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Jahrgang 2012 Nummer 10

Der Bauch von München

Seit hundert Jahren steht in Sendling die Großmarkthalle

Der Münchner Viktualienmarkt um 1860, gemalt von August Splitberger

Der Münchner Viktualienmarkt um 1860, gemalt von August Splitberger
Blick in die Großmarkthalle um 1915

Blick in die Großmarkthalle um 1915
Geländeansicht der Grossmarkthalle in Sendling

Geländeansicht der Grossmarkthalle in Sendling
In diesem Jahr wird die Großmarkthalle in München hundert Jahre alt. Sie gehört mit einer Fläche von 31 Hektar nach Paris und Barcelona zu den größten kommunalen Märkten in Europa und ist ein Ort der Superlative: Gegen 300 Händler haben hier im Münchner Stadtteil Sendling ihren Firmensitz, über 3000 Menschen gehen in den verschiedenen Hallen ihrer täglichen Arbeit nach, pro Jahr werden 700 000 Tonnen Waren im Wert von zwei Milliarden Euro umgesetzt.

Die Großmarkthalle ist ein internationaler Treffpunkt vor allem der Obst- und Gemüsebranche. Jeder hat schon von ihr gehört, aber kaum jemand kennt sie von innen, denn nur zugelassene Kunden haben Zutritt. Von hier aus werden nicht nur die großen städtischen Märkte in München wie der Viktualienmarkt und der Elisabethmarkt, beliefert, sondern auch der Obst- und Gemüsefachhandel, viele Gastronomen und Supermarktketten. Durch den angegliederten Schlacht- und Viehhof umfasst das Sortiment auch Fleisch, Fisch und Feinkost. Waren aus 90 Ländern sind vertreten, die höchsten Liefermengen kommen aus dem Mittelmeerraum. Lediglich die Gärtnerhalle steht ganz im Zeichen der Regionalität, wo Gartenbaubetriebe aus dem Umkreis von München frisches Gemüse, Obst, Kräuter und Pilze anbieten.

Von der Großmarkthalle profitiert auch die Münchner »Tafel«, über die Lebensmittel an 18 000 bedürftige Privatpersonen sowie an soziale Einrichtungen abgegeben werden, die aufgrund von Überproduktion oder wegen baldigem Ablaufdatum aus dem Handel genommen werden müssen, in erster Linie Obst, Gemüse, Milchprodukte und Backwaren. Das sind Woche für Woche eintausend Tonnen. Ein weiterer dankbarer Abnehmer für derartige Waren ist der in der Nachbarschaft gelegene Münchner Tierpark. Er bekommt auch für den menschlichen Verzehr nicht mehr geeignete Produkte.

Die Geschichte der Münchner Grossmarkthalle beginnt mit der Eröffnung der Bahnverbindung von Italien über den Brenner nach Süddeutschland im Jahre 1869. Das gab den Startschuss für eine gewaltige Zunahme der Lieferung von italienischem Obst und von Südfrüchten. Die Fracht musste zunächst mit Pferdefuhrwerken vom Hauptbahnhof bis zum Viktualienmarkt geschafft werden. Dieser war schnell überlastet. Eine grosse Markthalle erwies sich als unumgänglich. Obwohl der Magistrat der kgl. Haupt- und Residenzstadt München grünes Licht für den Bau der Grossmarkthalle auf dem Gelände der städtischen Getreidelagerhalle in Sendling gab, vergingen mehrere Jahre bis zur Realisierung. Am 14. Februar 1912 nahm der damalige Oberbürgermeister Dr. von Borsch die Eröffnung der Grossmarkthalle vor. Der Umschlagbahnhof, die Sortieranlage und das Kontorhaus entstanden erst in den 1920-er Jahren. Seit dem Bau des südlichen Mittleren Rings und der Stadtautobahn ist die Grossmarkthalle optimal an den Verkehr angeschlossen.

Der Zweite Weltkrieg hinterliess tiefe Spuren an der Grossmarkthalle. Fast. 80 Prozent der Marktanlagen wurden zerstört, der Eisenbahnverkehr kam zum Erliegen. Beim schrittweisen Wiederaufbau wurde die gesamte Anlage erweitert, die Zahl der Verkaufsstände, der Büros, der Lager und der Parkplätze vermehrt. An der Steigerung des Warenumschlags lässt sich wie an einem Barometer der wirtschaftliche Aufstieg der Bundesrepublik ablesen. Die Umsatz zahlen im Gefolge des Wirtschaftswunders sind seitdem nie mehr erreicht worden. Den totalen Minusrekord bescherte dagegen der Reaktorunfall in Tschernobyl. Die umständliche Messung der Strahlenbelastung machte den Handel mit verderbsgefährdeten Waren fast unmöglich. Aber schon drei Jahre später sorgten der Fall der Berliner Mauer und die deutsche Wiedervereinigung für ein erhebliches Umsatzplus.

Viele Detailinformationen über den »Bauch von München«, wie die Grossmarkthalle genannt wird, erfährt man bei einer Ausstellung im Münchner Stadtmuseum unter dem Titel »Täglich frisch!« Bis Mitte Juli wird auf einer riesigen Ausstellungsfläche nicht nur die historische Entwicklung des Großmarktes beleuchtet, sondern ebenso der hochprofessionelle logistische Ablauf des Handels hinter den Kulissen. Daneben stellen sich die Kunden der Grossmarkthalle vor, von denen die Endverbraucher ihren täglichen Vitaminnachschub beziehen. Das geschieht sehr lebendig anhand von Objekten, Inszenierungen und Bildern sowie mit Dokumentarfilmen im Ausstellungskino.

Wie steht es um die Zukunft der Münchner Grossmarkthalle? Nach hundert Jahren des Bestehens leiden die in die Jahre gekommenen Hallen unter massiven Baumängeln. Kein Wunder, denn als sie konzipiert wurden, gab es als Transportmittel nur Handkarren und Pferdefuhrwerke, aber keine 40-Tonner. Eine echte Generalüberholung hat bis jetzt nicht stattgefunden. Forderungen, den Markt auf die grüne Wiese an den Stadtrand zu verlegen, hat der Münchner Stadtrat eine klare Absage erteilt. Die Grossmarkthalle soll nach dem mehrheitlichen Beschluss des Stadtrates auf ihrem angestammten Platz bleiben. Eine Projektgruppe im Kommunalreferat der Landeshauptstadt ist dabei, die Details für eine »Grossmarkthalle« auszuarbeiten. Bis zum Jahre 2016 soll das Konzept verwirklicht sein



Julius Bittmann



10/2012