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Jahrgang 2010 Nummer 15

Der Hirschkäfer soll nicht sterben

Naturschützer haben bei Burghausen zwei Brutmeiler errichtet

Das Männchen (links) ist wesentlich größer als das Weibchen.

Das Männchen (links) ist wesentlich größer als das Weibchen.
Die Larve ist auf verfaulendes Eichenholz spezilisiert.

Die Larve ist auf verfaulendes Eichenholz spezilisiert.
Im vergangenen Jahr tuckerte ein Bagger in ein Waldstück in der Gemeinde Haiming bei Burghausen und begann, eine 80 Zentimeter tiefe Grube auszuheben. Der Waldbesitzer Freiherr Felix von Ow und der Naturschützer Reinhardt Kaub leisteten den fachlichen Beistand und gaben dem Baggerfahrer die nötigen Anweisungen. Zwei Zivildienstleistende aus Burghausen assistierten und füllten die Grube anschließend 30 Zentimeter hoch mit Eichenästen und gehäckselten Eichenspänen. Auf diese Unterlage hob der Bagger Eichenstammabschnitte, die senkrecht nebeneinander aufgestellt wurden. Jedes Stammstück war etwa einen Meter lang und wog gut 200 Kilogramm. Der Raum zwischen den Stämmen wurde wiederum mit Eichenschnitzeln verfüllt und das Ganze mit Erde abgedeckt.

Das hügelförmige Gebilde sieht einem kleinen Kohlenmeiler nicht unähnlich. Man würde kaum auf den Gedanken kommen, dass es als Brutmeiler für den vom Aussterben bedrohten Hirschkäfer dienen soll. Ganz typisch für den Hirschkäfer ist seine Abhängigkeit von vermoderndem Eichenholz und Eichenspänen, auf die seine Larven als Nahrung angewiesen sind. Wenn ihnen während der rund fünfjährigen Entwicklung vom Ei zum Vollinsekt kein modriges Eichenholz zur Verfügung steht, sterben sie ab. Diese extreme Spezialisierung war früher, als es genug Eichen gab und umgestürzte oder abgestorbene Eichen im Wald verblieben, für den Hirschkäfer kein Problem. Heute ist das anders. Eichen sind in unseren Wäldern extrem selten, Eichentotholz wird sofort aus dem Wald entfernt. Hand in Hand damit verschwand auch der Hirschkäfer immer mehr, so dass er inzwischen in die Rote Liste der stark vom Aussterben bedrohten Tiere aufgenommen wurde.

Die geweihartig vergrößerten Oberkiefer (Mandibeln) haben unserer größten heimischen Käferart den Namen gegeben. Sie finden sich nur bei den Männchen. Bei manchen Exemplaren nehmen sie die halbe Körperlänge ein. Die Weibchen haben einen schmalen Kopf und normal entwickelte Oberkiefer. Die Flügeldecken sind bei beiden Geschlechtern dunkelbraun, Kopf und Halsschild schwarz. Hauptnahrung der Hirschkäfer ist der Saft aus der Rinde alter Eichen, den sie mit ihren Mundwerkzeugen auflecken. Damit der Saft fließt, ritzen die Weibchen mit den scharfen Kieferzangen die Baumrinde auf, was die Männchen nicht können. Sie sind auf die bereits von den Weibchen geöffneten Saftstellen angewiesen.

Gelegentlich kann man direkt neben dem Stamm einer Eiche Hirschkäfer finden, die auf dem Rücken liegen und mit den Beinen in der Luft zappeln. Es sind im wahren Sinne des Wortes betrunkene Tiere, die von Eichensaft geschlürft haben. Denn wenn ein Käfer zuviel von dem im Eichensaft enthaltenen Queratinn (»Eichenzucker«) erwischt, das von Bakterien zu Alkohol vergoren wird, verliert er vorübergehend seine Steuerungsfähigkeit, bis er nach einer halben Stunde wieder zu neuem Leben erwacht. Hirschkäfer werden nur wenige Wochen alt, die Hauptflugzeit liegt zwischen Ende Mai und Ende Juli. In der Abenddämmerung kommen die Männchen aus ihren Verstecken hervor und starten zum Suchflug nach Partnerinnen. Treffen sie auf ein anderes Männchen, beginnen sie sofort zu kämpfen. Jetzt kommen die kräftigen Oberkiefer zum Zuge. Sie werden als Stoßwaffen eingesetzt, genauso wie das Geweih bei Rehen und Hirschen. Jedes Männchen versucht, den Rivalen außer Gefecht zu setzen. Der Stärkere kann sich danach mit einem Weibchen paaren.

Jedes Weibchen legt etwa zwanzig Eier in den Boden. Die geschlüpften Larven brauchen zu ihrer Entwicklung je nach der Qualität des Nährsubstrats mehrere Jahre und können bis zu zehn Zentimeter lang werden. Für die Verpuppung baut die letzte Larve eine faustgroße Höhlung, die sogenannte Puppenkammer und formt aus Holzteilen und Erde die Puppenhülle, die sie mit selbst produzierter Seide verklebt. Auch wenn der Käfer im Herbst schon voll entwickelt aus der Puppenhülle schlüpft, bleibt er noch bis zum Frühjahr im Boden.

Inzwischen haben die Naturschützer aus Haiming einen zweiten Brutmeiler angelegt und hoffen, in ein paar Jahren einen Erfolg ihrer Aktion zu sehen. Erfahrungen mit ähnlichen Meilern in anderen Regionen Deutschlands haben gezeigt, dass sich dadurch die Population der Hirschkäfer spürbar vermehren lässt.

Julius Bittmann



15/2010