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Jahrgang 2004 Nummer 6

Der Herr – von Kopf bis Fuß ein Gockelhahn

Eine Münchner Stadtmuseums-Schau tritt der Männermode auf den Schlips

Herrenanzug, um 1790. Violett-grüner Seidenpekin, naturfarbene Seidenstickerei (Hose ergänzt).

Herrenanzug, um 1790. Violett-grüner Seidenpekin, naturfarbene Seidenstickerei (Hose ergänzt).
Anzug 2002 »NO2«. Mehrfarbig bedrucktes Baumwoll-Elasthan, Blumenmuster.

Anzug 2002 »NO2«. Mehrfarbig bedrucktes Baumwoll-Elasthan, Blumenmuster.
Achtundvierzig nummerierte Rasierschaumnäpfe der 20-er Jahre in einem lasierten Eichenholzkasten aufgereiht, bekrönt von einem schwarzen Velour-Zylinder mit Seidenripsband von 1905, darunter eine gebundene »maestro«–Krawatte aus der Zeit um 1975, mehrfarbig bedruckt mit Fußballermotiven: So wird der Besucher der Ausstellung »Von Pfau zu Pfau« des Modemuseums im Münchner Stadtmuseum am Münchner St. Jakobs-Platz empfangen.

Es geht hier über ein halbes Jahr lang um nichts Unwichtigeres als um »Herrenmode vom Rokoko bis heute«. Männermode ist keineswegs erst seit den Nachkriegs-Wohlstandszeiten, sondern schon weit vor 1800 en vogue (gewesen). »Monsieur belle taille ou l `Adonis du jour« heißt denn auch eine Karikatur von 1822, die den Ankleidevorgang eines jungen Wuschelhaarigen als »Schreckensbild von Mann in Unterwäsche« zeigt, den sein negroider Lakai und der Friseur korsettieren, so dass dem so Maltraitierten die Augen aus dem Kopf fallen zu drohen. Schönheit musste schon immer leiden. Da macht’s nichts aus, ob bei Frau oder Mann.

Doch führt uns gerade das Rokoko auch vor, wie lässig und stolz, ein Gockelhahn mit Federpracht schon immer, wenn er sich’s leisten konnte – wie gespielt und aufgeputzt also der feine Herr seinen seidenen, knopfreichen taillierten Gehrock zur Schau getragen hat. Eine ganze Reihe kopfloser Schaufensterpuppen sind mit diesen prunkvollen Gewandungen behängt. Schweigend stehen sie, stumme Zeugen einer schreienden Zeit, die so gern nach außen kehrte, was an Gefallsucht und Hochmut in einem solchen Mannsbild versammelt war. Eitel – wie Modemuseums-Chef Andreas Ley sich in extra pittoresk-kitschiger Pfauenmanier gekleidet hat, um die Journalisten durch seine und Isabella Beltings ambitionierte Schau zu geleiten – eitel war der Träger von Modekleidung schon immer und ist es bis heute geblieben. Das Pfauen-Bild wurde also perfekt bemüht, um diesen Moment der Putzsucht und des hohlen »Radschlags«, der Eigen-Werbung und der Blasiertheit kräftig zu unterstreichen. »Von Pfau zu Pfau« – dieser Ausstellungstitel assoziiert freilich auch, so historisch er sich (vom Rokoko-»Fatzke« bis zum Freizeitlook-Typen des 21. Jahrhunderts) auch geben mag, die Redensart »Von Frau zu Frau«, wenn sie dem Mann so richtig auf den Schlips tritt.

Der phantastisch gemachte, mit viel Witz und Ironie in Layout und Illuminierung ausstaffierte kleine Katalog (12 Euro an der Museumskasse ist er allemal wert) bildet zwar nicht alle gezeigten 320 Objekte ab, gibt aber ein rundes Bild vom Wandel der Herrenmode über gut drei Jahrhunderte hinweg. Bunte Westen, Stickereien, Schmetterlings- und Blumenmotive – am Hof des französischen Sonnenkönigs hatten die Frauen, allen voran die musisch gebildeten Mätressen, das Sagen. Unbewusst wurden weibliche Accessoires und Ikonen in die Herrenmode übernommen: Schleifchen, Rüschen, Bäusche, Bänder, Knöpfe – im Rokoko prunkte und prangte es auch am Mann. Das änderte sich noch nicht im Biedermeier, dann aber doch in den Gründerjahren, wo »das letzte modische Farbbekenntnis des Jahrhunderts in Nachtverpackung verschwindet«, wie man in der Begleitschrift liest. Über die Nichtfarben Grau und Beige gelangt man als Herr der feinen Gesellschaft bald ins unverbindliche, jedoch würdevolle und distanzierte Schwarz – den Bösen und Schurken gleich.

Schwarz macht noch heute schlank (man schaue sich die smarten Dreißigjährigen an, wie sie als Jungmanager und -banker einherstolzieren in ihren tristen, aber noblen und teuren Anzügen mit Weste unter dem Jackett!) und verleiht Seriösität. Nach außen hin wenigstens. »Doch wie’s da drin aussieht«, singt bei Franz Léhar bekanntlich der Zarewitsch, »geht niemand was an ...«

Gegenüber der aufgeplusterten bis aufgetakelten Dame war der Herr der Zurückhaltend-Vornehm-Bescheidene. Letzter Blickfang blieb ihm – bis heute, wenn er nicht gerade Rudolf-Mooshammer-Stammkunde ist und sich von diesem Zaren der Tuchverarbeitenden Industrie die Farbenskala der Libelle aufoktroyieren lässt – noch in der Krawatte, dem legeren Schal der »Kroaten«, wie der Name womöglich zu erklären ist.

Den Binder gibt’s, als Schleiferl, auch in der Trachtenmode, der man in der Ausstellung ausführlich begegnet, bis hin zum ironisch angetippten Landhausstil gewisser Bayern-TV-Moderatoren und Promi-Schützen. Sogar in Hamburg kann man so etwas Aufgebrezeltes in einem Spezialladen erstehen. Der Phantasie sind, wie bei der Dame, keine Grenzen gesetzt: Andreas Ley wird bös, wenn er auf die Hirschhornknöpfe an der Taille oder die neuerdings ausgestopfen Wadlstrümpf’ unterhalb der kurzen Gamsledernen zu sprechen kommt.

Sportmode der 30-er, dann wieder der 50-er Jahre: aufgebrochene Klassik und Avantgarde, heute schon wieder »ausgelaufen« – alles endet im popigen Mix, der Männliches und Weibliches in ironisierender Geste verschwimmen lässt.

So ist diese Ausstellung ernst gemeint und will dennoch zu allerhand Selbstbekenntnissen und -bemitleidungen beim männlichen Betrachter anhalten, will lächeln lassen über unpraktische, aber provokante Unterhosen, gestelzte Spazierstöcke oder würdegeil-übertriebene Kopfbedeckungen. Ausgelegte Pfauenfedern erinnern immer wieder an den famosen Titel. Bis 18. April 2004 ist jeweils dienstags bis sonntags von 10 bis 18 Uhr noch genügend Zeit, sich mit Männermode zu beschäftigen und sich ganz nach Lust über sie lustig zu machen.

HG



6/2004