Jahrgang 2009 Nummer 15

»Der Korb so schwer, das Herz so leicht…«

Ostern – nostalgisch und pädagogisch auf Bohatta-Bildchen



92 Jahre ist sie alt geworden, die 1900 in Wien geborene Malerin und Dichterin Ida Bohatta. Mit 26 schloss sie mit dem Wiener Bankangestellten Walter von Morpurgo die (kinderlos gebliebene) Ehe. Bis zu dessen Tod signierte sie mit dem Kürzel IBM für Ida Bohatta-Morpurgo. Tut nichts zur Sache? Doch. Angehörigen der älteren Generation ist ihr Name schon oft begegnet, vielleicht aber nur in Form des Sigels IBM. Was heutzutage als Abkürzung der »International Business Machines Corp.« weltweit ein Begriff ist, bezog sich vor 80 Jahren ausschließlich auf die Schöpferin – heute sagen viele – süßlicher, wenn nicht kitschiger Bildwerke für die Kinderstube. Ob in Büchern oder lose, auf Postkarten, Lesezeichen, Aufstellkärtchen oder Fleißbildchen, wurden Bohatta-Motive gehätschelt und gesammelt. Heute, 17 Jahre nach dem Tod der Künstlerin, stehen sie noch immer hoch im Kurs – als würdige Vertreter einer nostalgisch verklärten Kindheit, an der auch andere Illustratoren jener Zeit Anteil haben, etwa Ernst Kreidolf, Else Venz-Vietor oder Heinrich Madlener.

Neu aufgelegt von IBMs Münchner Leib- und Magen-Verlag, der zu ihren Lebzeiten »Ars Sacra« hieß und seit 1980 in »Ars Edition« umfirmiert wurde, erleben die seit den 1920er Jahren in großer Anzahl produzierten Bildchen – ob weltlicher oder religiöser Art – immer wieder ihre Auferstehung. Ida Bohatta-Morpurgo verdanken wir mehr als 1100 Illustrationen.

Als junger Verleger besuchte Marcel Nauer, ein Enkel von Herbert Dubler, Schwiegersohn des Verlagsgründer-Ehepaars Josef und Maximiliane Müller (Entdeckerin von Ida Bohatta), die Künstlerin in Wien und am Grundlsee. Nauer erinnert sich an eine »sehr charmante, humorvolle, bescheidene und souveräne Frau mit einem klaren, auffordernden, fast durchschauenden Blick«, körperlich schon gebrechlich, aber geistig voll auf der Höhe.



»Was die Künstlerin vor vielen Jahren aus einem ‘Herzensbedürfnis’ heraus geschaffen hat«, so Marcel Nauer, »wird auch in Zukunft noch viele Kinder auf ihren Fantasiereisen begleiten«. Beispiele: die Osterhasenbildchen. Ob die Serie, die ich bei einem Ebersberger Trödler kürzlich aufstöberte, vollständig ist, ob sie schon einmal als Buch erschienen, wann genau sie im Original und dann in der Replik gekommen war – wer soll es exakt nachweisen können. Wenn schon die IBM-Forscher nur mutmaßen. Zu ihnen zählt an prominenter Stelle der ehemalige Direktor der Internationalen Jugendbibliothek München (Blutenburg), Andreas Bode. Er gab 1988 gemeinsam mit Franz Julius Tschudy die IJB-Publikation »Ida Bohatta-Morpurgo« (»Kinderbuchillustratoren« 3) heraus und schrieb Einführungsbeitrag und Bibliographie für den zum 100. Geburtstag der Künstlerin erschienenen Katalog »Ida Bohatta. Leben und Werk« (München, Ars Edition, 2000).

»Im Osterhasenhäuschen« erblickte demnach 1931 ein Buch mit »7 ungez. Bl.; 6 Vollb.« die Welt, mit gotisch geschriebenem Text. »Für 1930 notiert JM als Fleißbildchen ‘6 Hasenbilder Nr. 2730’«. (JM, das ist Josef Müller) Bode vermutet, dass das »die gleichen wie für das Buch gewesen« sind. Er weiß, dass die Erstausgabe ohne Jahreszahlangabe, 1933 eine Nachauflage davon erschien. Kann sein, dass die hier gezeigten Osterhasen-Bildchen auf dieses Buch zurückgehen. Zwei davon tragen die später (vermutlich in den 1940/50er Jahren) gewählte Serien-Ziffer 2730, sieben die Ziffer 9697. Vermutlich gehören sie in dieser Weise getrennt zu jeweils einer eigenen Osterhasen-Bildchen-Serie.

Von den beiden Bildchen mit der Nummer 2730 weist eins die Osterhasen-Familie und eins die Osterhasenmutter mit drei kleinen Häschenkindern auf, von denen eins noch ein Baby ist. Die Bildchen mit der Nummer 9697 dagegen gehören wahrscheinlich einer eigenen Serie an; zeigen sie doch ausschließlich Szenen mit Hasenvater und Hasensohn.



