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Jahrgang 2016 Nummer 20

Das Traunsteiner Volksfest

Aus der Reihe »Wöchentlicher Anschlag« / Teil II

Der Karl-Theodor-Platz um 1950, Festwiese von 1926 bis 1969. (Stadtarchiv, PK 3)
Friedrich Renz (1897-1963), Organisator des Traunsteiner Volksfestes ab 1946. (Stadtarchiv, Fotosammlung Personen)
Kinderkarussell des Schaustellers Gotthard Kollmann, Massing a. d. Rott, um 1955. (Stadtarchiv, A 132/5-2)
Bunte Plakatwerbung für das Volksfest an der Siegsdorfer Straße, 1972. (Stadtarchiv, Plakat Nr. 836)
Festhalle von Ignaz Widmann, Neuburg. (Stadtarchiv, A 132/5)
Kettenkarussell der Familie Diebold, 1979. (Stadtarchiv, Fotosammlung)

So konnte erst 1933, vom 5. bis zum 15. August, wieder ein Volksfest stattfinden. Doch die Zeiten hatten sich geändert, radikal und in vielerlei Hinsicht. Die Schriftwechsel endeten nun jeweils mit »Heil Hitler!« und als Veranstalter zeichnete die »Sektion der Schausteller München im Gau Süden des Reichsverbandes ambulanter Gewerbetreibender Deutschlands« verantwortlich. Am Eröffnungstag konnte man im Traunsteiner Wochenblatt folgendes lesen. »Das große Volksfest [...] beginnt heute nachmittags 4 Uhr mit dem festlichen Einzug des Wiesenwirtes. Die Budenstadt auf der Festwiese ist für einen großen Massenbesuch, der hoffentlich einsetzen wird, gerüstet. Hoffentlich? Bestimmt wird damit gerechnet; denn die Depressionen, die andauernd von Westen kommen, sind im Abzuge. Strahlender Himmel wird sich voraussichtlich über den Chiemgau wölben. Und dann ist es wert, daß man nach Traunstein kommt. Im Bierzelt gibt es [...] ausgezeichnete Schweinswürstel vom Rost und Brathendl am Spieß (für den Preis von 2 bis 2,20 Mark). Der große Vergnügungspark mit Karussells, Elektrobahnen, Riesenrad, Schau-, Schieß- und Spielbuden, großen und kleinen Schaukeln, bietet tatsächlich Oktoberfestfreuden. [...] Also auf nach Traunstein! Zum Volksfest!«(12) Ein abschließender Bericht, dem man den Grad der Zufriedenheit von Besuchern, Schaustellern und städtischen Verantwortungsträgern entnehmen könnte, findet sich leider nicht, dafür aber ein wenig begeistertes Schreiben des Gastwirte-Vereins Traunstein-Trostberg, etwas holprig verfasst von dessen Vorsitzendem Josef Sieber:(13)

