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Jahrgang 2008 Nummer 40

Der »Poet des Chiemgaues«, Georg Unterbuchner

Die Werke des Lyrikers und Schriftstellers sind heute weitgehend vergessen – Teil II

Entspannung und Inspiration für seine Werke fand Unterbuchner in der Natur. Schöner kann Sommer nicht sein.

Entspannung und Inspiration für seine Werke fand Unterbuchner in der Natur. Schöner kann Sommer nicht sein.
Mit kleiner platzsparender Handschrift hat Unterbuchner seine Werke niedergeschrieben. Aufgeschlagen ist das Gedicht »Bescheiden

Mit kleiner platzsparender Handschrift hat Unterbuchner seine Werke niedergeschrieben. Aufgeschlagen ist das Gedicht »Bescheidenes Glück«, das er unter dem Pseudonym »Peter Knieriem« veröffentlichen wollte.
Neuzeit

Nach 1945 konnte Unterbuchner seinen Schusterberuf nicht mehr ausüben, der Krieg hatte zu schlimme Folgen hinterlassen. Mit 40 Jahren bereits in Rente, musste und konnte er sich nun noch mehr auf Poesie und Schriftstellerei konzentrieren. Zunächst erschien der kleinformatige 16-seitige Gedichtband »Der Bogen«, herausgegeben von Dr. Habbel in Regensburg. Bald darauf kam das gebundene Werk »Heimat des Herzens« Ende 1948 mit Unterstützung von Rudolf Alexander Schröder heraus. Dieser verfasste hierfür eine mehrseitige Einführung und bemerkte, dass Georg Britting seine Freude an Unterbuchners Gedichten haben würde. Als »Lieder mit einem liebevollen Herzen« bezeichnet er die Gedichte, »es steckt recht viel in dem kleinen Buch: reine, treue Beobachtung und Erfassung der Natur, ein offener Blick für ihr großes und kleines Leben, Mitgefühl für die geheimen Freuden und die verborgenen Schmerzen der Kreatur und das, was eigentlich den Dichter macht, das Wissen um das gemeinsame Gesetz, unter dem alle Geschöpfe Gottes stehen.« Naturbilder aus der heimatlichen Umgebung und Handwerkerportraits machen einen guten Teil dieser 90 Gedichte aus.

Noch in seiner aktiven Zeit als Schuster vor Beginn des Krieges lernte Unterbuchner Schröder in dessen Haus kennen, es verband sie eine Freundschaft unter Dichtern, die Unterbuchner auch zum Vorteil gereichte. Rudolf Alexander Schröder, war ein großer Denker und Dichter, vielgenannter Lyriker und Essayist, zudem als Übersetzer moderner und antiker Autoren wie Homer und Horaz bekannt und 1899 Mitbegründer der Zeitschrift »Insel«, aus der 1902 der »Insel-Verlag« entstand. Als ihm die Nationalsozialisten in Bremen »als Vertreter der Evangelischen Kirche« jedes Auftreten in der Öffentlichkeit untersagten, entzog er sich deren Einfluss durch die Umsiedelung 1936 nach Bayern. Hier lebte er bis zu seinem Tod auf der Sonnleiten in Bergen und begründete die dortige evangelische Kirchengemeinde.

Zu den Bewunderern Unterbuchners zählte auch Lenz Inhauser, Redakteur des Nachrichtenblattes »Wille und Weg«, einer Zeitschrift für Körperbeschädigte. Zu Pfingsten 1948 hatte er »dem Schuster und Poet des Chiemgau« ein selbstverfasstes Gedicht gewidmet mit dem Titel »Stille Stunde bei Hans Sachs«. Nach Erscheinen des Gedichtbandes »Heimat des Herzens« druckte er eine farbige Sonderseite über »Georg Unterbuchner. Schuhmacher und Poet« dazu in seiner Zeitschrift. Gedichte, handschriftlicher Text, Lebenslauf und die Hinweise auf Natur und Handwerk dieses liebevoll gestalteten Beitrages halfen Unterbuchners Bekanntheitsgrad weiterhin zu erhöhen.

Sehr großes Interesse fand im August 1949 die Chiemgauer Heimatwoche in Traunstein mit den Ludwig-Thoma-Tagen. Auf dem vielfältigen Programm stand unter anderem eine gemeinsame Lesung der beiden einheimischen Dichter Franziska Hager und Georg Unterbuchner im Rokokosaal am Stadtplatz. Für den passenden Rahmen sorgte ein Kammerorchester mit Serenadenmusik.

