weather-image
-2°
Jahrgang 2010 Nummer 37

Der versüßte Schulanfang

Die Zuckertüte gibt es seit fast 200 Jahren – doch der Brauch hat sich gewandelt

Wer ist stolzer auf die Schultüte: Tante Malchen oder Christel, die Schulanfängerin?

Wer ist stolzer auf die Schultüte: Tante Malchen oder Christel, die Schulanfängerin?
Keiner ahnt, dass Danis Kuscheltier in der Schultüte steckt

Keiner ahnt, dass Danis Kuscheltier in der Schultüte steckt
»Zur Erinnerung an meinen ersten Schultag«, Atelier-Foto, vermutlich Oberbayern, um 1930

»Zur Erinnerung an meinen ersten Schultag«, Atelier-Foto, vermutlich Oberbayern, um 1930
In der Bilderbuchgeschichte „Dani und die Schultüte“ (Wien und München 2000) will sich der kleine Titelheld, dem der erste Schultag bevorsteht, absolut nicht von seinem Kuscheltier Brummo trennen. Mutter wünscht sich einen vernünftigen Dani. Er soll sich doch, wenn in Kürze der Ernst des Lebens beginnt, von Brummo trennen. Doch Dani ist erfinderisch. Trickreich gelingt es ihm, seinen kleinen Tröster ins Klassenzimmer zu schwindeln. Dafür ist ihm seine Schultüte gerade recht…

Wie seit beinahe 200 Jahren üblich, kriegt noch heute mancher Schulanfänger eine Spitztüte aus Pappe, mit farbigem Glanzpapier überzogen und mit Bildchen beklebt, oben, an der „Halskrause“, verschnürbar. Der Bauch einer solchen Tüte war schon immer gefräßig; hat doch darin eine Menge schöner Sachen Platz. Solche, die jedes Kinderherz erfreuen: Süßigkeiten aller Art (vom Schokoriegel über Lollys bis zum Kaugummipäckchen mit Minze-Geschmack), kleine Schulutensilien wie Stifte, Radierer, Spitzer, Heftschoner, Kleber, Notizblock, Taschenkalender. Und solche, die Kinder haben sollten: ein Taschenbuch, ein Geduldspiel, eine Brotzeitdose aus Plastik mit Vollkornbrot und Apfelspalten. Die Eltern, meistens die Mutter, kaufen für die Kinder rechtzeitig die Sachen ein.

In den fast 60 Jahre altem Kinderbuch aus dem Mecklenburgischen „Christels erstes Schuljahr“ geht Tante Malchen, bei der Christel in Pflege ist, „… zum Konsum, um für ihre Schulanfängerin eine große Zuckertüte zu kaufen. Tante Malchen muss warten. Der Laden steht voller Kundschaft. Viele Mütter haben ihre Söhne und Töchter heute zur Schule gebracht. Alle kaufen sie nun das schönste Zuckerzeug für ihre Lernanfänger ein. `Ja, Fräulein, geben Sie von den roten Bonbons, und dort die eingewickelten legen Sie auch noch dazu…` Es ist eben etwas Besonderes, wenn man endlich zur Schule gehen darf.“ (S. 24)

Die Zeiten haben sich, was den Brauch des Einlegens in die Schultüte betrifft, geändert. Von Nachkriegsnot, die sich, im Osten nicht weniger als im Westen Deutschlands, mit ein paar Bonbons für die Schulanfängertüte begnügen musste, ist schon lange nichts mehr zu spüren. Die Eltern heute wollen sich nicht lumpen lassen, ja einander übertrumpfen, gerade was den Zuckertüten-Inhalt angeht. Schließlich werden die Tüten am ersten Schultag von den Kindern geleert – und spätestens da wird öffentlich, aus welchem Stall der kleine Jonas kommt, was sich die Eltern von Marie, Lena oder Christine leisten können. Gerade das Kind wenig begüterter Eltern soll nicht spüren müssen, dass es denen nachstehen muss, die alles in Hülle und Fülle haben.

Eine der jüngsten Forsa-Instituts-Befragungen betraf die Art der Produkte, die Eltern heute ihren Kindern in die Zuckertüte stecken, um ihnen den bitteren Schulanfang wenigstens auf diese Weise zu versüßen. 4000 Bürgerinnen und Bürger in Deutschland wurden befragt. 57 Prozent schenken Schulutensilien. 42 Prozent Bücher. Ebenso viele schenken Süßigkeiten, etwa ein Drittel kreuzte in der Geschenke-Liste „Lernspielzeug“ an, ein gutes Viertel „Sportartikel“. Jedes vierte Kind erhält zum Schuleintritt einen Geldbetrag (ob der in die Tüte gesteckt wird, ist eher fraglich). Auch wenn nur 2 Prozent der deutschen Schulanfänger 2010 ein eigenes Handy kriegen – bemerkenswert ist das wohl. Und möglicherweise der Startschuss für einen Trend, der sich fortsetzt. Immerhin kriegt auch schon jedes 100. Kind ein Notebook. Bestimmte Markenartikel werden besonders gern in Schultüten der Abc-Schützen gesteckt, Lego-Bausteine, Playmobil-Teile, DVDs von Shrek, Füllhalter von Lamy, Bettwäsche von Lilifee, die Ritterburg von Haba, eine Adidas-Kinderuhr.