»Das Volksfest 1933, welches die gesamte Geschäftswelt Traunsteins überrascht hat, hat längst sein Ende gefunden. In den Gastwirtskreisen ist es leider noch nicht vergessen. Fast täglich werden uns immer noch Klagen laut über die Schädigung desselben. Dem gesamten Gastwirtsgewerbe Traunstein wurde dadurch ein unersetzlicher Schaden zugefügt. Waren es doch die heißen Augusttage, wo in den Gastwirtschaften der Umsatz am höchsten sein soll, mit dem bei der heutigen jämmerlichen Zeit jeder Gastwirt zu rechnen hat. Diese Klagen finden ihre volle Berechtigung [...], weil während der 9-tägigen Dauer des Volksfestes sämtliche Lokale Traunsteins leer gestanden sind. Seit Jahren war der Stadtrat anerkennungsweise gegen die Abhaltung von derartigen Volksfesten eingestellt. Dieses Fest, wie es heuer veranstaltet und aufgezogen war, kann unter gar keinen Umständen als Vorteil für die Stadt angesehen werden, weil es nur ein Jahrmarktrummel [...] auswärtiger Unternehmer und Geschäftemacher war. Was hat es [...] gebracht? Der Bierumsatz der Brauerei wurde durch die Bierhalle wohl gehoben, dagegen auf der anderen Seite den Gastwirten wieder entzogen, sodass eine Erhöhung der Gemeindebiersteuer nicht nennenswert sein dürfte. Bei der Brauerei kann von einem großen Gewinn ebenfalls keine Rede sein, weil sie durch die geschäftstüchtigen Unternehmer zu allen möglichen Entgegenkommen herangezogen wurde. Die dortige Wirtschaftsführung mit dem Namen Vachenauer(14) war nur Vorschub und ein bezahlter Posten. Wir Gastwirte Traunsteins sind keine Gegner von Volksfesten, im Gegenteil Förderer derselben. Wir sind aber Gegner von solchen unvorteilhaften Unternehmungen und deren Unterstützung von Seiten der Stadt. Wir Gastwirte Traunsteins und nicht zuletzt sämtliche Geschäftsleute sind diejenigen, von denen man das ganze Jahr hindurch den letzten Groschen herauszuholen versucht, sei es Gewerbe-, Bürgersteuer oder Kurförderungsabgabe, neben so vielen anderen. 1931 wurde von mir ein Antrag an den Stadtrat eingebracht mit dem Vorschlag, man möchte endlich die nicht mehr zeitgemäßen, überlebten und verkehrsstörenden Märkte am Hindenburgplatz [Stadtplatz] beseitigen, als Ersatz dafür eine alljährliche Dult mit Volksfest abhalten. Dieses Volksfest ist aber im Sinne der Traunsteiner Geschäftswelt mit dessen voller Beteiligung zu veranstalten. [...] Wir müssen bitten, in Zukunft vor Wiedergenehmigung eines solchen Volksfestes [...] unsere Fachschaft zu Rate zu ziehen und zu hören. Andernfalls müsste dem verehrlichen Stadtrat ein Vorschlag unterbreitet werden, der dahin geht, daß die fremden Unternehmer und Geschäftsmacher zum minderstens [sic] die Kurförderungsabgabe der geschädigten Gastwirte mit übernehmen.«(15)

Die Stadt begegnete diesen Vorhaltungen sachlich: »Nach den eingezogenen Erkundigungen war der Geschäftsverkehr während des Volksfestes im Allgemeinen ein guter. Das hiesige Postamt hatte während des Festes und besonders in der darauffolgenden Woche einen auffallend verstärkten Geldverkehr der hiesigen Geschäftsleute zu bewältigen.« Interessant ist allerdings, dass das Volksfest erst im zweiten Anlauf auf Drängen der NS-Parteileitung genehmigt worden war. Passend dazu war der Reichsverband ambulanter Gewerbetreibender Deutschlands eine durch und durch nationalsozialistische Organisation, wie seine beiden Führer im Bereich Bayern Süd, Gauwart Michael Steimer und Gauwart z. b. V. [zur besonderen Verwendung] Hans Mückl, beide in München wohnhaft und »langjährige Angehörige der NSDAP«, unmissverständlich darlegten:

»Vor der nationalen Revolution bestanden in Deutschland unzählige Berufsvereine des ambulanten Gewerbes, darunter auch ein Reichsverband ambulanter Gewerbetreibender Deutschlands. Letzterer war zum größten Teil marxistisch eingestellt. Nach der nationalsozialistischen Revolution wurde ein neuer Reichsverband ambulanter Gewerbetreibender gegründet, und zwar im Auftrag der Reichsleitung der NSDAP. Dieser Auftrag ging von Herrn Pg. [Parteigenossen] Dr. Adrian von Renteln aus. Die Gründung des neuen RaGD ging so vor sich, dass der alte bestehende RaGD sowie sämtliche in Deutschland bestehenden anderen Berufsverbände der ambulanten Verbände aufgelöst und im neuen RaGD vereinigt wurden. [...] Alle Berufsverbände des ambulanten Gewerbes aufzulösen und sie sodann einheitlich zusammenzufassen, war deswegen nötig, weil gerade im ambulanten Gewerbe die größte Zerrissenheit herrschte. Der neue RaGD ist also nicht nur gleichgeschaltet, sondern rein nationalsozialistisch. [...] Der neue RaGD ist in Gaue eingeteilt, die mit den politischen Gauen der NSDAP übereinstimmen.«(16) Lediglich der »Bürgerverein« war der Auflösungsanordnung nicht nachgekommen. Immerhin hatte er 1933 noch die Volksfeste in Bad Aibling, Bad Tölz und Miesbach auf eigene Rechnung durchgeführt. Dass seine neuerliche Bewerbung für 1934 in Traunstein angesichts der Vorgeschichte von 1931 und des dominanten Auftretens der neuen Machthaber keinerlei Aussicht auf Erfolg hatte, dürfte kaum verwundern.

