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Jahrgang 2016 Nummer 49

Der hl. Nikolaus und die Klöpfla san kommen

Die Adventszeit war besonders für uns Kinder immer ganz aufregend

Wenn der erste Sonntag im Advent ist, das wissen, so denke ich, die meisten Menschen und besonders die Kinder, denn da dürfen sie die erste Adventskerze anzünden. Dann am Abend des 5. Dezember kommt der Nikolaus, doch diesen bekommen viele Kinder nur noch in den Kaufhäusern, bei meist großem Gedränge anzuschauen, oder vielleicht kommt sogar noch zu den Kleinen im Kindergarten der heilige Nikolaus. In den darauffolgenden Wochen bis Weihnachten sind die Kinder meistens nur noch am Nachdenken, was sie sich zu dem neuesten Computerspiel und dem Fahrrad noch wünschen könnten.

Wie war da doch damals, als ich noch ein kleines Mädchen gewesen bin, diese erwartungsvolle, heimelige Zeit, ausgefüllt mit uralten Sitten und Bräuchen, die neben dem christlichen Glauben oft noch heidnischen Ursprung haben.

Wenn im Advent jeden Tag zeitig in der Früh das Engelamt angefangen hat, da bin ich schon als kleines Dirndl mit meiner Großmutter noch vor dem Tagwerden in das eine halbe Stunde entfernte, kleine Pfarrdörfchen gestapft. Dort in unserer schmucken Pfarrkirche habe ich mich, weil ich ja noch so klein gewesen bin, neben meiner Großmutter auf die Bank, wo normalerweise die Erwachsenen knien, draufstehen dürfen. Die Großmutter hat das Wachsstöckl, das sie in ihrem Tascherl gehabt hat, angezündet und wenn dann der Herr Hauptlehrer auf der Orgel das Lied, das ich so gerne gemocht habe, angestimmt hat: »O Engel aus den Scharen, die stehen vor Gottes Thron«, da habe ich laut mitgesungen, denn bald habe ich alle Strophen, auch ohne schon lesen zu können, auswendig gekonnt.

Nach dem Engelamt sind wir noch in den kleinen Bäckerladen gleich neben der Kirche gegangen und etliche Semmel und Laiberl eingekauft, dann aber sind wir beide auf dem Feldwegerl, dem gachen Berg zugegangen, und meistens bin ich vor meiner Großmutter dort oben gewesen.

Derweilen ist es zwar langsam Tag geworden, doch die Schneeflocken sind immer dichter geworden, wenn wir den Wald hinter uns gehabt haben und das schmale Wegerl die Anhöhe nach Pittersdorf hinauf, das mein Großvater in der Früh ausgeschaufelt hat, ist meistens bis zum Heimgehen wieder zugeweht gewesen.

Daheim dann in der warmen Stube habe ich mich zu meinem Großvater aufs Kanapee gesetzt, doch kaum, dass ich angefangen hatte, ihm alles »Erlebte« zu erzählen, war ich auch schon auf seinem Schoß eingeschlafen.

Es ist damals kaum ein Tag vergangen, an dem auf Mittag zu, auch wenn es noch so »gewedert« hat, Muschi meine Freundin von unserem Nachbarn unten, nahe am Wald, die Anhöhe zu unserem einsamen, verschneiten Hof herauf gekommen ist und erst als es schon wieder fast finster gewesen ist, das zugeschneite Wegerl wieder hinuntergewatet.

Nicht anders ist es auch am 5. Dezember, an dem am Abend der Nikolaus gekommen ist, immer gewesen und so sind wir beide auch an diesem Nachmittag, wie an den meisten Tagen, mit meinem Schlitten zu der Leite hinterm Stadel, dort wo im Herbst noch die Kühe gegrast haben.

Aber es war uns alle zwei nicht ganz wohl dabei an diesem Nachmittag, nur ein einziges Mal sind wir zusammen den Abhang hintergefahren und hatten gerade beschlossen, doch lieber wieder heimzugehen, wo ja auch weit und breit keine Menschenseele zu sehen gewesen ist. Da haben wir alle beide zugleich aus dem nicht weit entfernten, verschneiten Wald einen Mann mit einem langen Mantel und großen Stiefeln geradewegs auf uns zukommen sehen. Auf seinem Buckel hat er einen riesengroßen Sack gehabt, das haben Muschi und ich noch erspäht und beide sind wir eine Weile wie angewurzelt dagestanden. Erst als der vermeintliche Nikolaus, oder war es gar der Krambus, uns schon von Weitem zugerufen hat, dass wir uns nicht zu fürchten brauchen, da habe ich als erste unseren alten Jäger vom entfernten Nachbargehöft erkannt. »Habt's eng g'fürcht Dirndln, gell? Aber i' muaß d'Reh fuadan, de find'n nix mehr bei dem vuin Schnee« und mit einem »Pfüad eich« ist er weitergestapft.

