Jahrgang 2001 Nummer 19

Der Turm der St.-Oswald-Kirche in Traunstein

Der Stadtbrand im Jahre 1851 und seine Auswirkungen auf das Aussehen des Turmes

Ansicht aus dem Jahr 1852 mit Brandruine des Salzstadels am Maxplatz und Kirchturm mit dem ersten Notdach. Das Bild stammt von e

Ansicht aus dem Jahr 1852 mit Brandruine des Salzstadels am Maxplatz und Kirchturm mit dem ersten Notdach. Das Bild stammt von einem anonymen Maler und dürfte die erste Abbildung der Kirche nach dem Brand sein.
»Notglockenstuhl in Traunstein«, Skizze Adolph von Menzels aus dem Jahr 1852.

»Notglockenstuhl in Traunstein«, Skizze Adolph von Menzels aus dem Jahr 1852.
Sehr genaue Ansicht der Stadtpfarrkirche im Zustand unmittelbar vor Baubeginn 1884. Der Traunsteiner Maler Josef Fellner übergab

Sehr genaue Ansicht der Stadtpfarrkirche im Zustand unmittelbar vor Baubeginn 1884. Der Traunsteiner Maler Josef Fellner übergab dieses Bild am 24. 3. 1884 dem städtischen Museum, wo es sich heute noch befindet.
Seit Jahrhunderten stellen die Jahrmarktstage im Traunsteiner Jahreslauf große Anziehungspunkte für die städtische und ländliche Bevölkerung dar; so war es auch für den Ostermarkt 1851 zu erwarten. Der Portenmacher Adam Paul hatte bereits am Donnerstag zuvor seine »Bortenmacher Waar Kisten samt Blachen Back« per Bote von Mühldorf nach Traunstein gesandt. Als er sich am Samstag früh um 3 Uhr auf den Weg machte sah er schon von Mühldorf aus einen roten Schein am Himmel und erfuhr in Trostberg, daß »ganz Traunstein schon in Asche liegt«. Am Dienstag in Traunstein angekommen stellte er fest, daß zwar die ganze Innenstadt zerstört, seine Ware jedoch gerettet war. Unter dem 1. Mai hielt er in sein Tagebuch fest:

»Feyers Unglück: Samstag den 26. April 1851 halb eins Uhr früh brach in der Stadt Traunstein Feuer aus. Das Feuer brach aus an der Rosenheimer Straße, in dem Stadel des kg. Stadtschreibers Daxenberger, und brannte die Stallungen und Häuser zu beyden Seiten weg, kam in die Salzstädl, brannte beyde obere Tore weg, und brannte auch die ganze Stadt ab, vom oberen Tore bis zum unteren Tor, die Häuser zu beyden Seiten auf dem Haupt-Platz, auch die Stadt Pfarrkirche, welch näher dem oberen Tor, aber mitten auf dem Platz stand. Um 3 Uhr morgens schlug die Pfarruhr zum letztenmal, und ein viertel über drey Uhr fielen der Kugel-Thurm samt den Glocken in sich selbst zusam hinein. .....«

Ähnliches schrieb auch der Heimatforscher Johann Joseph Wagner: »Schon loderte die erste Häuserreihe hoch auf, so daß um 1/2 3 Uhr durch die glühende Hitze die südliche Dachseite der Kirche und die Kuppel des Turmes in Brand gerieten. Um 3 Uhr schlug die Uhr zum letzen Mal, darauf stürzte die Kuppel in sich zusammen und alle Glocken schmolzen. Es fiel nun zwar Regen- und Schneegestöber, aber auch der Wind wurde immer heftiger, das brennende Kirchendach warf einen fürchterlichen Feuerregen auf die Sonnenseite der Häuser am Stadtplatz.......«

Was hier zeitgenössisch geschildert ist, war die wohl größte Katastrophe, die Traunstein je heimsuchte. Mit 90 zerstörten Häusern und zahlreichen Nebengebäuden fiel fast die gesamte Innenstadt dem Feuer zum Opfer. 2000 Bürger wurden obdachlos. Das Stadtbild sollte sich danach grundlegend verändern.

Seit dem Stadtbrand im Jahr 1704 trug der Kirchturm von St. Oswald eine Zwiebelhaube. Diese Turmkuppel war nun eingestürzt und das obere Mauerwerk ausgebrannt. Trotzdem blieb der Turm in seiner gesamten Höhe erhalten und wurde mit einem einfachen leicht pyramidenförmigen Bretternotdach provisorisch geschlossen.

In der Feuerhitze waren die Glocken herabgestürzt, zerbrochen und geschmolzen. Etwa 80 Zentner Erz der geschmolzenen Kirchenglocken fanden sich im Bauschutt der Kirche und wurden für die späteren neuen Glocken gesammelt. Um wenigstens zum Gottesdienst läuten zu können erhielt man von der Pfarrei Chieming leihweise zwei Glöcklein.

