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Jahrgang 2013 Nummer 26

Der Bauernrebell Wolfgang Weberjehl von Wimpasing

Er musste ins Gefängnis und anschließend noch an den Pranger

Der Weberjehlhof in Wimpasing.
Waffen der Bürger und Bauern im Dreißigjährigen Krieg.

1630 verkaufte Wolf »Wöber zu Wimpässing« an Wolf Waidertinger und seiner ehelichen Hausfrau Maria das Webergut zu »Wimpässing«, das er im Gantverkauf käuflich an sich gebracht hatte. Dieser Wolf oder Wolfgang Waidertinger, genannt auch als Wolfgang Weberjehl, war Ende des Dreißigjährigen Krieges einer der Anführer der Chiemgauer Bauern.

Ende des Jahres 1633, während des 30-jährigen Krieges, wollte der Kurfürst Maximilian einen Teil seiner Soldaten diesseits des Innflusses in die Winterquartiere legen, weil der übrige Teil des Kurfürstentums mit feindlichen und freundlichen Truppen überfüllt war. Der kurfürstliche Artilleriestab sollte in Traunstein einquartiert werden, deshalb erscheinen hier auf dem Schlosse ein kurfürstlicher Kommissär und die Pfleger von Marquartstein und Rosenheim, um in Gemeinschaft mit dem hiesigen Pfleger, Graf Ladislaus von Törring, mit der Bürgerund Bauernschaft wegen der Verpflegung zu unterhandeln, was nämlich an Geld, Fleisch, Heu und Stroh geliefert werden sollte. Am ersten Tag konnte mit dem Ausschuss der Bauern nichts ausgerichtet werden. Erst am anderen Tage waren zwei Bauern des Ausschusses bereit, im Schloss vorzusprechen. Beide wurden aber vom Schloss verwiesen. Man verlangte, die Monatssteuer zu geben und die fortgesetzten Lieferungen zu machen. Aber die Bauern schrien, sie könnten so viel nicht leisten, sie hätten so schon seit langer Zeit her so viel gezahlt. Als ihnen vorgestellt wurde, dass sie durch ihre Widerspenstigkeit die Sache nur noch schlimmer machen, gingen sie auseinander.

Die Bürger und Bauern diesseits des Inns, welche in Erfahrung gebracht hatten, wie übel die einquartierten Soldaten, besonders die Kroaten und spanischen Hilfstruppen hausten und die Leute drangsalierten, als wären sie in Feindes-Land, schworen sich, keine Soldaten über den Inn zu lassen. An alle Städte, Märkte und Dörfer gingen Boten aus, Bürger und Bauern sollten bewaffnet am 4. Januar 1634 nach Wasserburg kommen. Wer nicht selbst fort kann, soll seinen Sohn, Gesellen oder Knecht schicken.

Die Hauptverabredung der Bauern fand am Samstag, dem 31. Dezember 1633 auf der Schranne in Traunstein statt. Wolfgang Schönheinrich von Hart schlug die Trommel auf dem Stadtplatz und es wurde den versammelten Bauern von den Rädlführern Hans Mitter von Molbertin (Molberting), Christl Mayr von Hännerstorf (Hiensdorf), Wolfgang Weberjehl von Wimpasing, Georg Oehler von Niedling, Hans Meisinger von Nußdorf, dem alten Mayr von Roitwalchen und Valentin Königswieser, einem Hauptaufwiegler, bekannt gemacht, dass sie sich morgen am Neujahrstag gut bewaffnet mit ihren besten Wehren um 8 Uhr früh in Traunstein einfinden sollen. Besonders erhielten die anwesenden Gemeindevorsteher, damals Hauptleute genannt, den Auftrag, in ihren Gemeinden es bekannt zu machen. Kein Kriegsvolk darf über den Inn, so lautete der einhellige Beschluss der Bauern; jeder muss fort nach Wasserburg, um den Inn zu bewachen.

Am Neujahrstag kamen mehr als 500 Bauern gut bewaffnet nach Traunstein vor das Schloss, das gesperrt war. Sie verlangten alle, ins Schloss gelassen zu werden und die Auslieferung aller vorhandenen Waffen und Rüstungen. Beides schlug ihnen der Graf von Törring ab. Nur einem Ausschusse von zehn Bauern gestattete er, ihr Vorhaben bescheiden vorzubringen. Zu diesem Ausschusse wurden folgende gewählt: Wolfgang Weberjehl von Wimpasing, Georg Hutter von Thunstetten, Hans Ginzinger von Ginzing, Hans Stadler von Haunerting, Hans Mayr von Haßmoning, Hans Mitter von Molberting, Adam Hueber von Rettenbach, Valentin Königswieser, Sebastian Harwach und Stefan Hammel von Herbstorf. Der Weberjehl von Wimpasing zeigte sich besonders trotzig und hitzig in Worten und Gebärden, er drang darauf, dass der ganze Haufen ins Schloss gelassen werde. Die Bauern, die beim Tor standen, waren mit Spießen, Hellebarden, Kolben, Äxten und Grieshacken bewaffnet. Der Ausschuss forderte die Auslieferung der Waffen und dass der Graf selbst mit ihnen nach Wasserburg ziehe. Dieser aber verlangte Bedenkzeit bis am anderen Tag und beriet sich mit seinem alten Gerichtsschreiber Wolfgang Kröninger, was in dieser schwierigen Lage zu tun sei.