Hasenvater ist schwer im Einsatz: Er macht schon Überstunden, um den Großaufträgen, auf Ostern bemalte Eier zu liefern, nachzukommen. Bis spät in den Abend hinein arbeitet er und spannt den Sohn ein. Der wird, später Stunde Folge, müde und schläft am Arbeitstisch ein. »Täglich eine Überstund’ / um andern Freud’ zu machen« – das lernen wir vom fleißigen Osterhasen, der sich ernstlich müht und plagt, dabei aber je »ein Stündlein« fürs Beten und eins fürs Lachen reserviert. Der Osterhase als erzieherisches Vorbild.

Freilich ist auch seine Frau voll im Einsatz. Sie »bäckt aus Kuchenteig / die allerliebsten Häschen / mit Schwänzlein und mit Ohren dran / und Schokoladennäschen / und mit Rosinenäugelein / ganz knusperbraun und wunderfein«. Dabei helfen ihr – ob freiwillig oder gezwungen, geht aus dem Bild nicht hervor – die Kinder, wenn sie nicht stören oder vom Teig stibitzen. Eine friedliche Szene. Beschaulich, traut. Mutter Hase ist gut gelaunt und hat ihre Arbeitsküche tipptopp in Ordnung – wieder ein positives Vorbild für die Bildchenbetrachter. Im Garten, wo ihr Gatte mit Gärtnerschürze und Brille in Filzpantinen die ersten Primeln gießt, mahnt sie zur Eile und gibt zu bedenken: »Zu Hause liegen unbemalt / an hunderttausend Eierlein«, die »bis zum Ostertag« fertig zu stellen sind. Erzieherisch wirksam: die Ruhe, die von Papa Osterhase ausgeht. Philosophie: »Alles wird gut.«

Ein Intermezzo lässt Ida Bohatta-Morpurgo beim Zeitungslesen am Frühstückstisch spielen: Papa, der das »Hasenblatt« am 1. April studiert, liest seinem Töchterchen vor, dass es keine schlimmen Kinder mehr gäbe, sondern nur noch brave, was nicht voraussehbar gewesen sei. Herr Osterhas’ befürchtet, die Eier reichten nun nicht für alle Kinder. Hatte er beim Anmalen also damit gerechnet, dass die »schlimmen« Kinder leer ausgehen, von denen es so viele gibt, dass er diese gar nicht bedenken muss? Von seinem Sohn lässt der Hasenvater sich beim Bildermalen zuschauen und als bedeutendes Maltalent loben. »Nicht auf den Pinsel kommt es an, / nicht darauf, dass man malen kann, / nein, dass man malt, was andre freut, / darin besteht die Kunst.« Aha. Jetzt weiß es der Kleine. Egal, ob das vollbrachte Werk schön oder hässlich, gerade oder krumm – auf den Spaß an der Freud’ ist allein zu setzen. Sie rechtfertigt jede (künstlerische) Betätigung. Wusste man es doch damals schon: Der Weg ist das Ziel.

Nicht nur das Bemalen, auch der Vertrieb der Ware »Osterei« gehört zu den Aufgaben des Osterhasen. Er war seit eh und je quasi Designer und Verleger in einer Person. Wie er zur Rohware kommt, wird nicht verhandelt. Dass sie von Hühnern stammt, ist offensichtlich – denn hier handelt es sich nicht um Enten-, Gänse-, Straußeneier, auch nicht um kleine rundliche Eier, die von Kuckuck oder Wachtel sein könnten. Bei der Auslieferung ist dem Osterhasen sein eigener (einziger) Sohn eine unverzichtbare Stütze. Weniger als Assistent denn als Begleiter und Unterhalter fungiert der kleine Hase. Er rastet neben dem Vater, wenn dieser sein Pfeifchen schmaucht, nach dem Gelbe-Rüben-Mahl unter der Fichte die Beine lang streckt und sich auf der Mandoline vorklimpern lässt. Doch die Idylle – so teilt Ida Bohatta-Morpurgo unmissverständlich mit – ist ohne vorangegangene Pflichterfüllung nicht möglich. Die Weite der Welt, Himmelsblau, fröhliches Lied, Blumenduft – alles ist nur verdient durch redliches Mühen. Nur wer arbeitet, darf auch essen – genießen, ruhen, rasten,

