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Jahrgang 2007 Nummer 41

Der Waldrapp soll wieder bei uns heimisch werden

Größte Schwierigkeit ist der erste Flug in das Winterquartier im Süden

Der hühnergroße Waldrapp mit seinem kahlen roten Kopf, dem flotten Nackenschopf und dem metallisch glänzenden Gefieder ist bei uns schon seit dreihundert bis vierhundert Jahren ausgestorben. Lediglich in Nordwestafrika, in Kleinasien und Äthiopien leben noch einige kleinere Populationen. Ihre aus Reisig gebauten Nester legen die Vögel auf schmalen Gesimsen, in Nischen und Höhlungen von Felswänden und Ruinen an.

Sehr große Ähnlichkeit mit dem Waldrapp hat der aus dem alten Ägypten bekannte Ibis, der in drei Arten vorkommt: Der schwarze Ibis, der Schopfibis und der weiße oder Heilige Ibis, die Inkarnation des Mondgottes Toth und das Symbol der Weisheit. Weil der weiße Ibis jeweils mit dem Ansteigen des Nils im Lande erschien, wurde er für einen Boten der Götter gehalten; sein Leib wurde einbalsamiert und in den Pyramiden beigesetzt, in denen später Tausende von Ibismumien gefunden wurden. Die alten Schriften berichten vom Ibis viele wunderbare Dinge, er galt als großer Lehrmeister der Menschen und sollte unsterblich sein.

Die älteste Darstellung eines Waldrapps findet sich in dem naturwissenschaftlichen Werk »Historia animalium« des Schweizer Gelehrten Konrad Gesner, das in den Jahren 1551-1558 in vier Bänden erschienen ist. Nach Gesner wurde der Vogel zu seiner Zeit allgemein als Waldrab’, Steinrab’ oder Meerrab’ bezeichnet, war ein Zugvogel und ernährte sich hauptsächlich von Insekten. Seitdem gab es keine Berichte von Waldrappbeobachtungen in Europa, sodass die Angaben Gesners sogar bezweifelt und in das Reich der Fabel verwiesen wurden.

Die einzige Möglichkeit, Waldrappe in Natura zu sehen, besteht heute bei uns in den Zoos, zum Beispiel in Innsbruck und Basel sowie in wissenschaftlichen Instituten. Hier sind auch immer wieder erfolgreiche Nachzuchten von Waldrappen gelungen. Führend ist dabei die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle in Grünau im Almtal in Österreich. Bei der Bayerischen Landesgartenschau in Burghausen im Jahre 2004 nutzte die Konrad-Lorenz-Forschungsstelle die Gelegenheit, mehrere Waldrappe in einer großen Foliere dem Publikum vorzuführen und für ihre Wiedereinbürgerung zu werben. Die Schau fand damals großes Interesse, denn für die meisten Besucher war es überhaupt das erste Mal, dass sie die auffallenden Vögel zu sehen bekamen.

Inzwischen konnten von der Waldrapp-Population in Grünau jedes Jahr neue Tiere aufgezogen werden und die Wiederansiedlung nahm konkrete Formen an. Die größte Schwierigkeit, das war von vorneherein klar, bestand darin, dafür zu sorgen, dass die Tiere den Weg in ihr Winterquarier nach Italien finden. Denn bereits im Hochsommer erwacht in den Waldrappen mit aller Macht der Flugtrieb nach dem warmen Süden. Weil sie aber die Route nicht kennen, würden sie zwar starten, aber nicht an das Ziel kommen. Im Normalfall folgen sie bei ihrem ersten Flug einfach ihren Eltern, auf die sie von klein auf geprägt sind, und behalten die Route so fest im Gedächtnis, dass sie in den nächsten Jahren mühelos selbstständig an ihr Ziel gelangen.

Der biologische Vorgang der Prägung wurde von dem Verhaltensforscher Konrad Lorenz, nach dem die Forschungsstelle Grünau benannt ist, an zahlreichen Beispielen nachgewiesen. Es ist ein Lernvorgang, bei dem sich ein Jungtier während einer kurz bemessenen sensiblen Phase, meist unmittelbar nach der Geburt, Auslöser für bestimmte Verhaltensweisen einprägt. So laufen Gänseküken sogar einem piepsenden, sich bewegenden Spielzeugauto nach, wenn es nach dem Schlüpfen das erste Objekt ist, das sie als Mutter ansehen konnten. Dasselbe geschieht mit einem Menschen. Man sagt, ein Tier ist auf ein Objekt oder auf einen Menschen geprägt.

Das Projektteam für die Einbürgerung des Waldrapps unter der Leitung von Dr. Johannes Fritz entwickelte den Plan, die Waldrapp-Jährlinge auf Menschen zu prägen und ihnen diese als Lotsen für ihren ersten Flug über die Alpen mitzugeben. Dafür brauchte man ein geeignetes Fluggerät. Die Wahl fiel auf einen extrem leichten Para-Trike, einen von einem Profi-Piloten gesteuerten offenen Zweisitzer mit einem 60 Quadratmeter großen Gleitschirm. Als Elternersatz und gleichzeitig als Fluglotsen stellten sich Tanja und Martina, zwei junge Biologiestudentinnen, zur Verfügung. Sie verbrachten seit dem Schlüpfen der Vögel im Frühjahr dieses Jahres die ganze Zeit bei neunzehn Waldrappen aus der Grünauer Zucht und wurden von ihnen problemlos als Mutterersatz akzeptiert.

Der Start Mitte August verlief ohne Komplikationen. Allerdings flogen nur 17 Tiere mit, zwei schwächere mussten daheim bleiben. Nun hoffen alle am Projekt Beteiligten, dass sich die Vögel an ihrem neuen Aufenthaltsort in der Toscana gut eingewöhnen, dass die weiteren Schritte des Einbürgerungsversuchs ohne Komplikationen verlaufen und der Waldrapp nach langer Pause bei uns wieder heimisch werden kann.

Julius Bittmann



41/2007