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Jahrgang 2016 Nummer 28

Der Maler Wilhelm Dieninghoff

Der Waginger See war ein bevorzugtes Bildthema

Wilhelm Dieninghoff, Selbstbildnis. (Foto: HM)

»Mythos Heimat«: Unter diesem Titel lief kürzlich im niedersächsischen Landesmuseum Hannover eine Ausstellung über europäische Künstlerkolonien. Worpswede, Barbizon in Frankreich, Ascona im Schweizer Tessin, Skagen im dänischen Jütland, Nagybánya in der ungarischen Tiefebene... 30 malerische Orte setzte die Ausstellung ins Bild – darunter auch zwei in Bayern: die Insel Frauenchiemsee und Dachau. Beide Orte waren von der Kunsthochburg München aus gut erreichbar, die Schönheit von Seenlandschaft und Mooslandschaft zog Maler von nah und fern an.

Hier im Chiemgau begann die Entwicklung 1828: Damals entdeckte eine Gruppe Münchner Künstler um Maximilian Haushofer die Fraueninsel. Weitere Künstler, auch aus anderen Ländern, folgten und blieben eine Weile, einige Wochen oder einen Sommer lang. Zu den »Entdeckern« Dachaus gehört der Maler Christian Morgenstern, der 1835 die Sommermonate dort verbrachte. Adolf Hölzel gründete 1888 die erste Malschule, sie machte Dachau auch im Ausland bekannt. Zahlreiche Künstler kamen daraufhin, um sich dauerhaft niederzulassen, gründeten ebenfalls Malschulen und bauten sich Villen, die noch heute zu bewundern sind. »Leidenschaftlich engagierten sich die Künstler für den Schutz des Dachauer Mooses, das heute weitestgehend zerstört ist«, heißt es in der Ausstellung in Hannover. Der Beginn des Ersten Weltkriegs markiert den Anfang vom Ende. Um Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, begann man nach dem Krieg mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wie der Trockenlegung des Mooses und der Begradigung der Amper. Klassische Motive der Künstler gingen auf diese Weise verloren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wandelte sich der kleine Markt Dachau endgültig vom Künstlerort zur Großen Kreisstadt.

Die Liste von Künstlern, die in der über 1200 Jahre alten Geschichte der Stadt von den Anfängen bis heute in Dachau gelebt und gewirkt haben, ist beeindruckend lang. Sie birgt über 1000 Namen. Einer davon ist Wilhelm Dieninghoff – Maler, Zeichner, Graphiker und Mosaikkünstler von beeindruckender technischer Vielseitigkeit und künstlerischer Produktivkraft. Er kam in den 30er Jahren zum ersten Mal nach Dachau, ab 1945 lebte er endgültig dort. 1903 in Albachten bei Münster geboren, erlernt der 14-jährige Sohn eines Bäckermeisters zunächst das Malerhandwerk, bevor er den Sprung nach München schafft und hier zuerst die Kunstgewerbeschule, dann die Akademie besucht. Die Professoren Engels, Klemmer und Caspar sind seine Lehrer im Fach Malerei. Das Matrikelbuch der Münchner Akademie der Bildenden Künste verzeichnet seinen Eintritt im Wintersemester 1928/29. Im Alter schilderte der Künstler rückblickend den Beginn seiner malerischen Laufbahn in humorvollen Worten:

»Maler wurde ich eigentlich nur, weil man mich als Lokomotivführer oder – was mir auch gut gefiel – als Architekt nicht gleich anstellen wollte. Der Maler ist in Norddeutschland ein Mann, der es mit hoher Kunst zu tun hat, während er in Süddeutschland von vielen großen Farbkübeln umgeben ist. Mein Vater war im Kriege. Meinem Zeichenlehrer, der ein Süddeutscher war, gab ich zu verstehen, daß ich Maler werden wollte. Er verstand darunter den Kübelmaler und empfahl mir, die Malerei mit dem großen Pinsel zu beginnen; er brachte mich gleich zum Oberinnungsmeister, und so wurde ich ein waschechter Anstreicher für Wände, Decken und Fußböden, lernte Glasern, Tapezieren und Vergolden, kurzum, ich wurde ein Mitglied des Verschönerungvereins. Da mein Talent aber so tief und versteckt war, daß es niemand entdeckte, machte ich mich nach sieben Lehr- und Gesellenjahren auf und davon...«

Wann Dieninghoff sein Studium zum Abschluss gebracht hat, ist nicht bekannt. Ein Stipendium ermöglicht ihm Künstlerreisen nach Italien, Griechenland und Frankreich. Mit dem Verkauf von Bildern kann er offenbar seinen Lebensunterhalt bestreiten und offensichtliche Erfolge verbuchen: Er stellt in verschiedenen Städten Deutschlands und auch in den USA aus, vor allem aber in den großen Münchner Ausstellungen wie Glaspalast, Pinakothek, Deutsches Museum, Maximilianeum und Haus der Kunst.

