Jahrgang 2009 Nummer 4

Der Mammutzahn von München-Perlach

Schmelzwasser der Zwischeneiszeit verfrachteten ihn in die Münchner Schotterebene

Beim Kiesabbau in einer Kiesgrube in München-Perlach fanden Arbeiter im Jahre 1953 ein stark verschmutztes riesiges Knochenstück, das Fachleute als Backenzahn eines Wollhaarmammuts identifizierten. Der Zahn ist mit einer Länge von 32 Zentimetern und einer Höhe von 14 Zentimetern ein wahres Prachtstück. Er war in eine meterdicke Kiesschicht eingebettet. Das bedeutet, dass das Mammut nicht im Fundgebiet gelebt hat, sondern viele Kilometer weiter im Süden am Alpenrand. Nach seinem Tod und dem Zerfall des Skeletts muss der isolierte Zahn denn mit dem Schmelzwasser der Gletscher an seine endgültige Einbettungsstelle in der Münchner Schotterebene transportiert worden sein. Heute befindet er sich im Paläontologischen Museum in München.

Das Alter des Zahns beträgt rund 20 000 Jahre und stammt damit aus etwas späterer Zeit als das Siegsdorfer Mammut, das im Gerhardsreiter Graben im Jahre 1985 geborgen wurde. Es ist der letzte Backenzahn eines Unterkiefers und so groß, dass er die gesamte Länge des Unterkiefers ausfüllte.

Mammute hatten wie die heutigen Elefanten einen besonderen Zahnwechsel, bei dem sich die insgesamt sechs Backenzähne je Kiefer nicht wie – bei den übrigen Säugetieren und wie bei uns Menschen – gleichzeitig ausbildeten, sondern nacheinander. Es waren also immer nur vier Backenzähne im Gebrauch, zwei im Unterkiefer und zwei im Oberkiefer. Im Abstand von jeweils acht bis zehn Jahren entwickelte sich ein neuer Zahn, nachdem der alte Zahn abgenutzt und abgestoßen worden war. Da es sich beim Perlacher Zahn um den letzten Backenzahn einer Zahnreihe handelt, der noch nicht vollständig in Gebrauch war, wie die kleine, kaum abgeriebene Kaufläche zeigt, gehörte er vermutlich zu einem erwachsenen Mammut im Alter von 30 bis 40 Jahren.

Im übrigen unterscheiden sich die Backenzähne der Mammuts in ihrem Bau nicht von jenen der Menschen. Der Zahnkörper besteht aus Zahnbein (Dentin) und umgibt die Zahnhöhle (Pulpa), die Nerven, Blut- und Lymphgefäße enthält. Diese wiederum stehen über Öffnungen mit dem Nerven-, Blut- und Lymphgefäßen im Kiefer in Verbindung. Die Zahnkrone trägt eine Kappe aus Zahnschmelz, die Wurzel ist mit Zahnzement umhüllt.

Allerdings weisen die Backenzähne des Mammuts einige Besonderheiten auf. Neben der Größe und Höhe der Zahnkrone ist es vor allem ihre auffällige Gestaltung. Sie besteht aus vielen dünnen, quer zur Zahnlänge ausgerichteten und stark erhöhten Lamellen oder Rippen, die innen aus Zahnbein und außen aus Zahnschmelz aufgebaut sind. Zwischen den einzelnen Lamellen ist zur Stabilisierung des Zahns Zement eingelagert. Das typische Muster der Kaufläche entsteht durch den Kauvorgang, bei dem sich die Ober- und Unterkieferzähne gegenseitig abschleifen, so dass die obersten Spitzen der Schmelzkappe der Lamellen verschwinden und das Zahnbein zwischen den Zahnschmelzbändern an die Oberfläche tritt. Aus dem Abnutzungsgrad der Kaufläche und der Lage des Zahns im Kiefer kann der Fachmann das ungefähre Alter eines Mammuts bestimmen.

Die Backenzähne des Mammuts stellen eine Anpassung an die besondere Art ihrer Nahrung dar. Im Eiszeitalter entsprach die Vegetation im Gebiet zwischen Alpen und Donau in etwa der heutigen Tundra oder Kältesteppe. Die Mammute ernährten sich in der Hauptsache von harten Gräsern, Moosen und Flechten. Beim Zerkauen dieser Nahrung wurden die Zähne stark strapaziert. Die hohen Zahnkronen wirkten einem zu frühen Verbrauch der Zähne entgegen und haben sich deshalb im Laufe der Evolution beim Wollhaarnashorn immer mehr vervollkommnet.

Wegen ihrer Größe und dem häufigen Vorkommen von Mammutresten waren die Knochen des Mammuts die ersten Fossilien, welche die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zogen. Schon die alten Griechen sammelten sie, und Mammute waren auch die ersten Wirbeltiere, die im 18. Jahrhundert wissenschaftlich untersucht und identifiziert wurden. Bis dahin hatte man ihre Knochen für Überreste von menschlichen Riesen gehalten. In der Schweiz hatte sich sogar ein Streit darüber entsponnen, ob für die angeblich menschlichen Skelettreste ein christliches Begräbnis angebracht sei.

Julius Bittmann



4/2009