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Jahrgang 2008 Nummer 36

Der Fremdenverkehr in Reit im Winkl

König Max II. war vor 150 Jahren zwei Tage im Ort

Reit im Winkl: »Vom Wege nach dem Calvarienberge« von Obermüller, 1860

Reit im Winkl: »Vom Wege nach dem Calvarienberge« von Obermüller, 1860
Skipioniere in Lederhosen und Wadlstrümpfen: Reit im Winkler »Brettlrutscher« 1905 auf dem Fellhorn

Skipioniere in Lederhosen und Wadlstrümpfen: Reit im Winkler »Brettlrutscher« 1905 auf dem Fellhorn
Nachmittagsstimmung an der Kuoglerleiten.

Nachmittagsstimmung an der Kuoglerleiten.
1858 ist das offizielle Gründungsjahr des Fremdenverkehrs im heutigen Luftkurort Reit im Winkl. Und kein geringerer als König Maximilian II. von Bayern, der von 1848 bis 1864 regierte, stand an der Wiege des Tourismus in einem der heute bekanntesten Fremdenverkehrsorte in Bayern. Der für Volks- und Brauchtum begeisterte, bayerische Herrscher machte im Sommer 1858 eine fünfwöchige Alpenreise vom Bodensee bis Berchtesgaden mit seinem Hofstaat und zwei bayerischen Dichtern, Franz von Kobell und Friedrich Bodenstedt. Diese beiden schrieben begeistert über das bis dahin wegen seiner Abgeschiedenheit völlig unbekannte Gebirgsdorf. Als der König mit seinem Gefolge am 20. Juli 1858 gegen 9 Uhr abends im Dorf ankam, waren sie vorher noch eine Stunde weitergeritten und konnten sich gar nicht satt sehen an den dunklen Wäldern, den malerischen Almhütten, den tiefgrünen Seen und den das grüne Tal umgebenden Bergen. Die Reit im Winkler empfingen ihren König begeistert. Der König musste schon gewusst haben, dass die Gebirgler ein sangesfreudiges Volk waren, denn nach dem Souper beim Unterwirt, wo die Schar übernachtete, ging das Singen und Musizieren bis tief in die Nacht hinein erst richtig los. Die einheimischen Sänger und Gitarristen gaben ihr Bes-tes. Volkslieder und Jodler erklangen, Solisten und Gruppen trugen ihre gefälligen Weisen vor. Der König hatte übrigens selbst Gesangs- und Liederbücher mitgebracht und verteilte diese an die Sänger und Musikanten – Reit im Winkl hatte ja schon seit 1826 eine Musikkapelle. Und sie mussten ihm daraus vorsingen, soweit sie die Noten beherrschten. Der König konnte sich nicht genug der fröhlichen Lieder hören. Es fiel ihm schwer, sich von seinen Landeskindern zu trennen, die ihm einen so großartigen Empfang bereitet hatten. Viel später als vorgesehen, ritt die Kolonne am nächsten Tage weiter nach Ruhpolding.

Ein Geheimtipp für prominente »Sommerfrischler« vor 1914

Von 1858 an riss der Tourismus im Dorf nicht mehr ab. Zwei Jahre später kam ein besonders illustrer Gast vom Chiemsee heraufgewandert »übers Eck«, mit seiner Gitarre und viel Humor, der 34jährige Dichter Viktor von Scheffel. Auch er blieb beim Unterwirt und die fesche Wirtin beschrieb ihn gleich so: »a recht a Lustiger, der a mol vom Chiemsee aufig’roast war und ‘s Singa und ‘s Gitarrespuin nur so kunt hat«. Der lustige Dichter setzte der Wirtin auch gleich ein Denkmal in seinem schönen Aventiurilied, das in Stein gemeißelt mit seinem Portrait am Unterwirts-Eck zu lesen ist und worin es heißt: »Schau die Frau Wirtin! Wie kommt sie gehüpfet / Blitzend und glitzernd in fremdem Geschmeid // Schier wie ein Turban das Kopftuch geknüpfet /// Schier sarazenisch ihr Blick und ihr Kleid«. Den Einheimischen gefiel das und die Unterwirtin hieß noch lang bei ihnen die »Sarazenenwirtin«.

