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Jahrgang 2016 Nummer 7

Das Tagebuch des Marinesoldaten Rupert Berger

Er begann mit dem Schreiben vermutlich nach einem Urlaub in Traunstein – Teil II

Rupert Berger, der von 1948 bis 1952 Oberbürgermeister der Stadt Traunstein war.
Die SMS »Nassau«, auf der der junge Rupert Berger die legendäre Seeschlacht am Skaggerak miterlebte.
Der junge Marinesoldat Rupert Berger in seiner Matrosenuniform.

Am 2. Januar 1914 ankert die Vineta vor der damals dänischen Insel Sankt Thomas. Nach einem Rundgang über die Insel ist abends großes Hallo an Bord:

». . . ein Hai war gefangen. Schnell lief ich an Deck, der Hai hing noch außenbords. Kaum hatten wir dieses Ungetüm an Deck gezogen, als es anfing hin und her zu schlingern und mit seinem Schwanz um sich zu schlagen. Alles flüchtete in die Ecken, denn so ein Viech kann einem gefährlich werden. Der Erste Offizier kam mit seinem Gewehr und jagte dem Biest 6 Kugeln in den Wanst. Wir hatten unterdessen auch wieder Mut gekriegt und gingen dem Hai mit Kanonenwischern und Spillspaken zu Leibe. Aber er hatte ein verdammt zähes Leben und er tobte noch gut eine Stunde lang. Als er sich ausgetobt hatte und seine Kraft zu Ende war, machte ihm der Kochsmaat mit einem Beil vollends den Garaus. Wir stürzten uns dann über den Hai her und betrachteten ihn von allen Seiten. Er war ein sehr respektables Tier von 2,70 m Länge. Das Gebiß bekam der Erste Offizier und die Schwanzflosse wurde vorne am Bug angebracht. Außerdem fingen wir hier noch einen jungen Hai, den wir in eine Deckwaschbalje steckten, wo dann zum Gaudium aller täglich »die Fütterung sämtlicher Raubtiere« stattfand . . .«

Die schöne Liegezeit auf St. Thomas fand ihr rasches Ende mit der Nachricht, daß auf Haiti eine Revolution ausgebrochen sei und die Vineta dorthin beordert wurde.

». . . Am 26. Januar mittags 12 Uhr ankerten wir im Hafen von Port au Prince, der Hauptstadt der Negerrepublik Haiti, wo bereits der nordamerikanische Panzerkreuzer »Montana« lag. Am nächsten Tag war Kaisergeburtstag, auf welchen wir uns schon lange gefreut hatten, aber leider wurde unsere Freude, der Unruhen wegen, zu Wasser. Auf Bitten des deutschen Konsuls wurde sofort das Landungskorps mit Maschinengewehren an Land gesetzt und besetzte das deutsche, italienische und griechische Konsulat. Die Geschütze der Forts donnerten in einem fort und in den schmutzigen Straßen der Stadt rasselte unaufhörlich Gewehrfeuer. An Bord wurden die achteren Geschütze, welche nach der Stadt zeigten, losgemacht, Munition gemannt und scharf gemacht. Aber zu einem Eingreifen kam es nicht, obwohl wir den ganzen Tag darauf warteten. Die Neger hüteten sich wahrscheinlich, einem Europäer etwas zu leide zu tun. Der Präsident, Michel Orest, fühlte sich in seinem Palais nicht mehr sicher und rief uns um Schutz an, den Amerikanern traute er scheinbar nicht. Wir schickten nochmals eine Truppe an Land, welche den Präsidenten unter ihrem Schutz an den Hafen brachte, wo bereits das mit einem Maschinengewehr bewaffnete Motorboot und die mit der 6 cm Landungskanone ausgerüstete Barkaß wartete. In dem Augenblick, wo der Präsident das Boot bestieg, wollte ein Neger seinen Revolver auf ihn abschießen. Aber ein deutscher Kolbenschlag und der Revolver flog in hohem Bogen durch die Luft. Der Hafenkommandant, ein Parteigänger des Präsidenten, ließ diesen Kerl auf der Stelle erschießen. Der Präsident und mit ihm seine Frau und Tochter kamen dann ohne weiteren Zwischenfall zu uns an Bord. Als der Präsident an den haitianischen Kanonenbooten, welche noch zu ihm hielten vorbeifuhr, feuerten diese Salut . . .«