Die neuen Glocken schuf Glockengießer Anton Oberascher aus Reichenhall. Vier davon erhielten im Salzburger Dom am 10.12.1851 durch Weihbischof Balthasar Schitter ihre Weihe und kamen je zu zweit sechsspännig gefahren am 3. Adventsonntag, den 14.12.1851, in Traunstein an und fanden im Kirchturm ihren Platz. Die Oswaldiglocke war dafür zu schwer, da erst der neue, später gefertigte Glockenstuhl aus Fichtenholz kräftig genug war. Vorübergehend errichtete man zwischen Lindlbrunnen und Oswaldkirche für sie einen spitz zulaufenden Behelfsglockenstuhl. Im August/September des Jahres 1852 befand sich der schon damals berühmte Maler Adolph von Menzel auf seiner ersten Reise nach Süddeutschland und Österreich, wobei er auch unsere Stadt besuchte. Das einzige was er aus Traunstein zeichnerisch in seinem Skizzenbuch festhielt war dieser Notglockenstuhl. In der Christnacht 1851 erschallte zum erstenmal der feierliche Ton dieses neuen Geläutes. Am 28.6.1852 kamen das kleine Zügen- oder Sterbeglöcklein und die mit 61 Zentner schwerste, die Frauenglocke hinzu. Sie wurde am 11.1.1853 durch Erzbischof und späteren Kardinal Maximilian Tarnoczy ebenfalls im Salzburger Dom geweiht und am 16.1.1853 in Traunstein feierlich in Empfang genommen. Es sollte aber noch bis zum 14.5.1853 dauern, bevor alle sechs Glocken gemeinsam vom Kirchturm aus das feierliche Gloria der Messe am Pfingstsamstag begleiten durften.

Für das Aufziehen der schweren Frauenglocke in den Turm benötigte man ein besonderes Gerüst. Dieses wollte Stadtpfarrer Schmid auch dazu nutzen, eine wirklich vor Brandgefahr schützende Turmabdeckung zu errichten, da ein Neubau des Kirchturmes nicht in Sicht war. Unterstützung wurde auch durch die Kirchenverwaltung mit Schreiben vom 19.04.1853 signalisiert, die ebenfalls darauf hinwies, daß das vorhandene Bretterdach leicht Feuer fangen kann und man den verheerenden Brand noch vor Augen hat: »Bei dieser Sachlage hat man beschlossen, ein Blechnotdach zu errichten, und zwar gleichzeitig mit der Aufhängung der Glocken«. Die königliche Bauinspektion Reichenhall war damit einverstanden. Das neue Dach sollte an die bisherige Form (des Bretternotdaches) angepaßt sein. Gefertigt wurde das neue Dach aus schwachem Schwarzblech.

Der Stadtbrand hatte das Langhaus der St. Oswald Kirche stark beschädigt und das Dach zerstört. Dank vieler Helfer war es schon Pfingsten 1851 wieder möglich, den Festgottesdienst in der ruinösen Kirche zu halten.

Als Anfang 1852 der neue Stadtpfarrer Franz Xaver Schmid sein Amt in Traunstein antrat, sah er sich einem Berg von Aufgaben gegenübergestellt. Jedoch im Sommer 1855 war der Hochaltar fertiggestellt und zu Allerheiligen 1856 die Renovierung des Kircheninneren abgeschlossen. Nun konnte er seine Kraft besonders für Schulwesen und Krankenpflege einsetzen. So fallen in seine Amtszeit die Geschlechtertrennung in der Volksschule: Mädchenschule im Kapuzinerkloster Ludwigstraße und Knabenschule, sog. Maxschule am Maxplatz, die Einführung der Englischen Fräulein als Lehrerinnen und die Übergabe des neugestalteten Heiliggeistspitals an die Barmherzigen Schwestern. Krankheitsbedingt legte er im Frühjahr 1871 sein Amt nieder und verstarb bald darauf am 28.6.1871.

Sein Nachfolger Pfarrer Andreas Kalb war nicht nur ein unermüdlicher Seelsorger; gewandt in Verwaltungsangelegenheiten widmete sich besonders der Neugestaltung der Westfassade und dem Ausbau des Kirchturmes von St. Oswald.

1877 reichten mehrere Architekten Entwürfe und Modelle für die Neugestaltung von Fassade und Kirchturm ein. Unter ihnen befand sich der junge Gabriel von Seidl, später der bedeutendste Vertreter des Historismus in München; das Nationalmuseum, das Deutsches Museum und das Lenbachhaus zählen zu seinen Planungen. Der damalige Traunsteiner Bauamtsassessor Moritz von Horstig lieferte ebenfalls mehrere Ideen und wurde letztlich mit dem Turmbau beauftragt.

