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Jahrgang 2008 Nummer 8

Der 30. Januar 1933 veränderte die Welt

Zum 75. Jahr nach der »Machtergreifung« – Teil III

Extra-Blatt vom 30.6.1934: Verhaftung Röhms

Extra-Blatt vom 30.6.1934: Verhaftung Röhms
Oberst Graf Schenck von Stauffenberg. Nachdem einige Verbände bereits entwaffnet waren, stellte sich heraus, das Stauffenbergs A

Oberst Graf Schenck von Stauffenberg. Nachdem einige Verbände bereits entwaffnet waren, stellte sich heraus, das Stauffenbergs Attentat missglückt war.
Die Bombardierung Dresdens war eine der grauenvollsten Episoden des 2. Weltkriegs.

Die Bombardierung Dresdens war eine der grauenvollsten Episoden des 2. Weltkriegs.
Röhmputsch

Dieser angebliche »Putsch« des SA-Stabschefs war der Vorwand für ein geplantes Morden (ähnlich der sog. »Bartholomäusnacht«, mit der sich die französische Königin Katharina v. Medici im 16. Jahrhundert der Hugenotten/Protestanten entledigen wollte), das als Abschluss der NS-Konsolidierungsphase, als Endpunkt der Machtergreifung, gilt. Wir wissen, dass Röhm, alter Mitkämpfer Hitlers, zu diesem Zeitpunkt keinen Putsch geplant hatte. Es gab allerdings innerhalb der NS-Führung tiefe Meinungsverschiedenheiten, wie es mit der »Revolution« weitergehen sollte. Röhm trat offensiv für eine 2. Revolution ein, die seine SA-Trupps aufwerten, sie der Reichswehr gleichstellen, ja die Reichswehr in ihr aufgehen lassen sollte. Diese neue SA an die Stelle der Reichswehr zu setzen, ihr die beherrschende Stellung im Staat einzuräumen, hätte H. das Unverständnis vieler im Volk und wohl auch den Widerstand der Reichswehr-Klientel eingebracht. Nach dem bisher so »erfolgreich« verlaufenen revolutionären Umbau des Staates, wollte er einen erneuten Umsturz nicht riskieren, auch weil Partei und SA sich seit längerem in gewisser Rivalität gegenüberstanden. Nicht zuletzt erblickte er in einer solchermaßen erstarkten Stellung Röhms eine Gefahr für seine eigene Position. Dieser Landsknechts-Typ war nach dem Ausscheiden Gregor Strassers (1932) im Grunde der einzige Rivale Hitlers. Wenn dieser früher jemals die Pläne Röhms geteilt haben sollte, so boten sich ihm nun als Reichskanzler und Führer ganz andere Möglichkeiten, nämlich die einer »kalten« Revolution: Scheinheiligkeit, versteckter Terror, Auflösung der Revolution in vorsichtig dosierte, erst im Zusammenhang in ihrer Bedeutung erkennbare Einzelakte, die Überlistung und Täuschung nicht nur der Gegner, sondern auch der Parteifreunde (5).

