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Jahrgang 2015 Nummer 45

Der Aicherhof auf dem Hochberg im Wandel der Zeit

250 Jahre Familiengeschichte Geistanger auf dem Hof

Der Aicherhof um 1915.
Alte Hofdokumente vom Aicherhof.
Alter Bauplan vom Aicherhof aus dem Jahr 1836.
Die Aicherbauersleute Joseph und Gertraud Geistanger, geborene Maier.
Der Aicherhof um 1985.

Die älteste Erwähnung des Aicherhofes am Hochberg stammt aus dem Jahre 1305, wo ein »Wernhart von Aych am Lenzensperg« als Zeuge in einer Raitenhaslacher Urkunde erscheint. Drei Jahre später, im Jahre 1308, erwähnt das Urbarium des Herzogs Otto von Niederbayern den Einödhof »Aych am Lentzensperch« (heute Hochberg). Der Hof gehörte grundherrschaftlich zum Kloster Baumburg, war ein halbes Lehen und wurde anfangs freistiftig, später leibrechtlich vergeben. An Stift reichten die jeweiligen Hofinhaber an das Kloster von 1584 bis 1803 an Hafer zwei Voitmetzen nach Münchner Maß: zwei Metzen, ein Vierling, ein Sechzehntel und für die Klosterküche eine Henne (später in Geld zehn Kreuzer). Durch die Säkularisation des Klosters im Jahre 1803, kam die Grundherrschaft zum Rentamt Traunstein. Politisch gehörte der Hof zum Amte Miesenbach, Hauptmannschaft Wolfsberg und kirchlich zur Pfarrei Siegsdorf.

Erwähnenswert sind die alten Dokumente, die am Hof aufbewahrt werden. So ist aus der Zeit von 1623 eine Haus- und Grundbeschreibung vom Hof vorhanden, die das Kloster Baumburg ausgestellt hatte. Ferner befinden sich dort noch weitere wertvolle Übergabs-, Heirats- und Austragsbriefe, dann Schuld- und Borgschaftsbriefe, Verkaufs-, Vertrags- und Stiftsbriefe, Leibgedingsbriefe, fast lückenlos bis in unsere Zeit. Eine wahre Fundgrube eines Heimatforschers.

1461 (1. 12.) stellte der Baumburger Probst Caspar an die Witwe Anna, ehemalige Frau des »Christian von Aich« für den Hof einen Freistiftsreverbrief aus. Die nächste Erwähnung folgt im Steuerbuch des Landgerichts Traunstein von 1612 als ein »Hanns Vitzthum der Alte« mit einem Halben Lehen gehn Baumburg zu 60 fl (Gulden) besteuert wurde. Die Siegsdorfer Kirchenbücher führen im Jahre 1667 einen Simon Aicher, Sohn der Aicherbauersleute Adam und Afra Aicher auf, der eine Witwe von Vorrauf heiratete. Somit dürften Adam und Afra Aicher den Hof um 1630/40 übernommen haben. Die Scharwerksbeschreibung von 1666 erwähnt aber einen Joseph Aicher als Bauer auf dem Aicherhof am Lenzensperg. 1678 wird dies auch in den Siegsdorfer Trauungsbüchern bestätigt, als Joseph Aicher nach dem Tod seiner Frau, in zweiter Ehe die Bauerstochter Barbara Paumgartner von Scharam heiratete. Um 1680 dürfte Joseph Aicher gestorben sein, denn zu dieser Zeit heiratete die verwitwete Aicherbäuerin Barbara Aicher den Spatenbauer »Hannsen Heitauer« von Hinterwelln (Hochberg).