Doch auch den Nationalsozialisten gelang es nicht, dem Traunsteiner Volksfest Kontinuität zu verleihen. Den Stadtvätern war nach wie vor daran gelegen, »eine zu rasche Aufeinanderreihung [...] zu vermeiden, da auch die Auffassungen der Traunsteiner Geschäftswelt über den wirtschaftlichen Nutzen der Volksfeste nicht einmütig sind«.(17) Auch sollten andere Großveranstaltungen, etwa Zirkusgastspiele, nicht auf Dauer beeinträchtigt werden. Nach 1933 fanden weitere Volksfeste lediglich 1935 und 1939 (im Rahmen des Kreistags der NSDAP) statt, obwohl der Reichswirtschaftsminister in einem Runderlass vom 4. November 1939 hatte verlautbaren lassen, »dass der Krieg kein Grund zur Nichtabhaltung von Dulten, Volksfesten und dergleichen ist, vielmehr [...] der Bevölkerung die Möglichkeit einer zwanglosen Entspannung nicht genommen werden« sollte.(18) Die Realität aber folgte den Phantasien der NS-Propaganda nicht.

Nach den Schrecknissen von Diktatur und Krieg war der Zuspruch, den Veranstaltungen jeglicher Art erfuhren, ungeheuer groß, gleich ob Kultur, Sport oder gesellschaftliche Vergnügungen. Es herrschte innerhalb der Bevölkerung ein großes Bedürfnis danach, den meist schweren Alltag für einige Stunden zu vergessen und damit leichter bewältigen zu können. Man wollte einfach wieder »nur ein normales Leben führen«. Mit dem Wiederaufbau nach 1945 begann auch die Ära der jährlichen Traunsteiner Volksfeste – und mit ihr die Ära Renz. »In der Zeit vom 29. Juni mit 14. Juli 1946 wird in Traunstein auf dem Karl-Theodor-Platz ein Vergnügungspark abgehalten.« So lautete Paragraph 1 des Vertrages, den die Stadtgemeinde Traunstein mit dem Bayerischen Landesfachverein ambulanter Gewerbetreibender, bezirkliche Außenstelle Traunstein, bzw. dessen Vertreter Friedrich Renz,(19) abgeschlossen hatte. »Eine große Anzahl von Buden, Karussellen und sonstige Schauattraktionen warteten auf eine zahlreiche Besucherzahl.«(20)

Diese stellte sich augenscheinlich ein, und daher sah man erst einmal keine Veranlassung, etwas zu verändern. Von langer Dauer aber war diese Ruhe nicht. »Um der Zugkraft der traditionellen Traunsteiner Märkte keinen Abbruch zu tun und angesichts der allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Lage« beschloss der Stadtrat, 1951 kein Volksfest abzuhalten;(21) erst nach längeren Verhandlungen und energischem Intervenieren des ambulanten Gewerbes konnte das Gremium zum Einlenken bewogen werden. 1953 gelang Renz dieses Kunststück nicht mehr. Drei Mal lehnte der Rat seinen Antrag ab, weder ein »Volksfest« noch ein »Vergnügungspark« noch eine »Volksbelustigung« wurde ihm zugestanden. Stattdessen genehmigte man dem Rosenheimer Schausteller Max Fahrenschon vom 17. bis zum 25. Oktober eine »Wiesenkirchweih«; eine wenig glückliche Wahl, wie sich herausstellen sollte.