Natürlich besang dieser Dichter auch den lieblichen Ort im gleichen Lied, das beginnt: »Heia! Der Meerfahrt sind wir entronnen, / Nie mehr verlockt uns ein Kreuzzugpanier; / Reutti im Winkl han wir gewonnen / Reutti im Winkl han wir gewonnen / Und der Wildkaiserberg einsam Revier. / Weidender Herden Glöckleingebimmel / Läutet zum Einzug grüßend und mild / Und wie ein Arm aus siebentem Himmel / Winkl uns des Unterwirts gastlicher Schild.«

Voll Begeisterung rief er nach seiner fünfstündigen Wanderung vom Chiemsee hierher aus: »Hier schlagt das Lager nach fröhlichem Wandern!« Das war anno 1860. Nun folgten viele prominente Sommerfrischler. Nur einige seien hier genannt, die für die Verbreitung dieses »Geheimtipps« sorgten. Da ist zu allererst der AlpenForscher, Schriftsteller und Herausgeber einer Zeitschrift »Der Alpenfreund«, Dr. Eduard Amthor, ein Handelsschuldirektor aus Gera zu nennen, der beim Oberwirt 1871 bis 73 eine illustre und fröhliche Runde um sich versammelte, die das ganze Jahrzehnt über das Dorf besuchte, das Tal durchstreifte und die umliegenden Berge bestieg. Am Abend tauschten die »Herrschaften«, wie man sie damals nannte, ihre Erfahrungen aus und saßen anschließend gesellig beisammen, ließen sich die »Schmankerln« der Wirtin munden, schmetterten Lieder und erzählten sich Witze bis in die Nacht hinein. Zu diesem Kreis gehörten unter anderem Geheimrat Prof. Dr. Delbrück aus Jena, der sich mit dem einheimischen jungen Mann Isidor Hipper anfreundete. Ein besonderer Freund urwüchsigen bayerischen Humors war der höchste Jurist in Bayern, der Landgerichtspräsident Philipp Mayer aus Neuburg. Weiter sind zu nennen: der Alpenforscher und Tiroler Dichter Dr. Ludwig von Hörmann aus Innsbruck, der bayerische Staatsminister von Bomhard, München, Großherzog Heinrich XIV. von Reuß-Gera und der Schriftsteller Ludwig Steub, der Reit im Winkl 1873 anlässlich der Einweihung des Kriegerdenkmals für die Gefallenen des französischen Krieges 1870/71 besuchte und dabei den Ort anschaulich beschrieb.

Der vor 150 Jahren, 1858, geborene Physiker und spätere Nobelpreisträger Max Planck war von 1901 bis 1913 als Sommerfrischler im Dorf. Er erlebte in dieser Zeit auch, wie sich der ebenfalls 1901 als Pfarrer nach Reit im Winkl gekommene Johann Genghammer redlich plagen musste mit »seinen lieben Pfarrkindern«, bis er sie »weichgeklopft« hatte und sie tatsächlich einwilligten, die alte Kirche abzureißen, eine Notkirche und schließlich eine neue Kirche zu bauen, die 1913 eingeweiht wurde. Die letzten beiden Jahre waren turbulent, der Bau musste vorangehen. Da legte sich der Oberwirt wegen seiner »Sommerfrischler« quer. Er brachte es sogar fertig, dass die Gemeindeversammlung, die sonst immer beschloss, was der Pfarrer wollte, sich »bockbeinig« zeigte und den Abbruch der alten Kirche auf den September 1912 verschob, damit die Gäste nicht gar zu sehr gestört würden. So wurde im Innern gearbeitet. Dabei stellte der Pfarrer fest: »Die Sommerfrischler zeigten nicht soviel Abneigung gegen den Staub wie in der Gemeindeversammlung vorgeschützt wurde.« (Pfarrchronik, Bd 1, Bl. 12 f) Manche Gäste verfolgten in der Kirche aus Neugierde die Arbeiten und mussten aus Gründen der Sicherheit sogar hinausgewiesen werden. Max Planck kam nach der Fertigstellung der Kirche 1913 nicht wieder ins Dorf.