Klein-Hase bittet den Vater um Verständnis: Hör mal, ich bin noch nicht so kräftig und ausdauernd wie du! Ich brauch noch etwas Schonung. Nimm gefälligst Rücksicht auf mich. Du trägt zwar den schwereren Korb – aber auf dem Rücken, wo er nicht so schmerzt. Mein Henkelkorb ist aber auch ganz schön gefüllt. Meine entschieden kürzeren Beine brauchen längere Kühlung… Der Vater hört sich die Klagen an, bleibt cool. Er hat nichts dagegen, dem Kleinen nachzugeben. Die beiden sitzen nebeneinander am Bachufer, die Füße im Wasser, in stillem Einverständnis. Bis es Zeit ist, aufzubrechen, weil der Wald schon dunkelt. »Der Korb so schwer, das Herz so leicht…« – so lässt es sich locker dahinwandern. Zu zweit geht es schneller, vor allem dann, wenn beide gut aufgelegt sind. Trübsalblasen – das kommt nicht in Frage. Immer die Ohren steif halten! Und ein fröhliches »Gschau« aufsetzen! Man muss selber etwas dazutun, um sich nicht unterkriegen zu lassen. Die schöne Welt lohnt doch das Leben. Der Wald macht es dem Menschen vor: Im Sonnenschein lacht er und freut sich mit. Die Natur wird, vermenschlicht, zum Seelenfriedenstifter.

Dass es beim Ostereier-Austragen um eine gute Tat geht (die mit den bunten Eiern Bedachten brauchen sie, als Zeichen, dass Ostern ist oder auch als Nahrung), macht eine Zeile aus dem achtzeiligen Vers auf dem Bildchen mit den zwei munteren Marschierern klar: »Es trägt ja selbst das Glück in sich, / wer andre glücklich macht.« An die anderen nicht nur denken, sondern ihnen auch abgeben von dem, was man hat, was man geschaffen oder verschönert hat – das lässt Freude und Genugtuung aufkommen. Wieder so eine Erziehungs-Maxime der Ida Bohatta-Morpurgo. In ihren Bildchen und den dazu gedichteten Texten bringt sie solche Botschaften rüber: Das menschliche Miteinander gemeinsam und fröhlichen, zuversichtlichen Herzens, und nie ohne Aktivsein gestalten – diese Einstellung trägt bei zu Frieden und Eintracht, Beschaulichkeit und Bescheidenheit.

Beinahe Mitleid erregt das Bildchen mit dem Laternenträger, der bei nächtlichem Sternenhimmel, die ausgetretenen Schuhe in der Pfote, beide Füße eingefatscht, den Heimweg antritt – und dabei denkt: Der Kleine liegt längst in seinem Bettchen; er ist bestimmt vorausgeeilt... Dabei - - - die Kinder lachen, denn sie finden sich in dem eingenickten Osterhäschen in der Eierkiepe selbst wieder. Auch sie überlisten gern ihre Eltern. Die sind ja manchmal soooo dumm! Besonders dann, wenn sie schon müde sind.



Bohatta-Bildchen wurden, ob von Kindern oder Erwachsenen (die an ihre eigene Kindheit erinnert werden) zwischen den beiden Weltkriegen – nicht nur in Deutschland und Österreich, auch in vielen anderen Ländern Europas (später zunehmend Amerikas, der USA) – gern gesammelt. Als Fleißbildchen erhielten sie die Schulkinder von der Lehrerin oder vom Katecheten für gute Leistungen beim Lernen oder tadelloses Betragen bzw. eifrigen Kirchgang. Sie lernten oft schon deshalb gut und ließen sich möglichst nichts zuschulden kommen, damit sie ihre einmal angefangene Bildchenserie zusammenbekamen. In selbst hergestellte Alben oder nur leere Schulhefte konnten die Bildchen eingeklebt werden. Tauschobjekte waren willkommen. Noch in den 1950er Jahren machten Nahrungs- oder Genussmittelfirmen den Bildchenverlagen wie Ars Sacra (wo ja auch die so genannten Hummel-Bildchen herauskamen) Konkurrenz: Sie gaben, wenn nicht die Bildchen selbst, Wertscheine für Sammelbilder den Packungen bei und forderten zur Vervollständigung der Serien auf – nicht ohne dabei auf den Verkaufseffekt bedacht zu sein. Vorgefertigte, großformatige, reich ausgestattete Klebe-Alben konnten bestellt werden. Die Alben wurden wie Bücher aufbewahrt und gesammelt. Alle lohnenden Themen wurden so den Heranwachsenden nahe gebracht – Tierwildjagd in Afrika, Hochkulturen der Ägypter oder auch nur Haustiere, Städteansichten und Zirkusattraktionen.

Die Motive der Ida Bohatta-Morpurgo waren, wenn nicht ausgesprochen (volks)religiöser Art (Jesusbildchen, Marienbildchen, Krippenbildchen), der Tier- und Pflanzenwelt entnommen und verniedlicht: neben Hasen, Igeln, Käfern, Raupen, allerhand Insekten, Mäusen, Bären waren es Garten- und Wiesenblumen, Waldpflanzen und dazu Märchenwesen, die außerhalb der realen Natur existierten: Zwerge, Elfen, Waldgeister. »Fritz Osterhas & Sohn« – die so betiltete Serie von insgesamt 9 Bildchen von Ida Bohatta-Morpurgo erschien 1936.

Hans Gärtner



15/2009