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Jahrgang 2016 Nummer 26

Der Roider Jackl - Ein bayerisches Original

Ein Porträt des Volkssängers zum 110. Geburtstag

Jakob Roider in seinen besten Jahren.
Der 25-jährige Jackl bekam den 1. Preis beim Niederbayerischen Preissingen 1931 in Landshut.
Familie Roider, Jakob 3. von links. (Fotos: Marietta Heel)
Der Roider-Jackl-Brunnen auf dem Münchner Viktualienmarkt, aus Anlass seines 110. Geburtstags mit Blumen geschmückt. »Jetzt muaß i aufhörn zum Singa«.

»Er war weder Kabarettist noch Witzbold und am wenigsten ein bayerischer Gaudimacher oder Komiker, als welchen ihn Spießbürger, Zugereiste und Fremdenverkehrsvereine viel zu oft missverstanden. Wenig hatte der Roider von der gefälligen Sangeslust, wie sie in Oberbayern zu Hause ist mit ihren sentimentalen Inhalten und volkstümlichen Melodien, seine Themen waren aktuell und gegenwartsbezogen, seine Formulierungen gezielt und treffsicher, seine unverwechselbare Sprachmelodie durch rhythmische Synkopen geprägt.«

Soweit Walter von Cube, ehemals Intendant des Bayerischen Rundfunks, in seiner Grabrede für Jakob Roider respektive den Roider Jackl (1906 bis 1975), diesen unvergessenen, unvergesslichen Volkssänger, der von der Nachkriegszeit bis Mitte der 70er Jahre mit seinen gesellschaftskritischen Gstanzln und Ansprachen sein Publikum begeisterte.

Seinen (bürgerlichen) Werdegang fasste der Sänger am 23. Oktober 1965 bei seiner Rede auf einer Tagung der Kommunalpolitischen Bezirksausschüsse der SPD in Kochel so zusammen: »Ich war das sechzehnte Kind von aran Kloahäusler, hab sieben Jahr Werktagsschul und drei Jahr Feiertagsschul gmacht, war Schreinerlehrbua und Schreinergesell wie der Wimmer Thomas, Liftboy in einem Palasthotel und Soldat. Forstlehrling, Forstdienstanwärter, Revierförster, Stadtrat und Oberförster und jetzt, kurz vor der letzten Bundestagswahl, wurde ich auch noch von der großen Beförderungswelle erfasst und zum Forstamtmann gemacht.« Dabei wollte er als Kind eigentlich Postbote werden, wie er hinzufügte, weil der schon um vier Uhr nachmittags von seinem Dienstgang heimwärts marschiert sei, während er selbst bis zum Einbruch der Dunkelheit weiter die Gänse hüten musste.

Das Licht der Welt erblickte der spätere Gstanzlkönig am 17. Juni 1906 in dem 500-Seelen-Dorf Weihmichl bei Landshut. Er war das sechzehnte und letzte Kind seiner Eltern, Johann und Franziska Roider, die in Weihmichl ein kleines landwirtschaftliches Anwesen mit dem Hausnamen »Selmer« betrieben. Ab 1911 besuchte er die »einklassige« Volksschule in Weihmichl, nach dem Schulabschluss machte er im 2 km entfernten Furth bei Landshut eine Lehre als Schreiner und erhielt 1922 seinen Gesellenbrief. Zwei Jahre später zog er nach Garmisch, wo er durch die Vermittlung eines Bekannten eine Anstellung als Hausschreiner im Garmischer Hotel Sonnenbichl bekommen hatte.

1927 verpflichtete er sich für zwölf Jahre zum Dienst bei der Reichswehr. Das bot ihm einerseits soziale Sicherheit und am Ende der Dienstzeit auch wirtschaftlichen Aufstieg durch die Ausbildung zu einem angesehenen Beamtenberuf: Jakob Roider wollte Förster werden. 1934 heiratete er Therese Schwaiger, die Tochter eines Getreidehändlers und Pächters der Bahnhofswirtschaft im nahe gelegenen Pfettrach. Das erste Kind, eine Tochter namens Irma, litt allerdings an Krampfanfällen, verursacht durch ein Blutgerinnsel bei der Geburtshilfe. Irma finanziell abzusichern, war für den Jakob fortan ein zentrales Anliegen. Ein zweites Kind, sein Sohn Werner, wurde 1939 geboren.

Nachdem er an verschiedenen Standorten gedient hatte, ließ er sich von 1936 bis 1939 zum Förster ausbilden. Danach war er Kriegsteilnehmer bzw. musste in der Kaserne in Bad Reichenhall bleiben und weiter Rekruten ausbilden. Zur Front abkommandiert wurde er erst in den letzten Kriegsmonaten, und bekam bei Augsburg einen Granatsplitter ins Bein ab. Er wurde nach Freising verlegt, seinem Dienstort als Forstbeamter, wo Frau und Kinder schon seit 1941 lebten. Kurz darauf besetzten die Amerikaner Freising und der Krieg war vorbei.

Als politisch Unbelasteter konnte er anschließend seine Tätigkeit im Forstdienst wieder aufnehmen und übte sie in Freising bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1967 auch aus. Sein Revier waren die Isarauen, und als der Großflughafen München gebaut werden sollte, bekämpfte er an der Seite der Gegner das Projekt vehement: Wenn unser Regierung den Großflughafen / zu uns nach Freising rausbaut / nacha friß i alle Minister / lebendig aufm Kraut.

