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Jahrgang 2016 Nummer 19

Das Traunsteiner Volksfest

Aus der Reihe »Wöchentlicher Anschlag« / Teil I

Der Wagen »Ruhpolding vor 100 Jahren« erhielt beim »äußerst gelungenen Festzug« in Haslach am 5. September 1909 vor Tausenden von Zuschauern den Ehrenpreis. (Stadtarchiv, PK 230)
Aus einer humoristischen Broschüre über das Oktoberfest, um 1900. (Stadtarchiv, Zeitgeschichtliche Sammlung)
»Landwirtschaftliches Bezirks- und Volksfest mit Ausstellungen in der Stadt Traunstein«, 1901 (Plakat Nr. 615); beige mit schwarzem Rand und schwarzer Schrift, oben Stadtwappen, Druck: A. Miller u. Sohn, Traunstein; Herausgeber: Stadt Traunstein; 60,5 x 85 cm.
Auf der Höllbräuwiese an der Leonrodstraße (Aufnahme 1920) wurden bis 1901 die ersten Traunsteiner Volksfeste veranstaltet. (Stadtarchiv, LB 403)
Volksfest auf dem Karl-Theodor-Platz im Jahr 1926. (Stadtarchiv, Fotonachlass Meiche)
Großer Andrang auf dem Volksfest 1926. (Stadtarchiv, Fotonachlass Meiche)

Über die Traunsteiner Volksfestgeschichte gibt es keine zusammenfassende Darstellung; ein guter Grund, um sich diesem Thema im Rahmen des »Wöchentlichen Anschlags« ein wenig ausführlicher, als sonst üblich, zu widmen. Zumal ja Volksfeste zu Bayern gehören wie der weiß-blaue Himmel, die Lederhose, das Jodeln oder was man sonst noch an dieser Stelle gerne als Klischee hervorholt. Frei nach dem Motto: Des is scho oiwei a so, des war no nia ned anders.

Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Volksfeste sind im Brauchtum verankerte, regional typische Veranstaltungen, die meist eine lange Tradition besitzen. Oft beziehen sie sich auf kirchliche Feiertage oder den Beginn des Frühjahrs bzw. Herbstes. Manche haben sich im Laufe der Jahrhunderte aus einem Jahrmarkt entwickelt.(1) So wird der Gillamoos in Abensberg, einer der ältesten Jahrmärkte in Bayern, schon 1313 urkundlich erwähnt. Daher: Nix Gwiß woas ma ned. Kein Volksfest ist wie das andere, jedes hat seine eigene Historie, die man ergründen muss. In unseren Breiten bezieht man sich dabei gerne auf das (gar nicht so alte) Münchner Oktoberfest, die Wiesn, hervorgegangen aus einem, am 17. Oktober 1810 veranstalteten, Pferderennen auf der Theresienhöhe. Es war die letzte von zahlreichen Festivitäten anlässlich der Hochzeit zwischen Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese am 12. Oktober, mit denen man dem Brautpaar öffentlich huldigte. Daraus entstand bis zum Ende des 19. Jahrhunderts das heute größte Volksfest der Welt. Schon 1811 wurde es mit einer Landwirtschaftsausstellung, der ersten im deutschsprachigen Raum, ergänzt. Beide profitieren seither voneinander und nutzen als gute Nachbarn gemeinsam die Theresienwiese, das Oktoberfest den nördlichen, das Zentral-Landwirtschaftsfest den südlichen Teil.

Diesem Vorbild wollte man auch bei uns nur allzu gerne nacheifern: »Mit dem Schlusse des heutigen Tages hat Traunstein wieder ein größeres Fest in seine Chronik eingetragen, dessen überaus günstiger Verlauf dasselbe weit über das Gewöhnliche erhoben hat. [...] Das Viehausstellungsgebäude selbst könnte demjenigen auf der Oktoberfestwiese ganz sicher als Muster dienen. Es war hoch, hell, geräumig und zeigte in der Mitte ein großes Rondell mit Kuppeldachung, welche genügend Luft und Licht spendete. Das Vieh schien sich dort förmlich behaglich zu fühlen. [...] In der Nähe dieser Ausstellung waren, wie auf der Theresienwiese, landwirtschaftliche Geräthe und Maschinen in ihrer Thätigkeit zu sehen, die vom Landvolk mit großem Interesse betrachtet wurden. Beim Eingange prangte der unentbehrliche Glückshafen, in welchem die Hanswursteln so üppig gediehen, wie auf der Münchner Wiesn. Daß es Gelegenheit gab, den großen ländlichen Durst zu löschen, versteht sich von selbst.«(2)

