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Jahrgang 2016 Nummer 6

Das Tagebuch des Marinesoldaten Rupert Berger

Er begann mit dem Schreiben vermutlich nach einem Urlaub in Traunstein – Teil I

Ernst Lahner mit den beiden Bänden des Tagebuchs von Rupert Berger.
Die SMS Vineta, mit der Rupert Berger bis nach Südamerika fuhr.

Ernst Lahner aus Traunstein hat die Tagebücher des jungen Marinesoldaten Rupert Berger abgeschrieben, digitalisiert und in Buchform herausgegeben. In der Neujahrsausgabe des Traunsteiner Tagblatts haben wir darüber ausführlich berichtet und angekündigt, Textpassagen aus den Tagebüchern in den Chiemgaublättern abzudrucken. Hier nun die erste Folge.

Der junge Rupert Berger, der damals sicherlich nicht ahnte, dass er einmal Bürgermeister der Stadt Traunstein und Abgeordneter des Bayerischen Landtags werden würde, trat am 10. Oktober 1912 in die Kaiserliche Marine ein, wo er der Schiffsjungendivision Flensburg Mürwik zugeteilt wurde. Sein Tagebuch begann er vermutlich nach einem Urlaub in Traunstein. Nach diesem Urlaub musste er am 15. April 1913 zurück nach Wilhelmshaven, wo er der Besatzung der S.M.S. Vineta zugeteilt wurde.

Es folgte die übliche Bordroutine wie Munition verladen, Kohlenübernahme, Reinschiff usw. Durch Bergers gekonnte Art zu schreiben, kann man auch heute noch die Stimmung der Besatzung bei den Vorbereitungen für die große Auslandsreise nach Süd- und Mittelamerika gut nachempfinden. Nach dem Anlaufen der Ostseehäfen Zoppot, Danzig, Saßnitz, Göteborg sowie den Inseln Borkum und Helgoland lief die Vineta nochmals Wilhelmshaven an, damit die abschließenden Vorbereitungen für die große Reise getroffen werden konnten.

Am 11. August 1913 begann die lange Reise. Als das Schiff den Ärmelkanal durchfährt, erwähnt Berger den für die deutsche Handelsschifffahrt so tragischen Verlust des einzigen Fünfmast- Vollschiffs der Welt, der »Preußen« und die Katastrophe der Kaiserlichen Marine, bei der die Panzerfregatte »König Wilhelm« das Panzerschiff »Großer Kurfürst« rammte:

». . . Kurz vor 6 Uhr tauchte am Horizont das Wrack der »'Preußen' auf, welche seinerzeit das größte Segelschiff der Welt war. Bald darauf befanden wir uns auf der Höhe von Folkestone, wo der 'Große Kurfürst' von 'König Wilhelm' in den Grund gebohrt wurde, wobei 270 wackere, deutsche Seeleute ihr nasses Grab in den Wellen fanden . . .«

Erster Auslandshafen auf dieser Reise war Ferrol in Spanien, gefolgt von Santa Cruz auf Teneriffa. Hier beschreibt Berger seine ersten praktischen Erfahrungen mit tropischen Pflanzen auf einer Wanderung:

». . . Die Sonne stand noch immer glühend heiß am Himmel und meine Zunge klebte vor Durst am Gaumen. Das Wasser des Baches war nicht rein und für einen Europäer ist es immer gefährlich davon zu trinken. Meine Feldflasche war aber auch bereits leer und so folgte ich dem Rat eines Unteroffiziers, der schon viele Jahre in den Tropen zugebracht hatte, und aß Kaktusfrüchte, die in Unmengen zu haben waren, denn das ganze Gelände war mit Kaktus bestanden. Anfangs brachte ich diesem Rat etwas Mißtrauen entgegen, aber nachdem schon unsere Kameraden davon gekostet hatten und die Frucht lobten, überwand ich mein Mißtrauen und aß ebenfalls. Sie hat einen guten, erfrischenden Geschmack, ähnlich dem unserer Erdbeeren und bald konnte ich nicht mehr genug davon kriegen . . .«

Als nächste Insel lief die Vineta Las Palmas an, wo wieder Kohle geladen wurde. Der Hafen Porto Grande auf der Kapverden-Insel Sao Vicente war das nächste Ziel, wo wieder Kohlen übernommen wurden. Am 9. September fand die Linientaufe statt (heute Äquatortaufe), die Berger so beschreibt:

»Am 9. September gegen Abend kam 'Triton', ein Gesandter Neptuns an Bord, um dem Kommandanten das Überschreiten der Linie anzukündigen. Es entwickelte sich dabei ungefähr folgende Szene:

Triton: Wie heißt dieses Schiff?

