Jahrgang 2010 Nummer 12

Der Schwarze Tod im Chiemgau

Sagen und Pestsäulen bewahren das Gedächtnis an die mittelalterliche Seuche







Die Pest, der Schwarze Tod des Mittelalters, wütete Mitte des 17. Jahrhunderts in Bayern und hat auch das Land vor den Bergen, den Chiemgau, nicht verschont. Eine Pandemie hat das Land heimgesucht, die Tausende von Menschen dahingerafft und die Infrastruktur von Städten und Gemeinden zerstört hat. Seuchen, die die Menschen weltweit bedrohen, sind auch heute noch nicht ausgerottet. Das zeigt die im letzten Jahr von der Weltgesundheitsorganisation, der WHO, ausgerufene höchste Alarmstufe für die Verbreitung der Schweinegrippe.

Aber auch die Pest bedroht immer noch die Menschheit. Obwohl der Erreger der Pest bekannt ist, ist die Pest auch heute noch nicht ausgerottet. Im Gegenteil; wegen der zunehmenden Resistenz der Menschen gegen Antibiotika warnen Forscher in einem Spiegelbericht vom 15. 01. 08 vor einem erneuten Ausbruch der Seuche. In der Statistik der WHO werden 1000 bis 3000 Neuerkrankungen registriert. 2007 starben in den USA noch mehr als 100 Menschen an der Pest.

Spurensuche in Tittmoning und Reit im Winkl

Diese Sicht auf unsere Gegenwart ist von Bedeutung, um die Situation der Menschen im Mittelalter zu begreifen, die von der Pest in einer uns kaum mehr nachvollziehbaren Weise in ihrer Existenz betroffen wurden und sich einer nicht beherrschbaren Macht ausgeliefert sahen. Die Spurensuche im Chiemgau führt uns nach Reit im Winkl und nach Tittmoning, wo die Pest 1634 den Ortsteil Mühlham traf und beinahe alle Bewohner dahinraffte. In den Sagen ist von den Schrecken dieser Zeit berichtet.

Doch vorweg noch ein Wort zur Begriffsklärung: Das Wort wird vom lateinischen »pestis« für Seuche und Unglück abgeleitet. Der Pesterreger wurde durch Nagetiere, besonders durch Ratten und Flöhe auf Menschen übertragen. Nach der Infektion bildeten sich auf der Haut schwarze Beulen. So entstand das Wort vom »Schwarzen Tod«. Sobald der Erreger ins Blut übergegangen war, kam es durch Tröpfcheninfektion zur Übertragung von Mensch zu Mensch und damit zur gefürchteten Lungenpest. Mit der Entdeckung des Pesterregers durch den Schweizer Arzt Alexandre Yersin 1894 begann die Medizin Grundlagen zur Vorbeugung und Behandlung der Seuche zu entwickeln. Yersin war ein Mitarbeiter von Louis Pasteur und hatte in Paris und Marburg studiert. Der Nobelpreis blieb ihm trotz eines dreimaligen Vorschlages versagt.

In Reit im Winkl erinnern drei Pestsäulen an den Ausbruch der Seuche, die den Ort besonders hart getroffen hat. Kurz nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges, also um 1648, tauchten marodierende Leute im Dorf auf, die vom Krieg versprengt waren und eine neue Heimstatt suchten. Sie schleppten unerkannt die Pest ein, die viele Bewohner dahinraffte. Die Bewohner des Dorfes fühlten sich vom Ausbruch der Seuche schon deswegen besonders hart betroffen, weil sie sich bisher in der Abgeschiedenheit ihres Tales vor den Schrecken des Krieges und vor der in seiner Folge ins Land gekommenen Pest sicher fühlten. Vielleicht wäre dieses für den Ort schicksalshafte Ereignis der Vergessenheit anheimgefallen, wenn nicht gläubige Menschen aus Dankbarkeit über das Ende der Pest drei Säulen im Ort aufgestellt hätten, die bis heute das Andenken an diese Schrecknisse bewahrt haben.

