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Jahrgang 2012 Nummer 51

Das versteckte Pupperl unterm Christbaum

Eine Weihnachtsgeschichte

Es ist Anfang der 30er Jahre gewesen dortmals und Heilig Abend. Droben auf dem verschneiten Hof waren die beiden Mägde gerade mit der abendlichen Stallarbeit fertig geworden. In der »Kuchl« drinnen hatte die Bäuerin inzwischen das »Aufdnachtessen« hergerichtet, als der Bauer mit Schorsch, dem alten Knecht, vom Rossstall herein kam. Dort warteten schon ungeduldig die sechs Mädchen und die drei Buben, bis sich endlich alle um den gedeckten Tisch gesetzt hatten. Die Tür von der Küche in die große Stube, die sonst meistens offen stand, blieb heute fest geschlossen. Erst als in Küche, Haus und Stall alle Arbeit getan war, öffnete der Vater diese und nun erst durften alle in die Stube hineingehen. Der Christbaum stand auch dieses Jahr an seinem alten Platz in der Ecke. Es brannten schon die Kerzen, als der Vater mit dem Beten angefangen hatte und alle beteten gemeinsam das »Vaterunser« mit dem »Gegrüßet seist du Maria«.

Danach durften die Kinder den, mit bunten Glaskugeln, Guateln und Lametta liebevoll geschmückten, Christbaum eingehend betrachten. In der Zwischenzeit hatte die Mutter mit den beiden Mägden die zwei großen »Waschkörbe«, die im »Stüberl« drüben versteckt waren, in die weihnachtliche Stube hereingetragen. In diese hatte die Bäuerin die ganzen »Geschenkerl« fürsorglich hineingelegt. Nun aber waren sowohl die drei älteren Dirndl, als auch Marie und Mathilde, die um etliche Jahre jüngeren, nicht mehr aufzuhalten. – Ob das Christkindl jeder von ihnen auch wirklich etwas gebracht hatte?

Endlich hatte die Mutter mit dem Austeilen der ganzen »Christkindl« angefangen; da gab es warme Unterhemden und Unterhosen, ganz lange, dicke Strümpfe. Über die bunte »Zipfelhaube« (Mütze) freuten sich die drei Buben besonders. Den Leiterwagen, vor dem der »Blass« ein bisserl wacklig stand, hatte ihnen das Christkindl doch noch gebracht; der Vater hatte nämlich auf das unermüdliche Fragen der Buben zu ihnen gemeint, dass das Christkind auch sparen müsse, denn es habe ja so viele Kinder, denen es »etwas bringen« wolle.

Auf einmal entdeckte eins von den Dirndln das Puppenwagerl, das sie schon seit längerer Zeit nicht mehr gesehen hatten. Jetzt aber stand es dort mit blitzeblanken Rädern – und das zerrissene Dach war auch geflickt. Auch einen neuen Kissenbezug für das kleine Pupperl, das darinnen lag, hatten die Engerl genäht. Darüber freuten sich natürlich besonders das Marerl und die Mathilde und fingen auch gleich eifrig mit dem Spielen an. Für die Älteren hatte das Christkind neben einer schönen Tischdecke zum Sticken, noch ein Ketterl gebracht.

Sodann waren es Bauer und Bäuerin, die ihre »Gschenkerts« anschauen durften. Zu guter Letzt teilte diese nun auch an die Dienstboten die »Christkindl« aus; Sonntagsschürzl, ein Kopftüchel zum Kirchengehen und eine warme Sonntagsjoppe für den Schorsch. Über den Teller mit den gebackenen Guateln, Lebkuchen und etlichen gedörrten Zwetschgen, freuten sich alle.

Es ist an diesem Hl. Abend heimelig, ja fast feierlich, drinnen in der bacherlwarmen Stube gewesen und jeder konnte die Geborgenheit fühlen. Bis auf's Marerl und die Mathilde, die beiden nämlich, die sonst immer so brav miteinander gespielt hatten, fingen auf einmal zu streiten an. Der Grund dafür war schnell gefunden; das kleine Pupperl war die Ursache, den Puppenwagen hatte das Christkindl beiden gebracht, aber wem gehörte die Puppe? Jedenfalls mochten beide diese so gerne, dass keine sie mehr hergeben wollte und nur mit Mühe konnten die Erwachsenen die zwei Dirndln beruhigen.

