weather-image
Jahrgang 2020 Nummer 4

Das zweite »Dorf Tirol« in Rumänien

Verfolgte Tiroler Freiheitskämpfer gründeten vor zwei Jahrhunderten eine Kolonie– Teil I

Freiheitskämpfer Josef Speckbacher.
Ansichtskarte von Tirol.
Katholische Pfarrkirche Mariae Geburt. (Repros Schick)

Wenn Menschen ihrer Heimat den Rücken zukehren – aus welchen Gründen auch immer – dann haben sie auf dem Weg in die Ferne nicht nur ihre Kultur, Religion, ihren Glauben, liebgewordene Traditionen und Rituale mit im Gepäck, sondern auch unauslöschliche Erinnerungen an ihren bisherigen Lebensmittelpunkt. Während der großen Auswandererwellen vergangener Jahrhunderte äußerte sich dies in eindrucksvoller Weise dahingehend, dass neugegründete Siedlungen, aber auch ganze Landstriche den Namen oder Bezeichnungen der ›alten Heimat‹ erhielten. Sozusagen eine in Worte gefasste Reminiszenz an ihre Herkunft, zu der die Immigranten verständlicherweise zum einen ihre emotionale Bindung aufrechterhalten wollten, zum anderen, um ihre tradierten Wurzeln und Identität nicht zu verlieren. Namen wie Neu-England, New York, New Jersey, aber auch innerdeutsch die Ansiedlung Neugablonz bei Kaufbeuren, in der sich sudetendeutsche Heimatvertriebene des 2. Weltkriegs eine neue Existenz in der Glas- und Schmuckindustrie aufbauen konnten, geben davon Zeugnis. Ein weiteres Beispiel wäre die südkanadische Stadt Kitchener, die bis zum 1. Weltkrieg ganz offiziell »Berlin« hieß. Die Liste ließe sich endlos fortführen.

Etwa gleichgelagerte Beweggründe und Überlegungen dürften vor zwei Jahrhunderten ausschlaggebend gewesen sein, die dazu führten, dass es kurioser Weise im heutigen Rumänien ein Dorf mitdem Namen Tirol gibt.

Es waren verdiente Tiroler Freiheitskämpfer mit ihren Familien unter Führung des wohl bekanntesten Mitstreiters von Andreas Hofer, dem 1768 in Gnadenwald bei Hall geborenen Josef Speckbacher, die sich auf Geheiß Kaiser Franz I. auf den Weg machten, um im damaligen Königreich Ungarn einen geeigneten Siedlungsplatz zu finden, der heute noch den Namen Tirol oder auch Königsgnad trägt.

Siegestaumel dauerte nur kurz

Doch zuerst zur Vorgeschichte. Man schrieb das Jahr 1810. Napoleons Truppen hatten mittlerweile weite Teile Europas überrollt. Das Jahr zuvor war für die Tiroler geprägt von heftigen Gefechten zwischen österreichischen Truppen und der französisch-bayerischen Streitmacht, unter anderem in Lienz und während der schicksalsträchtigen Schlacht am 12. April am Berg Isel, bei der die Tiroler dem Feind eine schwere Niederlage zufügten. Doch der Siegestaumel dauerte nur kurz. Schon im Mai fiel Innsbruck erneut in die Hände der inzwischen verstärkten, feindlichen Truppen. Dann ging es Schlag auf Schlag: Ende Juli bereits stand das gegnerische Militär als endgültiger Sieger fest. Eine unumstößliche Tatsache, die noch am 14. Oktober desselben Jahres zum Friedensschluss von Schönbrunn führte, wobei Tirol an das Königreich Bayern abgetreten werden musste.

Für die heroischen Freiheitskämpfer brach nun eine harte Zeit an. Nicht nur Andreas Hofer, dem meistgesuchten Anführer des Aufstands, drohte die Todesstrafe. Viele von ihnen versteckten sich auf der Flucht in den Südtiroler Bergen von Alm zu Alm; unterstützt und gedeckt von wohlgesinnten Landsleuten. Hofers Flucht endete allerdings – angeblich durch Verrat seines Landsmanns Franz Raffl – am 28. Januar 1810 auf der ›Pfandleralm‹, unweit seiner stattlichen Hofschänke, dem Sandwirt zwischen St. Leonhard und St. Martin im Passeiertal. Das dortige Museum sowie die Andreas-Hofer-Galerie im Kaiserjägermuseum am Berg Isel oberhalb Innsbruck befassen sich mit der bewegten Geschichte des Volkshelden.

