Jahrgang 2003 Nummer 49

Der heilige Nikolaus und das Nikologartl

Ein fast vergessener Nikolausbrauch

Zurückgehend auf den Bischof St. Nikolaus, der im 4. Jahrhundert n. Chr. in der heutigen Türkei, in Myra (Demre) lebte und dessen Reliquien am 8. Mai 1087 nach Bari in Süditalien gebracht wurden, begann schon früh eine umgreifende Verehrung des Heiligen Nikolaus. Inwieweit der Abt von Sion, der am 10. Dez. 564 gestorben ist und ebenfalls ein »Nikolaus« war, die Legenden beeinflusst hat, kann trotz intensiver Forschungen nicht mehr festgestellt werden. Auf jeden Fall entstand aus den beiden Biografien die legendäre Gestalt des »Heiligen Nikolaus«.

Der Schutzheilige »Nikolaus«, der zum Patron vieler Stände erkoren wurde, hat eine unvergleichliche Verehrung sowohl im orthodoxen als auch im lateinischen Glaubensbereich nachzuweisen. Er wurde zum Volksheiligen im ganzen seinerzeitigen Abendlande. Insbesondere über die Wasserstraßen vermehrte sich der Ruhm des Heiligen und entlang dieser wurden viele Kirchen zu seinen Ehren errichtet, bis zum Jahre 1500 sollen von den Pyrenäen bis zum Baltikum zwischen 4000 und 5000 Gotteshäuser dem Heiligen Nikolaus geweiht worden sein.

Das älteste Zeugnis für den Nikolaustag ist ein in Neapel gefundener Marmorkalender (um 830) in dem am 6. Dezember eingetragen ist »Natalis S. Nicolai«.

Insbesondere als Patron der Seefahrer, der Schiffer und als Brückenheiliger (im 18. Jahrhundert vom Hl. Nepomuk abgelöst) wurde er verehrt. Auch die Krämer und Drechsler sowie die Schüler nahmen ihn als Schutzheiligen. Besonders die Legende durch die von Nikolaus wieder ins Leben gerufenen 3 getöteten Schüler gaben zum Letzteren den Ausschlag. In dieser Legende soll der Heilige Nikolaus drei Knaben, die ein Wirt getötet und zerstückelt hat wieder ins Leben zurückgerufen haben. Nikolaus ist zeitweise auch Schutzpatron der Bauern, der Bierbrauer, der Bäcker, der Apotheker, der Bandmacher, der Fährleute, der Fassbinder, der Feuerwehrleute, der Fischer, der Fischhändler, der Flößer, der Gefangenen, der Jungfrauen, der Kaufleute, der Kornhändler, der Knopfmacher, der Küfer, der Leinenweber, der heiratsfähigen Mädchen, der Metzger, der Ministranten, der Müller, der Notare, der Pilger, der Rechtsanwälte, der Reisenden, der Richter, der Samenhändler, der Schnapsbrenner, der Spitzenhändler, der Steinbrucharbeiter, der Steinmetze, der Tuchhändler, der Wachszieher, der Weinhändler und der Wirte. Die älteste Legende ist das Stratelatenwunder, in dem Nikolaus 3 unschuldig zum Tode Verurteilte in letzter Sekunde rettet. Drei Feldherren, die Zeuge dieser Rettung sind, werden selbst als Opfer einer Intrige eingesperrt. Sie bitten Nikolaus im Gebet um Hilfe, der dem Kaiser im Traum erscheint und die Freilassung der Eingesperrten bewirkt.

Die bekannteste Geschichte dürfte die der »Ausstattung der drei Jungfrauen« sein: Ein reicher Mann kann seine Töchter nicht mehr standesgemäß ausstatten und will sie daher auf einen sündigen Weg schicken um sich selbst Geld verdienen zu lassen. Nikolaus, der gerade ein Vermögen geerbt hat, hört davon und wirft in das Gemach der Jungfrauen in dem diese schlafen, 3 goldene Kugeln durch das Fenster, wodurch ihnen der schwere Weg erspart bleibt.

Die »Stillung des Seesturms«, in dem Nikolaus die Segel der in Seenot geratenen Schiffer richtig setzt und den Sturm beruhigt (Eine eindrucksvolle Darstellung ist im sog. Tulenhauptfenster im Freiburger Münster zu sehen, ca. 1320).

In der »wunderbaren Kornvermehrung« erfährt Nikolaus während einer Hungersnot, dass Schiffe in einem Hafen festgemacht haben, die mit Korn beladen und unterwegs nach Spanien sind. Nikolaus erbittet für die Hungernden Korn, das ihm die Seeleute nicht geben wollen, da es genau abgewogen sei und dem Kaiser gehöre. Nachdem ihnen Nikolaus verspricht, sie würden keinen Schaden haben, wenn sie davon abgäben und sie dies taten, fehlte bei Ankunft tatsächlich nichts an Gewicht. Das an die hungernde Bevölkerung verteilte Korn reichte wunderbarerweise 2 Jahre und zur Aussaat.

