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Jahrgang 2020 Nummer 18

Der Vogl, der einst den Vogel abschoss…

…mit kaum bekannten malerischen Bildern des legendären heiligen Georg

Georg, Prinzessin, Pferd und Drachen: Johann Anton Vogls großes Tüßlinger Deckengemälde von 1728. (Fotos: Hans Gärtner)
Georg vermag die Götzenbilder zu stürzen.
Georg, Kaiser, Scharfrichter und Gaffer: Johann Anton VoglsMarterszene als Pendant zum »Drachenkampf«.
Georg geht durchs Feuer.
Georg soll in der Kalkgrube verenden.
Georg wird aufs Rad geflochten.
Georg erhält den Giftbecher.
Georg wird an einen Mühlstein gebunden.
Georg erweckt einen Toten zum Leben.

Noch zehn Jahre – und der Markt Tüßling im Landkreis Altötting kann ein bedeutendes Jubiläum feiern. Vor dann 300 Jahren, 1730, starb nämlich ein Künstler, der hier einmal den Vogel abschoss von allen, die damals, im ersten Viertel des 18. Jahrhunderts, für die Schaffung einer mehrteiligen Deckenmalerei über das Leben eines der populärsten Heiligen keineswegs nur des Bayern-Landes in Frage gekommen wären. Sein Name: Johann Anton Vogl. Dessen »Held«: kein geringerer als der heilige Drachentöter Georg. Ort des Geschehens: die zwischen 1725 und 1728 erbaute Marktkirche von Tüßling. Sie steht in enger Nachbarschaft und Beziehung zu dem über 400 Jahre alten Renaissanceschloss, welches das 90 Kilometer östlich von München gelegene Tüßling – vor allem aufgrund der staunenswerten Tüchtigkeit der heutigen Schlossbesitzerin Stephanie Gräfin Bruges-von Pfuel – sommers und winters zum Ziel zahlreicher Besucher gut eingeführter Schlosshofmärkte werden ließ.

Wer war Johann Anton Vogl?

Schade, dass man zu wenig weiß über Johann Anton Vogl, um unter anderem die Frage zu beantworten, warum gerade er der Auserwählte war, der Tüßlinger Marktkirche die Decke mit Georgs-Bildern voll zu malen. Man kennt nicht einmal das Geburtsjahr des angeblich aus Obernberg am Inn stammenden Künstlers, dessen Vater, der womöglich aus Reichenhall gebürtige Ratsherr und Maler Jakob Vogl war. Über ihn, nicht aber über Johann Anton, weiß der Obernberger Obmann des Heimat- und Kulturvereins Josef Wiesenberger auf Anfrage, dass er, Jakob Vogl, 1665 in der dortigen St. Nikolauskirche ein neues Altarbild geschaffen hat. Ein weiteres Gemälde, eventuell ein Ausschnitt aus einem Altarbild, wird im Obernberger Heimatmuseum aufbewahrt: eine mit »Jakob Vogl« signierte Orts-Ansicht um 1640.

Johann Anton Vogl nahm am 23. November 1723 in St. Martin zu Landshut Maria Theresia Geiger, Tochter des Hofmalers Franz Joseph Geiger, zur Frau. Ob er selbst oder seine Gattin so vermögend war, die Landshuter Malerwerkstatt des im selben Jahr verstorbenen Johann Baptist Faltermayr zu übernehmen? Vogl als Altargemäldemaler – eine Taufe Christi in Mariakirchen/ Niederbayern 1728, eine Schlüsselübergabe Jesu an Petrus, einen heiligen Georg und eine Immaculata (signiert und datiert 1730) in Kirchberg und einen gleichaltrigen heiligen Lambert in Burgharting, beide im heutigen Landkreis Erding gelegen, erwähnt Cordula Böhm in ihrem – nicht zuletzt für die folgenden Ausführungen – äußerst hilfreichen Buch, dem Band 9 (Bayern, Landkreis Altötting, 2003) der Reihe »Corpus der barocken Deckenmalerei in Deutschland«.

Die 1940 in Berlin geborene, in München lebende Autorin erwähnt auch Johann Anton Vogls Bruder Johann Paul Vogl, der am 27. April 1705 in Altötting das zehnte Kind des Malers Johann Lederer, am 6. Juli 1684 in Altötting auf die Namen Maria und Margareta getauft, geheiratet und sich nach 1710 in Kößlarn im Rottal niedergelassen hat, nicht ohne in Oberösterreich einige Altarbilder und, für Tüßling besonders interessant, in St. Rupertus, Burgkirchen am Wald, einen St. Isidor für den linken Seitenaltar hinterlassen zu haben.

