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Jahrgang 2020 Nummer 5

Das zweite »Dorf Tirol« in Rumänien

Verfolgte Tiroler Freiheitskämpfer gründeten vor zwei Jahrhunderten eine Kolonie– Teil II

Zweisprachiges Ortsschild von Tirol: Bine ati ventit – Willkommen. (Repros: Schick)
Der Säulengang war ein typisches Baumerkmal eines »Kaiserhauses«.
Wappen von Königsgnad-Tirol (gestaltet von Günther Friedmann).
Das Dorf Tirol in Rumänien heute.

Nun aber zur Namensgebung. Günther Friedmann schreibt darüber in seiner einzigartigen Monographie »Tirol in Rumänien – Gründung und Entwicklung«: Trotz der schwierigen Anfangsphase entwickelte sich die Kolonie langsam zu einer Gemeinde. Es gab einen Ersten Vorstand (Bürgermeister), einen Notar, Schriftführer (Gemeindeschreiber), einen Archivar sowie für die medizinische Betreuung Arzt und Hebamme. Zum Seelenhirt war der aus dem Sarntal stammende Pfarrer Johann Matheus Stuefer bestimmt. Er traf mit der dritten Einwanderungsgruppe ein. Als Verwalter und Leiter für die Angelegenheiten der Kolonie fungierte ein Kameral-Provisor (Kämmerer, d. Verf.).

Einweihung von Königsgnade

Während der Ansiedlungszeit waren verschiedene Namen für die Kolonie im Umlauf. Am 16. September 1812 wurde in Wien endlich beschlossen, dass die neue Gemeinde den (gerechtfertigten) Namen »Königsgnade« bekommt. Gleichzeitig wurde das Amtssiegel der Gemeinde eingeführt: Es zeigt den Kaiser, der schützend seine Hand über die Kolonie hält. Am 29. September 1812 wurde mit großer Feierlichkeit (und amtlicher und politischer Prominenz, d. Verf.) die Gemeinde Königsgnade eingeweiht. Das Fest begann mit einem Gottesdienst, zelebriert vom Koloniepfarrer Johann Matheus Stuefer. Anschließend hielt Kameralpräfekt Edler von Raunach im Freien eine flammende Ansprache an die Tiroler Kolonisten.« Den verfolgten Tirolern war natürlich bewusst, dass sie in der Schuld des Kaisers und Königs standen, der ihnen großherzig Asyl gewährte und zudem ihren Neuanfang ermöglicht hatte. Wiederum war es Josef Speckbacher, der für einen entsprechend würdigenden Namen eintrat. Königsgnade fand auch im Wappen, das heute noch ein Denkmal am Kirchplatz ziert, seinen sichtbaren Ausdruck, worin »Seine Majestät der Kaiser und König Franz I. – der Gründer und allergütigste Patron der deutschen 'Colonie Königsgnade' – ihre schützenden und schirmenden Hände über die Gemeinde hält.«

Von Neu-Tirol – Tyrolia – Tiroj zu Kiralykegye

Vor der offiziellen Namensgebung waren allerdings mehrere Bezeichnungen mit leicht nachvollziehbarem Herkunftsbezug gebräuchlich: Tiroler Dorf, Neu-Tirol, Tiroler Treue und Tyrolia. Auch bei den Rumänen in den benachbarten Dörfern hatte sich die Bezeichnung »Tiroj« eingebürgert. Im Zuge der Magyarisierung wurde 1888 mit Bewilligung des ungarischen Innenministeriums der Name auf »Kiralykegye« geändert. Nachdem der östliche Teil des Banats 1920 dem Königreich Rumänien angegliedert worden war, änderte sich der Name abermals auf »Cönigsgnad«. Weil es für Rumänen schwierig ist ein »Ö« auszusprechen, entstand im Jahr 1925 eine Mischform des Namens, man nannte das Dorf »Chirol«, im Volksmund auch »Chiroi«. Seit 1927 ist der Ort, der mittlerweile der größeren Gemeinde Doklin eingegliedert wurde, unter dem Namen »Tirol« auf der Landkarte zu finden. Das Minderheitengesetz von 2001 erlaubt es nun Städten und Gemeinden, deren Minderheiten mindestens zwanzig Prozent der Bevölkerung stellen, die zweisprachige Ortsbezeichnung zu führen. Heute findet man daher neben »Tirol« wieder den Ursprungsnamen »Königsgnad« auf dem Ortsschild.

