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Jahrgang 2016 Nummer 29

Der Goldzug in Grassau 1945

Er transportierte Wertgegenstände die ungarischen Juden geraubt wurden

Bahnhof Staudach-Grassau.
Café Panorama an der Bahnhofstraße in Grassau.

1945 erreichten zwei Waggons des sogenannten Goldzuges aus Budapest den Grassauer Bahnhof gefüllt mit Kunstgegenständen und mehreren Begleitpersonen. Nur noch ganz wenige Bewohner erinnern sich an die damaligen Besucher. Belege für das Eintreffen des Zuges am Bahnhof am östlichen Ortsrand gibt es kaum noch. In den bisherigen Publikationen insbesondere in Österreich und Ungarn wird von den Waggons in Grassau nichts berichtet.

Die Geschichte des Goldzuges ist eng verknüpft mit dem Schicksal der Juden in Ungarn während der Naziherrschaft. Im März 1944 besetzten die deutschen Truppen Ungarn und setzten schon bald die Beschlüsse zur »Endlösung der Judenfrage« um. Von den 825 000 ungarischen Juden ließ der genauestens bilanzierende Eichmann 437 402 innerhalb von 55 Tagen nach Auschwitz bringen. Unterstützt wurde er von der ungarischen Marionettenregierung. Diese »Pfeilkreuzler« unterstützten die deutschen Besatzer nach Kräften darin, die Juden ihres Lebens und zuvor ihrer Besitztümer zu berauben. So ließ die SS circa 55 000 Waggons mit geraubten ungarischen Gütern nach Deutschland schaffen, vom Vieh der Bauern bis hin zu vollständigen Fabriken. Den Schlusspunkt setzte der durch das Unternehmen 'Panzerfaust' an die Macht gekommene ungarische Ministerpräsident Ferenc Szálasi mit dem Dekret Nummer 3840 vom 3. November 1944: Es bezeichnete alles jüdische Eigentum als »Eigentum der Nation, also Eigentum der Regierung«. In allen Orten in Ungarn wurden die Wertgegenstände der jüdischen Familien zusammengetragen und dann im mittelungarischen Zirc gesammelt. Von dort nahm dann der »Goldzug« später seine Fahrt in Richtung Westen auf.

In Budapest war für das Zusammentragen, besser 'Rauben' der Wertgegenstände aus jüdischem Besitz aber auch von ungarischen Kunstgegenständen Dénes Csánky zuständig.

Er wurde am 29. April 1885 in Budapest geboren und besuchte die Kunstgewerbeschule in Budapest und später die Kunstakademie in München. Zudem studierte er Jura an der Universität Budapest, dann in Berlin und in den Niederlanden. Von 1912 bis 1922 war er stellvertretender Direktor des Hauptstädtischen Museums in Budapest. Nach der Leitung weiterer Museen in den folgenden Jahren beauftragte ihn das Ministerium für Religion und Volksbildung 1934 mit der Organisation der II. Nationalen Kunstausstellung. Im Juli 1935 wurde er Generaldirektor des Ungarischen Nationalmuseums der Schönen Künste.

1944 wurde er Regierungskommissar für die beschlagnahmten, jüdischen Kunstschätze. Ende 1944 organisierte er vom Museum der Schönen Künste aus im Auftrag der faschistischen Regierung der nationalen Einheit den Abtransport der zusammengeraubten Kunstschätze nach Deutschland. Die gesamten Kunstgegenstände wurden ebenfalls nach Zirc gebracht, um sie zusammen mit den anderen zusammengerafften Wertgegenständen im sogenannten 'Goldzug' abzutransportieren.