Werner Färber, ein deutscher Kinderbuchautor, initiierte die Aktion „In jede Schultüte ein Buch!“ Sehr sinnvoll. Die Schultüte ist groß genug, um ein Taschenbuch oder ein entsprechend kleines Hardcover zu schlucken. Auch wenn die meisten Kinder das Buch erst lesen können, wenn sie übers stockende Buchstabieren hinaus sind – sie werden frühzeitig darauf gebracht, dass Schule in erster Linie Lieferant geistiger Nahrung ist, deren Genuss obendrein Spaß macht. Mancher Schulanfängerin kam schon der Gedanke: Ich will mehr Bücher haben. Will Bücher nicht nur ausleihen, sondern selbst welche besitzen. Oma und Opa sollen mir nächstes Weihnachten gleich mal ein Buch schenken. Erste Schritte in die Welt der Literatur sind getan.

Als die Schultüte erfunden wurde, dachte man allerdings nicht so weit. Das leibliche Wohl der Kleinen war das Anliegen. Ursprünglich hat es sich wohl bei der Schul- oder Zuckertüte um eine Art „Trösterlein“ gehandelt. Wie früher der jungen Nonne die Verwandtschaft eine Jesuskind-Figur mit ins Kloster gab – als Trost fürs zu entbehrende eigene Kind – gab es, zumindest in Norddeutschland, Brauch der Storchentüte. Sie lag für Marianne Weber auf dem Bett der neu geborenen Schwester, wie sie sich in ihren Memoiren (Bremen, 1948) lebhaft erinnert. Das ältere Kind sollte mit einer fingierten Gabe vom Klapperstorch darüber hinweg kommen, von nun an nicht mehr im Mittelpunkt des elterlichen Interesses zu stehen.

„Die Trostfunktion“, so die Soziologin Ingeborg Weber-Kellermann, „hat jedenfalls auch die Schultüte. Der Brauch soll im späten 19. Jahrhundert von Mitteldeutschland aus Verbreitung gefunden haben – in Verbindung mit dem Zuckerbaum in der Schulklasse, den man den kleinen Abc-Schützen versprach“. („Die Kindheit“, 1979, S. 132 f.) Wie eine Ausstellung des Stadtmuseums Jena vom Frühjahr bis Herbst 2010 (Ende: 5. September) zeigte, nahm die Schultüte von Jena (1817) und Dresden (1820) ihren Ausgang – als „Füllhorn“ für Backwerk. Der Zuckertütenbaum soll in Thüringen und Sachsen im Schulhauskeller oder im Schulgarten gestanden sein.

Vor Beginn des Ersten Weltkriegs wurde bisher – außer in den genannten Gebieten – der Schultüten-Brauch nicht angetroffen. Er ging von Mitteldeutschland zuerst in Richtung Schlesien und Böhmen, bis er sich auch in südlichen Gefilden etablierte. In den 1950er Jahren findet man ihn selbst in kleinsten Dörfern, auch in Österreich. Seit 100 Jahren sind Fabriken für die Herstellung von Zuckertüten in Sachsen nachzuweisen. Form und Materialien der Zuckertüte variieren. In den alten Bundesländern wird die Schultüte mit Filz, in den neuen mit Borte und Tüll verschlossen. In Bayern gibt es kaum sechseckige, in der Regel nur runde Schultüten – in Sachsen-Anhalt ist es genau umgekehrt. Ein kleiner Familienbetrieb in Lichtentanne bei Zwickau hat ein Patent darauf, Schultüten mit einer stabilisierenden Holzspitze zu fertigen. Da in Westdeutschland bis in die 1960er Jahre im Frühjahr eingeschult wurde, finden sich auf älteren Schultüten Osterhasen und Veilchensträuße als Oblaten-Aufkleber auf dem Schultüten-Bauch. Diese Exemplare – heute haben sie Sammlerwert – waren mit Ostereiern und Zuckerwerk gefüllt. Das Hobby des Hamburger Lehrers Hans-Güter Löwe, alles rund um Geschichte und Brauch der Schultüte zu sammeln, kam der Sonderschau des Jenaer Museums zugute, die ein Stück Schulgeschichte aufarbeitete und in Begleitveranstaltungen lebendig werden ließ – nicht ohne dabei den Blick auf die „Zukunftswerkstatt Schule“ zu lenken.

Mit der Aufforderung „Erfüllen Sie einen Kinderwunsch“ wandte sich jetzt der Verein SOS-Kinderdorf an die spendenfreudige Bevölkerung. In einem Flyer äußern die abgebildeten Kinder ihre Wünsche zum Schuleintritt: Anuka möchte gern ein Kartenspiel, um es mit ihren Freundinnen zu spielen, Lucas einen Chemiekasten, Ben einen Fußball, Lana weiße Turnschuhe mit roten Schnürsenkeln, Surya „viele Süßigkeiten und bunte Malstifte“. Marias größter Wunsch: „ein rosa Schulranzen mit Katzen drauf“. Wie groß müsste denn da Marias Schultüte sein, dass ihr Ranzen reinpasst?


Dr. Hans Gärtner



37/2010