Jahrgang 2003 Nummer 30

Der Rosenstrauch und seine bewegte Vergangenheit

Schönster Rosenkult im Persischen Reich – Geschichte und Geschichten um eine »wunderbare« Blume

Die Liebe zur Rose ist älter als der Mensch. Sie beginnt bei den Göttern. Zum Beispiel mit Aphrodite, der griechischen Göttin der Schönheit und Liebe. Als sie aus dem Meer geboren wurde – so die Sage –, haftete noch strahlender Schaum an ihrem Körper. Er wurde zu weißen Rosen, denn weiß sollen sie ursprünglich gewesen sein, unschuldsvoll weiß.

Die Götter sahen sich das Schauspiel an, und es ging ihnen, wie es Männern auch heute noch geht, wenn sie ein hübsches Mädchen dem Wasser entsteigen sehen: es gefiel ihnen. Sie spendeten Beifall und besprengten Aphrodite mit Nektar. Die Rosen bekamen auch davon ab und haben seither ihren wunderbaren Duft. Aber sie waren immer noch weiß.

Jedem, dem noch eine Spur Romantik geblieben ist, weiß, wie sich rote Farbe am eindrucksvollsten darstellen lässt: natürlich mit Blut. Und die Sage weiß, was sie der Romantik schuldig ist. Also berichtet sie weiter von Aphrodite:

Da ist ihr Liebe (eine unglückliche, versteht sich, denn auch damals schon war nur eine solche berichtenswert) zu dem Königssohn Adonis, der eines Tages auf der Jagd von einem Eber verwundet wurde. Sie eilte zu ihm und ritzte sich dabei den Fuß am Dorn eines Rosenstrauchs, dessen Blüten von dem Blut für immer rot gefärbt wurden.

Der Rosenduft tat seine Wirkung

Die Römer der Kaiserzeit entweihten die Rose. Man nahm Rosenwasser zum Waschen, trank Rosenwein, bestreute Sitze und Lagerstätten mit Blütenblättern, selbst die Fußböden, in solchen Mengen, dass der Duft den Menschen oftmals lästig wurde.

Einer Königin wie Cleopatra allerdings wird man zubilligen, dass sie, um Marcus Antonius in ihr Netz zu locken, beim Begrüßungsfest die Böden ihrer Palasträume eine Elle hoch mit Rosen bedecken ließ. Der wackere Römer fühlte sich behaglich, der Rosenduft tat seine Wirkung. Gemessen am Erfolg, war der Aufwand gering, denn die Rosen hatten nur ein Talent gekostet, kaum mehr als heute ein Kleinwagen.

Der schönste Rosenkult aber gedieh dort, wo sich eine üppige Natur mit hochentwickeltem Geist und Schönheitssinn verband: im Persischen Reich. Die Rose war heilig, das Lichtfest zugleich Rosenfest. Unzählige Gedichte sind erhalten, in denen die Liebe mit allen Farben der Rose gefeiert wird.

Schauen wir uns auch in Europa um, zum Beispiel in Kriemhilds Rosengarten, wovon der sagenhafte Minnesänger Heinrich von Ofterdingen gewaltige Dinge berichtet: bärenstarke Männer waren zu Wächtern bestellt, doch Prämien waren für solche ausgesetzt, die diese Wächter im Kampf besiegten, nämlich ein Kuss von Kriemhilds Lippen und ein Rosenkranz aus ihrer Hand.

Eines Tages soll der Mönch Ylsan einen Wächter besiegt und natürlich auch den Preis bekommen haben. Die Sache machte ihm solchen Spaß, dass er 52 Wiederholungen begehrte, stellvertretend für seine Klosterbrüder. Man war einverstanden. Ylsan war in Form, er warf die Männer nacheinander ins Gras und erhielt, was er sich wünschte. So waren die Alten!

Rosengärten nicht nur Parkanlagen

Viele Legenden gibt es, worin die Rose bei verbotenen Almosen als Erretterin vorkommt. Eine der ältesten berichtet vom heiligen Nikolaus, der den Armen Brot aus dem Kloster bringt und dabei von dem hartherzigen Abt angehalten wird. Zitternd hebt er den Deckel des Korbes, und blühende Rosen leuchten hervor. Ähnliches erzählt man sich von der heiligen Elisabeth aus Thüringen und von der heiligen Radegunde. Rosen sind also auch Gott wohlgefällig!

Das wusste auch Lucifer. Als der Herr ihn vom Himmel gestürzt hatte, versuchte er, wieder hinaufzukommen. Er schuf sich einen hohen Rosenstrauch mit Dornen daran, sie sollten die Leitersprossen sein. Aber der Herr erriet die Absicht und bog die Gerten nieder. In seinem Zorn bog der Teufel auch die Dornen nieder. So sind sie bis heute geblieben.

Unsere Vorfahren pflegten Rosensträucher an Opferstätten und Gräbern anzupflanzen. Rosengärten waren also nicht, wie man glauben könnte, idyllische Parkanlagen. Vielmehr hießen abgelegene Friedhöfe und Begräbnisstätten so, besonders in Alpengegenden.

Nicht selten muss man heutzutage weit laufen, um da und dort einen wilden Rosenstrauß zu finden. Die Blüten können zwar nicht mit ihren hochgezüchteten Schwestern konkurrieren, auch die Vitamingewinnung aus den Früchten – den Hagebutten – ist längst synthetischen Verfahren gewichen. Eines aber ist geblieben: der Rosenstrauch als Heimat und Zuflucht unserer Vögel, und die Erinnerung an seine bunte und bewegte Vergangenheit.

GD



30/2003
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