Jahrgang 2001 Nummer 49

Der Amateurastronom Sylvester Mühlbacher

Erinnerungen an den »alten Müllner« aus Teisendorf

Wenn man in Teisendorf die Bahnhofstraße marktauswärts geht, trifft man am Bach unten rechterhand auf ein Mühlenanwesen, das schon 1439 erstmals urkundlich erwähnt worden ist und sich seit 1769 im Besitz der selben Familie befindet. In den Jahren bis zum 2. Weltkrieg hat dort noch der »alte Müllner« gelebt, wie wir ihn in unserem Sprachgebrauch immer genannt haben. Ich kann mich noch gut an ihn erinnern, an den weißhaarigen, sympathischen Siebziger mit seinem silbergrauen Schnauzbart. Er war weitum bekannt als Sterngucker und deswegen für uns besonders interessant.

Er hat einen sogenannten Refraktor, ein für damalige Verhältnisse leistungsfähiges Linsenteleskop gehabt mit verschiedenen Wechselokularen für Himmelsbeobachtungen, auch ein Okular für Erdbeobachtungen war dabei. Mit dem hat man bei klarer Sicht auf dem zehn Kilometer entfernten Hochstaufen die Leute zählen können, die um das große Gipfelkreuz herumgestanden sind. So eine, im ländlichen Bereich sehr seltene optische Ausrüstung hat natürlich für uns Kinder eine mords Anziehungskraft gehabt. Wir haben ihn auch oft genug belästigt: »Müllner, derf ma Gucker schaugn«, so hat es immer wieder geheißen, und wenn es ihm zeitlich möglich war, dann hat er sein Fernrohr samt Stativ ins Freie getragen und die kleinen Plaggeister einen nach dem andern durchschauen lassen. Ein lohnendes Objekt war natürlich immer der Mond, der jedes Mal unser überraschtes Staunen bewirkt hat, besonders im ersten Viertel, wenn die Mondgebirge durch den flachen Lichteinfall lange Schatten geworfen haben: »Ah, pfundig, was hat’n der?« »Des san Bladern« hat der Müllner dann schmunzelnd auf unsere kindliche Frage geantwortet und uns dann aufgeklärt, daß es sich um Ringgebirge handle. Er merkte natürlich bald, daß ich ein besonderes Interesse am Sternenhimmel hatte und als sich einmal eine günstige Planetenkonstellation ergab, hat er mich zum Beobachten eingeladen.

Das Mühlenanwesen steht am Ortsrand, wo es damals noch keine störende Straßenbeleuchtung gegeben hat, denn Kunstlicht ist bei Sternguckern unerwünscht, da es die Anpassung des Auges an die Dunkelheit beeinträchtigt. Der Müllner stellte das Fernrohr ein und sagte in seiner bedächtigen Art: »Des is da Jupiter«. Ich war ganz ergriffen vom Anblick dieses Riesenplaneten vor nachtschwarzem Hintergrund, umgeben von seinen vier größten Monden, die als helle Lichtpunkte in schräger Reihe standen. Dann schwenkte er das Rohr auf den rötlich schimmernden Mars und schließlich noch auf den Saturn mit seinem imposanten Ring. Er merkte natürlich, wie beeindruckt ich war, drum hat er mich gefragt: »Magst was zum Lesn?« und hat mir ein paar Bücher mitgegeben.

Eines davon hat geheißen: »Aus fernen Welten, eine volkstümliche Himmelskunde«. Schon das Titelbild auf dem Buchdeckel war aufregend und geheimnisvoll. Ein nur mit einem Schurz bekleideter, am Boden kauernder Mann und über ihm am nächtlichen Himmel ein riesiger Spiralnebel. Die meisten Beiträge dieses Fachbuchs habe ich als Schulbub nicht verstanden. Ich habe noch nichts anfangen können mit den Keplerschen Gesetzen, mit trigonometrischen Entfernungsmessungen und mit Spektralanalysen. Aber die Bilder haben mich stark interessiert: Fotos und Zeichnungen von Mondpartien, Kometenerscheinungen, Sonnenfinsternissen und von den Riesenfernrohren auf internationalen Sternwarten. Auf einem dieser Bilder war eine grauenerregende Szene, die der Zeichner ganz dramatisch dargestellt hat. Der Text dazu lautete: »Eine Weltuntergangsphantasie. Zusammenstoß der Erde mit dem Kern eines Kometen, der aus Gesteinsmassen besteht«. Das Bild zeigte einen nächtlich feurigen Gesteinshagel, der auf einem von Häusern umgebenen Platz niedergeht. Zwischen Toten und Verletzten flüchtet in panischer Angst eine große Menschenmenge und in der Bildmitte sah man einen Reiter, der auf galoppierendem Pferd zu entkommen sucht. Ich habe bei diesem grausigen Anblick immer eine leichte Ganshaut bekommen.

In unserem dörflichen Schulunterricht hat es natürlich kein himmelskundliches Fach gegeben. Nur an eine einzige derartige Unterrichtsstunde kann ich mich noch erinnern und daß ich es sehr bedauert habe, als sie zu Ende war. So ein Fernrohr wie das vom Müllner wäre immer mein Traum gewesen und in meiner kindlichen Einfalt habe ich geglaubt, mit meinem mühsam erworbenen, bescheidenen Sparkonto von 150 Reichsmark käme ich vielleicht schon in die Nähe einer solchen Anschaffung. Eine gewaltige Himmelserscheinung, das große Nordlicht vom 25. Januar 1938 hat meinen Bestrebungen zu astronomischer Betätigung noch einen kräftigen Schub gegeben.

Meine geheimen Wünsche habe ich zwar für mich behalten, aber ich wollte doch wissen, was so ein Instrument eigentlich kostet und den Müllner getraute ich mir nicht direkt zu fragen. Ich habe es aber dann doch erfahren, als sich mein Vater im Verlauf eines Mehlkaufs, bei dem ich dabei war, mit ihm über dies und jenes unterhielt und der Müllner mit seiner leisen und gutmütigen Stimme bereitwillig Auskunft gegeben hat: »Bein Rodnstock z’Minga drobn hab i’s 1914 kaaft um 400 Goldmark«. Damit ist für mich ein lang gehegtes Wunschgebäude eingestürzt, denn daß sich meine gesparten Reichsmark mit der Kaufkraft der Goldmark nicht messen konnten, das war mir natürlich klar. Ein bescheidener Trost war dann für mich die Anschaffung eines Feldstechers mit achtfacher Vergrößerung um 60 Reichsmark.

Der alte Müllner war, wie wir heute sagen würden, ein Privatgelehrter. Er hat sich ernsthaft mit dieser jahrtausendealten Wissenschaft beschäftigt und hat sich von mühsam Erspartem Fachliteratur und Sternkarten angeschafft. Viel später habe ich erfahren, daß er ganze Jahrgänge von periodischen astronomischen Zeitschriften fein säuberlich gebunden in seinem Bücherregal gehabt hat. Die Beschäftigung mit dem gestirnten Himmel hat ihm sicher viele Lebensweisheiten vermittelt. Im Oktober des Kriegsjahres 1944 ist er, bescheiden und unauffällig wie er war, zum Herrn des Himmels und der Erde heimgegangen.

Karl Robel



49/2001