Besser aber wäre es gewesen, sich am Straubinger Gäubodenfest zu orientieren. Dieses hatte 1812 König Maximilian I. Joseph als landwirtschaftliches Vereinsfest ins Leben gerufen. Im Mittelpunkt standen Zuchtschauen, Anbaumethoden und ein Pferderennen. In den Anfangsjahren wurde es alternierend in Straubing, Passau und zeitweise auch Landshut veranstaltet; erst seit 1962 findet es jährlich statt.(3) Und genau dieser Hintergrund – ein Landwirtschaftsfest, unregelmäßig und an verschiedenen Orten durchgeführt – lässt sich auch für die Traunsteiner Anfänge nachweisen.

»Rund fünfzig Jahr sind es her, daß in unserer herrlichen Bergstadt das weit und breit bekannte Volksfest zum ersten Male gefeiert wurde.«(4) Dies teilte das Traunsteiner Wochenblatt am 17. September 1901 seinen Lesern mit. Tatsächlich verwahrt das Stadtarchiv eine »Rechnung über Einnahmen und Ausgaben des landwirthschaftlichen Fest-Schießens zu Traunstein, abgehalten am 18., 19., 20. und 21. September 1853«.(5) Unkosten in Höhe von 99 Gulden standen 49 Gulden »Ladgebühren« gegenüber, die von den Teilnehmern entrichtet wurden.

Ansonsten wissen wir über den Festverlauf nichts. Die lokale Zeitung erschien erst ab 1855 und »besondere Akten über das hiesige letzte landwirthschaftliche Fest bestehen nicht«.(6) Dessen ungeachtet, markiert das Jahr 1853 definitiv den Beginn der Traunsteiner Volkfestgeschichte. Wie es aber in der unmittelbaren Folge weiterging, darüber geben die Quellen nur spärlich Auskunft. Das Landwirtschaftsfest, soviel steht fest, fand an wechselnden Orten im Bezirk statt, zum Beispiel 1855 in Prien, 1858 in Tittmoning(7) und 1861 in Laufen. In Traunstein konnte es nach 1853 vier Mal nachgewiesen werden: 1872, 1880, 1890 und 1901. 1909 verweigerte sich die Stadt aus finanziellen Gründen. Haslach sprang für die Nachbarin in die Bresche – eine für ein Dorf mit nicht einmal 700 Einwohnern überaus mutige Entscheidung – und bewältigte diese gewaltige Aufgabe mit Bravour. »Alle Schauen waren mit größter Sorgfalt eingerichtet [...] und gebührt den Veranstaltern derselben vollste Anerkennung. [...] Das Volksfest in Haslach ist ohne jede Störung verlaufen.«(8)

Von 1901 liegen uns die nach derzeitigem Stand ältesten Traunsteiner Volksfestplakate vor. Sie belegen ein unglaublich reichhaltiges, über die ganze Stadt verteiltes Angebot an Ausstellungen und Tierschauen, begleitet von einem Festzug, Konzerten, einem »volkstümlichen Wett-Turnen«, einem internationalen Trabrennen und selbstverständlich auch von einem viertägigen, gut dotierten Festschießen. Als Festplatz diente, in unseren Tagen kaum noch vorstellbar, der im Bereich von Leonrodstraße und Ruhpoldinger Bahn gelegene Höllbräu-Anger. »Welche Veränderung hat allein die Höllbräuwiese, welche auch diesmal wieder zum Festplatz ausersehen war, erfahren! Vor elf Jahren noch eine fast endlose, weite und nur durch niedere Hecken umgrenzte Grasfläche, ist sie heute [...] von einem Kranze prächtiger Villen umgeben und endlich von den beiden Monumentalbauten des neuen Amtsgerichts [= Staatliches Bauamt; Rosenheimer Straße 7] und des Progymnasiums [= Musikschule; Rosenheimer Straße 5] flankiert. Freilich mussten dafür die so zahlreichen Verkaufs- und Schaubuden auf einen verhältnismäßig engen Raum zusammengedrängt und die Hallen für die landwirtschaftlichen Ausstellungen, für welche während der zwei früheren Volksfeste von 1880 und 1890 unsere Wiese mehr als genügend Platz hatte, nun auf die Anhöhe hinter dem Höllbräukeller verlegt werden. Aber dieses veränderte Arrangement, das man notgedrungen treffen mußte, dürfte unserer Veranstaltung nur zum Vorteile gereichen. Die Festwiese zum Beispiel bietet heuer ein ungleich schöneres und farbenprächtigeres Bild [...]. Selbst das Auge des verwöhnten Großstädters müßte davon angezogen und gefesselt werden.« Ab zehn Uhr abends wurde der Festplatz elektrisch beleuchtet. »Das Geklingel, Gesurre und Geläute, die heiteren Stimmen der Ausrufer, die hellen Juchezer lustiger Burschen, die auf den mannigfaltigsten Ringelspiels sich herumtummeln, die kreischenden Laute der Clownmusik an den Schiffsschaukeln, das Halloh, wenn irgendwo ein Scherz gelungen oder im Gedränge der Bier- und Weinbuden eine Kindstauf war, ... all’ dieses Summen und Surren, das Durcheinander, Stoßen und Drücken, ein echtes Volksfestleben, malerisch und betäubend zugleich, dabei aber gewürzt mit echtem, unverwüstlichem Volkshumor.«(9)