Ein Doppelwunder, die »Heimführung des verschleppten Kindes« hat Nikolaus sehr volkstümlich werden lassen: Um von seiner Frau einen Sohn bekommen zu können unternimmt ein Mann eine Wallfahrt nach Myra (dem Bischofssitz von Nikolaus) und möchte den Bischof Nikolaus um seinen Segen bitten. Da jedoch dieser gerade verstorben ist nimmt der Mann eines seiner Leichentücher mit in seine Heimat und lässt darauf eine Kirche für den Heiligen bauen. Daraufhin wird dem Paar ein Sohn geboren, der jedoch im Alter von 7 Jahren verschleppt wird. In seiner Gefangenschaft wird der Sohn von einem Wirbelwind erfasst und direkt vor die heimatliche Nikolauskirche getragen, in der die Eltern gerade den Heiligen um Hilfe anflehen.

Eine Fülle von Legenden ranken sich um den Heiligen Nikolaus, der schon vor seinem Tode viele Wunder vollbrachte. Nach dem Tod hat er sich vielen, die ihn anriefen, als Retter aus schwerer Not erwiesen. Hier können nur die bekanntesten Legenden angesprochen werden, die teilweise auch in der ikonographischen Darstellung der Heiligenfigur verankert wurden:

– Nikolaus hält 3 goldene Kugeln in der Hand (manchmal sind es Geldsäcke, goldene Äpfel) = Ausstattung der Jungfrauen
– Nikolaus steht im Schiff und vertreibt mit dem Krummstab den Sturm = Stillung des Seesturmes
– Nikolaus diskutiert mit den Seeleuten, die daraufhin Korn verteilen = Kornvermehrung
– Drei Knaben mit bloßem Oberkörper knien in einem Kübel und Nikolaus steht vor ihnen mit Mitra, Stab und Buch. Die Segenshand Gottes aus den Wolken errettet die Knaben = Schülerlegende

Gerade die »Schülerlegende« wurde derart ins Brauchtum übertragen, dass die Klosterschüler alljährlich einen Knabenbischof aufstellten, der am 6. Dezember in bischöfliche Kleidung schlüpfen durfte und in Anlehnung an den Heiligen Nikolaus die Guten belohnen und die Bösen bestrafen durfte. Der Rollentausch ging soweit, dass die Schüler mit den Lehrern ihre Scherze trieben. Beim Umzug mit dem Kinderbischof durch die Städte wurde durch die Jugendlichen sehr aufdringlich – auch mit Masken - um Gaben gebettelt, was sogar im Basler Konzil 1435 als Unfug verboten wurde.

Die Beschenkung der 3 Jungfrauen begründet den sog. »Einlegebrauch«, das unerkannte Schenken. Bereits auf Backmodeln des 16. Jahrhunderts wird Nikolaus im Bischofsornat als Schenker dargestellt. Im katholischen Bereich wird der Einlegebrauch zum »Einkehrbrauch«, nun besucht seit der Mitte des 17. Jh. Nikolaus die Kinder zu Hause. Damit lässt die Verehrung des Heiligen Nikolauses nach, dem steht aber ein Zunehmen seiner weltlichen Bedeutung gegenüber.

Ab dem 18. Jahrhundert wird die Figur des Bischofs von Myra vermehrt als zentrales Instrument der Adventspädagogik gebraucht: Fastende, betende und gehorsame Kinder bekommen vom Nikolaus Geschenke, die bösen werden mit der Rute bestraft. Nikolaus wird zur großväterlichen Autorität im prächtigen bischöflichen Gewande mit weißem Bart. So wurde Nikolaus eigentlich zum »Kinderheiligen«.

Unter vielen Namen ist er bekannt: In der Schweiz ist es der »Samichlaus«, in Frankreich »Père Noel«, in Holland »de Kleeschen«, in Österreich der »Nikolo«, in Russland »Väterchen Frost« usw. In den USA und England bringt »Santa Claus« anstelle des Christkindes die Geschenke.

Im Laufe der Zeit wurde dem Heiligen Nikolaus noch ein Begleiter, der Knecht Ruprecht, oder Krampus, zugewiesen, der sich mit der Bestrafung der »Bösen« zu beschäftigen hat. Im Schweizerischen, wo der Samichlaus den Kindern, die ein Värsli aufgesagt haben »Nüss und Biire« bringt, nennt man den Begleiter des Heiligen den »Schmutzli«.

Wem sind nicht die bunten Lebkuchenbildchen (in Hochglanzfarben) des beginnenden 20. Jahrhunderts bekannt.

Die kommerzielle Nutzung reicht heute bis zum Coca-Cola-Weihnachtsmann, vom Heiligen wurde er zum Werbeträger und Verkaufsschlager.