Von Horstig hatte seiner endgültigen Planung mehrere Stilelemente zugrundegelegt. Turmkuppel mit Laterne zeigen neubarocke Formen, im unteren Turmbereich findet sich ein etwas gering geratenes neugotisches Rosenfenster und die Seitenteile erinnern an einen barocken Palast.

Für den Neubau mußte der Turm im oberen Teil neu aufgebaut, auf eine Höhe von 57 Meter aufgestockt und mit der Laternenkuppel versehen werden. Die seitwärts angebrachten Bruderschaftsgebäude wurden entfernt und durch kleinere in die Fassade integrierte Anbauten ersetzen. Ihm war daran gelegen einen alten, bis dahin vermutlich kaum aufgefallenen »Schönheitsfehler« zu beseitigen: der Kirchturm wurde genau in der Längsachse des Kirchenschiffes ausrichtet. Dazu mußte die nördliche Turmwandverkleidung um 40 cm versetzt werden, der Turm wurde also entsprechend nach Norden verbreitert. Die kgl. Regierung hatte in ihrem Schreiben vom 12.8.1879 dagegen keine Einwendungen: »Unter der Voraussetzung der sorgfältigsten Ausführung mit dem besten Material erscheint der Ausbau unbedenklich.«

Über 30 Jahre lang sollte der Kirchturm als Brandruine an das große Unglück erinnern. Die Stadt selbst hatte in dieser Zeit ein neues Aussehen erhalten und war über ihre ehemaligen Grenzen weit hinausgewachsen.

Am 26.3.1884 konnte endlich mit einem Bittgottesdienst die Vollendung der Stadtpfarrkirche begonnen werden. Der Markt- und Schrannenverkehr zwischen Brothausturm und Kirche wurde verlegt und es entstand genügend Platz um mit dem Abbruch der Bruderschaftsstuben beginnen zu können. Bis 15.10.1884 sollten die beiden neuen Bruderschaftskammern – deutlich kleiner als bisher – fertiggestellt sein; der Zeitplan konnte jedoch nicht eingehalten werden.

Die Frage nach der Eignung des verwendeten Bausteines sorgte für größere Aufregungen. In einer Sitzung des Kirchenbaukommitees wurde die Anfrage erörtert, ob man nicht heimisches Material aus dem Trauntal verwenden könnte. Die hohen Transportkosten machten dies jedoch unmöglich; mit der Eisenbahn transportiertes Material sei günstiger. Oberbergdirektor von Gümbel aus München erklärte schließlich, daß der verwendete »Echelsbacher Stein« einer der schönsten und widerstandsfähigsten Oberbayerns sei und z.B. der Centralbahnhof in München, die Maximiliansbrücke und die Löwen vor dem Wittelsbacher Palast aus dem gleichen Material gefertigt wurden.

Noch während dieses Bauabschnittes verstarb am 26.7.1884 der überaus beliebte Stadtpfarrer und Dekan Andreas Kalb an einem Herzleiden, den von ihm so nachdrücklich betriebenen Turmbau erlebte er nicht mehr. Seine Nachfolge trat Heinrich Meixner an.

Als Beginn für den eigentlichen Turmbau kann man mit der Aufstellung des hohen Baugerüstet Ende April 1885 ansehen. Ab 18.5.1885 erfolgte die Abtragung des ausgebrannten Turmes bis auf seine halbe Höhe. Zuvor mußte noch die Turmuhr ausgebaut und auf dem Platz vor der Kirche deponiert werden. Schnell machte sich das Fehlen der Uhr bemerkbar und die Zeitung schrieb dazu: Außer zur Mittagszeit weiß niemand genau die Stunde. Unser Rathaus besitzt einen Turm an dem bereits seit 30 Jahren wohl ein fingiertes Zifferblatt einer Uhr angebracht ist, aber ohne Uhr. Jetzt wäre die Anbringung einer Uhr kein Luxus. »Denn eine 2. Stadt ohne Uhr ist sicher in Deutschland nicht zu finden.«

Während des Abbruchs geschah der einzige schwere Unfall am Bau. Der Taglöhner Jakob Richter sollte am Mittwochabend, den 10.06.1885 an der Aufzugsmaschine arbeiten. Aufgrund seiner etwas schwächlichen Konstitution war er diesem Auftrag jedoch nicht ganz gewachsen, das Seil kam ins Rollen, Richter wurde von der Kurbel weggeschleudert und innerlich so schwer verletzt, daß er unter großen Schmerzen am folgenden Freitagnachmittag um ein ein viertel Uhr verstarb. 39igjährig hinterließ er seine Frau Theres und fünf Kinder. Seine Wohnung befand sich in der Wiesen Nr. 264 1/2.

