weather-image
-1°
Jahrgang 2009 Nummer 48

Der Selige von Gars und Berchtesgaden

Der Redemptorist Kaspar Stanggassinger wurde nur 28 Jahre alt

Drei Ordensmänner prägten das bayerische Volksfrömmigkeitsleben an der Wende zum 20. Jahrhundert. Sie sind erwählte »Freunde Gottes«. Alle drei sind Selige. Sie gehörten verschiedenen Orden an. Viktrizius Weiß (1842 bis 1924) war Kapuziner. Rupert Mayer (1876 bis 1945) war Jesuit. Kaspar Stanggassinger (1871 bis 1899) war Redemptorist. Die katholische Kirche hat sie in besonderem Maße geehrt, und das gläubige Volk verehrt alle drei in ihren Lebens-Regionen noch immer. Der aus Eggenfelden an der Rott stammende Pater Viktrizius Weiß, der im Kloster Mariahilf zu Vilsbiburg lange Jahre wirkte, ist heuer 85, Pater Kaspar Stanggassinger, ein Sohn der bayerischen Alpen, 110 Jahre tot. Nur ein paar Tage war er im oberbayerischen Kloster Gars am Inn als Erzieher tätig. Dennoch beanspruchen die Garser Redemptoristen den bei ihnen begrabenen, viel zu früh verstorbenen Mitbruder als »ihren« Vorzeige-Gottesfreund.

Das zweite von 16 Kindern

Kaspar Stanggassinger trat am 12. Januar 1871 in Kälberstein bei Berchtesgaden ins irdische Leben. Der landwirtschaftlich tätige Vater war Steinbruchbesitzer. Kaspar war das zweite seiner 16 Kinder. Der Wunsch, sein Leben Gott zu weihen, keimte schon in dem Buben Kaspar. Als Zehnjähriger gab man ihn, nicht widerstandsfrei, auf den Freisinger Domberg, ins Knabenseminar. Im humanistischen Domgymnasium soll er sich nicht leicht getan haben beim Lernen, wird erzählt. Was angeblich dem strengen Vater Anlass dazu gab, dem Buben mit der Rückholung nach Kälberstein zu drohen. Eiserner Wille und die Kraft des Gebets sollen, wie berichtet wird, den Buben Ansporn gewesen sein, durchzuhalten und in Freising das Abitur zu machen. Das war 1890.

Kaspar trat danach ins Freisinger Priesterseminar ein und studierte an der unweit davon gelegenen Philosophisch-Theologischen Hochschule. Es gibt ein Tagebuch, das Aufschluss gibt über die ernsthafte Auffassung des geistlichen Lebens des jungen Mannes. Selbstdisziplin und Eigenprogramme für Gebet und Meditation bestimmten es. Vom Besuch eines Redemptoristen-Klosters nach Hause zurückgekehrt, stand für ihn fest: Ich gehe ins Kloster. Und zwar zu den Redemptoristen. Wieder hatte er gegen den Widerstand des Vaters anzukämpfen.

Bauer und Edelmann

Der Orden wurde von dem Neapolitaner Ex-Staranwalt und späteren Bischof von Sant` Agatha dei Goti, Alphons von Liguori gegründet. Der Heilige, ein glühender Marienverehrer, lebte von 1696 bis 1787. Im Gegensatz zu Kaspar Stanggassinger, dem nur 28 Lebensjahre vergönnt waren, wurde sein Ordens-»Vater« sagenhafte 91 Jahre alt. Und noch weiteres sollte die beiden Geistlichen unterscheiden. Alphons stammte aus angesehenem Adel, Kaspar dagegen vom Bauernhof. Mit 16 Jahren hatte der intensiv gebildete Italiener bereits das juristische Doktorexamen absolviert – besser: glänzend bestanden. Denn Alphons war ein Hochbegabter, während Kaspar ein »Hänger« war. Alphons war 30, als er sich, des eitlen Daseins als Rechtsanwalt, Schriftsteller und Gesellschaftslöwe überdrüssig, zum Priester weihen ließ, Kaspar dagegen war erst 24, als er – im Dom zu Regensburg – ins Priesteramt berufen wurde.

Gemeinsam war beiden Redemptoristen – Alphons, nachmals berühmter Autor literarischer und moraltheologischer Schriften, Maler und Komponist (unter anderem von Marienliedern), hatte die »Gemeinschaft der Redemptoristen« 1732 ins Leben gerufen – der Hang zur Missionierung. Beide benutzten in ihren Predigten, der eine wohl aus Absicht, der andere von Natur aus, eine einfache Sprache, die auch dem »kleinen Mann von der Straße« verständlich war. Und: Beide kümmerten sich in erster Linie um das einfache Volk. Bischof Alphons von Liguori galt schon zu Lebzeiten als Vater der Armen, der seine heruntergekommene Diözese aus dem Glauben an den Auferstandenen heraus erneuert und zu einem geistlichen Zentrum erhoben hatte. Von ihm ist überliefert, ein Programm zur Prostituierten-Rehabilitierung entworfen und realisiert zu haben.