Die Menschen neigen dazu, das Gedächtnis an überstandene Krisenzeiten in steinernen Zeichen festzuhalten. Das gilt für die Kriegerdenkmale ebenso wie für die Pestsäulen und Pestkreuze, die meist an den Rändern von Ortschaften zu finden sind, eben dort, wo einst die Pesttoten in Massengräbern bestattet wurden. Der Stein ist eine beständige, nicht der Vergänglichkeit unterworfene Materie. Das Wissen, dass sich auch später Menschen an die durchgestandenen Katastrophen erinnern werden, ist für die noch eben Davongekommenen ein Trost. Natürlich ist mit den Denkmalen auch ein Zeichen gläubiger Dankbarkeit verbunden, dass sie Gott von dem Übel erlöst und die Seuche zum Erlöschen gebracht hat. So sind in vielen Pestsäulen auch die Heiligen mit dargestellt, deren Fürbitte man die Erlösung zu verdanken glaubte.

Sind in Reit im Winkl drei Pestsäulen beständige Zeugen durchlebten Grauens, so sind es in Tittmoning Sagen, die vergleichbar mit den Steindenkmalen das Gedächtnis an die Pest über die Zeiten hin weitertragen. Gisela Schinzel-Penth hat in ihrem Buch Sagen aus dem Chiemgau drei Pestsagen aufgenommen. In einer Sage wird von zwei Pferdehändlern berichtet, die nach Lanzing bei Tittmoning gekommen seien, um Handel zu treiben. Als sie urplötzlich an der Pest gestorben waren, wurden sie mitsamt ihrer Habe in einem eilig ausgehobenen Grab bestattet. Später erinnerten sich zwei Knechte an das Grab und beschlossen, nachts nach dem in dem Grab verborgenen Geld zu graben. Obwohl sie es mehrfach versuchten, gelang es ihnen nicht, den Schatz zu heben.

Sagen erinnern an die Pest

In der Sage wird zum einen an die Pest erinnert, die besonders in kleinen Orten durch Händler eingeschleppt wurde und die Bevölkerung unvorbereitet getroffen hat. Sagen sind in der Regel nicht an ihrem historischen Wahrheitsgehalt zu messen. So stehen auch hier die beiden Knechte als Protagonisten für die Menschen, die nach Überwindung der Pest mit ihrem Leben zurechtkommen mussten und die früheren Verhältnisse wieder herstellen wollten. Das Geld, das sie im Grab der Pferdehändler vermuteten, stammte aus der Zeit vor der Pest. Mit dem Geld wollten sie ihr Leben ändern und »einen Bauernhof kaufen und selbst die Herren spielen.« Weil sie wussten, dass ihnen dies von Rechts wegen nicht zustand, machten sie sich heimlich nachts an ihr Werk. Obwohl sie immer wieder kamen, konnten sie den Schatz nicht finden. So mag es vielen in dieser Zeit des Umbruchs ergangen sein, die mit dem Wiederaufbau ihrer alten, durch die Pest verlorenen, Existenzgrundlage kein Glück hatten.

Eine weitere Sage in dem genannten Buch von Schinzel-Penth erzählt von der Wagnerstochter aus Mühlham, die man auf den Pestkarren aufgeladen hatte, weil man sie für tot hielt. Als der Pestkarren, der jeden Tag die vor der Tür abgelegten Toten abholte, kam um sie zum Pestfriedhof draußen vor den Ort zu bringen, fiel sie unterwegs bei einer Unebenheit des Weges vom Wagen. Durch den Sturz wich die Leichenstarre von ihr. Sie wurde nachhause gebracht und gesundete nach kurzer Zeit.

Vorbild für diese Sage dürfte der »Liebe Augustin« sein, dem der um diese Zeit lebende Prediger Abraham a Santa Clara eine Erzählung gewidmet hat. Augustin war ein Dudelsackpfeifer, der in der Pestzeit betrunken auf der Straße lag und von den Siechenknechten auf dem Pestkarren geladen wurde. Im Massengrab begann er auf seinem Dudelsack zu spielen und wurde so gerettet. In beiden Sagen wird der unbeugsame Lebenswille der Menschen angesprochen, die auch in größter Bedrängnis selbst noch dem Tod in letzter Minute von der Schaufel springen wollten, weil sie das Leben hier nicht loslassen wollten.