Mitte August begann der Bau des neuen Glockenstuhles, die noch im Turm befindlichen Glocken mußten abgenommen werden. Sie dienten außer zum Gebetläuten auch dem Brandalarm. Um diese Sicherheitsmaßnahmen weiterhin zu gewährleisten kamen drei kleine Glocken an das dem Turmgerüst gegenüberstehende Tändler-Holzer-Haus, das heutige Reiterhaus. Der Weiterbau ging schnell voran und am 18.9.1885 erhielten die Glocken wieder ihren Platz auf dem Kirchturm um rechtzeitig am 20.9.1885 zum Erntedankfest zu ertönen. Doch die Freude darüber währte nicht lange. Die Glocken hingen im noch frei stehenden Glockenstuhl und waren entsprechend deutlich zu hören, was wohl vielfach als Belästigung aufgefaßt wurde. Wenn die Zeitungsaussage stimmt, so brachte ihr Lärm den Verkehr in den Läden und auf dem Viktualienmarkt fast zum Stehen, da Eins das Andere nicht mehr verstand.

Ende März 1886 war nach einer langen Winterpause der Weiterbau am Kirchturm möglich und wurde, nachdem drei Seiten des Turmes ihre vollständige Höhe erreicht hatten, nochmals ungeplant unterbrochen, da die weiteren Bausteine noch im Steinbruch lagerten und somit nicht zur Verfügung standen. Anfang Juli war das Mauerwerk fertig und der Schlußstein eingesetzt. Das von Zimmermann Seehuber gefertigte Gerippe der Kuppel wurde aufgesetzt und verschalt. Eine halsbrecherische, schwere Arbeit in schwindelnder Höhe auf knappem Raum, weshalb nur wenige Arbeiter gleichzeitig arbeiten konnten. Nach sechs Wochen begann die Anbringung der Kupferverkleidung, »aber ebenfalls im Schneckentempo«, wie am 16.9.1886 in der Zeitung zu lesen stand.

Die Krönung des Turmendes stellte ein prachtvolles Kreuz dar. Dieses 8 1/2 Zentner schwere und insgesamt sechs Meter hohe Kreuz, von Moritz von Horstig entworfen wurde durch den Kupferschmiedemeister Karl Huber gefertigt. Der am Stadtplatz wohnende Goldarbeiter Sigmund Stöttner übernahm auf eigene Kosten die feine Feuervergoldung und erbrachte damit der Kirche ein bedeutendes Geschenk. Einige Tage lang wurde der Bevölkerung die Möglichkeit gegeben, dieses Kunstwerk im Rathaussaal und in der Kirche aus nächster Nähe zu bewundern.

Am Mittwoch, den 6.10.1886, fanden die Turmbauarbeiten mit einer Bittmesse in der vollbesetzten Kirche und der anschließenden Aufstellung des neuen Turmkreuzes ihren krönenden Abschluß. Eine große Menschenmenge verfolgte die gefährliche Arbeit auf der Spitze des Kirchturmes beim Aufziehen des Turmkreuzes. »Auf dieser schwindelnden Höhe die Leute ohne angebunden zu sein, arbeiten zu sehen, ist selbst für Zuschauer grauenhaft. Die Festsetzung des Knopfes nach 2 Uhr wurde durch 2 Böllerschüsse angezeigt, um 3 Uhr 20 Minuten war auch das Kreuz unter Hurra-Geschrei bereits aufgestellt.« (Traunsteiner Wochenblatt vom 7.10.86). Um 6 Uhr abends rief die große Frauenglocke zum Te Deum bevor die weltliche Feier im Haller`schen Gasthaus weiterging, zu der sich Handwerker, Bürger und Honoratioren einfanden.

Seit dieser Zeit mußte am Kirchturm immer wieder gearbeitet werden und heute, 150 Jahre nach dem verheerenden Stadtbrand, zeigt sich der Turm mit seiner gesamten Westfassade wiederum wie neu. Die jüngsten Renovierungsarbeiten sind abgeschlossen, das Turmkreuz ist neu vergoldet und der Vorplatz ansehnlich gestaltet.

Quellen:

Diverse Akten in Stadtarchiv und Pfarrarchiv St. Oswald. Traunsteiner Wochenblätter. Johann Joseph Wagner: Topographische Geschichte der Stadt Traunstein, 1860. Driesler und Pfarrer Els: St. Oswald zu Traunstein, 1955. Max Fürst: Geschichte der St. Oswald-Kirche in Traunstein, 1884.

Walter Staller



19/2001