In den 30er Jahren hält Dieninghoff sich Ottilie Thiemann-Stoedtner zufolge »bald in München, bald in Dachau« auf. 1940 heiratet er die Münchnerin Elisabeth Ketterer, kurz darauf muss er in den Krieg. 1945 kehrt er aus der Kriegsgefangenschaft nach München zurück und zieht – zunächst allein – nach Dachau. Dort erwirbt er ein Grundstück und baut ein bescheidenes Haus für sich und seine Familie, mit Atelier und einem Garten, der ebenfalls künstlerischen Zwecken dient – etwa der Lagerung von Mosaiksteinen. »Aber es verging doch noch eine geraume Zeit, bis dann endlich 1955 alles unter Dach und Fach gebracht war«, schreibt Thiemann-Stoedtner. Sie, die 1929 erste habilitierte Kunsthistorikerin Deutschlands, war 95 Jahre alt, als sie Dieninghoff einen Artikel widmet, in dem sie ihn als den »letzten Großen der 'alten Dachauer'« bezeichnet, der einen gebührenden Platz in der Kunstgeschichte verdient habe.

Bei aller Vielfalt der künstlerischen Techniken und Motive ist Dieninghoff vor allem Landschaftsmaler. Das »Allgemeine Künstlerlexikon« weist ihn als Künstler »im Grenzbereich zwischen Spätimpressionismus und Expressionismus« aus. Zeitlebens bleibt er der gegenständlichen Malerei treu, hält sie für unerschöpflich, bekennt sich klar zu ihr. Einen thematischen Schwerpunkt bilden zudem religiöse Motive. In den 50er Jahren entdeckt Dieninghoff für sich die Mosaikkunst. Darüber merkt er mit Humor und Selbstironie an: »Außer dem Beschmieren und Malträtieren von Leinwänden betreibe ich noch etwas mit großer Leidenschaft, nämlich das Steineklopfen, d. h. ich zerkleinere mit einem Hammer viele Steine, setze diese Steinbrocken dann wieder zusammen, aber nicht so, wie sie vorher gewachsen, sondern auf neue, ziemlich zeitraubende Art, was dann ein Mosaik ergibt. Manchmal verkaufe ich so etwas. Jedenfalls behaupten die Leute, ich sei ein »stein«reicher Mann, was ich nicht widerlegen kann.« Er verwendet Steine nicht nur aus dem Ampertal und Sonthofen, sondern kauft sie in verschiedenen Ländern Europas und Afrikas. An einigen Dachauer Hausfassaden aus den 50er und 60er Jahren haben sich Mosaiken von ihm erhalten. Als »Meister der Steinchen« porträtiert ihn die Süddeutsche Zeitung posthum 2012, als die Stadt ihn posthum mit einer Bronzeplakette ehrte. Auch ein Willy-Dieninghoff-Weg erinnert in Dachau an den Künstler.

Dieninghoff war Mitglied der Künstler-Vereinigung Dachau KVD und beteiligte sich auch an großen Künstlerfesten. Doch mit den Jahren zieht er sich immer mehr zurück. »Seine Freude an Beziehungen zur Welt war in ständigem Absinken begriffen« (Thiemann-Stoedtner). Auf Initiative des Dachauer Forums findet 1979 eine umfangreiche Ausstellung mit Werken des mittlerweile 76-Jährigen statt. 1983 gibt die Kreis- und Stadtsparkasse Dachau-Indersdorf einen Jahreskalender mit 13 Werken Dieninghoffs heraus. Rund 60 Jahre seines Lebens hat Dieninghoff in Dachau verbracht, als er dort am 24. Juni 1984, umgeben von seiner Frau Elisabeth und seiner Tochter Susanne, im Alter von 81 Jahren stirbt. Seine Grabstätte auf dem Dachauer Waldfriedhof ist an dem Mosaik »Engel mit Lilie« zu erkennen.