Nachdem er bereits 1931 beim 1. Niederbayerischen Preissingen in Landshut als Volkssänger entdeckt worden war, erfreute sich der Roider Jackl in den 50er Jahren mit seinen Reden und Gstanzln immer größerer Beliebtheit. Sicher auch deswegen, weil die Menschen nach den schrecklichen Jahren der Nazi-Diktatur und der damit verbundenen Angst, wegen eines falschen Worts hingehängt zu werden, dankbar dafür waren, dass hier einer den Schneid hatte, Ereignisse und Personen aus Politik und Gesellschaft aufs Korn zu nehmen und dabei auch noch spaßig und pointiert, und wenn nötig, boshaft daherkam. Etwa in einem Gstanzl über den damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer: »Unsa Kanzler geht heuer net maskiert / Und wißts, warum er net mog? / Weil er bei jedem Staatsbesuch sowieso / a andane Maskn aufhat.«

Obwohl er durch mehr Auftritte sein Einkommen hätte steigern können, hielt er an dem Försterberuf fest, weil er nur so seine materielle und damit künstlerische Unabhängigkeit bewahren konnte. Den Beamtenstatus verstand er auch als Schutz gegen Angriffe seitens mächtiger Leute oder Organisationen, denen sein kritisches Wort nicht passte, und, wie bereits erwähnt, als soziale Sicherung für seine Irma. Doch die 50er Jahre waren nicht nur glückliches Arbeiten und Aufbauen. 1956 starb ihm die Frau weg, und die Sorge um Irma wuchs. Da sprang die Tochter einer Schwester des Jackl ein, schmiss den Haushalt, pflegte als »Ersatzmutter« die Irma und hielt dem Roider Jackl den Rücken frei für die Arbeit.

Marksteine der Entwicklung des Roider Jackl in den 50er Jahren waren einschlägige Sendungen des Bayerischen Rundfunks wie die »Weißblaue Drehorgel« (ab 1952) oder das »Bayerische Karussell« (ab 1958). Dabei gastierte der BR etwa alle zwei Monate in einem anderen Ort Bayerns – ein paar Mal auch außerhalb – und strahlte die Aufnahme des Gastspiels an einem der folgenden Samstage im Abendprogramm aus. Der Roider Jackl hielt dabei die auf den jeweiligen Ort zugeschnittene Einführungsrede und schloss die Sendung mit einer Serie von Gstanzln ab.

Weitere Marksteine waren seine Auftritte bei den Starkbierfesten der Brauereien und bei namhaften Ereignissen wie 1961 beim Richtfest der Ludwig-Maximilian-Universität in München. Am berühmtesten waren natürlich seine Auftritte beim alljährlichen Salvator-Anstich auf dem Nockherberg, wo er von 1954 bis 1974 fast immer dabei war und damit ein Vorfahre der späteren Brüder Barnabas alias Walter Sedlmayr, Max Grießer, Erich Hallhuber, Bruno Jonas, Django Asül, Michael Lerchenberg und Luise Kinseher.

Die 60er Jahre zeigten den Roider Jackl dann auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Neben durchschnittlich zwei Auftritten im Monat war er wie gewohnt auch beim BR tätig, wobei eine Sendereihe hinzukam, die des »Bayrisch Herz«.

In dieser monatlichen Sendung sprach er auch eher ungewohnte, nachdenkliche Themen zum Leben im Allgemeinen an. Auch sein persönliches Leben wurde in diesen Jahren ruhiger. Noch in den ausgehenden 50er Jahren hatte er sich mit der verwitweten Veterinärsgattin Josephine Schnell, genannt Tante Pepperl, zusammengetan, die ihm beim Tippen und Ordnen seiner Vorträge eine große Hilfe war. Anfang 1974 ließen seine Kräfte infolge einer Krebserkrankung allerdings abrupt nach. Er zwang sich noch zu circa 20 Auftritten, und kommentierte seinen bevorstehenden Tod mit den Worten: »Iatz muaß halt des a no sei.« Für die Begräbniszeremonie wünschte er sich: »Koane Gschaftlhuaba, bloß da Walter von Cube soi red’n und de Roaner Deandl singa.« Am 8. Mai 1975 verstarb der Roider Jackl im Kreis seiner Familie.

Noch zu seinen Lebzeiten begann der Roider Jackl an einem Buch über sich selbst zu arbeiten, das sein Sohn Werner in Zusammenarbeit mit Josef Oberberger (Illustrationen) und dem Verleger Alfred Förg vom Rosenheimer Verlagshaus fertig stellte und im Jahr 1980 herausgab. Sehr schön gestaltet und liebevoll aufgemacht, enthielt es auf fast 400 Seiten eine breite Auswahl von Roider Jackl Texten und viele Fotos, und war schnell vergriffen. Im Jahr 2001 erfolgte deshalb eine Neuauflage mit neuem Cover, aber identischem Inhalt (ISBN: 978-3-475-53191-0). Es fehlt nur eine kleine Schallplatte; diese war wegen der Verfügbarkeit der CDs seit 2001 überflüssig und ein technisch veraltetes Trägermedium geworden.

An den Roider Jackl erinnern heute der Roider-Jackl-Brunnen von Hans Osel auf dem Münchner Viktualienmarkt, der Roider-Jackl-Brunnen von Karl Huber in Freising sowie der Roider- Jackl-Brunnen von Peter Lange in Weihmichl. In Freising und Landshut gibt es zudem einen Roider-Jackl-Weg.


Wolfgang Schweiger


Quellen: Jakob Roider »Der Roider
Jackl«. Website Roider Jackl, gestaltet von
Werner Roider. Abdruck der Fotos mit
freundlicher Genehmigung des Rosenheimer
Verlagshauses.

 

26/2016