weather-image
11°
Jahrgang 2012 Nummer 8

Der Anderl und seine Rösser

Der Knecht vom Hintermeierbauer konnte sich auf seine Pferde verlassen

Der Hintermeier Anderl ist schon seit vielen Jahren als Knecht beim Hintermeierbauer gewesen, es kannte ihn deshalb auch jeder nur als den Hintermeier Anderl. Er ist ein recht gutmütiger Mensch gewesen und jede Arbeit, die ihm sein Dienstherr »angeschafft« hatte, verrichtete er guter Dinge. Von den »Weiberleut« hatte der Anderl seiner Lebtag nicht viel wissen wollen, dafür haben ihm ein »Masserl« Bier, oder zwei, schon recht gut geschmeckt.

Mit den zwei Rössern vom Hintermeier hat der Anderl gut umgehen können, hat er doch den Blass und den Fuchs schon von jung auf gekannt. Wobei der jüngere Fuchs schon eine feste und sichere Hand brauchte. Besonders im Winter, wenn viel Schnee lag und eine strenge Kälte war, musste der Bauer oder der Anderl, diese immer wieder einspannen, sonst wurden die zwei durch die lange Stallruhe, schnell »übermütig«.

So ist es auch dortmals an einem Wintertag gewesen, in der Nacht hatte es geschneit, so spannte der Hintermeier in der Früh schon zusammen mit dem Anderl, die Rösser an den großen, hölzernen Schneepflug. Mitsammen schaufelten sie das zugewehte Strassl für den »Millifahrer«, der gleich kommen musste, aus.

Als nach der gemeinsamen Morgensuppe mit der ganzen Familie, der Bauer und der Anderl wieder hinaus in den Roßstall gegangen waren, meinte schließlich ersterer, dass er heute für den Anderl und die Rösser eine Beschäftigung hätte. Der Binder vom Dorf »drend« habe ausrichten lassen, dass er die zwei großen Waschzuber wieder »hergerichtet« hätte und sie zum Abholen wären.

Der Anderl ist insgeheim fast froh darüber gewesen, wieder einmal ins kleine Dorf hinüberzukommen, er zog seine wärmsten Sachen an und kam gleich darauf mit etlichen dicken Rossdecken heraus. Kurz darauf spannte er die Rösser an den großen Ziehschlitten, auf den der Bauer noch zwei lange, dicke Seile zum Festbinden der Zuber hinauflegte.

Der Anderl stieg auf den Schlitten, zündete gemächlich seine lange Pfeife an und beim ersten »Wüah« ging‘s auch schon dahin. Nach ungefähr einer halben Stunde hatte er mit seinem Gefährt das Waldstück hinter sich und konnte nun von Weitem schon das Dörferl sehen.

Es ging auf Mittag zu, als das Gespann auf das »Öi« vom Anderl vor dem Binderhaus zum Stehen kam. Zusammen mit dem Binder waren die sorgfältig reparierten Waschzuber schnell auf den Schlitten geladen und mit den Seilen festgebunden. Es hatte ununterbrochen geschneit, sodass die dicke Joppe immer schwerer wurde und der Anderl schon ans »Einkehren« ein paar Häuser weiter, beim Sternwirt, gedacht hatte. Ein »Masserl« Bier hätte ihm schon recht gut geschmeckt, doch er dachte an die lange Heimfahrt und die höchstwahrscheinlich zugewehte Straße. So machte er kehrt, hob seine Hand zum Gruß und rief dem Binder noch ein »Pfüah Gott« zu. Ein »Wüah« genügte, dass die Rösser den Schlitten anzogen und sie fuhren auf der Dorfstraße dem Ortsausgang zu. Drinnen im Ort war dem Anderl kein einziges Fuhrwerk entgegen gekommen, und weil es immer mehr zu schneien anfing, dachte er bei sich, dass es einem bei dem Wetter auch nicht wundern brauchte. Jetzt draußen aus dem Dorf wurde die Straße immer enger, auch konnte der Anderl wegen des immer stärker werdenden Windes nicht mehr viel sehen. Die Rösser trabten ruhig dahin, indessen er die ausgegangene Pfeife in seine Joppentasche geschoben, und die dicke Pudelhaube tief ins Gesicht gezogen hatte.

So fuhren sie schon eine Zeit lang dahin, als dem Anderl plötzlich einfiel, was wohl wäre, wenn ihnen jetzt ein Gefährt entgegenkommen würde. An ein Aneinander-Vorbeikommen wäre nicht zu denken, also müsste er mit seiner Fuhre über die riesige »Schneezoa« hinüber. Er war noch mittendrin in derlei Gedanken, als es ihm vorkam, als wären schnell näherkommende Pferdeglocken zu hören. Dann ist alles ganz schnell gegangen, im dichten Schneegestöber konnte er gerade noch sehen und hören, wie zwei laut schnaubende Pferde auf seinen Schlitten zu kamen.

Geistesgegenwärtig, fast wie auf ein Kommando, hatte der Anderl den »Woier« »gach« angezogen und seine »Beiden« gehorchten sofort. Mit einem kurzen Ansatz hatten sie sich durch die hohe »Schneezoa« an dem engen Straßerl durchgekämpft, hintendran der Schlitten mit den Waschzubern und dem Anderl darauf. Erstere überstanden den kühnen Flug, ohne hinunter zu rollen, denn diese waren ja fest angebunden. Der Anderl aber flog, ehe er es sich versah, kopfüber in den tiefen Schnee. Schon nach etlichen Metern aber blieben die Rösser stehen, genau vor zwei hohen Fichten, die am Anfang des Waldstückes gestanden sind. Sie schüttelten sich ab und warteten auf die weiteren »Anweisungen« ihres Herrn. Dieser kroch langsam aus den kniehohen Schneewehen, stapfte mühsam zu ihnen und strich lobend über ihre nasse Mähne.

Nun hieß es, wieder über die »Schneezoa« hinüber auf die schmale Straße zu kommen. Als wüssten das die Zwei vor dem Schlitten auch, zogen sie mit einem Ruck an und bald danach standen Ross und Schlitten wieder auf der Straße. Dort warteten sie geduldig auf den Anderl, der mühsam hinten nachgekommen war – »iazt aber nix wia hoam«, dachte sich der.

Der Hintermeier hatte schon Ausschau gehalten nach dem Anderl, es ging ja schon auf vier Uhr zu, es wird doch nichts passiert sein, dachte er bei sich. Da endlich konnte er sie durch das dichte Schneegestöber erkennen.

Daheim angekommen, erzählte dieser erst einmal den ganzen Hergang, indessen hatte der Bauer mit dem Ausspannen der Pferde angefangen und den Anderl schickte er schleunigst hinein in die warme Küche. Dort kam die Hintermeierin mit einem Stück Gselchten aus der Speisekammer und stellte es, zusammen mit einem Brotlaib, ihrem Knecht an den Tisch. Inzwischen war auch der Bauer ins Haus gekommen und hatte vom Keller noch einen großen Krug von dem guten Most heraufgeholt. Den stellte er vor den Anderl hin und meinte anerkennend zu ihm, dass er sich heute eigentlich mehr als eine gute Brotzeit verdient hätte. Da hatte dieser fast stolz genickt und lange schon hat es ihm nicht mehr so gut geschmeckt.


Elisabeth Mader



8/2012