Adolf Hitler kaufte zwei Waginger See-Ansichten von Dieninghoff

Der Name Dieninghoffs ist heute untrennbar mit Dachau verbunden. Doch in den 30er Jahren, als der Maler zum ersten Mal nach Dachau kam, entdeckte er bei seinen Reisen auch noch andere Orte, darunter Waging am See. Die hügelige Voralpenlandschaft hier ist mehr als nur irgendeine beliebige Gegend, die er bereist und bei dieser Gelegenheit im Bild festhält. Vielmehr entsteht der Eindruck, als habe die Umgebung um den See große Faszination auf Dieninghoff ausgeübt; in einer Reihe von Zeichnungen und Gemälden wiederholt er zum Teil mehrmals dasselbe Waginger Landschaftsmotiv, zum Teil variiert er die Ansicht in wechselnden Perspektiven.

Wie sehr der Waginger See zu den bevorzugten Bildthemen des Künstlers gehört, zeigt nicht zuletzt der folgende Umstand: Auf der »Großen Deutschen Kunstausstellung«, ist Dieninghoff wiederholt vertreten – 1939 und 1940 mit jeweils zwei Bildern, 1941 bis 1943 mit jeweils einem Bild. Von diesen insgesamt sieben Werken Dieninghoffs zeigen allein fünf eine Ansicht vom Waginger See.

Zwei der damals ausgestellten Bilder werden von Adolf Hitler höchstpersönlich erworben. Bei ersterem handelt es sich um ein Ölgemälde, das auf Sperrholz gemalt ist und den Titel »Taching am Waginger See« trägt. Es ist auf der Großen Deutschen Kunstausstellung 1939 ausgestellt, Hitler kauft es für 1500 Reichsmark. Das Bild befindet sich heute im Bestand des Deutschen Historischen Museums in Berlin. Im selben Jahr 1939 stellt Dieninghoff außerdem dort auch noch eine aquarellierte Lithographie mit dem Titel »Waginger See« aus.

Im darauffolgenden Jahr 1940 ist Dieninghoff auf der Großen Deutschen Kunstausstellung wiederum mit zwei Werken vertreten. Ein Aquarell trägt den Titel »Pappeln am See« und ist eindeutig als Waginger Landschaft zu identifizieren. Im Vordergrund der Waginger, im Hintergrund der Tachinger See, dazwischen verläuft die Engstelle mit dem Weg von Tettenhausen nach Waging, bis in die 90er Jahre eine Pappelallee. Bei dem zweiten 1940 ausgestellten Bild handelt es sich um ein weiteres Aquarell, mit dem Titel »Voralpenland«. Auch hier ist die charakteristische Pappelallee ins Bild gesetzt und der Waginger See zu erkennen. Adolf Hitler erwirbt auch diese Arbeit; er zahlt dafür 220 Reichsmark.

Die Große Deutsche Kunstausstellung fand in den Jahren zwischen 1937 und 1944 statt, insgesamt wurden dabei rund 12 500 Werke – Plastiken, Malerei, Graphik – zum Verkauf angeboten. Hitler erwarb auf den acht Ausstellungen insgesamt über 1300 Bilder. Welche Gründe einem Ankauf im Einzelnen zugrundelagen, muss an dieser Stelle offen bleiben. Dass Dieninghoffs Bilder dem Führer anscheinend gefielen, dass seine Werke hier und nicht etwa in der Ausstellung »Entartete Kunst« einen Platz fanden und dass sie damit – zumindest in zwei Fällen – zur staatlich geförderten Kunst der NS-Zeit zählten, heißt jedenfalls nicht, dass es sich dabei um nationalsozialistische Kunst handelt.

Auch die genaueren Umstände von Dieninghoffs Aufenthalten in Waging und seine persönlichen Beziehungen hier sind unklar. Belegt ist eine Bekanntschaft mit dem Eisenwarenhändler Andreas Wiedemann, dem ersten Bürgermeister in Waging in der Nachkriegszeit. Tochter Susanne Dieninghoff weiß aus Erzählungen, dass die Wohnung der Eltern in der Münchener Theresienstraße im Krieg mehrmals ausgebombt wurde; möglicherweise fand man Unterschlupf im Haus der Waginger Familie. Während Dieninghoff auf dem Feld kämpft, meldet seine Frau sich jedenfalls im März 1944 offiziell bei der Münchner Einwohnermeldebehörde – vorübergehend – nach Waging ab. Tochter Susanne erinnert sich an Tagesausflüge, die sie in den 50er Jahren als Kind mit dem Vater nach Waging unternommen hat.