Aus den in Böhms »Corpus«-Band (Seite 224) zitierten Kirchenrechnungen der Tüßlinger St. Georgs- Kirche geht hervor, dass »Johann Antoni Vogel, Bürger und Maller in Landtshuet das Kirchengewölb mit Vorstellung des Heyl. Georgi Marter und anderen in fresco gemalen« hat. Eine entsprechende Signatur auf dem wohl zuletzt angefertigten der beiden großen Hauptfresken (Höhe je 13,5 m; Ausmaße je 6,2 mal 4,6 m) will Cordula Böhm ausfindig gemacht haben. Der Kirchenbesucher, der beim »Lesen« der St. Georgs-Legendenbilder eine Zeitlang den Kopf in den Nacken legen muss, tut sich schwer, die Signatur zu bestätigen. In Altbayern gehören Georgs-Kirchen zum jahrhundertealten Sakralbau-Inventar. Allein für die Diözese Passau, zu welcher Tüßling gehört, machte Sigrid Braunfels- Esche in ihrer »Sankt Georgs«-Monographie (München, Callwey, 1976) 22 Georgskirchen aus. Eine davon ist die Marktkirche von Tüßling. Sie ist keineswegs so bemerkenswert, um namentlich erwähnt zu werden. Doch zählt sie zu den wenigen Georgskirchen Altbayerns, die die durch das Voglsche Bildprogramm die in mehrere ikonographische Szenen aufgeteilte Georgs-Legende an der Kirchendecke aufweist. Es mag ein Zufall sein, aber ähnlich wie 1728 ein oberösterreichisch- oberbayerischer Freskomaler mit Namen Johann Anton Vogl Tüßling seine Bild-Erzählung in acht kleine Teilbilder, ergänzt von zusätzlichen zwei Hauptbildern gliederte, ging der namenlos gebliebene »Meister der Georgslegende« bei der Ausmalung seines heute im Kölner Wallraf-Richartzmuseum stehenden Georgsaltars etwa 270 Jahre vor Vogl vor.

Ein hochgestimmtes Bildprogramm

Vogls bewegtes, ausdrucksstarkes und hochgestimmtes Bildprogramm reiht sich in jenes zur Zeit des Hochbarock in Architektur und Bildender Kunst üblich gewordene ein. Mustergültig: Hochaltar und Chorapsis der Klosterkirche von Weltenburg. Freilich bot sich fürVogl am Mörnbach nicht, wie den Asam- Brüdern an der Donau, ein weltlicher bayerischer Herrscher, schon gar nicht vom Rang eines Kurfürsten wie Karl Albrecht von Bayern als Beiwohner der blutrünstigen Durchbohrung des Drachens durch den Ritter Georg an. Die von Vogl gezeigte Gegenwart der in Blau und Gold gehüllten Prinzessin muss Adelsglanz genug abgeben – für das weniger spektakuläre Tüßling genügt er durchaus, um Elementen und Figuren der Georgslegende die ihnen zukommende belehrende und illustrierende Rolle zuzuteilen.

Die sowohl inWeltenburg als auch, beispielsweise, in Tüßling nicht fehlende Krönung Georgs mit Lorbeerkranz und Siegespalme für den tapfer und auf die Hilfe Gottes vertrauenden, uneigennützig das Leben der Prinzessin und der Einwohnerschaft einer Stadt rettenden Drachentöter-Helden, seine Glorie, seine längst volkstümlich gewordene Verehrung als Märtyrer, für den sich der Himmel mit seinen »Bewohnern« öffnet führt dem Betrachter schönstes barockes »Gehabe« vor Augen: Sankt Georg, der Triumphator. Sankt Georg, der Heilbringer. Sankt Georg, der Tugendritter. Der Furchtlose. Der von den Himmlischen Umjubelte. Er sollte der Erste unter den vierzehn Nothelfern werden. Patron der Spitäler. Der Kreuzfahrer. Der Bauern und Landarbeiter. Der Reiter. Der Kämpfer und Krieger. Sogar der Pfadfinder. Seinen Darstellungen in hoher Kunst und Volkskunst fehlen weder Pferd noch Drachen, Fahne und Schild, Lanze und Schwert. In Traunstein und Tittmoning gab's schon bald Georgi-Ritte. Anderswo wurden Georgi-Spiele erfunden. Der wohl aus Kappadozien stammende junge Mann, der heutzutage hier Schorsch und dort Jörg oder Jiri, Giorgo oder György heißt, fand vermutlich um 305 den Märtyrertod unter dem römischen Kaiser Diokletian.