Im Traunsteiner Wochenblatt und in den Chiemgau-Blättern erschienen über viele Jahre hinweg Gedichtveröffentlichungen. Der damalige Chefredakteur Paul Mayer war ein guter Bekannter Unterbuchners, der ihn gern förderte und Verständnis für seine Kunst zeigte. Unter »Unterbuchner« konnte man vor allem Lyrisches und Naturbetrachtungen in schlichter oder gehobener Sprache lesen. Die weniger bekannte Seite des Dichters als »Peter Knieriem« oder »Laurentius Hierankl« bildeten – teils in schöner Mundart - treffsichere Verse im Schustertakt und Betrachtungen lokaler und aktueller Ereignisse. Erst seit Kriegsende bediente sich Unterbuchner für einen Teil seiner Arbeit eines Pseudonyms.

Verbreitung fanden die Gedichte auch über den Bayerischen Rundfunk. Ab 1954 gab es zahlreiche Rundfunkaufnahmen; in einer Serie von drei Sendungen kamen in der ersten »Die Grillen« und »Der Fink« zum Vortrag; besonders beliebt waren die »Schwammerlgedichte«, die durchaus als ein Höhepunkt seines Schaffens betrachtet werden können. Sie fanden großen Anklang und aufgrund der Nachfrage wurde die Ausstrahlung wiederholt.

Das Buch »Schwammerl-Reigen« erschien daher im Sommer 1961 im Eigenverlag, gedruckt bei A. Miller in Traunstein und illustriert mit Zeichnungen des Schriftstellers und Heimatpflegers Paul Ernst Rattelmüller. Als Pilzkenner hat der Autor seine »einbeinigen Gefährten« sehr genau beschrieben und charakterisiert. Es ist ein einmaliges Werk, vielleicht noch mit dem »Heiteren Herbarium« Karl-Heinrich Waggerls zu vergleichen.

Erdstern
Selten unterm Tannenrund – findest du dich ein,
Ornament auf dunklem Grund – formt dein zartes Sein.
Wo dein kleines Wunder blüht – ist der Himmel fern,
du, den man bei Tage sieht, - bist der Erde Stern.

1963 veröffentlichte Unterbuchner sein letztes Büchlein »Von fernem Klang« mit 70 Gedichten. Karl Spengler stellte das Werk im Münchner Merkur vor: ».....Sein Sinnen geht nach den ziehenden Wolken, nach tiefen Wäldern, dem Wellengekräusel des Sees nach ferner Kindheit. Er sieht die Naturerscheinungen seiner Welt zwar mit den Augen wie wir, doch ist es nur wenigen gegeben, sie in sich selbst widerhallen zu lassen. U. tönt, allen Zeitmoden zum Trotz, in seiner eigenen Weise, die verschattet ist von den »sieben Einsamkeiten«, und schlicht ist die stille Weise, mit der er seinen Gedanken und Betrachtungen Ausdruck gibt:

Hab mit blühenden Blumen –
einst deinen Weg gesäumt,
nun ist alles vergangen –
hab ich es nur geträumt?
Nein, es ist alles geschehen, –
und es musste so sein,
erst muss das Glück vergehen ,–
dann ist es ewig dein.

Empfindungen und Ausdruck solcher Verse könnten von Walther von der Vogelweide sein, doch sie gehören ganz Georg Unterbuchner, einen Neuartigen, von dessen dichterischem Schaffen Goethes Wort gilt: Alles Göttliche ist einfach, nur das Komplizierte ist unwahr. Kein Zugeständnis an die beifällig durchgelebten Verdrehtheiten der Gegenwart stört den reinen Klang dieser Gedichte, die er absichtslos hinsagt aus unverdorbenem Gemüt. Wer sie aufnimmt, dem ist, als hätte er unter der Spreu ausgedroschener Phrasen ein Goldkorn gefunden.«

Die Werke Unterbuchners entstanden zumeist zuerst auf kleinen Zetteln, Einsteck-Jahreskalendern, Zeitungsrändern, Papierschnipsel; alles konnte er gebrauchen. Das Dichten fiel ihm leicht; die Ideen sprudelten nur so und er nutzte jedes Stück Papier um sie schriftlich festzuhalten. Zum Schreiben verwendete er kleine Bleistifte, die er mit dem Federmesser anspitzte. In späteren Jahren kam die Schreibmaschine zum Einsatz. Neben diesem Sammelsurium gab es ein wertvolles rotgebundenes Büchlein mit circa 100 Gedichten, fein säuberlich mit kleiner gleichmäßiger Handschrift in Tinte geschrieben und mit filigranen Pflanzenzeichnungen versehen. Zwischen den Seiten finden sich immer wieder getrocknete und gepresste Blumen und Blätter. Auch in seinem Wehrpass hatte er ein 4-blättriges, Glück versprechendes, Kleeblatt eingelegt.
1968, anlässlich Unterbuchners 60. Geburtstages, brachte der Bayer. Rundfunk eine Jubiläumssendung mit der Gedichtfolge »Spiel im Sommer«.