Unterbrochen durch den I. Weltkrieg und die darauffolgenden Jahre wirtschaftlicher Not fand die Geschichte ihre Fortsetzung mit dem 800-jährigen Jubiläum der Stadt Traunstein, das, obwohl historisch mehr als fragwürdig, 1926 mit großem Aufwand begangen wurde. Wir werden uns im weiteren Verlauf dieser Serie noch ausführlich mit diesem Ereignis befassen. Bei der dabei vom 4. bis zum 12. September veranstalteten, großen »Heimatschau « durfte ein Volksfest keinesfalls fehlen. In einer »Riesen-Prachtzelthalle « bot Festwirt Andreas Schneider mit seiner Original Münchner Oberlandler- Kapelle »täglich große humoristische Konzerte und maskierte Aufführungen « an: »Ein Münchner Oktoberfest « versprach »Schlager auf Schlager « und »Lachen ohne Ende«. Doch bei aller erwünschten Gaudi und Bierseligkeit, eines war damals »streng verboten – bei Aufführungen auf Bänke zu steigen«!(10)

Eine Tombola, Schaubuden und Fahrgeschäfte wie das erstmals hier gastierende »Teufelsrad« und eine »große Menagerie- und Raubtierdressur- Schau« ließen »alle Sorgen [...] auf Stunden vergessen«. Für all das war der immer mehr bebaute Höllbräuanger zu klein geworden. Aber mit der Sprengung des Karl-Theodor-Sudhauses in der Au war 1924 eine zentrale Fläche entstanden, die dem Traunsteiner Volksfest in den kommenden Jahrzehnten eine geeignete Heimstatt bot. Bis es aber dauerhaft seinen festen Platz im jährlichen Reigen der städtischen Lustbarkeiten gefunden hatte, sollten weitere zwei Jahrzehnte ins Land ziehen. Die Ende 1929 einsetzende Wirtschaftskrise, Bedenken des heimischen Gewerbes und schließlich der II. Weltkrieg stellten sich den Befürwortern nachhaltig in den Weg.

Ȥ 1: Das Volksfest wird in der Zeit vom 22. August 1931 mit 31. August 1931 auf dem Karl-Theodor-Platz in Traunstein abgehalten.

§2: Veranstalter des Volksfestes ist der Bürgerverein [zur Wahrung der Interessen der Schausteller und Berufsgenossen e. V. Sitz München]. Die Stadtgemeinde übernimmt keinerlei Risiko und Haftung; dies gilt auch bei Nichtabhaltung oder Störung des Volksfestes aus irgendwelchen Gründen. [...]

§ 8: Der Bürgerverein erhebt von den Schaustellern und Fieranten anteilsmäßige Platzgelder; dieselben sind von letzteren an die Stadthauptkasse Traunstein einzuzahlen, die hierüber gesondert Rechnung führt. Soweit diese Einzahlungen am 1. Juli 1931 den Betrag von 4000 Reichsmark nicht erreicht haben, verpflichtet sich der Bürgerverein München, eine Bankbürgschaft beizubringen, und zwar in Höhe der Differenz zwischen dem eingezahlten Gesamtbetrag und der Summe von 4000 Reichsmark.«(11)

Am 22. Juni hatten von 37 Schaustellern erst ganze drei einen Vertrag unterzeichnet und die geforderten Einzahlungen geleistet. Auch über die Aufstellung des Festzeltes fehlten der Stadt jegliche Angaben seitens des Veranstalters, der sich zudem mit den örtlichen Brauereien überhaupt noch nicht in Verbindung gesetzt hatte. Hinsichtlich der vertraglich zugesicherten Begleitveranstaltungen (Pferderennen, Feuerwerk, Preisschießen) war ebenfalls noch nichts unternommen worden.

