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Jahrgang 2013 Nummer 5

Der Glamour der »Leichten Muse«

Die alte Operette ist nicht tot zu kriegen

Dem Komponisten Franz Lehàr (1870 - 1948), hier auf einem Damenfächer, verhalf seine »Lustige Witwe« 1905 zum Durchbruch.
Paris – hier ein Foto-Potpourri – war die Geburtsstätte des Genres »Operette«, vor mehr als 150 Jahren.
Der Regisseur Hans Deppe brachte 1950 Leon Jessels Operette »Schwarzwaldmädel« in die Kinos – hier eine Szene mit dem beliebten Schauspieler Paul Hörbiger.
Poster von Pierre et Gilles für die Pariser Aufführung von »Le Chanteur de Mexico«, 2006, die das Element des glamourösen Kitsches bewusst einsetzte.

Vor gut 150 Jahren wurde sie in Paris geboren, die alte Dame Operette. Sie entstand aus dem Geist der Groteske, aber auch des Unseriösen. »Ein glamouröses Gesellschaftspublikum ließ sich von den frechen Turbo-Slapstickstücken Hervés und Offenbachs unterhalten. Deren Erfolgsschlager hießen ursprünglich opéra bouffe beziehungsweise opérette bouffe und waren in ihrer radikalen Farcenhaftigkeit – die auf das Absurde Theater und Monty Python vorausweist – etwas Neues im Musiktheater«. So wie heute das Musical. Das es allerdings auch schon viel, viel länger gibt, als man landläufig annimmt. Seit etwa 120 Jahren nämlich kam es, wörtlich übersetzt: »Musikalische Komödie«, in London auf und verbreitete sich zunächst in den englischsprachigen Ländern. Auch das Musical gehört in die Kategorie der »Leichten Muse«. Doch ist es die Operette, die unter diesem Begriff zuerst subsumiert wurde.

Wer sie schon begrub, sollte vorsichtig sein. Sie ist, trotz Musical und TVShow(-Unwesen), nicht so leicht unter die Erde zu kriegen. Ihren eigenen, nicht ganz lupenreinen, sondern immer ein wenig patinierten, will heißen: fragwürdig-subtilen Glanz hat sie behalten, auch wenn er ein wenig Speck angesetzt hat. Er betört noch immer. In eigenen Theatern. In München am gerade, wegen tiefgreifender Umbaumaßnahmen, aktuell nicht bespielten, quasi nach Fröttmaning oder ins »Prinze« und »Cuvilliès« verlegten Gärtnerplatz bei Josef E. Köpplinger oder in Wien an Heinz Hellbergs Bühne, die schon dem Namen nach allein ihrem Genre vorbehalten ist, aber auch auf Festivals wie dem beliebten österreichischen Mörbisch, bei Tournee-Ensembles, sogar in gestandenen Opernhäusern – das Münchner Nationaltheater gräbt seit Jahren »Die Fledermaus« für ein turbulentes Silvestertreiben aus, auch wenn sie, Leander Haußmann sei‘s noch heute geklagt, ein leichtes szenisches Fiasko ist.

Die Rede ist von der Operette, der »leichten Muse« im Gegensatz zur (so nie genannten) »schweren« – womit dann aber auch Jacques Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen« gemeint sind, die immerhin von einem der ausgekochtesten Operetten-Komponisten stammen, nicht von ungefähr einem »echt Köll‘schen Jung‘«, dem der rheinische Hang zu Maskerade und karnevalesker Ausgelassenheit in die Wiege gelegt worden war. Max Reinhardt, der »große« österreichische Theatermagier der Goldenen Zwanziger, hatte Offenbachs »Schöne Helena« zuerst 1919 in Berlin, dann, dreizehn Jahre später, in Wien zu einem außergewöhnlichen Aufführungsserien-Erfolg geführt und sich dadurch die Gegnerschaft des Sarkasten Karl Kraus eingehandelt, der sowohl den Starregisseur selbst als auch den musikalischen Arrangeur, keinen Geringeren als Erich Wolfgang Korngold, übel beschimpfte. Operette – das war und ist noch heute nichts für die Intellektuellen. Die rümpfen nur die Nase über so viel Trivialität.

Mit dieser Polarisierung geht es mitten in die feine Ausstellung des Münchner Deutschen Theatermuseums am Hofgarten mit dem Titel »Welt der Operette. Glamour, Stars und Showbusiness«, einer höchst gelungenen, so unterhaltsamen wie detailverliebten Übernahme von den Wiener Theatermuseumskollegen Marie-Theres Arnbom und Thomas Trabitsch. Beide Experten hatte Claudia Blank, die Münchner Museums-Chefin, zu Eröffnungsreden gewinnen können. Ein Gang durch die Schau – witzig und bunt illustriert, unmerklich wissenschaftlich strukturiert, darüber hinaus mit lernspielerischen Kinder-Stationen bestückt inklusive der Möglichkeit für die weniger naiv an die Sache herangehenden Erwachsenen, sich, beispielsweise, die passende Original-Schellack-Platte zum großzügig angelegten Bilder- und Dokumenten-Kosmos an den Wänden und in den üppig belegten Vitrinen aufzulegen – hebt die Operette als eigene und doch nicht selbstständige, nämlich von zahlreichen »Nebenkünsten« genährte und gestützte Bühnenkunstform wieder ins Bewusstsein und verschafft ihr den Stellenwert, den sie eigentlich hätte nie verlieren dürfen.

Auf keinen Fall ist die Operette – lavierend zwischen Irrwitz, Vernünftigkeit, Parodie und, zugegeben: Kitsch – heutzutage, wie viele munkelten, ausgestorben. Sie lebt. Sie treibt freilich ihre an den Zeitgeist angeklebten Blüten – von Berlin bis Boston, von New York bis Nürnberg, von Wien bis Sankt Wolfgang am See oder Sankt Pölten – und kann sich rühmen, große Künstler-Namen in ihren Reihen aufgewiesen zu haben, die von der seriösen Opernbühne über den Hollywood-Film bis hin zu Schauspielhäusern, die noch heute die Welt bedeuten, kamen. Haben eine Hilde Güden, ein Hans Moser oder ein Johannes Heesters – Gott, lass sie und alle Nichtgenannten, aber Wohlbekannten, selig ruhen! – etwa weniger Furore in ihren angestammten Metiers als auf der Operettenbühne oder im Operettenfilm gemacht? Gar nicht zu reden von den wichtigen Tonschöpfern, die auf nicht selten geniale Weise unsterbliche Melodien sterblichen Libretti unterzulegen wussten: Johann Strauß Sohn und Franz Lehàr, Zierer und Millöcker, Jessel und Kalmàn, Benatzky und Eysler, Paul Abraham, Leo Fall. Ach, da schlagen schrumpfende Herzen höher!

Auch wer sich mit jungem Herzen für die Operette bisher nicht erwärmen konnte – in dieser Ausstellung verschafft er sich Respekt vor ihrer großen Kunst, wird ihm Lust gemacht, sich mit der alten Tochter der Oper und der neuen Mutter des Musicals zu befassen – sehend, staunend, hörend, schwelgend. (Bis 10. März, Di. bis So. 10 bis 16 Uhr, Führungen mit Anette Spieldiener, Kinderprogramm, wunderschöner Katalog aus dem Wiener Brandstätter-Verlag 35 Euro)

Dr. Hans Gärtner


5/2013