Etwa zehn verschiedene Bilder mit Ansichten vom Waginger See befinden sich heute im Nachlass des Künstlers in Dachau. Darunter ein Ölgemälde, das den Blick auf Tettenhausen mit dem See im Hintergrund zeigt und das den Titel eines Ausstellungskatalogs ziert. Der Katalog, eine zwölfseitige Broschüre, erschien anlässlich der Dieninghoff-Ausstellung 1979 in Dachau. Unter den dort gezeigten 90 Werken des Künstlers waren drei Waginger See-Motive, außer dem genannten Ölbild eine kolorierte Lithographie sowie eine Bleistiftzeichnung. Alle drei Werke sind signiert, tragen jedoch kein Datum, was ihre genaue Entstehungszeit unsicher macht. Doch lässt diese sich, auch durch lebensgeschichtliche Daten, wohl auf die 30er Jahre eingrenzen.

Es gab eine Zeit in den 1980er Jahren, da boomte der Auktionshandel mit Werken Dachauer Künstler. Inzwischen sind die Zeiten vorbei, als sich Oberbürgermeister, Geschäftsleute und Kunsthändler in Dachau regelrechte Bietergefechte lieferten – seit Jahren sinken die Preise in einem Ausmaß, das ihrer kunsthistorischen Bedeutung nicht gerecht wird. Bärbel Schäfer, vereidigte Kunstsachverständige aus München, erklärt diese Entwicklung mit einem Geschmackswandel: Die Sicht auf die Welt und der Blick auf die Heimat hätten sich geändert. Landschaften seien nicht mehr gefragt, stattdessen erlebe moderne Kunst einen Aufschwung. Diese allgemeine Entwicklung bedeute jedoch nicht, betont Schäfer, dass hohe Qualität keinen Bestand mehr hätte. Nicht zuletzt fehle es auch einfach an Ausstellungen, die die Dachauer Künstler und ihre Werke neu präsentieren und ins Bewusstsein zurückbringen.

Dies trifft auch auf Dieninghoff zu. Er gehörte wohl nie zu den Malern, mit denen sich Spitzenpreise erzielen ließen. Doch zweifellos ist sein Werk und sind auch seine Ansichten vom Waginger See von nicht geringem künstlerischem Wert. Nach dem Tod des Künstlers hat seine Witwe versucht, die Marktgemeinde Waging für die Waging-Bilder im Nachlass zu interessieren – vergeblich. So ist bis heute kein einziges Werk Dieninghoffs an einem öffentlichen Ort in Waging am See zu sehen. Dabei wäre es für jung und alt ebenso interessant wie lehrreich, sich diese früheren Ansichten von Waging vor Augen und im Bewusstsein zu halten. Kleine Ortschaften, eine dünn besiedelte, von wenigen Straßen erschlossene Landschaft, unbebaute Ufer, die Pappelallee... alles das gehört der Vergangenheit an. Die Betrachtung dieser Bilder erhellt, wie Menschen »ihre« Landschaft verändern und wie Heimat zum Mythos wird.


Dr. Heike Mayer

Literatur:

Ottilie Thiemann-Stoedtner: Wilhelm Dieninghoff, ein Dachauer Maler, in: Amperland. Heimatkundliche Vierteljahresschrift für die Kreise Dachau, Freising und Fürstenfeldbruck. Heft 1/1985, Seite 1-5.

Ottilie Thiemann-Stoedtner: Dachauer Maler. Der Künstlerort Dachau 1801-1946. Hg. Von Klaus Kiermeier. Dachau 1981.

Gregor Schiegl: Meister der Steinchen, Süddeutsche Zeitung vom 3.9.2012.

Dieninghoff, Wilhelm, in: Allgemeines Künstlerlexikon.

Bärbel Schäfer: Preisverfall. Vor 25 Jahren kostete eine Dachauer Ansicht von Karl Stuhlmüller als herausragendes Werk der Dachauer Künstlerkolonie noch 65000 Mark. Jetzt ist so ein Bild für 2500 Euro zu bekommen. Aber der Wertverlust entspricht nicht der kunsthistorischen Bedeutung. Süddeutsche Zeitung (Ausgabe Landkreis Dachau) vom 31.12.2015 (Seite R8).

Die Autorin dankt Frau Susanne Dieninghoff und dem Deutschen Historischen Museum Berlin für die freundliche Unterstützung.

 

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