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Jahrgang 2007 Nummer 12

Der mittelhochdeutsche Dichter Neidhart von Reuental

Er stammte aus Bayern und war einer der originellsten Lyriker seiner Zeit

Abbildung Neidharts in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), Zürich (1305-1340). Neidhart als zentrale Figu

Abbildung Neidharts in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse), Zürich (1305-1340). Neidhart als zentrale Figur ist auf dem Bild von Bauern umgeben, die an ihren kurzen Röcken und an den schrägen Binden um die Unterschenkel zu erkennen sind.
Ûf dem berge und in dem tal
hebt sich aber der vogele schal,
hiure als ê
gruonet klê.
rûme ez, winter, dû tuost wê!
Die boume, die dâ stuonden grîs,
die habent alle ir niuwez rîs
vogele vol: daz tuot wol.
dâ von nimt der meie den zol.
Ein altiu mit dem tôde vaht
beide tac und ouch die naht.
diu spranc sider
als ein wider
und stiez die jungen alle nider.
(In Berg und Tal
erhebt sich wieder der Vöglein Gesang,
wie ehedem
grünt jetzt der Klee.
Entweiche, Winter, du tust weh!
Die Bäume, die von Reif bedeckt waren,
haben nun alle ihr grünes Reis
voll von Vögeln. Das tut gut.
Davon erhebt der Mai den Zoll.
Eine Alte rang mit dem Tod
Tag und Nacht.
Die hopste seitdem
wie ein Widder umher
und stieß alle Jungen um.)

Neidhart, der in diesen Zeilen den lang ersehnten Frühling begrüßt, kann ohne Zweifel zu den wirkungsvollsten Dichtern des Mittelalters gezählt werden. Trotz seiner großen Popularität stößt man jedoch schnell an Grenzen, wenn man versucht, Näheres über sein Leben und seine Person zu erfahren. Wie auch bei vielen anderen mittelhochdeutschen Dichtern liegen leider weder Dokumente noch Urkunden vor, aus denen man zuverlässige Informationen über seine Biographie ziehen könnte. Es bleiben deshalb nur die Hinweise, die er uns selbst in seinen Liedern gibt. Freilich bewegt man sich mit dieser Methode auf dünnem Eis: Strophen, in die Spuren von realen Lebensumständen des Autors eingeflossen sein könnten, sind in Neidharts Dichtung zwar relativ häufig. Dennoch muss stets mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass er die autobiographischen Aussagen im Rahmen seiner dichterischen Freiheit überformt und verändert hat.

Die Schwierigkeiten beginnen bereits bei seinem genauen historischen Namen. Oft wird er nämlich in Verbindung mit dem Ortsnamen »Reuental« (mhd. Riuwental) als »Neidhart von Reuental« bezeichnet, da in seinen Liedern wiederholt ein Ritter die Hauptrolle spielt, der im Reuental zu Hause ist. Und tatsächlich – Orte mit ähnlichem Namen, die als mögliche Wohnorte des Dichters in Frage kommen, stehen im süddeutschen Raum gleich mehrere zur Auswahl: Das Rewental im Kreis Freising, ein Reintal, südöstlich von Landshut, und ein Reuenthal im Odenwald. Ob aber Neidhart tatsächlich jemals in einem Reuental wohnte oder ob er den Namen lediglich metaphorisch als »Jammer- oder Trauertal« gebraucht hat, wird wohl für immer ein Rätsel bleiben. Er könnte zwischen 1170 bis 1190 geboren sein, eine genauere Datierung ist hier leider unmöglich. Alles spricht für eine Herkunft aus Bayern, vielleicht sogar aus dem Alpenvorland im Salzburger Raum. Hier wirkte er als fahrender Sänger, immer unterwegs zu Städten oder zu Burgen, wo sich gerade eine Auftrittsgelegenheit bot. Romantisch darf man sich dieses Leben sicher nicht vorstellen, denn Neidhart, aber auch seine Dichterkollegen wie der Tannhäuser oder Walther von der Vogelweide klagen oft über Geldmangel oder den zermürbenden Kampf um die Gunst eines adligen Mäzens. Neidhart dürfte, zumindest zeitweise, von Herzog Ludwig I. von Bayern unterstützt worden sein. Das Verhältnis zu ihm und somit die Existenzgrundlage des Dichters wurden später zerstört, weshalb er sein Glück in Österreich suchen musste. In einem Lied erfährt man von Neidhart folgendes:

Ich hân mînes herren hulde vloren âne schulde...
...des hân ichze Beiern lâzen allez, daz ich ie gewan, unde var dâ hin gein Ôsterrîche.
(Ich habe die Huld meines Herren ohne Schuld verloren...
In Bayern ließ ich alles zurück, was ich je erwarb, und ziehe hin nach Österreich.)