»Da muß was los sein, wird sich der unvoreingenommene Besucher gedacht haben. Als er aber seine Schritte zum Karl-Theodor-Platz lenkte, fielen seine festfrohen Wünsche und Vorstellungen zu einem Nichts zusammen. In ein Eckchen des weiten Platzes abgedrängt, hocken verschämt ein paar Buden und Karussells. Jämmerlich, kann man da nur sagen. Das nennt sich also Wiesn-Kirchweih. Das Publikum hat entsprechend reagiert. Bei der Eröffnung am Samstag krochen gelangweilt einige junge Leute herum. [...] Mit einem Wort: Es geht nichts. Trotz dem recht günstigen Wetter [sic] war der Besuch äußerst mäßig. [...] Es war übrigens ein Rosenheimer Unternehmer (warum eigentlich?), der geglaubt hat, Traunstein mit diesem mageren Zauber beglücken zu dürfen. Man erlebt keine Budenstadt, sondern allenfalls ein Budendorf. Gut genug für Traunstein. Immer wieder die gleiche Erfahrung. Man speist uns mit dem Letzten vom Letzten ab. Motto: Die dummen Traunsteiner schlucken es schon.«(22)

Fahrenschon sprach von »hetzerischen und geschäftsschädigenden Zeitungsartikeln «, doch scheint die Berichterstattung der Wahrheit doch sehr nahe gekommen zu sein. Für Fritz Renz jedenfalls hatte mit diesem eher traurigen Intermezzo der Spuk ein Ende gefunden. Da »städtischerseits keine Gelegenheit besteht, als Veranstalter aufzutreten«, wurde von nun an stets er mit der »Durchführung eines Vergnügungsparks« (von einem Volksfest ist bis 1970 nie die Rede) im August beauftragt. Ab 1959, als die Folgen eines Schlaganfalls ihm dies nicht mehr erlaubten, war seine Frau Franziska Vertragspartnerin.(23)

Eine Diskussion darüber setzte erst wieder Ende 1969 ein. Aufgrund seiner Umgestaltung zu einem Großparkplatz konnte der Karl-Theodor-Platz »künftig für derartige Veranstaltungen wohl kaum mehr zur Verfügung stehen. Die beantragten Gastspiele verschiedener Zirkusunternehmen für das Jahr 1970 mußten bereits abgesagt werden«.(24) Der vorgesehene neue Festplatz auf der Pirklwiese an der Siegsdorfer Straße war zu diesem Zeitpunkt noch nicht völlig fertiggestellt. Aber: »Das Volksfest [gehörte] zur Stadt und [war] nicht mehr wegzudenken. « Daher wurden die Arbeiten beschleunigt und der Platz »wenigstens provisorisch entsprechend hergerichtet «. Ein letztes Mal erhielt Fanny Renz den Zuschlag, obwohl ihre Gesundheit inzwischen ebenfalls schwer angeschlagen war.(25) Im November desselben Jahres erklärte sie, ihr Gewerbe künftig nicht mehr ausüben zu wollen.

In ihre Fußstapfen traten zunächst Franz Wack, Schausteller aus Neumarkt / St. Veit, der laut eigener Aussage ohnehin »seit zehn Jahren namens und im Auftrage der Frau Renz die Volksfeste ausgerichtet« hatte, und der Traunsteiner Eugen Pröschkowitz(26); 1972 wurde Otto Gerstmeier aus Augsburg, der seit 1960 mit seinem Autoskooter vor Ort war, mit ins Boot geholt. Das Bierzelt wurde nach längerem hin und her für 8000 Mark Platzgeld an den Ignaz Widmann aus Neuburg vergeben. Hans Schwankner(27), der seit Jahren das Festzelt »praktisch allein« geführt hatte, »weil Frau Renz auf Grund ihres Alters dazu nicht mehr in der Lage« war, hatte mit seinem Angebot von nur 5000 Mark das Nachsehen. In seiner Bewerbung vom 2. Januar 1971 brachte er die »Traunsteiner Volksfestproblematik« auf den Punkt:

»Ich möchte noch darauf hinweisen, daß man das Traunsteiner Bierzelt nicht mit Zelten in Gebieten ohne Fremdenverkehr vergleichen kann. In Niederbayern ist das Volksfest und Bierzelt auch heute noch das einzige Fest und eine lang ersehnte Abwechslung. Anders dagegen bei uns. Fast jeder umliegende Ort und auch zum Teil Traunstein hat während der Sommersaison wöchentlich zumindest einen Begrüßungsabend, einen Almtanz, einen Oberbayerischen Abend usw. Daß das Bierzelt diese Veranstaltung spürt, ist doch einleuchtend. Deshalb ist der Besuch auch bei schlechtem Wetter meist miserabel, weil die Leute auf diese Veranstaltungen ausweichen können.«

Dem musste auch Ignaz Widmann nach nur einem Jahr Tribut zollen: »Bedauerlicherweise war wider unserem Erwarten [sic] die Umsatzquote weitaus geringer, als ursprünglich bei einer Information durch einen Angestellten der Stadt an uns weitergegeben wurde. Daß diese irreführenden Umsätze in Traunstein nicht erzielt werden können, haben wir inzwischen wahrnehmen können, und auf Grund dieser Erkenntnisse lassen wir Ihnen unser Angebot nunmehr [...] zugehen.« Widmann bot nur mehr 4000 Mark Pacht und wurde daher durch den Augsburger Otto Schaller ersetzt, der bereit war, das Risiko einzugehen und immerhin 6000 Mark zu investieren.

Das Volksfest war, dieser Eindruck drängt sich förmlich auf, in die Jahre gekommen. Auch der Stadtrat kam mehr und mehr zu der Auffassung, dass im Vergleich zum Frühlingsfest, das seit einigen Jahren auf der sogenannten Schnitzlbaumerwiese (im Bereich des heutigen Chiemgau-Gymnasiums) stattfand, die »gebotenen Sachen [...] wirklich altmodisch« waren. Bislang hatte man darauf keinen Einfluss, denn »die Auswahl und Zulassung von Schaustellern und Fieranten [... wurde] von den Veranstaltern wahrgenommen; [sie hatten] dafür zu sorgen, daß der Vergnügungspark neuzeitlich und modern gestaltet wird«. Jetzt sorgte der neu gewählte Oberbürgermeister Rudolf Wamsler, der dem in vielen Bereichen doch etwas angestaubten städtischen Erscheinungsbild viel frischen Wind zuführte, für eine grundsätzliche Änderung der eingefahrenen Strukturen. »Künftig soll der Festplatz an der Siegsdorfer Straße nicht mehr Personen oder Personengruppen zur Veranstaltung derartiger Feste übertragen werden. Die Stadt wird nun, ab 1973, die Organisation der Volksfeste, gleich verschiedenen anderen Städten in Oberbayern, selbst vornehmen.«(28)

Das Ordnungsamt organisierte fortan den Vergnügungspark, das Zelt wurde wie gehabt an einen Wirt verpachtet und das Verkehrsamt (neudeutsch: Tourist-Info) sorgte für die entsprechende Öffentlichkeitsarbeit, sowohl für das »altehrwürdige« Volksfest als auch für das noch junge Frühlingsfest. 20 Jahre blieb es bei diesem vertrauten Nebeneinander zweier Bierfeste. Doch immer mehr setzte sich der schon 1971 von Hans Schwankner beschriebene negative Trend durch.

»Wohin steuern die heimischen Volksfeste?« Diese Frage stellte am 1. Oktober 1992 das Traunsteiner Wochenblatt. »Ebenso kontinuierlich ging es die letzten Jahre in Traunstein bergab, wo heuer dem Vernehmen nach nur noch etwas mehr als 140 Hektoliter Bier beim Volksfest ausgeschenkt wurden.« Dabei hatte das Traunsteiner Volksfest einmal deutlich »bessere Zeiten gesehen, zum Beispiel das Jahr 1982, als etwa 370 Hektoliter Bier gezapft wurden«. 1987 hatte man ein letztes Mal wenigstens 200 Hektoliter verzeichnet. »Tradition sollte man doch bewahren!« Mit diesem eindringlichen Appell schloss Klaus Oberkandler seine Bestandsaufnahme. Aber es half alles nichts. Die Stadt verzichtete ab 1993 auf die Durchführung des Volksfestes. Für einige Jahre versuchte das Hofbräuhaus, mit der »Trauner Dult« das Volksfest zu retten. 1997 aber mussten sich auch die Privatwirtschaft den Tatsachen beugen. Der August-Termin war und blieb schlichtweg denkbar ungünstig und war nicht mehr zu halten, die Verlegung auf einen späteren Zeitpunkt stand infolge der aufwändigen Vorbereitungsarbeiten für die im zweijährigen Turnus auszurichtende »Truna« nicht zur Diskussion. Das Traunsteiner Volksfest war endgültig Geschichte.

