Jahrgang 2009 Nummer 19

Der Seidenschwanz

Clown und Akrobat mit viel Talent

Jetzt befinden sich die Nachzügler der zutraulichen Seidenschwänze, unserer gefiederten Wintertouristen aus dem Land der Mitternachtssonne, auf der Heimreise. Sie sind so groß wie ein Star, ihr apartes Federkleid glänzt wie Samt und Seide. Die hübsche Federholle auf dem Kopf ist eine besondere Zierde. Bis Ende April oder Anfang Mai ziehen sie in nur mehr kleinen Trupps zum nördlichen Polarkreis, denn ihre Anzahl wurde infolge der vielfachen Gefahren, die ein Vogel der menschenleeren Taiga nicht kennt und daher ignoriert, stark reduziert. Sie bewohnen die Fichten- und Birkenwälder in der Taigazone, von Skandinavien über Sibirien bis Kanada. Sie sind keine typischen Zugvögel, welche alljährlich weite Langstrecken zurücklegen, sondern bummeln in kurzen Etappen durch Nord- und Mitteleuropa, verbleiben an einem Ort nur dann längere Zeit, wenn es dort reichlich zu fressen gibt. In diesem Winter erreichten sie fast die Alpen. Große Invasionen, die sich sogar bis zur afrikanischen Mittelmeerküste ausdehnen können, kommen nur periodisch zustande. Sie sind einerseits auf einen Übervölkerungsdruck in den Brutgebieten zurückzuführen, andererseits auch, wenn die Ebereschen, die saisonelle Hauptnahrung in Nordeuropa, zu wenig gefruchtet haben.

»Die Taiga liebt die Schwachen nicht«

In der Taiga herrschen unerbittliche Gesetze, daher können sich dort nur relativ wenige Tierarten behaupten. So müssen auch die Seidenschwänze alle Überlebenschancen nutzen. Im kurzen arktischen Sommer jagen sie mit der Flugtechnik von Fliegenschnäppern Insekten, die in gewaltigen Massen als überaus lästige Plagegeister für Mensch und Tier auftreten. Wenn im Herbst diese Futterquelle versiegt, verzehren sie Hagebutten und Beeren aller Art. Sie trotzen großer Kälte und dem Hungertod. Bei Nahrungsknappheit im Hoch- und Nachwinter stehen Flechten, Knospen, die Kätzchen von Weiden und Pappeln auf der Speisekarte. In Gärten werden Komposthaufen nach verdorbenem Salat und Gemüseabfällen, Gelben Rüben, überhaupt nach allem einigermaßen Fressbarem durchstöbert. Angefaulte Äpfel und Birnen auf und unter Obstbäumen werden säuberlich ausgehöhlt.

Ohne Netz und doppeltem Boden

Obwohl der sympathische Seidenschwanz einen bequemen und gemütlichen Eindruck vermittelt, dem jede unnütze Bewegung zuwider ist, glänzt er als Virtuose beim Erbeuten seiner Nahrung. Im Gezweig von Sträuchern und Bäumen turnen sie, wenn es darauf ankommt, wie Zirkusclowns, klettern, flattern, beherrschen den Rüttelflug, hängen gleich Papageien kopfüber an Ästen, um auch die letzte Beere noch zu angeln. Und das ganz Besondere: einzelne geben eine Zirkusvorstellung.

Da fällt zum Beispiel ein Schwarm Seidenschwänze in beerenträchtiges Schneeballgebüsch ein und macht sich zunächst still und emsig darüber her. Es dauert einige Zeit bis alle satt sind. Endlich ist es so weit. Sie fangen gemeinsam an zu singen. Nun produzieren sich einige Seidenschwänze aus reinem Spieltrieb als Jongleure, die Beeren dienen als Bälle, sie werden wiederholt mit dem Schnabel in die Luft geworfen und kunstfertig wieder aufgefangen. Dieses offensichtliche Vergnügen gönnen sie sich, weil es ihnen momentan gut geht. Dies dürfte unter Singvögeln einmalig sein.

Dieses Ballspiel wurde bisher wohl kaum beobachtet, auch die ornithologische Literatur enthält meines Wissens keine speziellen Hinweise. Allerdings muss der Beobachter gute Augen haben, denn diese Zirkusnummer inmitten des lebhaften Trupps läuft ziemlich flink ab. Mein Freund, der Profi-Fotograf Andreas Kretschel, konnte mit viel Geduld mehrere Seidenschwänze beim »Ballspiel« bildlich fixieren. Wenn ein Storch einen unbequemen Happen wie Maulwurf oder Schlange erwischt, wirft er ihn mitunter in die Höhe, um ihn schlundgerecht in den Kropf zu bekommen. Bei ihm ist es nicht Spielfreude, sondern notwendiges, zweckgebundenes Verhalten. Dieses Kriterium trifft beim Seidenschwanz nicht zu. Er schlägt sich nicht nur als Überlebenskünstler durchs Dasein, auch als Kabarettist ist er top. Dazu passt auch sein komödiantischer Balztanz im Brutgebiet mit steil aufgerichteter Federholle, fakirhaften Körperverrenkungen, burlesken Schritten mit dem Ehepartner und gegenseitigem Austausch kleiner Geschenke.

Jost Straubinger



19/2009