Jahrgang 2001 Nummer 7

Das Wössner Seeräuberspiel

Wiederaufführung nach 90 Jahren am Faschingssamstag

Die letzte Aufführung dieses "Seeräuberspiels" erfolgte im Jahr 1911. Das Bild zeigt die Polonaise

Die letzte Aufführung dieses "Seeräuberspiels" erfolgte im Jahr 1911. Das Bild zeigt die Polonaise
Aufnahme aus dem Jahr 1911

Aufnahme aus dem Jahr 1911
Seeräubertanz Unterwössen 1911

Seeräubertanz Unterwössen 1911
»Es ist eine Unterlassungssünde der Wössner, daß sie ihr Seeräuberspiel vollständig vernachlässigen und in Vergessenheit geraten lassen. Diese Worte aus der Unterwössner Heimatgeschichte von Dr. E. Aschenbrenner, geschrieben im Jahre 1940, haben mit Sicherheit dazu beigetragen, daß sich in Unterwössen ein Verein zur Pflege des Wössner Seeräuberspiels unter der Leitung von Stefan Entfellner zusammenfand.

Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, dieses bedeutende historisch und kulturell einmalige Ereignis wiederzubeleben.

Zum letzten Mal wurde dieses Traditionsspiel im Fasching 1911 aufgeführt. Über den historischen Hintergrund des Spiels ist nichts genaues bekannt, es ist aber doch anzunehmen, daß ein geschichtlicher Hintergrund vorhanden ist. Alle schriftlichen Unterlagen, insbesondere das »fürstlich verbriefte Recht«, sollen beim Brand des Tischleranwesens 1805 vernichtet worden sein. Als der Ruhpoldinger Heimatforscher Bartholomäus Schmucker ca. 1925 in einem Radiointerview über Faschingsbräuche im Chiemgau befragt wurde, meinte er, daß der Wössner Seeräubertanz wohl der älteste Faschingsbrauch in der Gegend sei. Weiter führte er aus, daß nach Meinung von Geschichtsforschern das Spiel seinen Ursprung in den Ungarneinfällen im 10. Jahrhundert hat. Einer Sage nach, sollen sich damals die mutigen Männer von Wössen, als sie von den Untaten der raubenden, sengenden und mordenden Ungarn hörten, aufgemacht haben und unter Führung des Gaugrafen Sighart und des Ritters von der Rettenburg den Klöstern und Dörfern rund um den Chiemsee bei ihren Kämpfen beigestanden haben. Dabei haben sie sich besonders hervorgetan. Die Sage erzählt weiter, daß die Wössner die Ache herauf heimwärtszogen mit einem erbeutetem Schiff und vielen gefangenen Räubern. Kein Wunder, daß die Mannen von Wössen die Heldentat ihrer Ahnen nicht vergessen haben und die Erinnerung daran erhalten wollen durch das Spiel: »Die Seeräuber vom Chiemsee.«

Nach einer mündlichen Überlieferung hatten die Wössner das »fürstlich verbriefte Recht« alle 10 Jahre ein Faschingsspiel aufzuführen. Zum Teil waren die Zeiträume zwischen den Aufführungen aber auch wesentlich länger. In den letzten 152 Jahren wurde das Spiel fünfmal aufgeführt und zwar 1849, 1865, 1886, 1897 und 1911. Die erste und letzte Aufführung war jeweils in Unterwössen. Dazwischen wurde das Spiel an jedem Sonntag der Fastnachtzeit in einem anderen der umliegenden Orte gezeigt. Die Wössner kamen z. B. bis nach Traunstein, Prien und Ruhpolding. Vorzugsweise fand darum das Spiel meistens in Jahren mit einem besonders langem Fasching statt.

Überall wo die Wössner auftraten, fand sich eine große Zahl von Schaulustigen ein, die dem für die damalige Zeit wohl einzigartigen Spiel zusahen. Dies belegen auch Presseberichte vom vorletzten Spiel am 31. Januar 1886. Im Laufe der Jahrhunderte wurden dem Spiel vermutlich auf Grund des jeweiligen Zeitgeschmacks auch neue Elemente hinzugefügt. So wurde zum Beispiel der »Wilde Mann« 1911 im Zeichen des Karl May Fiebers als Indianer dargestellt. Beim Spiel 1897 sah er noch aus wie einer der »Wilden« vom Deckengemälde der Unterwössner Kirche.