Auch die dritte Sage berichtet vom unbeirrten Überlebenswillen des Schmiedes von Mühlham, der sich aus Angst vor der Pest in ein einsames Haus am Waldrand geflüchtet hatte und dort nur überleben konnte, weil ihn eine mitleidige Frau aus dem Ort täglich mit Nahrung versorgte, die sie ihm eingebunden in einem Tuch auf einer Stange zum Fenster hereinreichte. Der Schmied, früher ein kräftiger Mann, der den Hammer zu schwingen wusste, war nun eine »klappernde Gestalt mit einem totenkopfähnlichen Gesicht« geworden. Die Sage ist ein Zeugnis für den Überlebenswillen einzelner und für das Leid, das sie in der Pestzeit zu ertragen hatten.

Der Ursprung der Seuche

Nach diesem Blick auf die steinernen und schriftlichen Zeugnisse der Pest im Chiemgau und auf die von der WHO umsonst vorhergesagte Pandemie ist nun ein Gesamtbild der im Mittelalter bei uns aufgetretenen Seuche zu skizzieren. In Mitteleuropa ist der Ausbruch der Pest, die im Übrigen schon in der Antike bekannt war, im Jahre 1346 anzusetzen. In diesem Jahr wurde Caffa auf der Halbinsel Krim von den Mongolen belagert. Die von der Pest betroffenen Belagerer katapultierten ihre Leichen mit Schleudern in die Festung. Diese wohl erste biologische Waffe verfehlte ihre Wirkung nicht. Die Zahl der Verteidiger der Festung wurde schnell dezimiert. Der überlebende Rest war mit dem Pesterreger infiziert und brachte die Seuche auf dem Seeweg nach Italien. Von hier aus breitete sie sich rasch über fast ganz Europa aus. Pestbakterien gehören auch heute noch zu den 200 waffenfähigen Kampfstoffen, die zwar durch ein internationales Abkommen verboten, von Verbrechern genutzt, als Massenvernichtungswaffen durchaus tauglich sind.

Bis zur Entdeckung des Pesterregers 1894 und den danach eingeleiteten Hygienemaßnahmen zur Eindämmung der Seuche kann durchaus nicht von einer flächendeckenden und zeitlich ununterbrochenen Pandemie gesprochen werden. Die Pest trat vielmehr immer wieder sporadisch in einzelnen Gebieten auf, erlosch dann wieder, um Jahre oder Jahrzehnte später wieder aufzulodern. Während einzelne Gebiete niemals von der Pest betroffen wurden, wurden andere Gegenden mehrmals und umso härter heimgesucht.

Zwischen 1348 und 1350 starben in Europa etwa 25 Millionen Menschen an der Pest, fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung. Dazu ein Blick auf die Pesttoten der Umgebung: In Mühldorf am Inn forderte die Pest 1348 1400 Todesopfer. In München wurde 1632 ein Drittel der Einwohner von der Pest dahingerafft. Es war das Jahr, als die Furie des Dreißigjährigen Krieges übers Land zog und Not und Elend über die Menschen brachte. Mitten im Dreißigjährigen Krieg 1634 wurden auch Rosenheim und Wasserburg von der Pest heimgesucht.

Die Statistik liefert nur nackte Zahlen, hinter denen unendliches Leid einzelner verborgen bleibt. Leid, das mit den Schrecknissen des Dreißigjährigen Krieges einherging und diese teilweise noch ins Unermessliche steigerte. Der Betrachter historischer Ereignisse wird seinem Auftrag nur wenig gerecht, wenn er sich nur auf urkundlich verbürgte Fakten beschränkt. Der betrachtenden Erinnerung bedarf vielmehr das Schicksal der Leidenden und Verzweifelten.

Eine Schreckensszene aus dem Pestalltag

Da rollte schon im Morgengrauen der von einem abgemagerten Gaul gezogene Pestkarren am Haus vorbei. 20 ausgezehrte Leichen liegen schon auf dem von zwei Querbrettern begrenzten Boden des Wagens. Sie sind übereinander geschichtet. Ihre Beine ragen noch über das Ende des Bretterbodens hinaus und bewegen sich bei der Fahrt über das holprige Pflaster.