Über die genaue Ursache lässt der Dichter sein Publikum aber im Unklaren. Historische Tatsache ist jedoch, dass Herzog Ludwig im Jahr 1231 in Kelheim auf der Donaubrücke erstochen wurde. Spätestens ab diesem Zeitpunkt also war Neidhart gezwungen, sich einen neuen Förderer und Gönner zu suchen. Diesen fand er in Friedrich II. dem Streitbaren von Österreich, der sich 1230 die Macht erkämpft hatte. Von ihm erhielt Neidhart mit ziemlicher Sicherheit in Mödling bei Wien ein Haus, seinen Alterssitz.

Bittere Erfahrungen machte Neidhart auch als Kreuzfahrer: Man geht davon aus, dass er am Kreuzzug von 1217 bis 1221 nach Ägypten und am fünften Kreuzzug von 1228 bis 1229 nach Jerusalem mit Kaiser Friedrich II. teilnahm.

Sein Tod war mit großer Wahrscheinlichkeit um 1240, denn in seinem Werk finden sich keine Anspielungen und Bezüge auf historische Ereignisse nach diesem Jahr.

Viele von Neidharts Liedern spielen vor einer ländlichen, dörflichen Kulisse. Hier lässt er seinen ritterlichen Protagonisten und die Dorfbewohner – Neidhart bezeichnet sie oft als Dörper – Tanz- und Liebeslust, aber auch Streitereien oder derbe Schlägereien erleben. Diese Thematik war für die mittelalterliche Lyrik ohne Zweifel äußerst revolutionär, stellt sie doch provokativ die Tradition des Hohen Minnesangs auf den Kopf, indem sie seine Regeln und Motive parodiert: Bei Neidhart besingt nicht der Ritter die sozial höher stehende Herrin, sondern das einfache Bauernmädchen macht sich an den Ritter heran.

Das Benehmen der Dörper gibt ihm dabei oft Anlass zur Klage: Kritisiert werden ihre Angeberei, ihre Tölpelhaftigkeit und ihre Streitsucht. Sie sind seine Gegenspieler, verdrängen ihn vom Tanzplatz und verhindern seinen Erfolg bei den Mädchen des Dorfes:

Daz die dörper alle ein ander slüegen!
daz lieze ich alsô hine gân;
wan si tuont mir vil ze widerdrieze:
ir üppikeit
diust sô grôz,
daz ir die wîsen spottent über al...
...ich bin vreuden gar von in versûmet.
(Möchten sich doch die Dörper alle gegenseitig umbringen!
Das ließe ich gern hingehn,
denn sie machen mir viel Verdruss.
Ihre Aufgeblasenheit ist so groß,
dass sich alle Verständigen über sie lustig machen...
...Sie haben mich um alle Freuden gebracht.)

Neidharts Kritik am Verhalten der Dörper hat dazu geführt, dass man ihn als Bauernfeind schlechthin gesehen hat. Es wäre jedoch falsch, die Bezeichnung Dörper ausschließlich als Synonym für Bauern zu verstehen. Denn nicht sie möchte er an den Pranger stellen, sonst hätte er die mittelhochdeutschen Bezeichnungen bûre, gebûre (Bauer) verwenden können. Dörper sind für ihn vielmehr Angehörige der höfischen Welt, die sich unhöfisch benehmen und dabei ritterliche Normen und Werte verletzen, aber auch Bauern, die über ihre Standesgrenzen hinausdrängen und versuchen, sich den Rittern gleichzusetzen. Dass der Dichter hier auf realhistorische Erscheinungen seiner Zeit anspielt, kann kaum bezweifelt werden. Neidharts Minnesang-Parodien mit ihrer zum Teil derben und alltagsnahen Sprache kamen gut an bei seinem mittelalterlichen Publikum – nicht vergessen darf man dabei auch, dass diese Lieder gesungen wurden und zu den schwungvollen Melodien getanzt werden konnte. Und kein geringerer als sein Konkurrent Walther von der Vogelweide, der der traditionellen Minnelyrik treu geblieben war, neidete ihm dann auch seine große Beliebtheit: Für ihn ist Neidhart nur ein »quakender Frosch, der mit seinem lauten Geschrei der Nachtigall (damit meint Walther sich selbst) die Lust zum Singen nimmt«.

Doch selbst dieser prominente Kritiker konnte dem Erfolg von Neidharts unkonventionellem Stil nichts anhaben: 400 Jahre lang waren seine Lieder im Volk populär. Von ihrer weiten Verbreitung zeugen zahlreiche handschriftliche Zeugnisse aus dem 13. bis 15. Jahrhundert. Sogar in Drucken aus dem 16. Jahrhundert begegnen uns noch seine Strophen.

Eveline Heinrich

Verwendete Literatur/Zitate:
Neidhart von Reuental, Lieder. Auswahl mit den Melodien zu neun Liedern. Übersetzt und herausgegeben von Helmut Lomnitzer. Stuttgart 1984.
Kühn, Dieter: Neidhart und das Reuental. Eine Lebensreise. Frankfurt a. M. 2004.
Schweikle, Günther: Neidhart. Stuttgart 1990.



12/2007