Hofer selbst musste das couragierte Eintreten für sein Vaterland bekanntlich mit dem Leben bezahlen. Er wurde auf persönliche Anordnung Napoleons nach Mantua überführt und am 20. Februar 1810 dort exekutiert.

Dieses Schicksal blieb seinem engsten Gefolgsmann Josef Speckbacher zumindest erspart, obwohl auch er, ebenso wie der Kapuziner Joachim Simon Haspinger ganz oben auf der Fahndungsliste der Besatzungstruppen stand. Tage- und Nächtelang in einer Höhle aus Eis und Schnee ausharrend, um seinen Verfolgern nicht in die Hände zu fallen, sowie nach weiteren sieben Wochen im eigenen Stall verborgen, gelang ihm unter mysteriösen Umständen die Flucht nach Wien. Dorthin hatten sich bereits zahlreiche Tiroler Flüchtlingsfamilien durchgeschlagen, um Schutz bei Kaiser Franz I. zu suchen.

Kaiserlicher Auftrag zur Kolonie-Gründung

Seine Majestät belohnte den auch unter seinem Beinamen »Der Mann von Rinn« bekannten Speckbacher für dessen Patriotismus mit einer goldenen Kette, gewährte ihm außerdem eine Pension im Rang eines Oberst, zugleich aber verbunden mit dem Auftrag, für die verfolgten Tiroler im Temeswarer Banat (deutsch Temeschburg, rumänisch Timisoara) eine gesicherte Kolonie zu gründen und einzurichten. Mit der Maßnahme wollte sich der Kaiser offenbar dem leidigen Flüchtlingsproblem auf Dauer entledigen, zumal immer mehr »Asylanten« in der k. u. k. Metropole eintrafen. Schon im Vorfeld war die seit 1764 bestehende Kolonisationskommission um eine Abteilung erweitert worden, deren Aufgabe es war, sich in enger Zusammenarbeit mit der ungarischen Hofkanzlei – noch vor Ankunft der Tiroler Flüchtlinge – mit deren Ansiedelung zu befassen. Doch der beauftragte Ingenieur kassierte zwar Reisevorschuss und Geräte zur Landvermessung, bummelte jedoch lieber in Wien herum, statt sich vor Ort um den Aufbau der geplanten Häuser und Infrastruktur zu kümmern.

Dabei wäre der Grundstein für eine Übersiedelung fürs erste gelegt gewesen. Das Hofdekret vom 6. April 1810 sicherte nämlich den geflüchteten Tirolern nicht nur die unentgeltliche Überlassung von Grund und Boden, sondern auch Baumaterialien und, für die ersten drei Jahre in der neuen Heimat, einen Steuererlass zu. Darüber hinaus wurde ihnen für den Hausbau, zur Anschaffung von landwirtschaftlichen Geräten sowie für den Kauf von Vieh ein finanzieller Vorschuss gewährt mit Rückzahlungsoption von sechs Jahren. Die Tiroler Familien bekamen Reisepässe ausgestellt, zudem erhielt jede Familie 50 fl. W. W. (Florin = Gulden in Wiener Währung) Reisespesen.

Nachdem so einige Monate ungenutzt verstrichen waren und die Zeit drängte, wurden Josef Speckbacher und Franz Thalguter (Bruder des Algunder Schützenhauptmanns Peter Thalguter) mit Anweisung vom 18. August 1810 mit der Aufgabe betraut, einen geeigneten Siedlungsplatz auszumachen. Beide Emissäre trafen endlich Ende August mit etwa 25 Tiroler Familien nach strapaziöser Reise mit dem Schiff über die Donau, den Franzenskanal, die Theiß und den Begakanal im Banat ein. Allerdings war es für die ortsunkundigen Neuankömmlinge auf Anhieb sicher nicht leicht, zu entscheiden, welcher Standort sich für den Aufbau der Kolonie am besten eignen würde. Schließlich hing von der einmal getroffenen Wahl die zukünftige Existenzgrundlage der Einwanderer ab. Unter diesen Gesichtspunkten schieden schon mal zwei der zugewiesenen Areale als ungeeignet aus. Erst der dritte Vorschlag, ein Platz in höherer Lage im Fisescher Tal im Krassoer Komitat gelegen, fand nicht zuletzt auch wegen der ›gebirgigeren‹ Gegend, wie es heißt, ihren Zuspruch. Trotz des Hinweises der zuständigen Kameralverwaltung, dass der ausgewählte Ansiedlungsplatz ursprünglich für ungarische Siedler vorgesehen, aber wegen unzulänglicher Trinkwasserversorgung und Verkehrsanbindung nicht in Anspruch genommen wurde, wählten Speckbacher und Thalguter, offenbar angesichts der längeren Suche unter Zeitdruck geraten, diese Stelle zwischen Fisesch (Fizes) und Doklen (Doclin). Hinzu kam die Tatsache, dass sich in den nahe gelegenen Berg- und Eisenwerken noch Nachkommen der 1703 und 1718 eingewanderten Tiroler Bergleute verdingten und man sich dadurch Arbeitsplätze und bessere Verständigung erhoffte.