Doch zurück zu den Anfängen. Im Oktober 1810 kehrten Speckbacher und Thalguter nach Wien zurück, um dem Kaiser Bericht zu erstatten. Dieser hatte inzwischen verfügt, 30 Häuser auf Kosten der Hofkammer für die Siedler bauen zu lassen; ein Projekt, das die beiden Freiheitskämpfer beaufsichtigen sollten. Doch es kam nicht soweit. Thalguter, der seine eigene und die Familie Speckbachers ins Banat nachholen wollte, wurde erkannt und verhaftet, womit dieser Plan scheiterte.

Mittlerweile waren innerhalb der Kolonisten starke Zweifel aufgekommen, ob der selbst gewählte Siedlungsplatz auf Dauer ihr Auskommen sichern könnte. Denn die Siedler hatten teils mit ungenießbarem Trinkwasser, unfruchtbarem Boden und hohem Überschwemmungs- Risiko zu kämpfen. Nicht anders ist der Vorstoß von Speckbacher und Bauernführer Michael Niedermayer zu verstehen, man möge ihnen doch ein adäquates Gebiet in Südostungarn zuweisen. Bei der Temeser Kameralverwaltung stieß die Eingabe allerdings auf taube Ohren, mit der Begründung, die Neusiedler hätten sich den Ort trotz Hinweise auf die Problematik selbst ausgesucht. Zudem befand sich das erforderliche Baumaterial bereits in der Kolonie.

Später kam heraus, wer hinter der mit Schmiergeld eingefädelten Aktion steckte: Die Rumänen wollten die Neusiedler verdrängen, damit sie ihre Grundstücke behalten könnten.

Es blieb dabei – die Tiroler wurden in ihrem »zweiten Tirol« sesshaft. Wenigstens für die erste Zeit.

Aufbau der Kolonie trotz Staatskrise

Zum Aufbau der Kolonie wurden Maurer, Zimmerleute, Dachdecker, Brunnengräber und andere Fachleute aus der näheren Umgebung verpflichtet. Kameralbeamte beschafften die benötigten Fuhrwerke und die Verpflegung der Arbeiter. Laut Anordnung der Hofkammer mussten sich die Kolonisten als Handlanger betätigen. Der Plan enthielt 168 ganze Hausplätze mit Hof und Garten sowie 35 kleine Hausplätze, falls der Ort expandieren sollte. In der Mitte des Dorfes waren Kirche und Markt sowie Schule, Pfarrhaus, Dorfwirtschaft, Spital und Apotheke vorgesehen. Obwohl die damalige Staatskrise die Baukosten um das Dreifache in die Höhe trieb, genehmigte die Hofkammer den Weiterbau. Auch die Forderung nach größeren Häusern mit Der Säulengang war ein typisches Baumerkmal eines »Kaiserhauses« drei statt zwei Zimmern, Küche, Vorratskammer und Stallung für vier Pferde und acht Kühe drückten die Tiroler durch. Eine ganze Ansässigkeit, die Bauern und Wirtschaftsverständigen vorbehalten war, umfasste 34 Joch (1 österr. Joch = 0,57 ha, ca. 20 ha), unterteilt in 30 Joch Ackerfeld, 3 Joch Wiesen und 1 Joch Weingarten. Die halbe Ansässigkeit war entsprechend kleiner und diente Handwerkern und Gewerbetreibenden als Grundlage. Nach offizieller Festlegung des Königsgnader- Tiroler Hotters (Hotter = alte Bezeichnung für Bezirks- oder Gemeindegrenze), der sich über eine Fläche von über 4200 Joch erstreckte, begann im April 1813 die Vergabe an die Siedler. Das Ärar (Staatskasse) ließ die ebenerdigen Häuser mit Holzmöbel einrichten. Zwei der »Kaiserlichen Häuser« mit dem typischen Säulengang sind in fast unveränderter Form bis heute erhalten. Als Grundausstattung erhielt jede Familie zwei Kühe, einen Melkkübel und ein Butterfass, Mehlsieb und Backmulde, Brotschießer, Wasserzuber, Strohsack, Teppich, Spinnrad, Axt, Haue, Grabschaufel und Mistgabel, sowie sechs Säcke. Jeder Bauer erhielt zwei Pferde, vier Zugstränge, zwei Halfter, zwei Spannstricke, einen kurzen und langen Zaum, einen unbeschlagenen Wagen, zwei Sicheln, Wurfschaufel, hölzerne Gabel, Sense samt Wetzstein und Tängelgeschirr, Schneidmesser, Handsäge und Wagenfeile.

