Ordnung und die Werte, in welchen er erzogen war, immer Gültigkeit behielten – dort der erwachsen gewordene Bub aus der Au, den das verwirrte, was er hinter der Fassade dieser Ordnung und dieser Werte sah«. Nur ein einziges Mal traten sie »miteinander« auf. Das war im Schlussbild des Filmes »Tobis Trichter. Humor aus deutschen Gauen« (1941).

Am 19. Juni 1949 verstarb Weiß Ferdl in München und wurde auf dem Waldfriedhof Solln bestattet (Grabstätte Nr. 3-W3). Auf dem Münchner Viktualienmarkt erinnert seit 1953 ein Brunnendenkmal von Josef Erber an ihn.


Wolfgang Schweiger

 

Quellen: Sabine Sünwoldt: »Weiß Ferdl. Eine weiß-blaue Karriere«.
Andreas Koll: »Volkskünstlerinnen«.
Weiß Ferdl: »Bayerische Schmankerln«.
Abdruck der Fotos mit freundlicher Genehmigung des Valentin-Karlstadt-Musäums München.

 

43/2016