Die romantische Zeit der Postillione beginnt

Das kleine, verträumte Dorf mit 538 Einwohnern (1867), seinen rund 40 Häusern und 12 Zuhäusln sah sich plötzlich von immer mehr Sommerfrischlern überfallen und hatte Schwierigkeiten, sie unterzubringen. Es war nicht darauf vorbereitet und hatte für die Fremden nicht viel zu bieten, außer ihrer schönen Heimat, dem lieblichen Tal und den umgebenden Bergen und Almen, auf denen die Almbauern allerdings gerade um 1900 überall Kapellen bauten, in denen auch die Gäste ihre stille Andacht verrichten konnten. Isidor Hipper, damals ein einheimischer Bub, schrieb 1952 in seinen Erinnerungen. »24 km von der Bahnstation Übersee entfernt, ohne planmäßige Fahrgelegenheit, man ging zu Fuß übers »Eck« nach Unterwössen, von wo eine schwerfällige, gelbe zweispännige, sechssitzige Postkutsche gemächlich täglich einmal nach und von Übersee fuhr. Erst am 1. Mai 1880 konnte Reit im Winkl die erste behördliche Postkutsche (Anm. d. Red: die »Carriolpost«, wie sie offiziell hieß) begrüßen.« (Heimatbuch, S.521 f.). Und Hipper beginnt zu schwärmen, wie schön der Postillion in seiner schmucken Uniform doch anzusehen war. Besonders das an einer gelben Schnur umgehängte Posthorn hatte es den Buben angetan. Hier war schon die ganze Romantik der Zeit der Postkutsche angeklungen, die leider – oder Gott sei Dank – nur bis zur Inflation der zwanziger Jahre gedauert hatte. Denn der Dienst des Postillions endete kaum unter 14 Stunden am Tag und die Straße Marquartstein – Reit im Winkl galt seinerzeit als die »schlechteste und gefährlichste Poststraße Bayerns.«

Der erste Verschönerungs- und Verkehrsverein wird 1896 gegründet

Weitblickende Reit im Winkler machten sich auch damals schon Gedanken, wie man den Sommerfrischlern – noch waren es nur solche und keine Wintergäste! – den Aufenthalt angenehmer machen konnte. So gründeten einige Burschen des Ortes im Februar 1896 den ersten Verschönerungs- und Verkehrsverein Reit im Winkl. Erster Vorstand wurde der damals im Ort lebende Arzt Dr. August Oberweiler. Hauptziel der Gründer war die Verschönerung des Ortes. So ging der Verein sofort daran, sich für die Verbesserung der Wege einzusetzen und sie zu markieren, Ruhebänke aufzustellen und Werbeschriften sowie einen ersten Bergführer herauszubringen.

Der 1921 gegründete Wintersportverein läutet den Winter-Tourismus ein

In den Jahren des ersten Weltkrieges kam die Vereinstätigkeit im Dorf zum Erliegen. Die jungen Männer waren alle Soldaten geworden und 44 von ihnen kamen nicht mehr aus dem Felde zurück. Das war ein gewaltiger Aderlass für den Ort mit seinen damals 1180 Einwohnern. Dennoch gründeten schon im November 1919 eine ganze Reihe von Frauen und Männern den Wintersportverein Reit im Winkl. Der erste Bürgermeister Josef Mühlberger und sein Kriegskamerad Josef Auer waren die treibende Kraft. Der Bürgermeister übernahm den Vorsitz im neuen Verein. Auch zwei Skifabrikanten gab es bereits im Dorf.

1922 kam der Regierungsbaumeister Bruno Biehler nach Reit im Winkl und weihte die Jugend in das Skispringen ein. Die erste Schanze, die die beachtliche Weite von 45 Meter erlaubte, wurde gebaut und bald sollte der Stern des jungen Franz Haslberger aufgehen, der 1928 als Zwölfjähriger mit seinen Weiten kaum mehr hinter den »Alten« zurückblieb. Die Reit im Winkler Sportler ließen alle aufhorchen und der WSV – wie der Wintersportverein kurz genannt wurde – bewarb sich nun auch um Meisterschaften, die er austragen wollte. Dadurch wurde der Ort immer mehr als schneesicher, ja als das »Schneeloch« bekannt.