1703 übernahm Georg Aicher aus erster Ehe beide Höfe. Georg Aicher heiratete nicht in das Aicher- oder Spatenanwesen ein, sondern in ein Anwesen in Haunerting bei Siegsdorf. 1712 verkauften die Bauersleute Georg und Elisabeth Aicher von Haunerting den Aicherhof an Michael und Margarete Scheckh. Die Scheckheheleute bewirtschafteten den Hof von 1712 bis 1749. Der Scheckhbauer hatte 1721 zwei Drittel Groß- und Kleinzehent selbst ein freieigenes Zehent und ein Drittel an das Domkapitel Salzburg. 1810/29 zwei Drittel eigen und ein Drittel bekam das Rentamt Traunstein. Als Michael Scheckh starb, übergab die verwitwete Aicherbäuerin das Anwesen an ihren Sohn Philipp Scheckh und seiner Frau Magdalena, geborene Aufleger, eine Bauerstocher von Vitzthum. Durch diese Übergabe wurde für die noch ledigen fünf Geschwister ein Vertragsbrief ausgefertigt, der die Sicherheit und die Hinauszahlung des Vaterund Muttergutes regelte. Der Hofübernehmer musste an seine zwei Brüder und seine drei Schwestern je 20 fl an Geld hinauszahlen. Bei der Verheiratung eines seiner Geschwister musste der Hofübernehmer an seine Brüder eine gesperrte Truhe übergeben. Die Schwestern bekamen ein Unterbett, eine rupferne Ziach, ein Polster und zwei Kopfkissen, ein Paar rupferne und ein Paar harbene Beilacher und eine Spannbettstatt, sowie eine gesperrte Truhe ausgehändigt. Bei der Hochzeit der Geschwister musste der Hofübernehmer die gebräuchliche Morgensuppe verabreichen und bezahlen. Weiter heißt es in diesem Vertragsbrief: »... Sollte aber eines der Geschwister in Dienerschaft krank oder liegerhaft oder unverschuldet dienstlos werden, so sollten sie beim Gut vier Wochen lang den Ein- und Ausgang haben. Ferner muss ihnen in diesen vier Wochen die Kost, Medizin und Wartung verabreicht werden ...«

Zu gleicher Zeit wurde auch für die Mutter ein Austragsbrief ausgestellt, der den Lebensunterhalt der Mutter auf dem Hof bis zu ihrem Tod gewährleistete. Folgender Austrag wurde ausgemacht: »Den Ein- und Ausgang im Hof. In der guten Stube einen ruhigen warmen Winkl. Zur Liegerstatt und für die Aufbewahrung ihrer Sachen die Kuchlkammer. Die tägliche Kost mit den Hofübernehmern am Tisch, soweit das möglich ist. Zum Einstand jährlich einen Kübel langes und einen Kübel Herbstweizen, zwei Metzen Korn, alles nach Münchner Maß. Quatemberlich 15 Kreuzer an Geld, 15 Eyr (Eier), zwei Pfund ausgelassenes Schmalz und täglich von Georgi bis Michaeli eine Maßl, die übrige Zeit aber ein halbes Maßl gute gerechte süße Milch. Den vierten Teil von allem erzeugten Obst. Ferner muß ihr der Troid (Getreide) zur und von der Mühle gefahren werden. Dann das Kochen, Waschen und Backen, wenn sie aber net mehr thurn kann verricht werden; ferner das Salz, Holz, Licht, Kraut, Ruaben, das Kuchl- und Tafelgeschirr nach Notdurft zu überlassen. Zur Gewandung hingegen bekommt die Austraglerin fünf Pfund Haar (Flachs) von der Schwing, ein neues und ein gedoppeltes Paar Schuch, alle zwei Jahre ein Pfund Wolle und alle drei Jahre einen loderen Rock. Bei Erkrankung ist die Austraglerin vom Hof aus zu warten oder eine eigene Wärterin zu bestellen. Nach dem Verabsterben sind der Übergeberin die gewöhnlichen drei heiligen Gottesdienste abzuhalten«.

Noch im gleichen Jahr heiratete der Hofübernehmer Philipp Scheckh die »tugendsame Jungfrau« Magdalena Aufleger, Tochter der Vitzthumbauersleute Sebastian und Maria Aufleger. Vor der Hochzeit wurde mit der Braut und ihren Eltern ein amtlicher Heiratsbrief aufgerichtet, bzw. aufgestellt. Die Hochzeiterin bekam als Heiratsgut mit in die Ehe: An Geld 45 fl, ein Unterbett, ein Polster, ein Paar rupferne »Leylacken« und eine gesperrte Truhe. Die Ehe von Philipp und Magdalena Scheckh blieb kinderlos. Am 2. 6. 1764 starb Philipp Scheckh und am 28. 7. diesen Jahres übergab die verwitwete Aicherbäuerin den Hof an die Base Elisabeth Diezinger. Die Hoferbin war die Tochter des Maurers Georg Diezinger und seiner Frau Maria, wohnhaft im Vorderwellner-Zuhaus. Elisabeth Diezinger übernahm den Aicherhof mit 461 fl an Schulden (bei der Übernahme 1749 waren es 240 fl). Noch im gleichen Jahr heiratete die Aicherbäuerin den Wernleitner-Bauerssohn Jakob Dufter. Der Hochzeiter brachte an Geld 200 fl, eine gesperrte Truhe, ein Paar harberne und ein Paar rupferne Baylacher mit in die Ehe. Die Ehe war nicht von langer Dauer. Noch im selben Jahr starb der junge Aicherbauer. Die junge Witwe vermählte sich am 29. 10. 1765 in zweiter Ehe mit dem Kendlbauerssohn Joseph Geyerstanger »am Perg« (Teisenberg). Der Hochzeiter brachte ein Heiratsgut von 150 fl – wobei 110 fl erspartes Geld war – mit in die Ehe. Dieses Geld musste der Hochzeiter am Hochzeitstag vorlegen. Neben dem Geld bekam der Hochzeiter von Zuhause einen gesperrten Kasten und eine gesperrte Truhe als Mitgift. Aus dieser Ehe der Geyerstangereheleute gingen zehn Kinder hervor.