Künstlerbekanntschaften

Als Kriegsfolge hatten sich in Traunstein viele Künstler eingefunden. Schon 1945 fand die erste Gemälde-Ausstellung einer Gruppe unter Leitung von Erwin Shoultz-Carnoff statt, die sich ein Jahr später »Roter Reiter« nannte und die moderne Richtung repräsentierte. Einen Gegenpol stellte der konservative »Künstlerring Chiemgau« dar, zu dessen Gründungsmitgliedern 1946 unter anderem der Maler Hubert Meier-Sökefeld gehörte. Schauspieler, Maler und Schriftsteller waren darin vertreten. Auch Georg Unterbuchner schloss sich dieser Vereinigung an, ebenso wie die Heimatschriftstellerin Franziska Hager und Rudolf Alexander Schröder. Gerade die Verbindungen zu diesen Beiden waren hilfreich, tief und »lebenslang«.

Franziska Hager war 35 Jahre älter als Unterbuchner und ihm eine verdienstvolle Förderin. Er war von ihrer Ausdruckskraft und Sprache beeindruckt: »Alles was sie schreibt ist restlos durchdacht, durchgeistigt und zugleich mit dem Herzen geschrieben«. In einem Portrait Franziska Hagers von 1964 beizeichnet er ihre Arbeit »eine bayerische Odyssee der Sehnsucht von so sprachlicher Vollendung, wie es sie in dieser Form noch nicht gibt, und wie sie in Zukunft auch nicht mehr geschrieben werden kann«.

Während und nach dem Krieg lebte die gebürtige Traunsteinerin wieder in der Ludwig-Thoma-Straße. In dieser Zeit hatten sich Hager und Unterbuchner kennengelernt. Er arbeitete noch als Schuhmacher und steckte ihr eines Tages einige seiner Gedichte in die reparierten Schuhe. Es entwickelte sich eine lange Freundschaft und in ihrem Brieftascherl trug sie ständig das Gedicht »Einmal« bei sich. Zu ihrem 80. Geburtstag schrieb Unterbuchner im »Gedenkblatt«: »Neuordnung und Aufbau, die beide dem unausweichlichen Zusammenbruch unseres materialistischen Zeitalters einst folgen werden, lassen sich kaum vollziehen, ohne den schöpferisch-bedeutsamen und bleibenden Werken der Kunst wieder jenen Platz einzuräumen, der ihnen als geistig und seelisch verlebendigender Substanz unserer menschlichen Existenz zukommt.«
Georg Unterbuchner durfte sich zu den Freunden Max Steinleitners zählen, der als Maler in Übersee lebte und arbeitete. Sein Hauptwerk schuf er hauptsächlich vor 1933, fand dafür große Anerkennung im Ausland, wie Paris, Ungarn oder Amerika. In Traunstein wurde lediglich ein einziges Werk zu Lebzeiten ausgestellt. Während der NS-Zeit hatte er Schwierigkeiten wegen seiner Ausländerfreundlichkeit und seiner Freundschaft mit der jüdischen Malerin Aranka Schulhoff. Als er nach Kriegsende sein Atelier räumen musste, bedeutete dies das Ende seiner Arbeitsfreude und danach entstand kaum mehr ein Bild. Er lebte zurückgezogen und verarmt. Den im Chiemgau kaum beachteten Künstler stellte Unterbuchner 1949 in einem Aufsatz für die »Münchner Allgemeine« in deren Beilage »Bayer. Heimat« vor. Darin bedauert er, »...dass Echtes und Urtümliches in der Kunst nur noch selten zu finden sind. Innerlichkeit und Herzlichkeit des Empfindens, als Hauptträger menschlicher Kultur sind in den Hintergrund gedrängt. Doch Steinleitner ist einer der wenigen, die diesem verderblichen Zuge der Zeit nicht zum Opfer gefallen sind.«

Dass er sich mit dem Werk des Malers recht intensiv befasst hat zeigt ein ausführlicher informativer Beitrag
in den Chiemgaublättern vom 09.08.1952, der sich dabei auf zahlreiche Pressestimmen aus dem In- und Ausland stützt. Zu den vielbeachteten Portraits Steinleitners gehört »Der Priesters« aus dem Jahr 1925; im »New York Herald« fand dieses Bild Erwähnung und wird mit El Greco verglichen. Es muss auch Unterbuchner tief berührt haben, denn er verfasste ein einfühlsames Gedicht dazu, das er aber nicht veröffentlichte.