»Es waren 44 Waggons, welche am 23. Dezember 1944 von den Pfeilkreuzlern in Richtung Reich geschickt wurden, möglichst weit weg von der heranrückenden Roten Armee. Die Inventarlisten lesen sich wie eine Geschichte aus TausendundeinerNacht: Kisten mit Gold, Goldstaub, Eheringe (in Kästen so schwer, dass zwei Männer sie nicht heben konnten), Diamanten, Silberbarren, silberne Kandelaber aus Haushalt und Synagoge, Münzen, Kristallglas, Porzellan aus Meißen, Dresden, Herend, ferner Pelze, Orientteppiche, Gemälde, Briefmarkensammlungen, Uhren, Kameras, hundert Violinen, Grammophone…

So gut wie nichts von all dem hat seine rechtmäßigen Eigentümer wieder erreicht. Zum einen, weil die meisten von ihnen – 600 000 ungarische Juden – ermordet worden waren, zum anderen, weil sich neben den Pfeilkreuzlern auch Österreicher – und die amerikanischen Befreier an den Schätzen bedienten. Die USA versuchten mit Zuwendungen an jüdische Hilfsorganisationen die Sache zu vertuschen. Mehr als fünfzig Jahre hat es gedauert, bis eine Kommission auf Wunsch Präsident Bill Clintons nun untersucht hat, was mit dem Goldzug wirklich passiert ist. Zusammen mit einem gleichzeitig erschienenen Historikerbericht der ungarischen Juden und der Befragung von Zeitzeugen in Salzburg und Tirol ergibt sich ein düsteres Bild.

Als der Goldzug den Amerikanern am 11. Mai 1945 bei Bad Gastein in die Hände fiel, war gut die Hälfte seiner Ladung bereits geplündert. Der ungarische Kommandeur Árpád Toldy hatte sich mit 70 Kisten – nur vom Feinsten – nach Tirol, Richtung Schweiz, abgesetzt. Von seiner Beute wurden zwar 36 Kisten Gold und 12 Kilo Diamanten gefunden, die anderen Kisten aber, jede einzelne nach heutigem Stand zwei Millionen Mark wert, sind nie wieder aufgetaucht. Spuren aber lassen sich in Tirol bis heute verfolgen.« (Der andere Goldzug, real existierend, Veröffentlicht am 1. September 2015 von Paul Kreiner – https://paulkreiner.wordpress.com/2015/09/01/der-andere-goldzug-realexistierend/)

Im späten Frühjahr 1945 erreichten auch zwei Waggons den Bahnhof Grassau-Staudach am östlichen Ende von Grassau, nicht weit vom heutigen Kreisel. Begleitet wurden die Waggons von einem ungarischen Offizier, von Dénes Csánky mit Familie sowie den Familien Farkas Bogyay. Es wurde manches erzählt, was sich alles in dem Zuge befinden soll. Es ging sogar das Gerücht um, dass sich bei den Kunstgegenständen im Waggon auch die ungarische Krone befinden soll, wie Mathias Noichl berichtete. Als Kind hatte er noch die Besuche von Csánky erlebt.

Im Archiv der Marktgemeinde Grassau findet sich kaum eine Spur von dem Goldzug. Dies war natürlich dem Zeitpunkt geschuldet, denn das nahende Kriegsende und die anrückende, amerikanische Armee sowie die vielen Flüchtlinge am Ort stellten die Verwaltung vor große Probleme. Zudem waren für diesen Zug die amerikanischen Behörden zuständig. So ist lediglich ein Schreiben in Kopie an den Bürgermeister vom 2. Juli 1945 erhalten, in welchem auch die Waggons des Goldzuges erwähnt werden.

»Wir erlauben uns, Sie höflichst zu bitten, um unseren Familien Wohnungen anweisen zu wollen. Zur Begründung unseres Gesuches sei es auf folgendes hingewiesen:

Als amtliche Begleiter des ungarischen Kunstschatztransportes der z. Zt. unter dem Schutz der Militär-Regierung steht, sind wir derzeit in Reit, am Bahnhof Staudach-Grassau in einem Mitropa Schlafwagen und einem Güterwagen einquartiert und können, solange von den amerikanischen Militär-Behörden keine weitere Verordnung gegeben wird, unseren jetzigen Aufenthaltsort, d. h. die Gemeinde Grassau oder Staudach, nicht verlassen. Dementsprechend haben die zwei Offiziere der U. S. Armee, die vor einer Woche und am 2. Juli die am Bahnhof Staudach-Grassau stehenden Eisenbahnwagen besichtigt und registriert haben, unsere Einquartierung zur Kenntnis genommen und erklärt, dass sie unsere beiden Wagen vorläufig nicht in Anspruch nehmen werden.