Zehn Jahre Durststrecke
Und mit den Erfolgen der Sportler kamen auch die Fremden. Im Jahre 1921 waren – trotz der Inflation – 3750 Gäste im Ort und es wurden schon 15 604 Übernachtungen gezählt. Diese Zahl fiel aber schon im nächsten Jahr auf 1959 Personen ab. Kein Wunder, denn die Inflation stieg bis 1923 noch auf ungeahnte Höhen. Dafür nur ein Beispiel: Im Sommer 1923 betrug der Preis der Tagespension in einem örtlichen Hotel 350 Millionen Mark. Die Freude über die »Fremdenhochflut« 1921 blieb also eine einmalige Angelegenheit, denn bis 1930 blieb die Zahl von 2150 Fremden mit Schwankungen nach oben und unten erhalten.
Die Vereine werden mehrmals neu gegründet

Auch die Vereinsgründungen nahmen anfangs der 20er Jahre wieder zu. So wurde unter anderem der Verschönerungs- und Verkehrsverein im November 1921 durch Bürgermeister Josef Mühlberger und jetzt mit ihm als Vorstand zum zweiten Mal gegründet. 1925 wurde zum ersten Mal einer der auch später bedeutendsten Förderer des Fremdenverkehrs in Reit im Winkl, der Lehrer Georg Linner an die Spitze des Vereins berufen. Auch der Theaterverein wurde 1919 mit dem Vorstand Hans Heigenhauser und dem Spielleiter Stefan Blaser ebenfalls ein zweites Mal gegründet. Dieser Verein führte damals schon 10 bis 12 Theaterstücke pro Jahr auf. Auch der schon 1901 gegründete Gebirgstrachten-Erhaltungsverein »Dö Koasawinkla« ließ seine Tätigkeit im ersten Weltkrieg ruhen und erstand wieder 1920. Er bot mit seinen Trachtenfesten – schon 1911 war das erste große Fest mit vielen Vereinen und Musikkapellen – eine Augenweide für Einheimische und Fremde. Die Vereine arbeiteten alle eng zusammen, um den Fremden etwas bieten zu können. Als 1945 die Besatzungsmacht alle Vereine auflöste, wurden sie nach der Heimkehr der meisten Kriegsgefangenen – 90 junge Männer kamen leider nicht mehr aus dem Feld zurück – wiederum sofort, einige zum dritten Mal, ins Leben gerufen. Die Bedingungen waren sehr erschwert, denn den Amerikanern mussten sofort 40 Häuser zur Verfügung gestellt werden. Aber die neuen Vorstände, die zum Teil wieder die alten waren, gingen in Zusammenarbeit mit der Gemeinde unverdrossen ans Werk.

Verbesserte Verkehrsverhältnisse: Straßenbau, Bahn, Busse und eine eigene Fluglinie

Zur Hebung des Fremdenverkehrs trug auch der Ausbau und Neubau der Zufahrtsstraßen nach Reit im Winkl und zur Winklmoosalm bei. Wie überhaupt die schon in den 30er Jahren beginnende Motorisierung, die Zunahme der Gäste, die mit Privatautos in den Fremdenverkehrsort kamen, mehr wurden. Umso dringender war der Ausbau vor allem der Straße von Marquartstein nach Reit im Winkl und auch der Straße nach Ruhpolding, die noch 1929 für Busse und Lastkraftwagen gesperrt war. Die 15 km lange Straße von Marquartstein nach Reit im Winkl wurde 1937 mit einem massiven Schotterunterbau versehen und geteert. So konnte nun auch die Deutsche Reichspost eine fahrplanmäßige Buslinie von München nach Reit im Winkl und zurück einrichten. Auch die Winklmoos-Bewohner erlebten im Winter 1936/37 zum ersten Mal einen Bus der Post, der die 1100 Meter hohe Alm auf einer noch provisorisch hergerichteten Straße erklommen hatte. 1938 wurde die Straße ausgebaut und auch ein Postamt in einer Almhütte eingerichtet. Postmeister Toni Nagel hatte sich besonders um die Verbindung nach Winklmoos verdient gemacht. Auf der Strecke wurden später bis zu 5000 Skifahrer im Winter täglich befördert.