1777 (24. 4.) stellte der Aicherbauer Joseph Geyerstanger (= Geistanger) in einem Schreiben an Probst und Erzdiakon Guarinus vom Kloster Baumburg die Bitte an das Kloster, um für seine eingefallene Behausung und Stallung 150 fl aufnehmen zu dürfen. Diese Bitte wurde durch ein Schreiben abgelehnt, mit der Begründung: »Geyerstanger solle sich an ein Gotteshaus im Traunsteiner Gericht wenden«. Wo später der Aicherbauer das benötigte Geld bekam, lässt sich nicht mehr nachweisen. 1786 hatten die Geyerstanger einen Viehbestand von zwei Pferden, zwei Hornvieh, zwei Jungtiere und zwei Schafe. Die Geyerstanger führten den Hof über 31 Jahre.

1796 überging das Anwesen an den Sohn Joseph Geyerstanger (geboren 1766). Dieser verehelichte sich noch im gleichen Jahr mit Maria Purstaller, Bauerstochter von Eppenstatt (Hochberg). Die Braut brachte 100 fl an Geld, ein aufgerichtetes Bett, nebst Bettstatt und einen gesperrten Kasten mit in die Ehe. Neun Kinder gingen aus dieser Ehe hervor. Als der Aicherbauer von seinen Eltern den Hof übernahm, hatte das Anwesen einen Wert von über 780 Gulden. Die Schulden auf dem Hof sind im Laufe der Zeit auf 638 fl angewachsen. Durch diese Schuldenlast auf dem Hof durfte der Hofübernehmer kein Geld an seine Geschwister auszahlen. Das Vater- und Muttergut musste der Hofübernehmer an Inventar ausgeben. So bekamen die Geschwister, wenn sie vom Hof wegheirateten, ein aufgerichtetes Bett mit Bettstatt, zwei Truhen, einen Kasten und nach dem Tod der Eltern das Hals- und Leingewand ausgehändigt. Der Austrag des Vaters wurde durch einen ausgemachten Austragsbrief festgesetzt. Als Austrag wurde wie üblich der Ein- und Ausgang im Hof, sowie in der Wohnstube einen ruhigen warmen Ort, zur Liegestatt und Aufbewahrung seiner Sachen die sogenannte Rauchrohrkammer zugewiesen. Dann bekam der Austragler die tägliche Tischkost, wie es heißt: »So gut er es von Gottes Gnaden kann geniesen «. Zum Einstand sind ihm, neben der Tischkost, jährlich ein Metzen Weizen und zwei Metzen Korn zu übergeben. Alle Quatember 30 kr (Kreuzer) Badgeld, zwei Pfund Schmalz, 25 Eier und wöchentlich sechs kr an Geld. Zu den heiligen Zeiten, wie Weihnachten, Ostern, Kirchweih und Fasching, müssen ihm zwei Pfund Fleisch ausgehändigt werden. Zur Gewandung bekommt selber ein harbernes und ein rupfernes Hemd, eine rupferne Hose, eine rupferne Jacke und zwei Paar »neue Schuch«. Für gegenwärtiges Jahr ist ihm ein rupfernes, auf das andere Jahr ein wollernes und für das dritte Jahr ein Paar baumwollerne Strümpfe zu bestellen und so in dieser Reihe fortzufahren. Alle zwei Jahre erhält der Austragler ein Kittl von Zwirch und ein Paar Handschuhe. Alle drei Jahre bekommt selber einen schwarzen Hut, eine weiß-baumwollerne Haube, einen wollenen Flor, ein loderner Hättlrock, ein rot-turchernes Laibl von mittleren Tuch mit Knöpfen, einen grünen Hosenträger und eine kalbsfellene Hose (Lederhose). So ist ihm die Medizin beizuschaffen, wenn möglich mit den heiligen Sakramenten zu versehen und auf wirkliches Ableben, aber mit der Abhaltung der drei gewöhnlichen Seelengottesdienste und auf Kosten des Besitzers »zur geweihten Erdenreiche« zu bestatten. Dagegen fällt der sämtliche Austrag nebst dem Bett, Bettstatt, Truhen und Kasten zum Hof zurück. Was aber an Geld und Guldenwert, den Hals- und Leingewand hinterlässt, das soll nach Rechten gemäß geerbt werden. Das Schutz- und Herdgeld (Steuer) zahlt der Übergeber.