Nach den Erinnerungen von Franz Hörterer an das Wössner Seeräuberspiel, die von Anton und Bernhard Greimel 1976 aufgezeichnet wurden, begann die Aufführung mit einem Triumphzug, wie ihn schon die alten Ägypter, Griechen oder Römer nach siegreichen Schlachten aufführten. Die Hauptattraktion dabei ist ein Schiffswagen mit den sogenannten »Wössner Seeräubern«. Die Wössner Seeräuber mit den Schwertern symbolisieren den heidnisch germanischen Brauch zur Austreibung des Winters und erinnern an einen siegreichen kriegerischen Einsatz.

Der Aufbau des Zuges bei der Wiederaufführung am kommenden Faschingssamstag entspricht auch weitgehend den Beschreibungen von mehreren Volkskundlern. Angeführt wird der Triumphzug von zwei Vorreitern, die mit ihren Trompeten die notwendigen Signale blasen. Ihnen folgt der Hauptmann, der nach dem Schwertertanz den Reifen schwingt. Vier Fahnenschwinger mit den Wappen von Hohenstein, Streichen, Velse und Rettenburg kündigen die Ritter an. Es sind dies die vier Burgherren unter Führung des Chiemgaugrafen Sighart, der von zwei berittenen Mohren begleitet wird.

Nun folgt vierspännig gezogen das Seeräuberschiff mit den sogenannten Seeräubern. Diese stellen die zwölf tapferen schwerttragenden Wössner dar, die wohl siegreich einen Angriff der Ungarn abgewehrt haben. Ihre Uniformen mit den roten Röcken und den weißen Hosen erinnert an Soldaten des 19. Jahrhunderts. Besonders auffällig ist die Kopfbedeckung mit dem schwarzen Spitzhut, an der Krempe mit weiß-blau-roten Bändern verziert. Als bayerische Zutat krönt diesen an der Spitze ein gamsbartähnlicher Busch aus Pferdehaaren.

Dem Seeräuberschiff folgt der Musikantenwagen. Den Abschluß der ersten Gruppe bildet der Wagen mit den gefangenen Ungarn, weitere zehn Gefangene werden hinter dem Wagen von Landskneckten bewacht hergeführt.

Der zweite Teil des Zuges symbolisiert die Vertreibung des Winters. Ein munteres Völkchen von Kasperln, Bärentreiber, Marketenderinnen und fremdartig verkleideten Menschen vertreibt mit lautem Krach den Winter. Der Wintersnot soll die Frühlingshoffnung folgen. In menschlicher Form wird der Winter als »Wilder Mann« im Zug mitgeführt, gefangen von den Wössner Bauern. Eine zweite, aber spätere Form der Darstellung des bösen Winters ist der Bär, mitgeführt vom Bärentreiber. Die Spieler der Nachhut tragen symbolische Masken als Schutzmittel gegen die bösen Dämonen. Eine Besonderheit dürften hier die Hinterwössner »Huijerer« sein, die zusammen mit den »Goaßlschnalzern«, -diese weisen auf die Tradition der Wössner als Fuhrleute und Rosserer hin – mit Schellenklang und Goaßlknall aus der Mutter Erde neues Leben wecken werden. Selbstverständlich dürfen beim fahrenden Volk, Händler, Klerikder und Marketenderinnen nicht fehlen. Weiter sind im Zug Zigeuner, Muselmänner und vieles mehr. Die Kutsche mit dem Festkomitee beschließt den Trimphmarsch. In der verbürgerlichten Tracht des beginnenden 20. Jahrhunderts erinnern sie an die letzte Aufführung des Spiels von 1911. Mit Zylinder und Frack tragen sie die Würde der guten alten Zeit. Der Umzug durch den Ort endet am Rathausplatz. Auf einer Bühne werden dann die tragenden Gruppen und Personen vor Beginn der eigentlichen Aufführung dargestellt.

Die historischen Tänze beginnen mit dem Bogentanz der Seeräuber, der an den Schöfflertanz von München oder den Kronentanz erinnert. Es folgt der »groteskkomische Chinesentanz«, der einen Gefangenentanz mit symbolischen Fesseln darstellt. Die Hauptattraktion der Aufführung bildet der Schwerttanz der Seeräuber mit dem »Schwerterflechten«.

Auf das hier gebildete Schwerterpodest wird der Reifenschwinger gehoben, der abschließend seine Künste zeigt. Zwischen den Tänzen werden die Zuschauer mit tänzerischen und musikalischen Einlagen der sonstigen Mitwirkenden unterhalten.

Gabriele Schweigl



7/2001