Am 2. Januar um 9 Uhr früh erschien ein Bauer vor dem Schlosstore und kündete an, dass um 12 Uhr alle Bauern kommen, um die Waffen abzuholen und der gnädige Herr soll sich richten und mit ihnen fortziehen. Der Ratsherr und Kaufmann Tittmoninger, der bei den Bauern sehr beliebt und früher Fähnrich der Traunsteiner Landfahne war, munterte die Bauern auf nach Wasserburg zu ziehen. Um 12 Uhr mittags erschienen alle Bauern vor dem Schlosse und verlangten, dass der Graf Törring die Waffen herausgeben und mit ihnen nach Wasserburg ziehen soll, sonst schlagen sie das Tor ein. Unterdessen kam der Pflegsverwalter von Stein zu Pferd an und wollte mitten durch die Bauern ins Schloss hinein. Die aber umringten ihn, nannten ihn einen Verräter und verlangten, er soll die Schreiben herausgeben, es stecke ein Verrat dahinter. Der Pflegsverwalter wurde bedroht und aufgefordert, mit ihnen zu ziehen. Weil er gleich zusagte und gute Worte hergab, half ihm der Hutterer von Thunstetten ins Schloss. Aber der ungestüme Weberjehl war der Nächste beim Tor und wollte hinein. Während der Pfleger noch am Fenster stand, schrien die Bauern hinauf zu ihm, ob dem Kurfürsten die Steuern richtig zugekommen seien, worauf dieser entgegnete, sie sollen den Boten fragen, der sie nach München gebracht hatte. Der Weberjehl wollte auch wissen, wie es mit der Fouragesteuer geschehe. Der Graf erwiderte: »Der Gerichtsschreiber werde schon Rechnung ablegen, er habe nichts zu verantworten.« Darauf schrie der Weberjehl: »Schauts Bauern, merkt's auf, einer legt die Schuld auf den Andern, wir werden schon darauf kommen, was mit den Steuern geschehen ist.« Weil aber die Bauern nicht ins Schloss eingelassen wurden, rief der Bartl am Oester von Miesenbach: »Bauern stecht's, schlagt's und schießt's hinauf«. Da die Bauern von ihren Forderungen nicht abgingen und nicht abziehen wollten, so versprach der Pfleger, um noch eine größere Gefahr zu verhüten, dass sein Verwalter mitziehen soll, auch sollen ihnen die noch vorhandenen Spieße ausgeliefert werden. Zu dieser Zeit war die Traunsteiner Landfahne in Schärding, sodass keine Waffen im Schloss vorhanden waren.

Noch am gleichen Tag wurde in allen Pfarr- und Filialkirchen auf dem Lande Sturm geläutet. »Auf nach Wasserburg! « hieß die allgemeine Losung. Über 20 000 Bürger und Bauern zogen nach Wasserburg, um dieses Gebiet von den Soldaten und Hilfstruppen zu schützen.

Kurfürst Maximilian befand sich damals in Braunau und war nicht imstande, diese so gefährliche Zusammenrottung zu verhindern. Seine Generäle und Räte wussten keine Mittel gegen die aufs Äußerste erbitterten Untertanen von allen Quartierlasten und Kriegslasten zu befreien; denn der Kurfürst hatte kein Geld, um seine Soldaten zu bezahlen.

Die Bauern des Traunsteiner Gerichts hatten bei Wasserburg mit einer Abteilung der Reiterei ein kleines Gemetzel, wobei ihnen einige Pferde und Waffen abgenommen wurden.