Mit dem Frühlingsfest aber hat es einen würdigen und aktuell auch sehr erfolgreichen Nachfolger gefunden. Seine Beliebtheit beim Publikum ist in den vergangenen zehn Jahren stetig angewachsen, eine Akzeptanz, die für zufriedene Gesichter beim Wirt, den Schaustellern und den Verantwortlichen der Stadt sorgt. Ungeachtet des Namens – dem Besucher ist es ohnehin egal, ob er seinen Spaß auf einem Frühlings- oder Volksfest, einer Dult, einem feucht-fröhlichem Jahrmarkt oder wie auch immer findet: Die 1853 begründete Tradition konnte, wenn auch mit Unterbrechungen und einigen Hindernissen, bis in unsere Tage hinein erhalten werden und wird hoffentlich noch lange Jahre weiterbestehen.

Franz Haselbeck


Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr, 19/2016 vom 7. 5. 2016


Anmerkungen:
(12) Auf geht’s! Das Volksfest in Traunstein, in: Traunsteiner Wochenblatt Nr. 178 vom 5. 5. 1933, S. 3.
(13) Josef Sieber (1876-1949), Pächter des Hotels Wispauer (»Zum goldenen Hirschen«) Stadtplatz 32 von 1920 bis 1941.
(14) Festwirt Peter Vachenauer (1886-1963), Pächter des Friedwirts 1926 bis 1949 (Salinenstraße 6, abgebrochen 1971).
(15) Schreiben vom 10. 9. 1933.
(16) Schreiben vom 19. 1. 1934.
(17) Einstimmiger Beschluss des Stadtrats vom 7. 3. 1935.
(18) Die Quellenlage für diese Zeit ist rudimentär. Nach Aktenlage hätte auch 1938 vom 13. bis zum 21. August ein Volksfest mit Heimatschau stattgefunden; als Festwirt vorgesehen war wieder der Münchner Andreas Schneider. Allerdings steht dem das Fehlen jeglicher Presseresonanz entgegen. 1941 hatte man die Veranstaltung eines Volksfestes zwar »in Aussicht genommen«, den Plan aber aufgrund der allgemeinen Lage nicht verwirklichen können.
(19) Friedrich (Fritz) Renz, Händler, geboren am 18. September 1897 in Wang (Gemeinde Unterreit, Landkreis Mühldorf), 1919 nach Traunstein zugezogen, Besitzer des Hauses Traundamm 10, für die SPD im Stadtrat 1946-1948, verstorben am 12. September 1963.
(20) Südost-Kurier Nr. 14 v. 26. 6. 1946, S. 5.
(21) Beschluss vom 1. 2. 1951.
(22) Traunsteiner Nachrichten Nr. 146 vom 20. 10. 1953, S. 6.
(23) Franziska (Fanny) Renz, geboren am 7. August 1895 in Burgberg (Landkreis Heidenheim, Baden-Württemberg, verstorben am 26. Juni 1972 in Traunstein.
(24) Protokoll der Stadtratssitzung vom 5. 11. 1969.
(25) In den letzten Jahren wurde sie von ihrer Tochter Theodora (Dora) Schwarz (1926-1999) unterstützt.
(26) Eugen Pröschkowitz (1919-2000), gelernter Korbmacher, als Nachfolger von Friedriche Renz Vorsitzender des Bayerischen Landesverbandes des ambulanten Gewerbes und der Schausteller, Außenstelle Traunstein.
(27) Johann Schwankner (1902-1979), »Zimmereigeschäftsteilhaber«, Heilig-Geist-Straße 33.
(28) Schreiben von Oberbürgermeister Rudolf Wamsler an Otto Gerstmeier vom 20. 10. 1972 mit Bezug auf einen Beschluss des Stadtrats vom 5. 10. 1972.

 

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