Um 1800 änderte sich der Name Geyerstanger in Geistanger. Der Aicherbauer Joseph Geistanger (= Geyerstanger) verdiente sich neben seiner Landwirtschaft auch als Salzsämer bei der Saline und nebenbei als Saliter sein Geld, um die Schulden auf dem Hof abzubauen. Ein Salzpeditionspass von 1827 bezeugt noch von diesem Unternehmen.

Das Grundobereigentum des Hofes wurde im September 1804 um 83 fl abgelöst. 1817 (1. 2.) starb der Aicherbauer Joseph Geistanger und 1836 (27. 3.) seine Ehefrau Maria als Austragsbäuerin.

Um 1820/25 dürfte deren Sohn Joseph Geistanger den Hof übernommen haben. Erst 1836 heiratete er die Huberbauerstochter Theresia Willberger von Hochberg. Die Braut brachte damals ein Heiratsgut von 115 fl und eine Ausfertigung zu 40 fl mit in die Ehe. Der Hochzeiter dagegen hatte ein bares Vermögen von 80 fl. Die Hochzeitsleute, so heißt es im Heiratsbrief: »... besitzen ein mitsamen erzeugtes Kind, mit Namen Joseph, ein Jahr alt, welcher durch gegenwärtiger Ehe legitimiert wird«. Dieses Kind aber starb im Kleinkindalter.

Anfangs des 19. Jahrhundert mussten die jeweiligen Aicherbauersleute an das Rentamt Traunstein an Scharwerksgeld 1 fl, an Jagd-Scharwerksgeld 7 kr, an Futterhafer in Geld 7 kr 4 hl, an Vogteistift 10 kr, sowie an Vogteihafer 3 Metzen, ein Sechzehntel abgeben. Zur Siegsdorfer Kirche waren fällig: ein Kübel Hafer und eine Handvoll Flachs, sowie dem dortigen Mesner drei Läutgarben an Getreide.

1858 übernahm der zweitälteste Sohn Joseph das elterliche Anwesen und heiratet gleichen Jahres die Embacher- Bauerstochter Maria Schroll von Vogling. Aus dieser Ehe gingen sieben Kinder hervor. 1870 starb die Aicherbäuerin mit 39 Jahren. 1872 in zweiter Ehe verheiratet mit Gertraud Maier von Oberholzen, Gemeinde Inzell, aus deren Ehe noch sechs Kinder hervorgingen.

1906 überging der Aicherhof an den Sohn aus zweiter Ehe Georg Geistanger und seiner Ehefrau Susanne, geborene Pfundmeier von Traunstein. Zehn Kinder hatten die Aicherbauersleute. Der Hofbesitzer starb 1923 mit 50 Jahren und seine Ehefrau Susanne 1958 mit 71 Jahren.

1947 übergab die verwitwete Aicherbäuerin den Hof an den Sohn Georg Geistanger und seine Ehefrau Maria, geborene Aicher, Schöntochter von Knappenfeld. Aus dieser Ehe entstammen drei Kinder.

Laut Erbfolge erwarb 1978 deren Sohn Georg Geistanger und seine Ehefrau Rosa, geborene Baumgartner von Niederreith bei Freidling, den Besitz. Aus dieser Ehe gingen drei Söhne hervor.

2002 überging das Anwesen an Sohn Georg Geistanger und an seine Ehefrau Regina, geborene Kiessteiner, Bauerstochter von Haßmoning.

250 Jahre ist das Geschlecht der Geyerstanger, bzw. Geistanger, auf dem Aicherhof und somit das zweitälteste Bauerngeschlecht auf dem Hochberg.


Karl Rosenegger

 

45/2015