In dieser höchsten Not erschien wie ein rettender Engel der Kapuzinerpater Quardianus Romanus von Wasserburg. Dieser fromme und unerschrockene Mann war beim Volk ungemein beliebt und galt auch beim Kurfürsten viel, der auch ein großer Gönner der Kapuziner war. Dieser bat in einem Brief den Kurfürsten, man solle die Bauern von einer Einquartierung verschonen und die Kriegslasten bzw. die Kriegssteuern so viel als möglich ermäßigen. Er hoffte, dadurch die Bauern zum friedlichen Auseinandergehen zu bewegen. Der Kurfürst ging auf den Vorschlag des Paters ein und trug ihm schriftlich auf, die Leute zu beruhigen. Pater Quardian Romanus gelang es, durch seine eindrucksvollen Reden und Predigten die Bauern zur Rückkehr in ihre Heimatorte zu bewegen. Der Quardian von Wasserburg gab auf Ermächtigung des Kurfürsten den Bauern die geschriebenen Scheine mit, durch welche ihnen die Befreiung von den Einquartierungen versprochen wird. Die Bauern von Miesenbach gaben einen solchen Schein ihren Benefiziaten, der ihn zu den Kirchenrechnungen legte. Er forderte die Bauern auf, sie sollen dem Pater Schmalz bringen, denn der Pater Quardian habe es wohl verdient.

Am 5. Januar, als die Bauern schon wieder zurückgekehrt waren, erhielt der Haslacher Pfarrer Johann Froschmayr ein kurfürstliches Schreiben, in welchem die Untertanen von ihrem bösen Vorhaben abgemahnt wurden und ihnen die Ursache der Einquartierung erklärt wurde. Dreimal ersuchte der Pfleger den Pfarrer Froschmayr, das kurfürstliche Schreiben von der Kanzel am Dreikönigstag zu lesen. Jedoch dieser entschuldigte sich damit, er dürfte es ohne Wissen und Willen der geistlichen Obrigkeit nicht tun.

Am nächsten Schrannentag in Traunstein wollte der Pfleger das kurfürstliche Schreiben auch vom Rathaus herab vorlesen lassen und forderte deshalb den Bürgermeister auf, der Vorlesung beizuwohnen und den Bürgern und Bauern zuzusprechen. Der Bürgermeister entgegnete, es gehe ihn die Sache nichts an. Der Pfleger ließ daher den kurfürstlichen Befehl durch einen Schreiber vom Rathaus herab verlesen. Die 300 Bürger und Bauern hörten zwar aufmerksam zu, aber danach erhoben sie ein solches Geschrei, dass man nichts mehr verstehen konnte. Sie trauten dem Schreiben nicht und blieben bei ihrer Meinung, wenn einige Soldaten über den Inn kommen dürfen, immer mehr nachkommen werden und es dadurch besser sei, sich offen an einer Feldschlacht zu beteiligen, als daheim in ihren Häusern von den Soldaten erschlagen zu werden.

Als die Anstifter und Aufrührer von Wasserburg zurückkamen, wurden sie in Haft genommen. Der Weberjehl von Wimpasing, Georg Oeller zu Niedling, Schönheinrich zu Hart, der Müller von Traunwalchen, Wolfgang Sagmeister, der Elsenthaler von Nußdorf, Hans Mitter von Molberting und der Bärtl von Miesenbach wurden auf Befehl des Grafen von Törring auf einen Wagen geschmiedet und ohne Aufenthalt nach Burghausen geführt. Der Ratsherr Peter Tittmoninger von Traunstein wurde gegen eine Kaution von 2000 Gulden auf freien Fuß gesetzt.

Kurfürst Maximilian ließ aber Gnade vor Recht ergehen. Die vom Gericht vorgeschlagenen vier Jahre Landesverweis für die Haupträdelsführer: Den Traunsteiner Hans Innerlocher setzte der Kurfürst eigenhändig auf zwei Jahre herunter. Hans Mitter von Molberting wurde ebenfalls begnadigt auf zwei Jahre und Schönheinrich von Hart mit einem Jahr Landesverweis. Der Wimpasinger Wolf Weberjehl wurde in Anschauung seines Alters und nach ausgestandenen »langwürigen Gefencknis« (Gefängnis) und Bezahlung der »Azung« (Verpflegung) zudem noch »zwaymahl« an einem Wochenmarkttag in Traunstein auf die »Schrägen« (Pranger) gestellt.

Nach Abbüßung seiner Strafe kehrte der Weberjehlbauer auf seinen Hof in Wimpasing zurück. Im März 1648 übergaben die Weberjehlbauersleute Wolfgang und Maria Waidertinger, alias Weberjehl, den Hof an ihren Sohn Georg Waidertinger und seine Braut Elisabeth Huber, Bauerstochter von Bernhaupten.


Karl Rosenegger


Literaturhinweis:
Beitrag von Mathias Büchele – Auszug aus dem Traunsteiner Wochenblatt, Jahrgang 1864, Nr. 86 - 89
Peter Tittmoninger – Ratsherr und Rebell von Albert Rosenegger

 

26/2013