Wachhabender Offizier: S.M.S. Vineta auf der Fahrt nach Pernambuco.

Habe dem Kommandanten eine Mitteilung zu machen.

Bitte kommen Sie an Bord. Alle Maschinen stopp.

Hierauf kam Triton an Bord in einer grünen Admiralsuniform mit vielen Fangschnüren und goldenen Tressen, auf der Brust ein Ordensband, an welchem ein großer Rabe baumelte. Er begab sich zum Kommandanten und nachdem er mit diesem einige Worte, deren Inhalt ich leider nicht verstehen konnte, gewechselt hatte, verließ er, begleitet von dem Gelächter der ganzen Besatzung das Fallreep« und weiter schreibt Berger:

». . . Jeder einzelne Täufling wurde mit Namen aufgerufen und an jedem die Taufe einzeln vollzogen. Von dem Kasten aus wurde man rückwärts in das Bassin gestürzt. Hier tauchten einen die sechs aufgestellten Neger kräftig unter und holten einen das ganze Bassin unter Wasser durch. Kaum war man aus dem Bassin heraus und hatte einmal Luft geschnappt, dann wurde man auch schon in den 30 Meter langen Windsack gesteckt. Dieser hing an seinen Enden höher als in der Mitte und war mit Wasser gefüllt. Vorn und hinten ragten zwei Feuerlöschschläuche hinein und wenn man sich durch diesen Sack durchgezwängt hatte, konnte man Gott sei Dank sagen. Zu guter Letzt wurden einem noch beim Herauskriechen ein mit Öl und Fett getränkter Schwabbler ins Gesicht gerieben. Die Taufe dauerte bis abends und wurde bei Wurst und Bier festlich beschlossen. Am nächsten Tag wurde uns der Taufschein ausgehändigt, von dem ich hier eine Abschrift eingeklebt habe . . .«

Den ersten brasilianischen Festlandshafen, Pernambuco, erreichte die Vineta am 13. September 1913. Wegen des dort grassierenden Gelbfiebers wurden rasch Kohlen übernommen und man fuhr weiter nach Santos. Bergers Sicht auf die Brasilianer ist nicht unbedingt schmeichelhaft:

». . . denn in Brasilien ist es ein offenes Geheimnis, daß wir eines schönen Tages die südlichen Staaten (Provinzen gestrichen), die zum größten Teil von Deutschen bewohnt werden, als Kolonien einstecken werden. Die Erfindung und Verbreitung dieses Märchens verdanken wir den Herren Engländern und Franzosen, die auch sonst ihr gut Teil dazu beigetragen haben die Volksstimmung gegen uns einzunehmen. Ich bin aber auch nicht für die Brasilianer eingenommen, denn einem Volke, das wie hier vor einigen Tagen heute zur hl. Kommunion geht und morgen eine Freimaurer- Versammlung am 33. Grad besucht, muß ich meine Anerkennung versagen. Wie ich gestern der Zeitung entnommen habe, sollen Banknoten entwertet werden. Jede Stadt soll eine Kiste durchlochter (entwerteter) Banknoten nach Rio de Janeiro senden. Auch von Bahia kommt eine Kiste. Als man sie öffnet, ist sie mit Papier gefüllt. Auf eine Anfrage hin, weiß man in Bahia von nichts. So etwas kann auch nur in Brasilien vorkommen . . .

. . . Für Sonntag den 28. September hatte die deutsche Kolonie für uns ein Volksfest veranstaltet. Mit 15 Automobilen wurden wir am Kai abgeholt und nach der Wiese gebracht, wo eine Schießbude, Schaukel und Karussell und noch dergleichen mehr errichtet war. Die Kolonie ließ sich in keiner Weise lumpen, Getränke, Kuchen belegte Brote und Früchte standen jedem ohne Begrenzung zur Verfügung. Die Bordkapelle sorgte für Musik. Am Schluße des Festes wurde noch eine Ansprache gehalten und nachdem das Lied. 'Deutschland, Deutschland über alles …' verklungen war, wurden wir wieder an Bord zurück gebracht.«

Nach kurzer Visite auf der Insel Ilha Grande lief die Vineta am 14. Oktober in Rio de Janeiro ein. Es folgte ein endloses Salutschießen:

»Schon von weitem zeigt uns der Pão de Açúcar (Zuckerhut) an, daß wir uns dem größten Hafen der Welt nähern. Nach einiger Zeit befinden wir uns dicht vor der Einfahrt, welche 1600 Meter breit ist. Links ragt der 387 Meter hohe Zuckerhut aus dem Wasser und die Feuerschlünde seines Forts Fortaleza de São João sind drohend auf uns gerichtet. Rechter Hand erhebt sich der 228 Meter hohe Pico und seine Abhänge hält das Fort Sant Cruz besetzt. Mitten in der Einfahrt sonnt sich ein kleines felsiges Eiland, welches ebenfalls mit Kanonen bestückt ist. Während des Einlaufens feuerten wir den Landessalut und die grauen Rauchschwaden zogen sich die Berghänge hinauf. Die Forts beantworteten den Salut. Wir mußten ferner noch für den Engländer, Argentinier, den brasilianischen Admiral, Portugiesen, Amerikaner, Uruguay und weiß Gott noch für wen Salutschießen und das dauerte von 9 Uhr morgens bis 12 Uhr mittags. Als ich mich hernach im Spiegel besah, kannte ich mich bald selbst nicht mehr, so schwarz war ich.«

Nach Beschreibung der Stadt Rio de Janeiro erwähnt Berger mehrere zerschossene Häuserreihen:

». . . Nachmittags machten wir einen Ausflug um die Stadt zu besehen. Gleich am Hafen befanden sich mehrere zerschossene Häuserreihen, welche noch von der Flottenmeuterei von 1911 herrühren, auf welche ich noch zurückkommen werde. Daß diese Häuser noch nicht wieder aufgebaut sind, legt gerade kein besonders gutes Zeugnis für die brasilianische Regierung ab . . .

. . . Die brasilianische Marine hatte bis zu diesem Jahr 60 Tage Seefahrtszeit pro Jahr. Das war ihr zu viel. Sie stellte daher an den Senat die Forderung: 20 Tage Seefahrtszeit und Lohnerhöhung. Der Senat lehnte diese Forderung ab und ließ sich auch durch die Drohung, daß im Falle der Nichteinwilligung die Stadt Rio beschossen werden würde, nicht einschüchtern. Die brasilianischen Matrosen waren aber auch nicht faul, ließen Plakate drucken: 'Heute Nachmittag wird geschossen', und beklebten damit die Plakatsäulen der Stadt. Und wirklich Punkt 1 Uhr mittags fiel der erste Schuß. Salve auf Salve krachte in die Stadt, die ganzen Häuserreihen am Hafen sanken in Schutt und Trümmer. Aber auch in das Zentrum der Stadt flogen die Geschosse. Nachdem 5000 Schuß in der Stadt ihre Verheerung angerichtet hatten, ging am Senatsgebäude eine weiße Flagge hoch, der Senat sah sich zum Aufgeben gezwungen und mußte alle Forderungen der Rebellen bewilligen . . .«

Die Beschießung der Stadt Rio de Janeiro durch meuternde Matrosen der brasilianischen Marine wurde von der Geschichts-Professorin Dr. Maria Luzia Tucci Carneiro von der Universität Sao Paolo offiziell bestätigt (Revolta da Chibata).

Am 24. November verließ die Vineta nach mehr als einem Monat Aufenthalt das gastliche Rio de Janeiro, um am 6. Dezember nach mehrstündiger Fahrt auf den schmutzig-gelben Fluten des Amazonas Para anzulaufen. Wegen des auch hier grassierenden Gelbfiebers war Landgang unmöglich. Nachdem einen ganzen Tag lang die Kohlen ergänzt worden waren, nahm das Schiff Kurs auf Trinidad.

». . . Der 21. Dezember diente zu einem Ausflug nach dem Blue Bassin (Blauen Bassin) einem Wasserfall, der in einem kleinen Teich endigt. Nachdem uns die Elektrische aus dem Bereich der sehr fernen Stadt, die fast nur aus Holzbauten besteht, entführt hatte, langten wir nach einer zweistündigen Wanderung, bei der wir die Fülle der tropischen Vegetation und besonders die für Trinidad charakteristischen Kakao-Plantagen und Apfelsinenpflanzungen bewundern konnten, am Blauen Bassin an. Nach einem erfrischenden Bad wurde Mittagsruhe gemacht und bald darauf befanden wir uns in einem lebhaften Tauschverkehr mit den Eingeborenen, wobei 25 Bananen oder Mandarinen für eine Schachtel Streichhölzer als Taxe galt. Ein beliebter und viel begehrter Artikel waren die Vögel, die sich in den Waldungen Trinidads in ganzen Schwärmen umhertrieben und unter welchen die Papageien und Kakadus besonders häufig anzutreffen sind. An Bord haben wir jetzt schon eine halbe Menagerie, Affen, ein Faultier, Papageien, Kakadus und noch einige andere Vögel . . .«


Klaus Oberkandler


Teil 2 in den Chiemgau-Blättern Nr. 7 vom 13. 2. 2016

 

6/2016