H. der die Entscheidung in dieser Frage lange hinausschob, sah sich durch angezettelte Intrigen von beiden Seiten (SA und Reichswehr) am 30. Juni 1934 zum Handeln gezwungen. Die Aktion verzichtete von Anfang an auf den Schein von Legalität. Ohne Verfahren wurde erschossen, wer der NS-Führung noch im Wege stand, wer als »schuldig« oder verdächtig galt. Das Morden dauerte fast drei Tage und wurde nachträglich als »Staatsnotwehr« für rechtens erklärt (Vorwurf: Hoch- und Landesverrat). Die Zahl der Opfer gab H. selbst mit 77 an, in Wirklichkeit war sie mindestens doppelt so hoch. Genaue Zahlen lassen sich nicht mehr feststellen. Unter den Ermordeten befanden sich nicht nur Röhm (dessen homosexuelle Neigungen Hitlers seit langem kannte, aber erst jetzt als Mitvorwand gegen ihn genutzt wurden) und die ihm ergebenen SA-Führer, sondern zahreiche andere echte oder vermeintliche Gegner: Gregor Strasser, Kurt v.- Schleicher (letzter Reichskanzler vor Hitler) – beide in Geheimverhandlungen vor dem 30. 1. 33 – Gustav von Kahr (Verhaftung Hitlers als Putschist 1923), zwei Mitarbeiter v. Papens und viele andere mehr. Nicht wenige erschraken vor der von H. ausgeübten blutigen Brutalität, andere waren nicht unglücklich, vom Druck des schleichenden SA-Terrors und einer 2. Revolution erlöst zu sein. Sie besänftigten ihre moralischen Skrupel in dem Glauben, dass durch ein »reinigendes Gewitter« die »guten« über die bösen Kräfte des Umsturzes gesiegt hätten.

Bilanz

Hitler musste aus diesen Ereignissen gestärkt hervorgehen. Unter den führenden Nationalsozialisten fand sich bis zuletzt kein weiterer Rebell mehr. Ohne großes Aufsehen gingen nach Hindenburgs Tod (2. 8. 1934) die Befugnisse des Reichspräsidenten auf H. über. Damit war er Reichskanzler, Parteiführer, Staatsoberhaupt und oberster Befehlshaber der Streitkräfte. Die Rekruten schworen nun den Eid nicht mehr auf Verfassung und Vaterland, sondern auf den »Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler« und gelobten »unbedingten Gehorsam« und die Verpflichtung für diesen Eid ihr Leben einzusetzen. Verhängnisvoll wirkte sich dieser Schwur auch dann noch aus, wenn die Soldaten später das Unheil, das von diesem Mann ausging, erkannten und ihre Loyalität sich in Gegnerschaft verwandelte. Der auf den Führer persönlich geschworene Eid schien nach Aussage der Betroffenen viele zu hindern, aktiv am gewaltsamen Widerstand gegen ihn teilzunehmen, - soweit sie im Krieg dazu überhaupt Gelegenheit fanden. Tyrannenmord wurde auch in früheren Zeiten nicht immer einheitlich gesehen, da manche – insbesondere unter Kriegsbedingungen – Schaden für das eigene Volk und Nutzen für den Gegner befürchteten. Dass sich in Deutschland zu jener Zeit dennoch Menschen bereit gefunden hatten, ihr Leben für eine »Rettung des Vaterlandes« hinzugeben – wenn auch ohne greifbaren Erfolg – gehört zu den Lichtblicken in dunkler Zeit. Graf Schenk v. Stauffenberg, der mit seinem Attentat am 20. Juli 1944 in der Wolfsschanze (Ostpreußen) dem Erfolg am nächsten kam, sagte sinngemäß: Das Attentat muss erfolgen, um seiner selbst willen. Der Vorwurf, die Deutschen hätten sich bis zum bitteren Ende tatenlos treiben lassen, kann so nicht mehr erhoben werden.

Im Sommer 1934 hatte eine Hand die andere gewaschen. H. erhob die Reichswehr zum einzigen Waffenträger und nahm der SA ihre bisherige Bedeutung. Im Gegenzug wurde er Staatsoberhaupt, oberster Kriegsherr und Adressat des Eides. Die Reichswehr, die bisher eher als Hort preußischer Tugenden wie Selbstachtung, Zuverlässigkeit und moralische Integrität galt, konnte ab da nicht mehr unbeschwert in den Spiegel schauen. Auf den eigenen Vorteil bedacht, hatte sie den Blick von den Ermordeten abgewandt und beließ es bei Protest aus dem Offizierskorps, als zwei ihrer Generäle ein Opfer der Abrechnung wurden. Damit blieb auf ihr ein gewisser Makel haften. Für die NS-Führung war seit diesen Ereignissen ein »point of no return« erreicht, eine Umkehr offenbar nicht mehr möglich. Das Regime hatte deutlicher als bisher die Maske gelüftet und spekulierte auf das kurze Gedächtnis der Menschen, die solche Geschehnisse um so leichter aus dem Bewusstsein verbannen, wenn jahrelange Erfolgsmeldungen und das Gefühl, an einem Aufbruch oder Aufstieg teilzuhaben, die Gedanken in eine andere Richtung lenken. Wir aber fühlen uns, auch weil wir das Ende kennen, schaudernd an jene prophetischen Worte aus Schillers »Wallenstein« erinnert, die da lauten:

»Das also ist der Fluch der bösen Tat, / dass sie fortzeugend Böses muss gebären.«

Schlussbetrachtung

Wie hätte sich die Katastrophe verhindern lassen? Damals hatten wohl die demokratischen Sicherungen versagt und jemand bekam Gelegenheit seinen Wahn zu exekutieren. Hitler war ein zu allem entschlossener Fanatiker, zudem ein politisch hochbegabter Hasardeur, der wissen wollte, wie lange sein Glück im (politischen) Spiel noch andauern und welche gewaltige Rolle er in der Weltgeschichte spielen würde. Seinen Konkurrenten haushoch überlegen und nach dem Urteil von Leuten, die ihn kennen gelernt hatten, ein Mann von willensstarker, charismatischer Ausstrahlung, wurde er zum Hochrisiko, weil er mit seinem Wahn Weltpolitik machen konnte. Dieser bestand neben seinem persönlichen Hass, in dem Glauben, der Geschichte einen Dienst zu erweisen, Unschuldige, die ihm niemals etwas getan hatten, aus rassichen Gründen millionenfach beseitigen zu lassen. Ratlos musste die Nachwelt erkennen, dass diese Perversion auch eine Folge einseitiger Bildung war. Von der (Sach)Literatur heißt es, dass sie den Menschen bilde. So ist es auch. Aber wenn sie überwiegend autodidaktisch, ohne Anleitung, ohne Mäßigung, ohne soziale Korrektur von Rede und Widerrede, ohne den Pluralismus von Schulen und Lehrern, im stillen Kämmerlein eines Einzelgängers eingeträufelt wird, entsteht wohl keine wirkliche Bildung, sondern einseitige Halbbildung mit der Gefahr, im Extremfall in Wahn auszuarten. Jeder hat das Recht, zu lesen, sich zu informieren – über die nordische Mythologie, über die Rolle der Germanen, die verschiedenen Rassen auf der Erde, die Vererbungslehre, über Evolution und biologische Auslese, (Sozial)darwinismus, über den Schicksalsglauben Richard Wagners usw. Aus all diesen Lehren, Wissenschaften oder Doktrinen kann, darf sich der Leser ein Weltbild formen. Eines aber darf er nicht: mit dessen Hilfe ein Menschenbild kreieren, mit dem er glaubt, andere unterdrücken, ihnen das Recht auf Leben nehmen zu dürfen. Pervers wird es dann, wenn so etwas nicht nur gedacht, sondern ausgeführt wird. Dazu hätte es niemals kommen dürfen! Wie sagte noch einmal Schiller 150 Jahre früher:

»Jedoch der schrecklichste der Schrecken / Das ist der Mensch in seinem Wahn«

Werner Segerer

Quellennachweise / Anmerkungen:
1) Max Frisch, Biedermann und die Brandstifter, edition Suhrkamp, 1973, Seite 54.
2) Golo Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, S. Fischer Verlag, 1967. Seite 641.
3) Die Abkürzung H. für Hitler ist bewusst gewählt.
4) Nach Mau/Krausnick, Deutsche Geschichte der jüngsten Vergangenheit 1933-1945, Stuttgart, 1953, Seite 19.
(4/1) Ebenda, Seite 31.
5) Ebenda, Seite 57

Teil 1 und 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 6 und 7/2008


8/2008