Nach Kriegsende gab es nicht nur berufliche, sondern auch private Veränderungen. In Thannreit baute Unterbuchner 1950 erneut ein Haus, wurde Vater von Monika, Georg und Rudolf und ging seine zweite Ehe ein. Familiäre Ereignisse sind in seinen Werken so gut wie nie präsent. Es entsprach durchaus seinem Naturell, derartige Dinge nicht nach außen zu tragen. Seine Familie war ihm sehr wichtig und beschäftigte ihn sehr. Die Liebe zur Natur vermittelte er auch an seine Kinder. In den Ferien waren sie oft gemeinsam den ganzen Tag im Wald, sammelten Beeren und Pilze, natürlich auch Brennholz. Nach langem Tag durften die Kinder im Leiterwagerl heimfahren. Die gesammelten Pilze wurden von ihm eigenhändig bis spät in die Nacht geputzt. Im ganzen Haus standen die Körbe und Kistchen mit Pilzen und verströmten ihren typischen Geruch. Abnehmer für die Schwammerl waren Privatpersonen und die nahe Gaststätte.

In den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die Traunsteiner Kunstszene einen deutlichen Aufschwung. 1973 eröffnete Edith Winkler die »Galerie im dritten Stock«, es folgten die »Galerie im Kutscherhäusl« und die »Galerie im Stock«. Später kamen das städtische Kulturzentrum und die städtische Galerie hinzu. Künstler von internationalem Rang stellten aus, es entwickelte sich ein Treff für das kunstinteressierte Traunstein. Einen wesentlichen Anteil dabei leisteten Georgine Volkmar und Peter Kerth. In diesem Umfeld traten auch die ehemaligen Mitglieder des Freien Künstlerkreises und deren Werke wieder an die Öffentlichkeit. Eugen von Tarnoczy, Hans Kaufmann, Max Steinleitner wurden in Traunstein präsentiert. Ausstellungen, Lesungen, Musikveranstaltungen in der Galerie im Stock fanden großen Zuspruch. Unter all diesen Künstlern war auch immer wieder Georg Unterbuchner anzutreffen. Mit seiner stattlichen Körpergröße, der hohen Stirn und den tiefen Falten im Gesicht war er ebenso auffällig wie die Maler Eugen von Tarnoczy und Ernst von Dombrowski. Dies erkannte der damals noch junge Fotographenmeister Peter Mühlbacher und portraitierte die Größen für seine Fotoausstellung über Männer des öffentlichen Lebens.

Portraits anderer Art fertigte der Traunsteiner Kunstmaler und Graphiker Sepp Binder, der erstmals 1965 in seiner Heimatstadt ausstellte. Ende der 60er-Jahre diente ihm Georg Unterbuchner dreimal als Modell. Dabei entstanden unterschiedliche Bilder, die den Mensch Unterbuchner sehr gut wiedergeben.

Mühlbachers Fotoportraits entstanden 1977 in Unterbuchners Wohnung in Thannreit kurz vor seinem Tod. In ihnen spiegelt sich das entbehrungsreiche, von Krankheit geprägte Leben eines Menschen wider, »der selten im Leben eine Freude gefunden hat«, wie er in einem offenen Brief von der Front an seinen Sohn schrieb.

Georg Unterbuchner verstarb am 25. April 1978. Seine Grabstätte befindet sich im alten Teil des Traunsteiner Waldfriedhofs.

Walter Staller

Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 39/2008

Quellen:
Traunsteiner Wochenblatt und Chiemgaublätter
Heimatbuch des Landkreises Traunstein, Teil III
Hans Heyn »Max Steinleitner. Ein Maler aus dem Chiemgau«, Drei Linden Verlag 1983
Hans Heyn »Lesebuch aus der Provinz. Chiemgau«, Rosenheimer Verlag 1988
Fritz Lindenberg »Sepp Binder. Maler und Graphiker«, Drei Linden Verlag, 1985



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