Drachenkampf und Martyrium

Georgs Martyrium ist Thema des Pendants zum »Drachenkampf«-Bild von Tüßling. Johann Anton Vogl schmückt es bildhaft aus. Er spart nicht mit dem dramatischen Brimborium einer öffentlichen Todesverurteilung. Ihr verschafft er eine Schau-«Bühne«. Sie reichert er ebenso architektonisch bombastisch an wie mit etlichen Zuschauern, Neugierigen, Bewaffneten, wohl auch Anhängern Georgs, die seinen unbedingten christlichen Glauben teilen. Diokletian ist zu sehen, wie er seinen Stab über den Verurteilten gebrochen hat. Gerade holt der Scharfrichter mit dem Schwert aus, um dem der Götzenanbetung Widerstehenden den Kopf abzuschlagen.

Die Legende des heiligen Georg wurde vielfach ausgeschmückt und erweitert. Im Kern geht es um Ritter Georgs erfolgreichen Kampf gegen einen Stadt und Land in Schrecken versetzenden giftigen Drachen, dem zur Besänftigung die Königstochter geopfert werden sollte. Georg fühlte sich als gläubiger Christ stark genug, den Drachen zu töten. »Ich komme im Namen Gottes, um Menschen zu retten!«, schleuderte er ihm entgegen. Das heidnische Volk, das durch Georgs Erlösertat von den Verheerungen des Ungeheuers verschont blieb, ließ sich taufen. Das brachte Diokletian gegen Georg auf. Der Herrscher verschonte den Kappadozier nicht mit einer Reihe schauerlicher Martern. Sie darzustellen, wurden Maler und Freskanten nicht müde. Sie kosteten in ihren Sujets die schauerlichen Situationen weidlich aus. Manche der Tötungsversuche Diokletians mögen nur annähernd der Wirklichkeit, falls es für die Georgs-Legende überhaupt eine solche gibt, entsprochen haben.

Wie die meisten seiner zeitgenössischen Kollegen nützte auch Johann Anton Vogl den reichen Legendenschatz für eine ergiebige erzählerisch breite Darstellung. Dem großen Bild »Drachenkampf« ordnete er vier Martern-Szenen, dem gleichgroßen Bild »Martyrium« weitere zwei zu, denen er aber, im Gegensatz zu vergleichbaren Bildern anderer Künstler, zwei Wundertaten- Szenen hinzufügte. Die insgesamt acht Ovalmedaillons dienten Vogl zur Verherrlichung seines Helden, den er mit seinem Zyklus in immer hellerem Licht erscheinen ließ.

Folter und Wundertaten

Die Anordnung der sechs Marter- und der sie abschließenden beiden Wundertaten-Ovalmedaillons entspricht – vergleichbar mit ähnlichen Darstellungen, etwa mit der des Kölner Meisters der Georgslegende um 1460 – der unterstellten Chronologie: Der zu Tode gefolterte Gefangene führt den Giftbecher zum Mund, wird windelweich geprügelt, mit einem Mühlstein beschwert, aufs Rad geflochten, in eine Kalkgrube gesetzt und durchs Feuer geschickt. Der Heilige erweckt einen Toten zum Leben und setzt das Kreuz Christi im Kampf gegen die Götzenbilder ein.

Wer sich die Mühe macht und die zehn Georgs-Deckenbilder Johann Anton Vogls nicht nur mit den Blicken streift, sondern studiert, sollte nicht die feine Stuckierung übersehen, in die Vogls Bilder »eingelassen« wurden. Cordula Böhm nennt in ihrem Werk, ohne dessen Kenntnisnahme dieser Beitrag nicht hätte entstehen können, den Namen des »Stuckators«: Joseph Hepp aus Mittelbiberbach, der 1743 mit 61 Jahren in Neuötting starb, wo er, in Burghausen ansässig, ab 1730 (dem Todesjahr Johann Anton Vogls) 13 Jahre lang Stadtmaurermeister war.

Zum in zehn Jahren anstehenden Jubiläum – 300. Todesjahr Johann Anton Vogls – wäre es schön, wenn den Tüßlingern ein Bildnis des zu gedenkenden Künstlers zur Verfügung stünde. Bisher konnte keins gefunden werden. Möglicherweise kann – um den grenzüberschreitenden Austausch Altbayerns - Oberösterreich zu komplettieren – die Kunsthistorikerin Rita Atzwanger dazu verhelfen.

Hans Gärtner

18/2020