Zielgruppe: Studenten

Das Erzieherische also war es, was beide, Ordensgründer und Gefolgsmann, die etwa einhundert Jahre trennten, auf ihre Banner geschrieben haben. Schon der junge Kaspar Stanggassinger fühlte sich zum Missionar berufen. Seine Oberen aber setzten ihn als Pädagoge ein. Er sollte die künftigen Missionare ausbilden. Für Kaspar gab es keine Widerrede. Er hatte Gehorsam gelobt und gehorchte. Er wurde zunächst unweit seiner Heimat, in Dürrnberg bei Hallein im Salzburger Land als Präfekt des Ordensseminars eingesetzt. Die Studenten waren seine »Zielgruppe«. Mit »großer Opferbereitschaft und mit hingebender Liebe« war er, wie erzählt wird, für sie da. Sowohl als Erzieher im Heim als auch als Lehrer verschiedener Fächer – mit einer Lehrverpflichtung von 28 Wochenstunden. Hinzu kamen Aushilfen an Sonntagen in verschiedenen Pfarreien der Umgebung. »Obwohl die Arbeitsbelastung groß war, blieb der junge Pater stets freundlich und strahlte gottverbundene Freude aus«, heißt es in einer Kurzbeschreibung seiner Dürrnberger Tätigkeit.

»In seiner Aufgabe als Erzieher wuchs Pater Stanggassinger bald über sich selbst hinaus«, erfährt man. Sein Lebens-»Geheimnis« war wohl in der Tat, von seiner Arbeit begeistert gewesen zu sein, es als eine »hohe Aufgabe« angesehen zu haben, Priester zu sein und Priester, namentlich Anhänger des heiligen Alphons von Liguori, auf ihren Beruf vorzubereiten. »Ich mag die Buben. Für die Studenten mache ich alles. Ich würde mein Leben für sie hingeben«, soll Kaspar Stanggassinger erklärt haben.

Treu im Kleinen

Als 1899 der Orden in Gars am Inn ein Gymnasium eröffnete, berief man Kaspar Stanggassinger zum Direktor des Seminars. Eine Blinddarmentzündung schwächte ihn so sehr, dass ihre erfolglose Heilung ihm schließlich das Leben raubte. Nur ein paar Tage waren dem frisch ernannten Seminardirektor vergönnt, ein neues, verantwortungsreiches Erzieherleben zu beginnen. Schon kurz nach Schuljahrsanfang, am 26. September 1899, starb der junge Mann, dessen Überreste ein Schrein in der Pfarr- und Klosterkirche zu Gars am Inn birgt.

1938 erschien in Bonn Joseph Schusters kurze Stanggassinger-Biographie. Der Münchner Kirchenhistoriker Georg Schwaiger führt Kaspar Stanggassinger im Band 3 seiner »Bavarica Sancta« mit wenigen Zeilen an und verweist auf einen kleinen Artikel über ihn im Band IX des Lexikons für Theologie und Kirche (1965). Das jüngst erschienene Buch des Germeringer Volkskundlers Albert Bichler (Untertitel: »Mit bayerischen Heiligen durchs Jahr«) stellt die bayerischen Seligen Maria Theresia Gerhardinger, Konrad von Parzham und P. Rupert Mayer ausführlich vor, gibt aber keine Auskunft zu Kaspar Stanggassinger. In dem von Florian Trenner herausgegebenen, um 2000 in München erschienenen Buch »Unter bayerischem Himmel im Jahreslauf« steht beim Datum des 26. September, dem Festtag von Kosmas und Damian, Meingold von Würzburg und Meinhard von Hersfeld auch Kaspar Stanggassinger. Er wird mit folgendem Ausspruch zitiert:

»Die Heiligen sind nicht deswegen heilig geworden, weil sie Wunder gewirkt, weil sie außerordentliche Offenbarungen hatten, sondern deswegen, weil sie treu waren im Kleinen.«

Selig nach 33 Jahren

Treue im Kleinen – das verbindet alle drei bayerischen Ordens-»Freunde Gottes« an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, zu denen sich in dieser Hinsicht getrost der Heilige Bruder Konrad von Parzham (1818 bis 1894) gesellen könnte. Ihm wurde vor 75 Jahren die Ehre der Altäre zuteil. Kaspar Stanggassingers Seligsprechung durch Papst Johannes Paul II. war vergangenes Jahr am 24. April 20 Jahre her. Der Seligsprechungsprozess hatte am 8. April 1935 begonnen, zog sich also 53 Jahre hin. Das Redemptoristen-Kloster Gars am Inn führt dieses Datum als bislang letztes wichtiges seiner Geschichte an. Zwanzig Jahre zuvor feierte es sein 1200-jähriges Bestehen (768 wurde es durch den Salzburger Kleriker Boso im Auftrag von Bayernherzog Tassilo III. gegründet). Vor 350 Jahren wurde der Neubau des Klostergebäudes abgeschlossen, nachdem die Schweden im letzten Jahr des Dreißigjährigen Kriegs Markt und Mönchsbehausungen verwüstet hatten. Vor 151 Jahren eröffneten Nuntius Chigi und Erzbischof Gregor von Scherr feierlich das seither von den Redemptoristen geführte Kloster.

Nicht wenige Verehrer des seligen Paters Kaspar Stanggassinger zieht es dorthin. Sie beten am Reliquienschrein und nehmen Andachtsbildchen als Erinnerung mit. 30 Redemptoristen (zwölf Patres, 18 Mitbrüder) wohnen derzeit im Kloster. Die Patres sind in der Lehrerbildung tätig, gehen in umliegende Pfarreien und missionieren in ganz Bayern. Die Brüder sind als Handwerker tätig: Bäcker, Gärtner, Metzger, Mechaniker, Schreiner, Schneider, Köche, dazu in der Landwirtschaft und in der Wäscherei. An jedem 26. des Monats findet in der Klosterkirche eine Eucharistiefeier zu Ehren des seligen Paters Kaspar Stanggassinger statt, winters um 19 Uhr, sommers um 19.30 Uhr. Von Mai bis Oktober wird in einer Wallfahrtsandacht jeden ersten Sonntag im Monat um 14 Uhr die Stanggassinger-Reliquie aufgelegt.


Hans Gärtner



48/2009