Viel später, nämlich in den 50er Jahren wurde in mehreren Teilabschnitten die heutige Straße nach Ruhpolding auf der Trasse der ehemaligen Waldbahn gebaut. Die gesamte 20 km lange Straße wurde am 15. Juli 1959 bei strömendem Regen vom Bundesverkehrsminister Dr. Seebohm dem Verkehr übergeben. Ein Jahrhunderte altes, schlechtes Sträßlein verband viel früher als die Verkehrswege nach Marquartstein und Ruhpolding das Dorf Reit im Winkl mit dem Nachbarort Kössen. Auf den heutigen Stand wurde die bereits 1837 gebaute Straße durch das Glemmtal allerdings erst in den späten 70er Jahren des letzten Jahrhunderts gebracht. Der Grenzverkehr mit Privatautos zeigte auch von Kössen her die Zunahme des Fremdenverkehrs, vor allem nach dem Ausbau der Straßen diesseits und jenseits der Grenze. Im Jahr 1952 kamen 5000 Pkw’s von Kössen nach Reit, 1985 mit Fertigstellung der letzten Brücken und der Straße nach Kössen waren es 450 000 einreisende Pkw’s, 1990 schnellte diese Zahl auf 702 898 empor.

Ende 1923 nahm die Waldbahn Ruhpolding – Reit im Winkl ihren Betrieb auf. Sie wurde wegen riesiger Windbrüche als eine meterspurige Holzabfuhrbahn der Forstverwaltung erbaut und diente gleichzeitig bis zum 31. Dezember 1931 auch dem Personen- und Postverkehr. Wegen Unrentabilität wurde sie dann eingestellt.

Eine Einrichtung mit Seltenheitswert für so einen damals noch kleinen Fremdenverkehrsort mitten im Gebirge war die Fluglinie von München-Oberwiesenfeld nach Reit im Winkl. Als einziger Gebirgsort des Chiemgaues erhielt das Dorf 1931 einen behördlich genehmigten Privatsportflugplatz, der durch den Einsatz der »Bayerischen Südflug – AG München« eine zeitweise ganzjährige Flugverbindung mit der bayerischen Landeshauptstadt ermöglichte.

Gäste wie Einheimische staunten nicht schlecht, als am Heiligen Abend 1934 eine sechssitzige Junkers F 13 auf Kufen im tiefen Schnee landete. 1945 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Auch diese Flugverbindung trug damals wesentlich zur Förderung des Fremdenverkehrs bei.

»Luftkurort« seit 1956

Zwar lebten die Einwohner schon 20 Jahre früher zu 80% vom Fremdenverkehr. Mit der amtlichen Anerkennung als »Luftkurort« im Jahr 1956 war der Weg frei für den Aufstieg zu einem der bekanntesten Fremdenverkehrsorte in Bayern – und zwar Sommer wie Winter fast je zur Hälfte. Die Übernachtungszahlen stiegen bis 1992 auf fast 900 000.

Die Frage, wie solch eine Steigerung möglich war, kann nur mit dem Blick auf die rund 40 Vereine und Gruppen und deren ausgezeichnete Zusammenarbeit mit der Gemeinde beantwortet werden.

Beide haben gemeinsam mit den Vermietern alles getan, um dem Gast einen erlebnisreichen Urlaub zu ermöglichen. Das bescheidene Angebot um die Jahrhundertwende vom 19. ins 20. Jahrhundert ist weit übertroffen worden schon in den 50er bis 70er Jahren. Vor allem die Veranstaltungen des Wintersportvereins sind hier zu nennen. Im Jahr 1950 begann der Reigen von Meisterschaften mit den »Deutschen Nordischen Skimeisterschaften«, wozu 1949 im Sommer die Franz-Haslberger-Schanze ausgebaut und verbessert wurde. Dazu kamen noch ein neuer Kampfrichterturm und eine Tribüne für 3000 Besucher aus Stahlrohr wurden als eine moderne Sehenswürdigkeit angebaut. Dieses Skifest für das ganze Dorf brachte ihm das Lob von 100 anwesenden Journalisten, vier in- und ausländischen Rundfunkanstalten und rund 30 Bildberichterstattern ein, die alle das »Schneewunder Reit im Winkl« priesen und in die Welt hinaus trugen. Der Ort erfuhr hier erstmals, was Werbung bedeutet und der Wintersport reichlich Förderung und einen steilen Aufstieg. Nicht vergessen werden darf die von Fritz Hausbacher, dem Vorsitzenden des WSV von 1966 bis 1986 eingeführte, besser gesagt initiierte, internationale Skiveranstaltung »Der Deutschland-Schild«, die viele internationale Skisportler in den Ort brachte.