»Wir erwarten dringendst Ihre Erklärung«, so der Festbeauftragte, 2. Bürgermeister Bernhard Schnitzlbaumer, in seinem Brief an den Schaustellerverband. Dessen Vorstand, der Münchner Max Stehbeck, sah die Gründe für die Verzögerungen »allein in der heutigen Wirtschaftskrise, die wir nun einmal überwinden müssen«, und bat um Geduld. Diese hätte die Städtische Volksfestkommission wohl aufgebracht, falls bis zum 1. Juli die vereinbarte Kaution eingegangen wäre. Man wartete und verhandelte bis zum 23. Juli – vergeblich.

Jetzt war es für Traunstein höchste Zeit, die Reißleine zu ziehen: »Aus diesem Verhalten darf der Schluß gezogen werden, daß es dem Vertragskontrahenten ernstlich nicht mehr um die Durchführung des Unternehmens zu tun ist. Auch die jüngstens eingetretene Verschlechterung der Wirtschaftslage deutet darauf hin. Die notwendigen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Durchführung sind daher noch mehr geschwunden. Unter solchen Umständen ist eine Durchführung nicht zu verantworten, da die aller Voraussicht nach eintretenden Fehlergebnisse von allen Beteiligten schwerlich getragen werden könnten. Das Stadtratskollegium beschließt daher einmütig, von der Durchführung des geplanten Volksfestes im heurigen Jahr Abstand zu nehmen und dasselbe zunächst auf das kommende Jahr zu vertagen, falls die Wirtschaftslage bis dahin eine Besserung erfahren sollte.« Verständlicherweise zeigte sich der Bürgerverein davon wenig begeistert und versuchte, den »verehrlichen Stadtrat Traunstein« zum Einlenken zu bewegen. Der aber blieb bei seinem Votum und gelangte auch im darauffolgenden Jahr »mit allen gegen 2 Stimmen [zu der] Auffassung [...], dass angesichts der gegenwärtigen Zeitverhältnisse an die Abhaltung eines Volksfestes nicht gedacht werden kann«.


Franz Haselbeck


Teil II in den Chiemgau-Blättern Nr. 20 vom 14. 5. 2016


Anmerkungen:
(1) Nach: https://de.wikipedia.org/wiki/Volksfest.
(2) Augsburger Abendzeitung Nr. 269 v. [29.] September 1880 (Stadtarchiv Traunstein, DOK 180).
(3) Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/G%C3%A4ubodenvolksfest.
(4) Landwirthschaftliches Bezirks- und Volksfest, in: Traunsteiner Wochenblatt Nr. 112 v. 17.9.1901, S. 1.
(5) Stadtarchiv Traunstein, A IX 20/20.
(6) Schreiben an das Landgericht Tittmoning vom 8.8.1858, in: Stadtarchiv Traunstein, A 717.
(7) Das Plakat zu diesem Fest befindet sich in der städtischen Sammlung, zugleich das älteste Exponat in diesem Selekt.
(8) Karl Rosenegger: Ein Volksfest in Haslach fand im Jahre 1909 im Rahmen einer Bezirkstierschau statt, in: Chiemgau-Blätter Nr. 35 v. 1.9.1979, S. 1-5.
(9) Traunsteiner Nachrichten Nr. 212 v. 17.9.1901, S. 1, und Traunsteiner Wochenblatt Nr. 112 v. 17.9.1901, S. 1.
(10) Traunsteiner Wochenblatt Nr. 203 v. 4.9.1926, S. 5.
(11) Vertrag zwischen der Stadtgemeinde Traunstein und dem v. 1. bzw. 7.4.1931, in: Stadtarchiv Traunstein A 132/5. Falls nicht gesondert vermerkt, wurde die Traunsteiner Volksfestgeschichte ab 1931 aus diesem Akt erarbeitet.

 

19/2016