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Jahrgang 2004 Nummer 32

Der rätselhafte Mönch von Salzburg

Bis heute gibt der mittelalterliche Dichter und Musiker Rätsel auf

Großes Thronsiegel des Erzbischofs Pilgrim II. von Puchheim

Großes Thronsiegel des Erzbischofs Pilgrim II. von Puchheim
Etwa einhundert Handschriften des Mittelalters enthalten Lieder eines anonymen Dichters und Komponisten, der als »Mönch von Salzburg« in die Literaturgeschichte eingegangen ist. Weder sein richtiger Name noch seine Ordenszugehörigkeit sind bekannt. Bücher mit seinen Liedern finden sich in Bibliotheken in Österreich und Bayern, aber auch in Tschechien, Polen und Italien. Infolge dieser überaus großen Verbreitung nennt ihn der Salzburger Germanist Professor Franz Viktor Spechtler den erfolgreichsten deutschsprachigen Autor des Mittelalters.

Die wichtigste Quelle für die Werke des »Mönchs von Salzburg« ist die nach ihrem Fundort benannte Mondseer Liederhandschrift aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts, die heute in der Wiener Staatsbibliothek aufbewahrt wird. Überliefert sind 49 geistliche und 57 weltliche Lieder, aus denen hervorgeht, dass der Salzburger Erzbischof Pilgrim II. von Puchheim (1365-1596) sein Mäzen war. Die Vermutung, der Erzbischof selbst sei der Autor gewesen, lässt sich nicht belegen, könnte aber erklären, warum sich der Dichter der teils recht kecken Liebesgedichte hinter einem Pseudonym versteckte. Die Lieder stehen außerdem in ihrer Rhythmik, der Melodik und der Dichtung stark in französischer Tradition, worin man einen Hinweis auf das mehrjährige Studium Pilgrims in Avignon erblicken könnte. Möglicherweise war der Dichter ein Studienfreund des Bischofs, den er von Avignon nach Salzburg mitgebracht hat, denn wie man weiß, war Pilgrim ein großer Freund von Literatur und Dichtung, die er an seinem Hof gezielt förderte.

Die Zeitgenossen sahen in Pilgrim von Puchheim keinen Dichter und auch weniger einen Kirchenfürsten als einen Kriegsmann, der sich nicht scheute, an der Spitze angeworbener Söldnertruppen ins Feld zu ziehen. Das Land Salzburg erreichte unter ihm eine Ausdehnung, die es später nie wieder haben sollte. Neben Berchtesgaden und der Herrschaft Itter im heutigen Tirol zählten auch das Zillertal, die Herrschaft Matrei in Osttirol mit dem Felbertauern sowie Stadt und Herrschaft Gmünd in Kärnten zum Erzstift Salzburg. Dazu kamen noch die reichen »auswärtigen Besitzungen« in Kärnten, der Steiermark, Österreich, Bayern und Tirol mit Friesach, St. Andrä (Kärnten), mit Pettau und Rann an der Save im heutigen Slowenien und Mühldorf am Inn. Durch die Spitzenstellung der Saline in Hallein und den Goldbergbau in Gastein und Rauris zählte Salzburg damals zu den finanzstärksten Ländern. Im gesamten deutschen Reich lag es an vierter Stelle hinter den habsburgischen Erb-ländern Bayern und Köln, aber noch vor Sachsen und anderen großen Fürstentümern. Innerhalb der Kirche hatte es gemeinsam mit dem Patriarchat Aquileia und dem Erzbistum Köln die höchsten Zahlungen an die römische Kurie zu leisten. Man muss sich wohl damit abfinden, dass die Identität des »Mönchs von Salzburg« für immer ungeklärt bleibt. Doch seine Lieder vermitteln uns einen Eindruck von seiner Persönlichkeit, in der sich religiöse Inbrunst mit unbeschwerter Lebensfreude verbinden. Aus den geistlichen Liedern spricht tiefe Frömmigkeit, gepaart mit theologischer Bildung. Die Hymnen sind Übersetzungen aus dem Lateinischen, andere Texte wenden sich an die Muttergottes und andere Heilige oder besingen die Geheimnisse der großen Kirchenfeste. Sein Weihnachtslied »Josef, lieber Josef mein« ist zum heute noch gern gesungenen Volkslied geworden.

Die weltlichen Lieder umfassen alle Gattungen der Liebeslyrik, wie sie uns auch sonst aus dem Mittelalter bekannt sind. Der Dichter drückt seine Sehnsucht nach der Geliebten aus, preist ihre Schönheit, versichert ihr seine Treue, erinnert sie an gemeinsame Stunden des Glücks. Unter den drei Trinkliedern findet sich der erste dreistimmige Kanon in deutscher Sprache. Offensichtlich war es die Aufgabe des »Mönchs von Salzburg«, als Dichter und Komponist mit seinen Liedern einerseits für geistliche Musik im Dom, andererseits für weltliche Musik bei den landesherrlichen Festen zu sorgen. Ein mit der Jahreszahl 1392 datiertes Liebeslied erwähnt zum ersten mal das Salzburger Lustschloss »Freudensaal«, das heutige Schloss Freisaal.

Von Erzbischof Pilgrim ist bekannt, dass er an seinem Hof die Musik in jeder Weise pflegte und förderte. So stiftete er für den Dom sechs Klerikerstellen mit sechs Schülern, die bei den Messen »singen helfen« mussten und im sogenannten Kapellhaus in der Sigmund-Haffner-Gasse wohnten. Für ihren Unterhalt erhielten sie eine Anzahl zinspflichtiger Güter. Man darf annehmen, dass der Erzbischof auch für den Mönch von Salzburg großzügig sorgte – wenn er sich nicht gar selbst hinter diesem Pseudonym verbirgt.

JB


Die schöne Nacht
Denk’ ich an diese schöne Nacht,
die mir ein roter Mund geschenkt,
und denk’ ich an sie in der Nacht,
dann wünsch’ ich, dass ich ihr stets dien’
und durch die Huld verdienen könnt’
den lieben Gruß am Morgen:
Solche Süße könnt’ mir nehmen
im Herzen meine Traurigkeit.
Ihr edles Wesen, weiblich zart,
kann wie’s gehört recht fröhlich sein,
dass mir ihr liebes Wort mehr bringt
als wenn man sonst in Freuden lebt.
Ihr Gruß dringt wahrhaft mir ins Herz,
den mir ihr Blick zusendet:
Sie schmeichelt und sie gibt sich
für Arm und Reich ganz makellos.
Besond’res Glück wurd’ mir zuteil:
die schöne Nacht, als sie geliebt;
sie sollte jede Nacht neu sein
und in Gedanken mich erfreu’n.
Den »guten Tag« sag ich ihr dann,
das lindert meine Schmerzen,
ihr Scherzen ist mein’s Herzens Freud’,
das kann sie gut in höf’scher Art.

Mönch von Salzburg



32/2004