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Jahrgang 2015 Nummer 26

Der alte Herr Hotzenplotz

Otfried Preußlers volkstümlichstes Kinderbuch lässt sich in Seeon gebührend feiern

Hotzenplotz-Plakat mit Widmung für die Kinder in Polling am 20. Januar 73
Otfried Preußler mit der japanischen Kaiserin in München am 18. September 1993
Die Tochter Susanne Preußler-Bitsch
Hotzenplotz-Figuren und die Goldene Schallplatte für Otfried Preußler 1973

50 Jahre alt ist 2012 Otfried Preußlers Dreiteiler mit Geschichten vom Räuber Hotzenplotz geworden. Dieses Jubiläum wurde noch zu Lebzeiten des damals 89 Jahre zählenden Autors begangen. Die Württembergische Landesbibliothek in Stuttgart konzipierte eine Wander-Ausstellung »über die Erfolgsgeschichte eines Räubers und seines Erfinders«. Die macht nun, mit einem ansehnlichen Teil der Exponate, Station im Kultur- und Bildungszentrum Kloster Seeon des Bezirks Oberbayern. Preußler, der von Aschau oder Prien einen Katzensprung nach Seeon gehabt hätte, kann das über die 50 Jahre des Bestehens der »Räuber Hotzenplotz«-Story schon ein wenig hinausgegangene Feier-Ereignis nicht mehr erleben; er starb am 18. Februar 2013 in Prien. Den »alten Herrn Preußler«, wie der weltweit bekannt gewordene, im nordböhmischen Reichenberg geborene und seit 1949 in der Nähe von Rosenheim neu beheimatete Erzähler sich als Greis gern selber nannte, vertrat bei der Vernissage seine Tochter Susanne Preußler-Bitsch.

Ihr und ihrer Schwester Regine Stigloher ist ein schöner, 2009 herausgekommener Sammelband mit 38 Texten aus der Zeit zwischen 1972 und dem Erscheinungsjahr zu danken. Auf dessen Cover steht ein weiteres Selbst-Bekenntnis des in Seeon nun bis zum 22. November quasi ansässig gewordenen Vaters: »Ich bin ein Geschichtenerzähler«. Bevor Preußler den Räuber Hotzenplotz erdachte, fielen ihm Abenteuer eines kleinen Wassermanns und einer kleinen Hexe ein, zeichnete er, gewissermaßen als Stadtschreiber Jeremias Punktum, »die wahre Geschichte der Schildbürger« auf, erfand er den »Thomas Vogelschreck« und dichtete dem »Kater Mikesch« die Fähigkeit an, sprechen zu können. Erst nach diesen zwischen 1956 und 1958 entstandenen Büchern betrat der Räuber Hotzenplotz die Kinderbuchszene. Das war 1962.

Diese Figur machte Furore – und seinen Erfinder berühmt – auf der ganzen Welt. In 30 Sprachen wurde »Der Räuber Hotzenplotz« übersetzt. Von Afrikaans bis Walisisch. »Eine Kasperlgeschichte« war der Untertitel des Buches, Franz Josef Tripp sein Illustrator. »Noch eine Kasperlgeschichte« lieferte Preußler – auf Drängen seiner kleinen (und großen) Leserinnen und Leser – 1969, und der »Hotzenplotz 3« folgte vier Jahre darauf. Als Otfried Preußler seinen 70. Geburtstag beging, kam es zu einer ungekürzten Lizenzausgabe für die Buchgemeinschaft Donauland, Wien, den Bertelsmann Club, Gütersloh und den Deutschen Bücherbund, Stuttgart, mit den angeschlossenen Buchgemeinschaften: »Alles vom Räuber Hotzenplotz«. Wie schon die beiden Fortsetzungsbände, konnte auch diese Gesamtausgabe nicht an F. J. Tripp als Ausstatter vorbeigehen. Wien bat mich, dieser Ausgabe ein Nachwort anzufügen. Ich überschrieb es mit: »Kasperltheater – Kindern erzählt« und formulierte:

Von den Figuren, die der bedeutende böhmische Dichter Otfried Preußler aus Stephanskirchen in Oberbayern der Kinderliteratur schenkte, ist der Räuber Hotzenplotz die volkstümlichste. Kein Wunder; denn der alte Herr Hotzenplotz wird von Kindern, Eltern und Großeltern gleichermaßen geliebt. Man versteht ihn als schrulligen Außenseiter, ungefährlichen Strolch, schlitzohrigen Aufschneider mit rüdem Charme. Wenn Hotzenplotz jemand gefangen nimmt, so heißt's, dann das ganze Publikum, das lesende wie das zuschauende. Waren es die Kinder, die Preußler in unzähligen Briefen zwei Fortsetzungen … abtrotzten, so waren es die Kindertheaterleute, die in den »Hotzenplotz«-Szenen die Idealvorlage für ein Bühnenstück sahen. Vielleicht sind es gar die vielen hundert Aufführungen und die zwei Verfilmungen, die den »Räuber Hotzenplotz« im In- und Ausland berühmt machten. Die »Hotzenplotz«-Geschichten treffen »die geheimen Wünsche und Sehnsüchte der Kinder. Für sie ist der räsonierende Poltergeist eine Bezugsperson, in deren Haut sie bei jedem Räuber- und Gendarmspiel schlüpfen« (E. Möbius). Was aber tat Otfried Preußler eigentlich mehr, als dass er den Kindern Kasperletheater erzählte, wenn er Gaudi mit Sprachspielerei mischte, die uralten Kasperlebühnengestalten heraufbeschwor – und eben damit schönste Unterhaltung bot? Dass Unterhaltung Sinn hat, weiß Otfried Preußler selbst am besten, dessen mit Auszeichnungen überhäufte Bücher heute in 40 Millionen Exemplaren von Europa bis Japan verbreitet sind. Er war Lehrer, hat drei Töchter und einige Enkel. Kinder waren also … die unmittelbaren Nutznießer, Genießer und Kritiker seiner Geschichten. »Ich schreibe Geschichten«, sagte er einmal, »weil ich Kinder gern habe … Und weil ich hoffe, dass meine Geschichten den Kindern beim Lesen genauso viel Spaß machen wie mir beim Schreiben.«

Seit 1973, als dieses Nachwort erschien, sind mehr als vier Jahrzehnte den Inn hinunter geflossen. Einiges muss also berichtigt werden, besonders die Zahlenangaben. Aus den damaligen 40 sind inzwischen mehr als 50 Millionen Exemplare aller Preußler-Titel geworden. Allein vom »Hotzenplotz«, der in 34 Sprachen übersetzt wurde, sind bisher, so der Thienemann-Verlag, 7,5 Millionen Exemplare verkauft worden. Jährlich würden etwa 60 000 Räuber-Bücher über den Ladentisch gehen, heißt es.

Von dem Riesenerfolg macht man sich in der Ausstellung ein gutes, aktuelles Bild. Zahlreiche Ausgaben, auch fremdsprachige, die von Mathias Weber kolorierten Tripp-Zeichnungen der Original-Schwarzweißillustrationen sind zu sehen. Man staunt nicht schlecht, wie schlau und vielfältig die Hotzenplotz-Figur vermarktet wurde und wohl laufend noch wird. Man schmunzelt über die Treppchen, auf denen die Kurzbeinigen unter den Ausstellungsbesuchern zu den Schaukästen und Vitrinen hochklettern können, um all die bunten Preußler-«Hotzenplotze« und »Wassermänner« und »kleine Hexen« und so weiter näher zu beschnuppern. Die großen Text- und Bildtafeln mit Interview-Aussagen des Autors oder Selbstbekenntnissen des »simplen Geschichtenerzählers« aus Haidholzen sprechen gewiss eher die erwachsenen Besucher an als die, für die Preußler mit Hingabe und Herzblut ein Leben lang geschrieben hat: die Kinder.

Jahresausstellung im Kloster Seeon (Kultur- und Bildungszentrum des Bezirks Oberbayern): »Otfried Preußler – Der Räuber Hotzenplotz«. Bis 22. November, täglich 10 - 17 Uhr. Freier Eintritt. Öffnung des Klosterladens (April bis September): täglich 10 - 12.30 Uhr, 13.30 - 17 Uhr.


Dr. Hans Gärtner

 

23/2015