Trotz dieser Erklärung wurde uns am 1. Juli von Herrn Wagner, Bahnhofvorstand von Staudach-Grassau mitgeteilt, dass der Güterwagen am nächsten Freitag und bald auch der Schlafwagen auf Verordnung der höheren Eisenbahnbehörden von uns geräumt und dann weitergeleitet werden müssen.

Da der erwähnte Güterwagen nicht nur als Schlafstelle, sondern zugleich als Wirtschaftsraum und Aufbewahrungsort aller unserer Haushaltseinrichtungen/Kochgeräte, Lebensmittel usw. dient, macht sein Abtransport die Anweisung der Wohnung dringend nötig, auch wenn der Schlafwagen, der nur als Schlafstelle dienen kann, zur Unterbringung der angeführten Sachen und zur Haushaltsführung aber nicht ausreicht, weiter hier stehen kann.

Die unterzubringenden Personen sind: Volksschuldirektor Géza Farkas, mit seiner Frau, Tochter und zwei Söhnen, und Ministerialsekretär Dr. Thomas Bogyay mit seiner Frau. Beide Familien haben ihre nötigsten Haushaltsgeräte, sowie Bettzeug usw. mit sich.

Reit, Bahnhof Staudach-Grassau, am 2. Juli 1945.
Hochachtungsvoll
Dr. Thomas Bogyay m.p.
Ministerialsekretär
Géza Farkas m.p.
Volksschuldirektor«

Bestätigt wurden die Angaben durch den Bahnhofsvorsteher Wagner.

Am 4. 7. 1945 wurde folgende Anweisung vom damaligen Grassauer Gemeindesekretär und späteren Bürgermeister Häringer verfasst:

»Die Familien Direktor Géza Farkas und Ministerialsekr. Dr. Thomas Bogyay – 7 Personen – müssen sofort ihr bisheriges Quartier am Bahnhof (Eisenbahnwagen), auf Befehl der Besatzungstruppe räumen.

Ich bitte im Kaffee Panorama hierfür Platz zu machen.«

Damit war zumindest die Wohnraumfrage gelöst und die Familie Farkas blieb bis 1951 in Grassau. Danach zog sie weiter nach München, um später auszuwandern.

Zu Dénes Csánky und seiner Familie wurde nichts ausgesagt. Es wurde auch nichts über eine Verfolgung seiner Kollaboration in Ungarn oder durch die amerikanischen Besatzungsorgane erwähnt. Von ihm ist aber bekannt, dass er bis Mitte 1948 in Grassau blieb und in Aich im Haus Hubertus wohnte. Er hatte mit Sicherheit keine Wertgegenstände mehr bei sich, denn er musste sich seinen Lebensunterhalt durch das Anfertigen von Aquarellen verdienen. Während der drei Jahre in Grassau malte er eine Vielzahl von Aquarellen, auf denen die Häuser seines Zufluchtsortes dargestellt wurden. So sind derartige Bilder und einige ganz wenige großformatige Ölbilder in Grassau in Privatbesitz und mehr als 50 auch im Besitz der Marktgemeinde.

1948 zog Dénes Csánky weiter nach Freiburg. 1949 wanderte er dann nach Brasilien weiter, wo sich seine Spuren verloren. Er oder auch sein Sohn waren dort aber weiterhin künstlerisch tätig. Dies beweisen zwei großformatige Bilder mit typischen brasilianischen Orchideen der Gattung Cattleya, welche im Internet angeboten wurden und ihren Weg dann nach Grassau fanden.

Diese kurze Zusammenfassung wirft mehr Fragen auf, als dass sie Fragen beantwortet. Sie soll aber Anstoß für weitere Forschungen sein, um den Verbleib der Waggons und der mitgeführten Kunstgegenstände zu klären. Für weitere Hinweise und Dokumente wäre ich sehr dankbar.

Mein Dank gilt László Szabó, dem stellvertretenden Leiter des Landwirtschaftsmuseums in Budapest, der die Biographie aus dem Ungarischen zusammenstellte und mir übersetzte.


Olaf Gruß


Literatur:
Sabine Stehrer, Der Goldzug, Czerny-Verlag Wien 2006, 87 Seiten.


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