Jahrgang 2001 Nummer 29

Der Limes soll Weltkulturerbe werden

Archäologen vermessen momentan den römischen Grenzwall neu

Das Bild zeigt einen Rekonstruktionsversuch der um 213 nach Christus erbauten rätischen Limesmauer am Dennenloher See bei Gunzen

Das Bild zeigt einen Rekonstruktionsversuch der um 213 nach Christus erbauten rätischen Limesmauer am Dennenloher See bei Gunzenhausen in Mittelfranken. Zu Beginn des 3. Jahrhunderts bauten die Römer zur Sicherung der Nordgrenze ihrer Provinz Rätien gegen die Germanen den Limes, der ursprünglich aus einer durchgehenden Palisadenwand bestand. Nun soll der Limes Weltkulturerbe werden. Ob das Projekt von der Unesco anerkannt wird, entscheidet sich im Juli 2003. Über 166 Kilometer zog sich der Limes von der Rems bis an die Donau.
Der Architekt und Limes-Experte Wolfgang Schmidt hat einen interessanten Auftrag. Tag für Tag stapft der 49jährige durchs Gelände. Ausgerüstet mit Karten, Fotoapparat und Schreibblock läuft er bei jedem Wind und Wetter den bayerischen Limes entlang. Er wandert querfeldein durch den Wald, folgt dem Lauf von unscheinbaren Erdwällen, spaziert an Hecken entlang. »Manchmal sieht man vom Limes nur noch eine Vegetationsspur«, erläutert der Experte. Rund 160 Kilometer hat er zu bewältigen, zur Zeit ist die Strecke rund um Eichstätt und durch das Altmühltal an der Reihe.

Im Auftrag des Landesamtes für Denkmalpflege wandert Schmidt die bayerische Strecke des römischen Grenzwalls ab und dokumentiert jede Einzelheit. Denn der Limes soll, so wünschen es sich zumindest die Kunstminister von Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz, Weltkulturerbe werden. Durch diese vier Bundesländer führt der rund 500 Kilometer lange germanische Grenzwall, der für Laien nur an wenigen Stellen erkennbar ist. Wo einst die römischen Soldaten eine drei Meter hohe Mauer gebaut hatten, um ihr Reich zu sichern, sind jetzt oftmals nur noch Steinreste oder Erdaufwürfe zu sehen.

Auf der Unesco-Liste stehen bereits 690 Denkmäler in 122 Ländern, darunter die bayerische Wieskirche, der Domplatz mit Schiefen Turm in Pisa, die Chinesische Mauer oder die Akropolis in Athen. Bis Ende August muß Schmidt seine Dokumentation fertig haben. Ob das Projekt von der Unesco anerkannt wird, entscheidet sich im Juli 2003. Ende 2004 könnte der Limes dann Weltkulturerbe sein. Die Länder rechnen sich gute Chancen aus, daß die 1800 Jahre alte »Teufelsmauer« den Sprung auf die begehrte Unesco-Liste schaffen wird. »Wir gehen davon aus, daß es klappen muß«, betont Wolfgang Czycz vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege. »Die Engländer haben es mit ihrem Hadrianswall auch geschafft und der ist keinen Millimeter bedeutender.«

Zur Zeit sind die Archäologen in allen vier Bundesländern mit der genauen Dokumentation des Grenzwalls beschäftigt, der zuletzt vor 100 Jahre vermessen wurde. Zwischen Rhein und Donau müssen die Karten korrigiert werden, neue Details erfaßt werden. »Es gibt erhebliche Überraschungen«, berichtet Projektleiter Czycz, der die bayerische Seite betreut. Erfolgserlebnisse haben die Archäologen, wenn sie die Reste von bisher unbekannten Wachtürmen entdecken. Frust breitet sich aus, wenn sich herausstellt, daß von Kastellen, die vor 100 Jahren noch in den Karten eingezeichnet wurden, heute nichts mehr zu sehen ist. »Wir haben Plätze, die sind hochkarätig, wurden aber durch den Pflug zerstört. Wenn der Bauer jedes Jahr 10 Zentimeter tiefer ackert, dann ist das Denkmal weg.« Hier könne man durch die Aufnahme des Limes auf die Unesco-Liste gegensteuern.

Schon heute entwickeln die Bundesländer einen Managementplan, wie man mit dem kulturellen Erbe umgehen könnte. An ein einheitliches Logo ist gedacht, aber auch an Einzelaktivitäten durch die Kommunen. So könnte man fast verschwundene Kastelle durch Hecken wieder sichtbar machen, um die Ausmaße zu verdeutlichen. Die Kommunen könnten Wachtürme rekonstruieren, archäologische Punkte in Wanderwege integrieren oder einen römischen Radweg anlegen. »Wir wollen die Einzelaktivitäten bündeln«, erläutert Czycz. Im Herbst startet das Landesamt eine Vortragstour durch die Limesgemeinden, um den Kommunen Vorschläge zu machen.

Margit Auer



29/2001