Jahrgang 2001 Nummer 48

Der mißglückte Nikolausbesuch

Eine Dorfgeschichte aus dem letzten Krieg

Weil im Kriegswinter 1941 so ziemlich alle Männer den feldgrauen Soldatenrock tragen mußten, ist damals die Wildermoser Kreszenz von Friedlfing zu der hohen Ehre gelangt, als irdische Stellvertreterin des himmlischen Bischofs Nikolaus am Vorabend des 6. Dezember den Huberhof zu besuchen. Der Huber-Mutter war es nämlich gar nicht recht, daß neben so vielem anderem der Krieg auch das altüberlieferte Brauchtum außer Kraft setzte. Deshalb sann sie auf Abhilfe und kam dabei zu der Meinung, daß der heilige Bischof Nikolaus in dieser Notsituation wohl auch gegen eine weibliche Stellvertreterin – eine Bischofin gewissermaßen – nichts einzuwenden habe. In der kleinen Filialkirche neben ihrem Hof, die sie betreute, hing ein alter Rauchmantel samt Chorrock. Und eine Bischofsmütze konnte sie ja aus Stoffresten selbst schneidern. Den Rauchmantel würde wohl, so dachte sie, die Wildermoser Kreszenz ebenso auszufüllen in der Lage sein, wie ein Mannsbild. Er verbarg etwaige verräterische weibliche Formen und dem Gesicht konnte man ja mit einem Wergbart ein ebenso würdiges wie männliches Aussehen verleihen.

Die Wildmoser Kreszenz war anfänglich vom Plan der Huber-Bäuerin gar nicht begeistert. Schließlich hatte sie auch anderes zu tun, als nach Feierabend ausgerechnet einen Bischofs-ornat anzuziehen und dann den kleinen Huberkindern als Nikolaus die Leviten zu lesen. Aber die Kreszenz hatte ein gutes Herz und konnte schließlich der Überredungskunst ihrer Nachbarin nicht mehr widerstehen. »Wenn’s dann unbedingt sein muaß, dann muaß i halt in den sauren Apfl beißn, will sagn den falschn Bart umhänga und den Nikolo vertretn!« gab sie nach einem längeren Disput ihre Zusage.

Die Kreszenz war ein einschichtiges Weiberleut ohne familiären Anhang, verdiente sich auf den Bauernhöfen der Umgebung ihren Lebensunterhalt als Taglöhnerin und bewohnte in der Nähe des Huberhofes ein kleines Häusl. Sie war eine kreuzbrave Frau, in ihrer Einsamkeit etwas wortkarg und verschroben geworden, aber ausgestattet mit einem grundgütigen Herzen. Und die Liebe zu den Kindern hatte sie sich von Jugend an bewahrt, obwohl ihr Bräutigam im Ersten Weltkrieg gefallen war und sie daraufhin die Hoffnung auf eigene Kinder hatte aufgeben müssen. Sie ging deshalb nicht ungern als Nikolo zu den Huberkindern. Aber wovor sie etwas Angst hatte, das war die Verpflichtung zum Reden müssen, noch dazu so feierlich und hochdeutsch und wie bei der Predigt – auch wenn es nur eine Kinderpredigt sein sollte.

Die Huberbäuerin mußte in den Tagen vor dem Nikolausfest ein schweres Stück Arbeit verrichten, bis sie der Kreszenz das Lampenfieber etwas gemildert und ihr die wichtigsten Hauptpunkte einer Nikolauspredigt beigebracht hatte. »Da braucht’s doch net viel dazua!« versicherte sie ihr immer wieder. »Du brauchst bloß recht streng und heilig schaun und aus Dei’m großn Buach vorlesn, was i Dir aufgschriem hab. Da stehn dann alle Schandtaten vom Peterl und die Trotzigkeiten von der Margretl drin.«

Der Peterl, das war der zehnjährige künftige Hoferbe und das Margretl dessen sechsjährige Schwester. Mit dem Dirndl, so sinnierte die Kreszenz in den nächsten Tagen immer wieder, würde sie wohl wenig Schwierigkeiten haben; denn das Margretl war noch sehr naiv. Aber der Peterl! Das war bereits ein ausgemachter Schlingel, von dem man nicht einmal genau wußte, ob er überhaupt noch an das persönliche Erscheinen des heiligen Nikolaus glaubte.