Schon bald darauf haben wir uns mit einem großen Butterbrot in den Winkel hinter dem Kachelofen gesetzt und dabei immer wieder beim Stubenfenster hinausgespäht. Früher als sonst hat sich meine Freundin an diesem Nachmittag immer auf den Heimweg gemacht, ich selbst aber bin nicht wie sonst mit meinen Tanten in den Stall hinaus, sondern nur noch schnell zu meinem Großvater in den Rossstall geschaut, ob er nicht bald fertig ist und mit mir in die Stube geht, um auf den Nikolaus zu warten.

Bald nach dem Aufdnachtessen, wie wir dann alle mitsammen – die Großeltern, meine Mutter und die fünf Tanten – in der großen, heimeligen Stube beisammen gewesen sind, da hat es auch schon an den Stubenfenstern laut gescheppert und schwere Schritte sind draußen zu hören gewesen. Dortmals ist mein Großvater von seinem Kanapee, auf dem ich immer neben ihm gesessen bin, aufgestanden und hat dem Nikolaus und dem Krambus die schwere Haustür ausgesperrt und schon sind die Zwei mit einem »Grüß Gott beinand«, in unserer Stube gestanden.

Wie ich jedes Mal scheu zum heiligen Nikolaus mit der schönen Bischofsmütze und dem langen, goldenen Stab, aufgeschaut habe und dieser mich freundlich gefragt hat, ob ich auch schon was beten kann, da habe ich jedesmal das »Jesukindlein komm zu mir« andächtig, mit gefalteten Händen gebetet. Da hat mich der Nikolaus gelobt, und wie er allsdann zum Krambus, der knurrend seine lange Rute hin und her geschwenkt hat, meinte, er solle nun das Säcklein hergeben und mir selbiges entgegengestreckt hat, da habe ich dieses mit einem leisen »Gelt's Gott, heiliger Nikolaus« voller Freude aus seiner Hand entgegengenommen. Wie sich der Nikolaus wieder zum Gehen angeschickt hat und alle in der Stube noch »Gute Nacht, Nikolaus« gesagt haben, da hat der Krambus noch einmal böse knurrend seine Rute zu meinen Tanten hingeschwenkt, bevor er hinter dem heiligen Nikolaus laut hinausgetrampelt ist.

Gar viel ist, aus der heutigen Zeit betrachtet, nicht drinnen gewesen in meinem Sackerl von damals – schöne, selbstgebackene Lebkuchen, Äpfel, gedörrte Zwetschgen und viele Nüsse – jedoch dem kleinen Dirndl hat das Herz fast laut geklopft vor Aufregung, Freude und Heimeligkeit.

Da hat es in diesen Wochen vor dem Christfest aber noch einen ganz uralten Brauch gegeben, der gar nicht so ruhig und besinnlich gewesen ist, ohne den aber, wenigstens für mich, einfach »etwas abgeht«. Es sind die »Klöpflnächte«, die drei Donnerstage vor Weihnachten gewesen, an denen auf d'Nacht die »Klopfa« laut und eindringlich an die Haustür gebummbert haben: »De Klopfa hand do«, so haben die drei oder vier Gestalten vor der Haustür so lange gerufen, bis die Bäuerin oder auch der Bauer die Haustür weit aufgemacht hat, um bei dem fahlen Lichtschein, der vom Hausgang ein bisschen hinausgeleuchtet hat, die Klöpfa besser anschauen zu können. Eigentlich mochten diese ja nicht erkannt werden – einen großen, alten Hut, einen langen Jagamantel und noch manch altes G'wand haben die Nachbarsbuben und Dirndln angehabt und das Gesicht sollte auch niemand so leicht erkennen – eine Laterne haben sie dabei gehabt und einen rupfernen Sack, in dem schon Etliches Platz gehabt hat. »Klopf o, klopf o, da Bauer is a guada Mo / de Bäuerin waar a ganz guad, wenns uns ebbas gab«. Dies ist eines von den Verserln gewesen, das die Klöpfla aufgesagt haben, daraufhin ist die Bäuerin mit einem »Warts a bissl, i' kim' glei wieda«, schnell in der Kuchl verschwunden und gleich darauf mit einer vollen Schüssel wieder zu den Wartenden hinausgekommen, die derweilen schon ihren Sack weit aufgemacht haben, in den die Bäuerin nun etliche Äpfel, gedörrte Zwetschgen, Kletzn und Lebkuchen vorsichtig hineingelegt hat. Mit einem »Gelt's Gott« sind sie mit ihrer Laterne, die das einzige Licht gewesen ist, in der stockfinsteren Nacht zu Fuß weiter auf den verschneiten Wegen dem nächsten Gehöft zu.

Eigentlich sind es ja nur zwei Donnerstage gewesen, denn am dritten und letzten vor dem Heiligen Abend, da ist mit denen, die sich an diesem finsteren, unheimlichen Abend noch getraut haben zum Klöpflgehen, der leibhaftige Teufel mitgegangen. – Manchmal schon unheimlich, doch auch umso heimeliger sind sie gewesen, diese Wochen, bevor das Christkindl endlich gekommen ist.


Elisabeth Mader


49/2016