1969, nach über 700 Jahren gebotener Verehrung (auf dem Konzil in Oxford 1222 wurde das Nikolausfest zum Fest ersten Ranges erhoben), wurde der Nikolaustag als »allgemein gebotener Gedenktag« aus dem katholischen Generalkalender gestrichen. In der orthodoxen Kirche gedenkt man noch heute jeden Donnerstag der heiligen Apostel und des heiligen Nikolauses.

Das Nikologartl

Der Nikolausbrauch, »Nikologartl« aufzustellen, war einstmals in Europa weiter verbreitet, heute findet man diesen nur noch in Frankreich und recht isoliert – in Oberndorf, der Stille-Nacht-Gemeinde.

Noch bevor der Heilige Abend mit dem Christbaum, den Nikolaustag als »Bescherungstag« ablöste, erfolgte die Beschenkung in weit bescheidenerem Maße als heute. Der Kommerz folgte dem Brauch, außerdem war man damals noch genügsamer. Gerade in der kalten Jahreszeit war es oft mit dem Einkommen sehr schwierig, ein Großteil der Bevölkerung war ohne Arbeit und zehrte vom Ertrag der warmen Tage. Einer dieser Berufsstände war auch der, der Schöffleute, der Schiffsbesatzungen, speziell der Salzach-Schifffahrt. Die meiste Zeit des Jahres verbrachten die Schiffer am Wasser, diese gefährliche und harte Arbeit prägte sie ganz besonders. Eine eigene Lebensweise und ein eigenes Brauchtum waren die Folge. So hatten die arbeitslosen Schiffer in den kalten Monaten die Zeit, solche »Nikologartl« herzustellen, um sich damit ein winziges Nebeneinkommen zu verdienen.

Aus einer Fachlektüre über die »Salzschiffer und Schifferschützen von Laufen-Oberndorf«, konnte folgende Bauanleitung entnommen werden:

»Auf einem etwa 30-40 cm langen und ca. 20 cm breiten Grundbrettchen werden an der Hinterfront Tannenzweige eingesetzt; die drei anderen Seiten sind meistens mit einem kleinen Holzzaun umgeben, an dem an der Vorderfront Kerzen – als Symbole für die Jahreszeiten, aber auch für den Advent – aufgestellt werden. Den Boden legt man mit Moos aus. Verschiedentlich werden auch vergoldete Nüsse als Verzierung verwendet. In diesen kleinen »Garten« werden dann Figuren des hl. Nikolaus und Krampus aufgestellt, sodass vor ihnen noch Platz für die Ablage kleiner Geschenke verbleibt.« Werner Hölzl hat den Nikologarten so illustriert:

Nun war es Brauch, dass die Kinder diesen Nikologarten ins Fenster stellten und hofften, dass sie vom Nikolaus über Nacht mit Nüssen, Äpfeln und Birnen oder auch Klezen beschenkt wurden. Kamen Bekannte und Freunde konnten diese auch eine kleine Gabe für die Kinder in den »Garten« legen.

Leider ist dieser Brauch fast ausgestorben, wenn man sich aber die Mühe macht, auf Krippenausstellungen entlang der Salzach den Nikologarten zu suchen, dann findet man sie gelegentlich:

Voriges Jahr konnte man bei den Krippenfreunden Laufens gleich zwei Nikologärten finden, bei einer Krippenausstellung im Salzburger Museum Carolino Augusteum war auch ein Exemplar zu sehen.

Aber warum sollte man seinen Kindern nicht auch einmal einen Nikologarten nach eigener Fantasie basteln, das Schwierigste dabei ist lediglich eine ansprechende Nikolausfigur, statt einem gewichtigen, verkitschten »Weihnachtsmann« zu finden. Kletzenkramperl findet man leichter!

HK

Quellen:
Martin Ruch, Ursula Karbacher, Kurt Lussi, St. Nikolaus – 1999 Kunstverlag Josef Fink ISBN 3-933784-47-6
Meisen Karl, Nikolokult und Nikolausbrauch i. Abendland – Düsseldorf 1931
Zinnburg Karl, Salzburger Volksbräuche – Salzburg 1972
Zinnburg Karl, Salzschiffer und Schifferschützen von Laufen-Oberndorf – Verlag Alfred Winter mit Illustr. von Werner Hözl
Katrin Cerny und Evelyne Haller, Von Samichlaus bis Santa Claus, »http://www.icy.ch/horizonte« www.icy.ch/horizonte
Heiliger Nikolaus von Myra, »http://www.nikolaus-von-myra.de« www.nikolaus-von-myra.de
NDR Fernsehen Experten-Tipp »http://www.ndr.de/tv/dasamsnachmittag« www.ndr.de/tv/dasamsnachmittag
Nikolaus von Myras Tod »http://www.kidlane.de« www.kidlane.de
Besten Dank für Informationen an Frau Chr. Deutinger vom Tourismusverband Oberndorf.



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