Heute wird ein »unbegrenztes Skivergnügen im Skigebiet Winklmoos/ Steinplatte« geboten, mit vielen Liften ist es ein regelrechter Skizirkus mit absoluter Schneesicherheit geworden und nebenbei auch die Heimat der berühmtesten alpinen Skifahrerin des Ortes, Rosi Mittermeier. Ihr gesellten sich fast unzählbare deutsche Meister hinzu. Neben ihren beiden Schwestern Heidi und Evi die mehrfachen nordischen deutschen Meister Karl Vogel, Heinz Hauser, Rudi Kopp, Edi Lengg, Xaver Kraus, Alfons Dorner und Bibi Niedermeier, um nur die allerwichtigsten zu nennen. In jüngster Zeit ist der auf internationalen Schanzen gesprungene Skiflieger Thomas Klauser und Evi Sachenbacher, eine »Nordische« anzufügen.

Im Ort und auf den umliegenden Almen werden heute den Skilangläufern 100 km täglich tadellos gespurte Langlaufloipen geboten, dazu Skikindergärten mit günstigen Familienpauschalen und noch vieles mehr. Pferdeschlittenfahrten im Winter wie sommerliche Kutschenfahrten vermitteln den Zauber der Landschaft. Auch kostenlose Schnupperstunden bieten die Skischulen, nicht vergessen seien die Abfahrten für Snowboardfahrer, die geführten Skiwanderungen und Schneeschuhtouren bei herrlichem Sonnenschein und meterhohem Pulverschnee. Der Ort verfügt auch über ein jetzt wieder modernisiertes, auf Familienbesuch bedachtes, geheiztes Freibad und ein Hallenbad.

Wer sich dem Zauber des Wintersports nicht verbunden weiß, dem bieten der Männergesangsverein mit dem 40 Jahre an der Spitze stehenden Chorleiter Alois Stockklauser (sein Sohn Thomas ist heute der Nachfolger), ferner die Musikkapelle mit ihrem nun schon 20 Jahre den Dirigentenstab schwingenden Hans Nothegger im Musikpavillon und die Gesangsgruppen mit ihren strahlenden Sternen wie Maria und Margot Hellwig, Susanne Calabro und Thomas Lehrberger abendliche Aufführungen in der neuen Festhalle. Hinzu kommt der Kirchenchor mit Manfred Zeus und jetzt Susanne Calabro als Dirigenten, der auch von der Kritik positiv bewertete Konzerte in der Pfarrkirche aufführt. Einmalig wohl auch in Deutschland ist der seit Jahrzehnten in Reit ansässige, japanische Jodler Takeo Ischi mit seinem »Jodel-Walk«, einem musikalisch umrahmten Abendspaziergang in die Berge. Auch für Kunst begeisterte Gäste kommen mit vielen Sehenswürdigkeiten, Museen und künstlerisch ausgestatteten Kapellen im Ort und in der Umgebung auf ihre Kosten. Dazu bietet der Gebirgstrachten-Erhaltungsverein »Dö Koasawinkla« zahlreiche Heimatabende, Jubiläums- und Trachtenfeste mit Schuhplatteln – es war nach früheren Angaben in diesem Dorf erfunden und in die Welt hinaus getragen worden – und vielen alten und modernen Tänzen eine wahre Augenweide vor allem für Gäste. Hier darf der Name Toni Fleindl nicht fehlen, der sowohl als Vorsitzender wie auch in anderen Funktionen viel für die Entwicklung der Tänze getan hat. Abends sollte nicht vergessen werden, die im Jahr rund 12 Aufführungen des Bauerntheaters zu besuchen. Die Kunst der Laienspieler mit ihren urwüchsigen Darbietungen ist sehenswert. Hier darf der Name Franz Schlechter nicht übersehen werden, der seit Jahrzehnten auch in Sängergruppen mitwirkte und die Heimatabende moderierte. Diese Aufzählung ist bei weitem nicht vollzählig, sie möge aber einen Begriff vermitteln von dem überaus reichlichen Angebot des Ortes für seine Gäste.

Dr. Ludwig Plank

Literaturhinweise
»Der Reit im Winkler«, Heimatbuch der Gemeinde Reit im Winkl, 1999, Druckerei Miller, Traunstein
Fremdenführer 1964 von Georg Linner und Fritz Hausbacher, 1980, erste Auflage
Urlaubs-Info 2008 der Gemeinde und verschiedene Prospekte des Fremdenverkehrsamtes



36/2008