Er glaubte nicht mehr daran! Aber der Peterl hütete sich davor, seine erst wenige Tage zuvor von einem Schulkameraden erworbene »Weisheit« daheim ruchbar werden zu lassen. Er tat so, als ob er dem hohen Besuch genau so ängstlich entgegenbibere, wie seine Schwester. Und er ließ sich auch nicht anmerken, daß es bei ihm »gefunkt« hatte, als einmal seine Mutter über einen »Versprecher« stolperte und er seitdem wußte, daß die Wildermoser Kreszenz ihm die Ehre ihres Besuches erweisen würde. ein ums andere mal versicherte er scheinheilig der Mutter, daß er die Schandtaten des vergangenen Jahres aufrichtig bereue und sich ganz bestimmt künftig mehr zusammennehmen würde, wenn ihn der heilige Nikolaus nicht mitnehme in die himmlische Besserungsanstalt.

Schließlich kam der Abend vor dem Nikolausfest heran. Die Huberbäuerin und ihre einzige Magd, die Kleiner Marianne, hatten sich an diesem Abend die Arbeit so eingeteilt, daß sie etwas früher als sonst damit fertig wurden. So saßen die beiden Frauen und die Kinder schon einträchtig auf der Eckbank in der Küche beisammen, als die Dämmerung hereinbrach und auf einmal der heilige Nikolaus mit seinem Bischofsstab kräftig an die Haustür klopfte. Die Mutter eilte hinaus und geleitete mit freundlichen Worten den hohen Gast in die Küche. Die Wildermoser Kreszenz machte als Bischof wirklich eine gute Figur, an der nichts auszusetzen war! Sie sah so aus, als ob sie gerade erst ihren himmlischen Fensterplatz verlassen hätte, von dem aus bekanntlich der heilige Nikolaus das ganze Jahr hindurch zuschaut, was die Kinder so alles anstellen.

Das kleine Margretl blickte etwas verschüchtert aber auch andächtig zu der majestätischen Gestalt mit dem langen grauen Bart auf. Angst brauchte man ja vor einem so frommen Mann nicht zu haben, und außerdem stand neben ihr die Mutter, hinter der man sich notfalls schnell verstecken konnte.

Nachdem sich der himmlische Besucher zur Überwindung seiner Verlegenheitspause umständlich die Brille und die Nase geputzt hatte, schlug er sein großes Buch mit dem glänzend goldenen Einband auf und begann zuerst das mit dem Wort »Margretl« gekennzeichnete Kapitel vorzulesen. Von den üblichen Kleinkinderfehlern, wie Trotz, Unfolgsamkeit und Neugier einmal abgesehen, stand nicht viel Negatives im Bischofsbuch, was eine strengere Rüge erfordert hätte. Und so konnte das Margretl schon bald wieder in den Schutz der Eckbank entlassen werden.

Während das alles vor sich ging, hatte niemand auf den Peterl geachtet, der verstohlen in seinem Hosensack kramte, einen kleinen Gegenstand herausfingerte und an diesem hinter seinem Rücken mit einem winzigen Schlüssel herumhantierte. Als er nun aufgerufen wurde und Sankt Nikolaus schon mit seiner in diesem Fall gar nicht so milden Strafpredigt beginnen wollte, stand er recht zögerlich von der Bank auf, tat so, als ob ihm sein Taschentuch auf den Boden gefallen wäre, und stellte dabei blitzschnell den in der kleinen Faust versteckten Gegenstand auf den Boden. Dann trat er vor zum heiligen Nikolaus, schrie aber schon im Vorwärtsgehen laut auf und rief ganz schreckhaft: »A Maus, a Maus!« Er hatte sich nämlich noch rechtzeitig vor dem Bischofsbesuch daran erinnert, daß die Wildermoser Kreszenz nichts so sehr fürchtete wie eine Maus, und sich daraufhin von einem Schulkameraden eine kleine, aufziehbare Spielzeugmaus ausgeliehen.

Während der Peterl noch laut seinen Mausruf erschallen ließ, begann auch schon die Spielzeugmaus den Vormarsch in Richtung Sankt Nikolaus anzutreten. Als dieser, beziehungsweise diese, das sah, war es mit der würdevollen himmlischen Mimik vorbei. Nun schrie auch der Nikolaus laut auf, ließ das goldene Buch fallen, wollte rasch zur Tür hinaus und blieb dabei mit dem langen Bart am Griff des Küchenkastls hängen. Mit einem Ruck war der Bart ab, und hochrot im Gesicht vor Scham verließ die Kreszenz fluchtartig den Schauplatz ihrer Niederlage. Den Sack mit den Nüssen, den Äpfeln und den Lebzelten konnte sie gerade noch auf den Küchenboden werfen, bevor die Tür zuschlug und sie eilends das Weite suchte.

Alois J. Weichslgartner



48/2001