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Jahrgang 2013 Nummer 45

Der Mithras-Tempel bei Rosenheim

Die römischen Soldaten waren Anhänger des orientalischen Kults

Kultbild des Gottes Mithras (Rekonstruktion).
Unterirdisches Mithräum in Rom.
Römische Münze aus Mühlthal mit dem Porträt des Kaisers Elagabal (218-222), auf der Rückseite Segelschiff mit der Inschrift »Felicitas« (Glück).
Kultgefäß aus dem Mithrastempel.

Einige Kilometer innabwärts von Rosenheim, in der Nähe des Weilers Mühlthal, stand zur Römerzeit auf halber Höhe der Innterrasse ein Mithräum, ein Tempel für den Gott Mithras, errichtet von römischen Soldaten, die den nahen Übergang über den Inn und die dortige Zollstation bewachten. Überreste des Bauwerks sind in den Jahren 1978 bis 1980 von der Prähistorischen Staatssammlung München (heute Museum für Vorund Frühgeschichte) ausgegraben und wissenschaftlich untersucht worden.

Zur Römerzeit bildete der Inn die Grenze zwischen den zwei Provinzen Rätien im Westen und Noricum im Osten. Rätien gehörte zum gallischen Zollbezirk, Noricum zum illyrischen Zollbezirk mit dem Hauptsitz im heutigen Ptuj in Slowenien. Beim Übergang über den Inn waren alle Waren mit einem Zoll in Höhe von 2,5 Prozent des Warenwertes zu verzollen. Hier am Inn kreuzten sich zwei wichtige Verkehrswege, einerseits die Straße vom Brenner kommend nach Regensburg, andrerseits die Straße von Salzburg nach Augsburg. Die Soldaten der Militärstation kontrollierten den Personen- und Warenverkehr und waren auch für den Straßenunterhalt zuständig. Nach den archäologischen Funden ist anzunehmen, dass sich hier auch zumindest zeitweise ein Lager für größere Heeresteile befunden hat. Die genaue Lage des Kastells und der Innbrücke ist nicht bekannt, die römische Bezeichnung »Pons Oeni« (Brücke über den Inn) lebt bis heute in den Ortsnamen Langenpfunzen und Leonhardspfunzen weiter.

Der aus Kleinasien stammende Mithraskult war im ersten vorchristlichen Jahrhundert nach Rom gelangt und hatte sich von dort in weiten Teilen des Imperiums verbreitet. Seine Anhänger verehrten den Gott Mithras als Herrscher über die kosmischen Mächte und Schöpfer der Welt. Als Beschützer der Treue, der Wahrheit und als Sieger über das Böse wurde er zum Lieblingsgott der Krieger. Sein Kult betonte die Unsterblichkeit der Seele und nährte die Hoffnung auf den Sieg der Gerechtigkeit.

Die nur für Männer zugänglichen kultischen Zusammenkünfte fanden in der Nacht statt. Jeder Tempel hatte ein Kultbild mit der Darstellung, wie Mithras einen weißen Stier tötet. Der Stier bedeutet nach neueren Interpretationen das Sternbild des Stieres, das durch Mithras beendet und durch das Sternbild Perseus abgelöst wird. Mithras steht nach dieser Deutung für den Helden Perseus. Alle bisher aufgefundenen Mithras-Bilder zeigen dieselbe Ikonografie. Der schwungvoll geöffnete Mantel des Gottes und das reich verzierte Gewand leuchten in feierlichem Rot, das Mantelfutter ist blau und mit Sternen geziert. Mit der linken Hand hält Mithras den Stier bei den Nüstern fest, mit der Rechten führt er den tödlichen Dolchstoß gegen seinen Hals.

Das Mithräum von Mühlthal war 12 Meter lang und 9 Meter breit mit einer auf Holzpfosten ruhenden 8 mal 4 Meter großen Vorhalle. Das Hauptschiff war aus Tuffsteinen erbaut und mit Ziegeln gedeckt, die seitlichen Ruhebänke waren etwa fünfzig Zentimeter erhöht. Mehrere Gruben im Inneren dienten wohl der Aufnahme von Resten geopferter Tiere.