Das Dorf Tirol befindet sich im südwestlichen Teil Rumäniens am Fuß des an Eisenerz und Steinkohle reichen Banater Berglands, etwa 80 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Temeswar auf 176 Meter Seehöhe; die höchste Erhebung beträgt 250 Meter über NN. Durch den Vertrag von Trianon 1920 wurde das Banat dreigeteilt. Der größere, östliche Teil kam zu Rumänien, der südliche Teil zum Königreich Serbien und der Marosch-Theiß-Winkel zu Ungarn (d. Verf.).

In der Folgezeit bis November 1811 trafen in zwei Schüben weitere Kolonisten ein, die, wie die erste Speckbacher-Gruppe auch, zunächst in Notunterkünften, Holzbaracken, Scheunen und Zelten untergebracht wurden. Einwandern durften nur »… solche Tiroler Widerstandskämpfer, die sich im Kriege (1809) ausgezeichnet hätten«, wie es in der Kaiserlichen Patental- Verordnung heißt. Sie stammten unter anderem aus Alpbach, Berwang, Bichlbach im Außerfern, Fügen im Zillertal, Hall, Innsbruck, Schwaz, Terfens sowie aus den Südtiroler Tälern.

Forderungs-Katalog der Einwanderer

Sie alle trugen alteingesessene Tiroler Namen wie Aichner, Guggenbauer, Lampert, Lindner, Mayr, Mesner, Niedermeyer, Raunacher, Sambichler, Schneeberger, Steiner, Steinlechner, oder Wechselberger, um nur einige zu nennen. In den Pfarrmatrikeln bis zum Jahr 1821 finden sich 153 Tiroler Familien, davon waren 78 Urfamilien, 75 entstanden vor Ort. Selbst Hofer-Familien waren darunter. Ob es sich um Verwandte des berühmten Freiheitskämpfers handelte, lässt sich bis dato nicht mit Sicherheit nachweisen.

Zu den Rahmenbedingungen, die Speckbacher und Thalguter schriftlich in einem 16-Punkte-Katalog bei der Kameral-Kommission (Bezirksverwaltung) einreichten, gehörten Forderungen wie etwa die offizielle Festschreibung der neuen Siedlung als geschlossener, getrennter Komplex, um Neckereien und Kränkungen seitens der ansässigen Rumänen auszuschließen, auf Überlassung von Obst- und Weingärten, die Ortsnennung in deutscher Sprache, Befreiung vom Wehrdienst bei gleichzeitiger Beibelassung des Scheiben-Stutzens (Karabiner) und des Hausgewehrs sowie freier Richterwahl aus ihren Reihen. Weiter beharrten die Kolonisten auf baldige Errichtung einer katholischen Kirche samt Pfarr- und Schulhaus, da es ihnen nicht zumutbar sei, als christliche Tiroler länger ohne Gotteshaus zu sein. Mit dem 1847 begonnenen Bau ist übrigens ein erwähnenswertes Kuriosum verbunden, das im Nachhinein zum Schmunzeln anregt: Angeblich einer schlampigen Verwechslung zufolge hatten es die Tiroler zu verdanken, dass in ihrer Ortsmitte eine überdimensionale Kirche steht, woanders aber ›ihre‹ kleinere Kirche gebaut wurde. Offenbar hatte man die Baupläne vertauscht. So kamen die Tiroler zu ihrer Pfarrkirche »Mariae Geburt«, die nicht umsonst als »Kleiner Dom« bezeichnet wird.

 

Ludwig Schick

Quellennachweis und Bilder: Tirol in Rumänien, Gründung und Entwicklung, Beerenkamp-Verlag. Dank an Autor Günther Friedmann für die freundliche Überlassung des Materials.

Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 5/2020 vom 1. 2. 2020

4/2020