An der Wegkreuzung hält das Fuhrwerk. Der mit einer Maske verkleidete Kutscher und sein Gehilfe packen zwei leblose Körper an Händen und Füßen. Nun setzt sich der Pestkarren wieder in Bewegung. Noch mehrmals wird er anhalten, um die vor den Toren auf der Straße liegenden Leichen mitzunehmen. Sein Ziel ist der Pestfriedhof. Das ist eigentlich kein gewöhnlicher Friedhof. Vielmehr wurde neben dem alten Friedhof auf einem Feldgrund eine Grube ausgehoben, die jetzt schon zu einem Viertel mit Leichen gefüllt ist. Wenn sie voll ist, wird man Kalk über die Leichen streuen, und sie mit Erde bedecken. Diese Szenerie, die die Bewohner des Ortes jeden Tag über sich ergehen lassen mussten, steigerte ihre Angst und Verzweiflung ins Unermessliche, wobei das Wissen, dass ihnen das gleiche Schicksal vielleicht schon morgen bevorstehen würde, manchen auch zum Wahnsinn getrieben hat.

Natürlich überlegte man auch, wie die Seuche entstanden sein könnte und welche wirksamen Gegenmittel es geben könnte. Die erfundenen Theorien zeugen von der totalen Verunsicherung und Hilflosigkeit der Obrigkeit. Da gab es die Erklärung, dass die Luft verpestet sei und man sich im Hause einschließen müsse, um dem Pesthauch zu entgehen. Wunderheiler empfahlen die Benutzung von bestimmten Kräutern und Gewürzen, um sich zu schützen. Die Pestwurz hat von dieser Zeit ihren Namen behalten. Verbrennung von Räucherstäbchen in der Wohnung wurde als hilfreich angesehen.

Pestheilige und ein Sündenbock

Die Kirche sah in der Pest eine Strafe Gottes, die man durch Buße und die Anrufung bestimmter Heiliger abzuwenden versuchte. Figuren der Heiligen Rochus und Sebastian wurden in die Kirchen gebracht, wo die Gläubigen zu ihnen beten konnten. Der Heilige Sebastian wurde als Schutzheiliger gegen die Pest besonders verehrt, weil man ihm das schnelle Ende der Pest in Rom im Jahre 680 zusprach. Die Pfeile in seinem Körper stehen für die erlittenen Schmerzen. Der hl. Rochus deutet auf die Pestbeule an seinem Bein. Meist ist er mit einem kleinen Hund dargestellt. Dieser soll der Legende nach den Heiligen mit Nahrung versorgt haben, als er sich vor der Pest in einer Höhle verborgen hielt. Glaubensfanatiker glaubten die in der Pest erkennbare Strafe Gottes durch Geißelung abwenden zu können. So zogen Prozessionen von Büßern durch die Lande, die beteten und sich gegenseitig die Rücken blutig schlugen.

Zuletzt wurde nach einem Sündenbock gesucht, dem der Ausbruch der Seuche zuzuschreiben sein könnte. Man fand ihn in den Juden, denen man eine Vergiftung der Brunnen zuschrieb. Seit 1348 wurde das Gerücht verbreitet, dass die Juden Gift in Brunnen und Quellen geträufelt hätten, wodurch sich die Pest verbreitet habe. Die weltliche und geistliche Macht hatten längst an Autorität verloren, die die Juden schützen und den Pestopfern Hilfe angedeihen lassen konnte.

Wenn sich Ärzte aufmachten, um Kranke zu besuchen, trugen sie eine Schutzkleidung, die aus einem bis zum Boden reichenden Mantel, einem Hut und einer Schnabelmaske bestand. Im Schnabel hatten die Ärzte Kräuter und Gewürze geborgen, um sich so vor dem von den Kranken ausgehenden Pesthauch zu schützen. Man kann sich sehr gut vorstellen, dass der ohnehin schon malträtierte Kranke beim Anblick dieser furchterregenden Gestalt noch zusätzlich in Angst und Schrecken versetzt wurde, was seine Abwehrkräfte noch weiter geschwächt hat.

Das Gedächtnis an die Prüfungen der Pest ist bis heute lebendig geblieben. Das bekannteste Beispiel ist wohl das Passionsspiel in Oberammergau, das in einem Gelübde anlässlich der Pest 1633 bis 1634 seinen Ursprung hat. Aber auch im Chiemgau begegnen uns in den Pestsäulen und Sagen Zeichen der Erinnerung an die Pest, die uns noch heute zum Gedenken an das Leid der Menschen mahnen.

Dieter Dörfler



12/2010