Bei der Grabung fand man Teile des Kultbildes aus Marmor mit der Darstellung der Stiertötung. Auf einer Steinplatte liest man die Inschrift: »Dem unbesiegten Mithras hat Fructus, der Sklave des Stationsvorstehers, diesen Altar aus Marmor errichten lassen«. Außerdem fanden die Ausgräber Fragmente von fünf Weihealtären, Reste mehrerer Tongefäße, Öllämpchen, zerbrochene Trinkbecher aus Glas, ein Räuchergefäß aus Kupfer, Bronzefibeln und 580 Münzen aus dem 1. bis 4. Jahrhundert, in welchem der Tempel aufgegeben worden ist.

Wie man aus antiken Quellen weiß, gingen der Aufnahme eines Bewerbers verschiedene Mutproben und strenge Prüfungen voraus. Ein Taufakt besiegelte die Mitgliedschaft. Getauft wurde nicht mit Wasser, sondern mit dem Blut eines Opfertieres, mit dem der Priester den Kandidaten besprengte, während dieser sein Haupt über eine Grube beugte. Insgesamt gab es sieben jeweils unter dem Schutz eines Planeten stehende Weihegrade mit immer härteren Prüfungen. Erst wenn sich ein Kandidat bewährte, wurde er vom Mithraspriester zum Kultmahl zugelassen, das aus Brot und Wein bestand. Zum Ritual gehörte auch eine Befragung des Kandidaten nach einem genau festgelegten Schema. Der höchste Weihegrad war offenbar nur ganz wenigen vorbehalten. Nach der Mithraslehre wurde die Seele des Adepten von Stufe zu Stufe immer enger mit Mithras verbunden, bis sie reif genug war, nach dem Tod in das göttliche Leben einzugehen.

»Die Mithrasgemeinden versammeln sich nach Möglichkeit in unterirdischen, auf jeden Fall in lichtlosen Räumen«, heißt es in einem anonymen Bericht. »Links und rechts sind erhöhte Sitzbänke, auf denen die Gläubigen liegen oder knien, den Blick auf das große Kultbild an der Vorderseite gerichtet. Das drehbare, doppelseitige Relief wird durch raffinierte Lichteffekte magisch beleuchtet. Geheimnisvolle Musik und Blutopfer auf dem Altar tun ein Übriges, die Gemeinde in einen Zustand tiefster Entrückung zu versetzen.«

Die auffallende Ähnlichkeit mancher Zeremonien der Mithraslehre mit dem Christentum hat schon früh Verwunderung erregt und bei Christen für Verwirrung gesorgt. Auch den Kirchenvätern war sie ein Dorn im Auge, doch hatten sie dafür eine Erklärung parat, indem sie die Parallelen auf die Einwirkung von Dämonen zurückführten, von denen die christlichen Riten nachgeäfft worden seien, um die Christen zu verunsichern. Dessen ungeachtet stellte die Mithrasreligion für das frühe Christentum eine nicht zu unterschätzende Konkurrenz dar. Ihr Charakter einer reinen Männerreligion mag ein Grund dafür gewesen sein, dass es ihr nicht gelang, die breiten Massen für sich zu gewinnen.

Das Ende des Mithrastempels von Mühlthal schlug mit dem Rückzug der römischen Truppen aus den Provinzen Rätien und Noricum. Der Rückzug erfolgte nicht schlagartig, sondern zog sich über einen längeren Zeitraum dahin. Inzwischen hatte der christliche Glaube im Römerreich seinen Siegeszug angetreten, seit Kaiser Konstantin der Große das Verbot des Christentums aufgehoben hatte und selbst Christ geworden war. Unter Kaiser Theodosius wurde im Jahre 391 der Besuch von heidnischen Tempeln und Opferstätten ganz verboten. Damit schlug auch für das Mithräum in Mühlthal die letzte Stunde. Spätestens in der Mitte des fünften Jahrhunderts verließen die letzten Soldaten das Römerkastell und die Zollstation am Inn. Die während der Völkerwanderung vordringenden Germanen drängten die Truppen und die römische Zivilbevölkerung aus Rätien und Noricum fast vollständig zurück. Das Mithräum verfiel und sein Andenken geriet in Vergessenheit. Erst die archäologische Grabung vor gut dreißig Jahren brachte die Reste des einstigen Heiligtums wieder ans Tageslicht.


Julius Bittmann

 

45/2013