Jahrgang 2020 Nummer 50

Der Böllerbauer aus Maria Gern

Seltener Beruf: Wolfgang und Katharina Pfnür bauen Böller und Kanonen

Hand- und Schaftböller, jedes Teil eine Wunschanfertigung.
Wolfgang Pfnür mit einem neuen Schaftböller vor dem Kirchlein in Maria Gern. (Fotos: Kilian Pfeiffer)
Katharina Pfnür bearbeitet den Schaft eines Böllers.
Fertig gestellte Läufe, die nun mit dem Walnussholz vereint werden.
Das Edelweiß ist fertig.
Aufwendige Schnitzerei.
Eine computergesteuerte Fräsmaschine hilft seit wenigen Jahren bei der Arbeit.
Familie Pfnür schwört auf die alte Drehbank aus den 70erJahren.

Mit dem schweren Schaftböller in der Hand wirkt Wolfgang Pfnür vor dem Kirchlein in Maria Gern fast ein wenig bedrohlich. Der Schein trügt: Gemeinsam mit Ehefrau Katharina betreibt der Böllerbauer ein selten gewordenes Handwerk. In der heimischen Werkstatt in Maria Gern, auf 700 Meter gelegen, entstehen ganzjährig besondere Unikate.

Walnussholz muss es sein: Da sind sich die Pfnürs ganz sicher. Jahrelang getrocknete Walnuss gilt als klassisches »Waffenholz«. Das Holz ist elastisch und hart zugleich. Die Maserung verleiht Einzigartigkeit. Sie ist meist lebhaft, mit breiten, dunklen Adern, die das Holz unregelmäßig durchziehen. Farbe und Struktur unterscheiden sich abhängig vom einstigen Standort des Baumes. Hinter der Werkstatt ist das Holzlager, das den wertvollen Rohstoff bereit hält. Bei Wolfgang und Katharina Pfnür entstehen Böller und Kanonen. Gefertigt wird das ganze Jahr über für Abnehmer aus der Region und weit darüber hinaus. Die mächtigen Objekte, die vom Holzkörper bis hin zum Lauf seit über 40 Jahren im Familienbetrieb entstehen, sind weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Wer einen Böllerbauer beauftragen möchte, hat sowieso keine große Auswahl.

Schnitzerei auf Wunsch

Im Regal, gleich neben der Werkstatt, warten etliche Hand- und Schaftböller auf ihre Vollendung. Es sind dies allesamt Auftragsarbeiten, hinzu kommen individuelle Wünsche, etwa das Verzieren des Schaftes. Katharina Pfnür ist gelernte Holzbildhauerin. Sie ist es, die die Schnitzereien verwirklicht. Das können die Initialen des eigenen Namens sein, ein Bild des verstorbenen Hundes oder ein Familienwappen. »Da gibt es kaum Grenzen«, sagt sie.

Im Umgang mit dem nachwachsenden Rohstoff ist sie geübt: Heute ist es ein Edelweiß, das sie vollenden wird. Die Blüte soll einen Handböller zieren. Unzählige Male hat sie den Arbeitsschritt bereits getan, jeder Handgriff sitzt, das Handwerk erfordert aber innere Ruhe. »Ein Ausrutscher sollte mir nicht passieren«, sagt Katharina Pfnür. Das Walnussholz würde den Fehler nicht verzeihen. Weiße, feine Linien sind auf dem Holz aufgebracht, sie skizzieren das spätere Edelweiß, das die Holzbildhauerin behutsam in den Schaft schnitzen wird. Mit gekonnten Bewegungen schabt Katharina Pfnür hauchfeine Späne vom Böllerschaft. Langsam zeigt sich die Blume in ihrer vollen Pracht. Ist die Schnitzerei fertig, wird getuscht. Natürlich gibt es andere Hölzer, die zur Wahl stehen: Im Lager hinter dem Haus findet sich auch Kirschenholz. »Walnuss hat sich aber am besten bewährt«, sagen die Pfnürs.

Wolfgang Pfnür hat vor einem Jahrzehnt das Geschäft von Vater Franz übernommen. In der Werkstatt wird auf Maschinen gearbeitet, die bereits viele Jahrzehnte im Einsatz sind. »Wenn mal etwas kaputt ist, können wir es selbst reparieren, weil keine Technik drinsteckt«, sagt Wolfgang Pfnür. Für den Familienbetrieb gilt: Tradition verpflichtet – nicht nur was das Brauchtum an sich, sondern auch die Herstellung der kiloschweren Gerätschaften angeht. Rund um Berchtesgaden, wo die Weihnachtsschützen zuhause sind, ist das Handwerk des Böllerbaus gefragt. Die Abnehmer kommen auch aus etlichen weiteren Ländern. Anfragen trudeln aus dem benachbarten Österreich oder der Schweiz ein. Die Pfnürs haben ihre Produkte schon nach Kanada versandt, in die Niederlande oder den Mittleren Osten. Die größte Nachfrage gibt es aber in der Region: 3300 Weihnachtsschützen leben im Landkreis. Der Corona-Pandemie zum Trotz dürfen die Schützen dieses Jahr schießen. Dennoch sind die Auswirkungen in der Firma spürbar: »Veranstaltungen fielen weg, ebenso gab es keine Böllerprüfungen«, sagt Wolfgang Pfnür.

Er ist gelernter Metallbaumeister, was für die Produktion von Kanonen und Böllern von Vorteil ist. Es sind nicht nur klassische Vorderlader, die in der Werkstatt der Familie Pfnür produziert werden. Standböller aus Edelstahl werden hergestellt, Salutgewehre gibt es hier, Hinterlader- oder Kartuschen-Kanonen. Im hinteren Bereich der Werkstatt türmen sich Berge an Christbaumständern. Gedacht waren sie für den Berchtesgadener Advent, der Corona-bedingt abgesagt werden musste. Was mit diesen geschieht, ist unklar. Aber auch in anderer Hinsicht sind die Pfnürs tätig: Wagenräder aus Holz entstanden hier schon mehrere, etwa für schwere Edelstahlkanonen. Vor vier Jahren hatten sie einen Großauftrag in doppelter Hinsicht: Die Berliner Volksbühne hatte angefragt. Gewünscht war ein riesiges Wagenrad, sechs Meter Umfang, bestehend aus reinem Eschenholz, beschlagen mit einem überdimensionalen Eisenring. Einen Monat arbeitete das Duo daran.

Fräsen, hobeln, drehen

Die Grobformen der Böller werden in zahlreichen Arbeitsschritten in Form gebracht. Dabei wird geschnitten, gehobelt und gefräst, das Holz wird speziell behandelt. Vor drei Jahren hat sich Wolfgang Pfnür zudem eine computerbasierte C&CPortalfräsmaschine angeschafft, ein für ihn gefertigtes Sondermodell. Die schweren Läufe, zudem in unterschiedlichen Kaliber-Ausführungen, entstehen nebenan an der bewährten Drehbank aus den 70- er-Jahren. »Eine gute Maschine sei das«, sagt der Metallbaumeister. Bis zu 20 Stunden Arbeitszeit stecken in den schweren Geräten, die nicht dem Waffenrecht unterliegen. Reich verzierte Böller benötigen sogar etwas mehr Zeit. Ist der Auftrag fertig, ist die Freude beim Kunden groß. Denn ein Böller ist eine Entscheidung fürs Leben, da darf es dann auch mal was Besonderes sein.

 

Kilian Pfeiffer

 

50/2020

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