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Jahrgang 2015 Nummer 35

Der Römerstein in der Kirche Sankt Anna in Tettelham

Ein Relikt aus alter Zeit wurde für den Kirchenbau im 8. Jahrhundert verwendet

Der Römerstein in der Vorhalle der Tettelhamer Kirche: Seine verstümmelte Inschrift hat schon vielen Forschern Rätsel aufgegeben, wie auf der Schrifttafel daneben anschaulich geschildert wird.
Eine Besonderheit sind die Fresken im Gewölbe der Kirche Sankt Anna in Tettelham. Der Waginger Maler Michael Huber hat sie in den Jahren 1647/48 geschaffen. Später wurden sie übertüncht und erst bei der großen Renovierung im Jahr 1952 von Mitarbeitern des Landesamtes für Denkmalpflege freigelegt.

n der zur Pfarrei Otting gehörenden Kirche von Tettelham wurde unter anderem ein römischer Grabstein verbaut. Die 44 mal 48 Zentimeter große Tafel aus Kalkstein ist überarbeitet worden und in der Nordwand der Vorhalle des Gotteshauses eingebaut.

Es ist nicht außergewöhnlich, dass man für den Bau von Gotteshäusern bereits bearbeitete Steine aus früherer Zeit verwendet hat. Auch Teile der Pfarrkirche in Seebruck zum Beispiel stehen auf Fundamenten aus der Römerzeit, und für den Bau des Seebrucker Gotteshauses wurden vermutlich ebenfalls Steine von damals verwendet.

Errichtet wurde die der heiligen Anna geweihte Kirche in Tettelham aus Tuffstein – einem Baustoff, der im Rupertiwinkel weit verbreitet war. Zahlreiche Gotteshäuser in der Gegend, zum Beispiel auch Sankt Coloman bei Tengling, sind aus diesem Gestein errichtet. Abgebaut wurde es an mehreren Orten, unter anderem auch nahe Wiesmühl bei Tittmoning.

Von der Kalksteintafel in Tettelham haben vermutlich die Bauherren der Kirche die Rahmen auf allen drei Seiten weggeschlagen. Außerdem wurden Teile des Schriftfeldes weggemeißelt. So weist nur noch das innere Schriftfeld die ursprünglich glatte Oberfläche auf. Als man die Platte in die Vorhalle der Kirche eingebaut hat, zog man die Buchstaben mit schwarzer Farbe nach, wobei sich der Handwerker einiges an künstlerischer Freiheit gönnte. Das gab späteren Forschergenerationen einige Rätsel auf und es dauerte lange, ehe die Inschrift entschlüsselt war.

Vor allem der Name Conrad in der ersten Zeile wollte den frühen Forschern nicht ins Konzept passen und sie hatten geglaubt, er sei später hinzugefügt worden. Conradius oder Corradius ist jedoch ein keltischer Name. Die Übersetzung der Inschrift lautet: »Marcus Conradius Domizianus, Freigelassener des Aio, gestorben mit 70 Jahren, und Murrania Aula, Freilgelassene des Domitus. Romulus …ucona, Iucunda und Bassus haben (den Eltern den Grabstein) gesetzt.« Das kleine Gotteshaus ist aber nicht nur wegen dieses Römersteins einen Besuch wert. Bei der großen Renovierung im Jahr 1952 wurden die Deckenmalereien wiederentdeckt und freigelegt. Geschaffen hat sie in den Jahren 1647/48 der Waginger Maler Michael Huber.

Heute ist die Kirche in Tettelham vor allem Ziel von Bittgängen. In der Ottinger Ortschronik ist eine Anekdote festgehalten, die an die Hundert Jahre zurückliegen dürfte: Am Tag nach dem Bittgang, bei dem die Teilnehmer um gutes Wetter baten, schneite es. Daraufhin sei bei den Leuten folgender Spruch aufgekommen: »Heilige Mutter Anna, host ins net vostana. Um an Reg’n hamma bitt’, an Schnee host ins g’schickt.«


Klaus Oberkandler

 

35/2015