Rückschläge und Krankheiten

Allerdings wurde ihnen das Leben nicht leicht gemacht. Trotz kaiserlicher Privilegien. Immer wieder – so auch 1813 – trat der Fisescher Bach aus seinem Bett, beschädigte Häuser und Fluren; schlechtes Trinkwasser, Lebensmittelmangel und unzureichende hygienische Verhältnisse förderten in verstärktem Maße Krankheiten. Im Juli 1813 erkrankten 34 Personen und bis Herbst stieg die Zahl rasant auf 100 Patienten.

Viele starben an Typhus, Malaria oder Magen-Darm-Leiden. Die Kirchenmatrikel berichten von einer Sterblichkeitsrate zwischen 40 und 42 Prozent. Noch höher war sie unter Kindern und Neugeborenen. Von 1811 bis 1821 verschieden 255 Personen. Davon waren 169 Tiroler Einwanderer, die übrigen 86 Ansiedler kamen aus verschiedenen Gebieten.

Bedingt durch die schwierige Situation machte sich Resignation breit. Schon 1814 begann eine Rückwanderungswelle in die alte Heimat, nachdem das Land Tirol von den Besatzern befreit worden war. Sogar mit Unterstützung des Wiener Hofs, der den Heimkehrern die gleiche Summe Reisegeld zahlte wie bei der Hinreise. Ein weiterer Teil folgte ihrem Pfarrer Stuefer, der 1818 seine neue Stelle in der Temeswarer Josefstadt antrat. Die nach ihnen benannte »Tiroler Gasse« erinnert heute an den rumänischen Komponisten Ciprian Porumbescu. In der Zeit bis 1821 verließen 93 Tiroler Familien die Gemeinde. Lediglich 22 Familien blieben zurück, von denen im Jahr 1859 nur noch eine einzige Familie mit Tiroler Abstammung anzutreffen war.

Speckbachers frühzeitiger Rückzug

Und Josef Speckbacher, auf den der Habsburger Kaiser so viele Erwartungen für eine Neuansiedlung gesetzt hatte? Der Freiheitskämpfer war in Königsgnad-Tirol nie richtig sesshaft geworden. Günther Friedmann vermutet, dass er bereits 1812 bei der Einweihung nicht mehr im Ort weilte, zumal er, der vermeintliche Wegbereiter, in den Aufzeichnungen mit keinem Wort erwähnt ist. Stattdessen existiert ein herzerwärmender Brief seiner Frau Maria (genannt Moidl), in dem sie ihren Mann anfleht, er möge doch vor dem allergnädigsten Kaiser einen Kniefall machen, damit dieser ihn von allen Aufgaben entbinden möge: Lieber würde sie mit den Kindern betteln gehen, als ihm angesichts ihrer angeschlagenen Gesundheit ins fremde Ungarnland zu folgen. »Ich muss aufhören, sonst wird das Papier vom Rehren (Weinen) nass,« beschreibt sie darin ihre aufgewühlte Gefühlswelt. Wie bekannt ist, beteiligte sich Speckbacher 1813 erneut an den Befreiungskämpfen in der alten Heimat, wofür er später zum Schützenmajor ernannt wurde. Die körperlichen Strapazen, die er in all den Jahren durchgemacht hatte, forderten ihren Tribut. Zu Beginn des Jahres 1820 erkrankte Josef Speckbacher und starb wenig später am 28. März. Unter großer Anteilnahme wurde er in Hall beigesetzt. Im Jahr 1858 veranlasste Kaiser Franz Josef I. die Überführung der sterblichen Überreste Speckbachers von Hall nach Innsbruck, wo sie in der Hofkirche an der Seite seiner einstigen Kampfgenossen Andreas Hofer und Pater Joachim Haspinger eine ehrenvolle Ruhestätte erhielten.

 

Ludwig Schick

Quellennachweis und Bilder: Tirol in Rumänien, Gründung und Entwicklung, Beerenkamp-Verlag. Dank an Autor Günther Friedmann für die freundliche Überlassung des Materials.

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 4/2020 vom 25. 1. 2020

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