In dieser Christnacht konnte die Mutter lange nicht einschlafen, sie schalt‘ sich selbst, nicht daran gedacht zu haben, dass bestimmt jede das kleine Pupperl wollte.

Schon ganz zeitig in der Frühe war sie am Weihnachtstag aufgestanden, ihr war nämlich »etwas eingefallen«. Eiligst verrichtete die Bäuerin die wichtigsten Arbeiten in der Küche, auch der älteren Stalldirn' trug sie noch einige Arbeiten auf, bevor sie, so schnell es ging, in ihr Sonntagsgewand schlüpfte und das Kopftuch fest zuband. Draußen war es noch »stockfinster«, als sie mühsam auf dem zugeschneiten Weg durchs Holz, dem hellerleuchteten Pfarrkircherl zustrebte.

Die »Frühmesse« hatte an diesem Weihnachtsmorgen noch nicht angefangen, als sie schon in ihrem Betstuhl kniete, doch sie konnte heute keine richtige Andacht finden. Gleich nach der Messe schlug sie den Weg zum »Untern Kramer« ein und klopfte an die Tür. Kurz darauf sperrte die »Lindhuberin« die Ladentür auf und staunte nicht schlecht, als sie die Pittersdorferin draußen stehen sah. Schnell erklärte diese jetzt ihren frühzeitigen Einkauf, das Püppchen betreffend, selbiges hatte sie nämlich bei der Kramerin erst vor etlichen Tagen gekauft. Jetzt bräuchte sie halt noch ein zweites dazu, ob sie vielleicht noch eins hätte? Lächelnd bejahte diese ihre Anfrage, machte eine große Schublade auf, zog die Puppe hervor und legte sie auf den Ladentisch. Da schnaufte die Mutter erleichtert auf, die Kramerin wickelte diese noch in ein dickes Papier ein und stopfte sie ganz unten in die alte Ledertasche. Damit sie nicht nass wird, auf dem langen Heimweg, meinte sie dazu, denn inzwischen hatte es zu schneien angefangen. Nach einem schnellen »Pfüad' Gott« und »Frohe Weihnachten euch allen«, ging es wieder heimzu.

Als die Kirchgeherin endlich die letzte Anhöhe hinaufschnaufte, dachte sie bei sich, wie gut es ihnen trotz »der schlechten Zeit« doch eigentlich ging, wo sie sogar noch ein zweites Pupperl kaufen konnte.

Endlich daheim angekommen, öffnete sie so leise es ging, die schwere Haustüre und horchte eine Weile. Im Haus war es still, dafür aber drangen aus dem Stall mehrere Stimmen durcheinander. Kurz entschlossen machte sie leise die Stubentür auf, legte die Puppe in die hinterste Ecke unter den Christbaum und konnte unbemerkt zurück in die Küche gehen. Nur wenige Minuten später kamen alle nacheinander herein und waren froh, dass die Mutter wieder da war, denn von den zwei Dirndln wollte wiederum keine das Pupperl hergeben. Daraufhin schlichtete sie schnell den Streit, indem sie zu den zweien meinte, sie sollten doch noch einmal genau unter dem Christbaum nachschauen, ob das Christkind vielleicht noch etwas versteckt hatte. Schon rannten beide hinein in die Stube, von wo kurz darauf ein lautes, verwundertes Aaaa, zu hören war. Gleich darauf kamen die Dirndln mit dem Pupperl, Hand in Hand, strahlend zur Mutter in die Küche und meinten: »Gut, dass wir noch einmal unter dem Christbaum nachgeschaut haben«.

Jetzt pressierte es aber, damit alle auf dem Hof am Weihnachtstag rechtzeitig zum feierlichen Hochamt in die Kirche kamen. Als der Vater vor dem Gehen noch die Mutter fragte, wieso diese heute nicht mitging ins Pfarrdorf hinüber, flüsterte sie ihm die Antwort ins Ohr. Da schüttelte er schmunzelnd den Kopf, nickte und folgte den Vorangegangenen. Die Mutter blieb eine Weile noch an der Haustür stehen, schaute den Kirchgängern nach, bis sie schließlich zufrieden und fast ein bisschen glücklich das Essen für den Christtag kochte.


Elisabeth Mader

 

51/2012