Auf der Fahrt nach Gonaives erfuhr die Besatzung der S.M.S. Vineta, dass sich in der Revolution auf Haiti der erst mit General Theodoro verbündete General Somoza, der dann aber selbst nach dem Präsidentenamt strebte, sich gegen Theodoro stellte und dessen Truppen in einem Gefecht bei Gonaives besiegte. Der deutsche Konsul bat die Vineta-Besatzung um Hilfe, damit die Deutschen unter der von General Somoza erlaubten Plünderung der Stadt Gonaives nicht zu leiden hatten. Die Europäer wurden aber verschont.

Zurück in Sanct Thomas wurde der Kohlenbestand für die Atlantiküberquerung ergänzt. Die Eingeborenen stauten aber die Kohlen so schlecht, dass die Vineta so stark nach Backbord überhing. Deshalb musste sich die ganze Mannschaft für das Ankerauf-Manöver auf die Steuerbordseite stellen.

Der Kohlenverbrauch der damaligen Schiffe war gewaltig. Die Vineta ragte beim Passieren des Kaiser-Wilhelm-Kanals so hoch aus dem Wasser, dass bei der Durchfahrt unter der Grüntaler Hochbrücke die Funkantenne abgerissen wurde und an Deck fiel.

Nach einem Urlaub in Traunstein wurde Berger im Frühjahr 1914 auf das Ausbildungsschiff »König Wilhelm« versetzt, wo die Besatzung von der Ermordung des österreichischen Thronfolgers erfuhr. Von der allgemeinen stürmischen Kriegsbegeisterung angesteckt, begrüßte Berger den Beginn des Ersten Weltkriegs.

Auf der S.M.S. Kaiser Friedrich III nahm Berger an einer ersten, erfolglosen Aktion gegen Russland teil. An Heiligabend 1914 lag das Schiff in Kiel. Zu Beginn des Krieges hatte die Besatzung noch Sinn für Weihnachtsschmuck. Die weihnachtliche Stimmung wurde durch das schreckliche Schicksal eines Kameraden verdunkelt, der sich mit aufgesprungenen Lippen am Grünspan einer Mundharmonika eine Blutvergiftung geholt hatte und bis zur Unkenntlichkeit aufgequollen am frühen Morgen des nächsten Tages verstarb.

Am 17. März 1915 wurde Berger auf die S.M.S. Nassau versetzt. Die Nassau war an der Aktion gegen Baltische Inseln beteiligt, bei der mehrere deutsche Boote durch raffiniert gelegte russische Minen verloren gingen. Auf dem Weg zur Beschießung der Forts von Dünamünde geriet die Nassau in dichten Nebel und wurde, da sie ihre Position durch ihre Suchscheinwerfer verraten hatte, von einem unsichtbaren Gegner beschossen.

». . . Unsere Scheinwerfer durchdrangen mit ihren mächtigen Lichtkegeln das Dunkel, aber der Feind blieb unsichtbar. Der Nebel war zu dicht und sie konnten daher nur 16 hm weit leuchten. Der helle Lichtkegel aber bildete ein vortreffliches Ziel für den Feind. Näher und näher schoß er sich heran. Ungefähr 5 m vor dem Schiff war der letzte Aufschlag gewesen. Mir wurde doch etwas anders zu Mute. Ich stand direkt unter den Scheinwerfern und wenn dort oben eine Granate einschlug, war ich weg. Hinter den Kommandostand konnte ich auch nicht gehen, denn solange war mein Telefonkabel nicht. Mein einziger Gedanke war, bei der nächsten Salve bist du weg. Drüben erscholl wieder das Krachen der Geschütze. Langsam verstreichen mir die Sekunden, unwillkürlich schloß ich die Augen. Aber es erfolgte keine Explosion. Der Feind hatte seinen Schieber verändert, so daß zwar alle Schüsse in der Mittschiffslinie lagen, aber auch alle vor dem Bug. Die nächsten Aufschläge mußten uns aber um so gefährlicher werden. Gegen einen unsichtbaren Feind zu kämpfen und sich womöglich kaputt schießen zu lassen, ohne einen einzigen Schuß los zu werden, war doch etwas zu viel verlangt von uns. Es kam daher das Kommando. 'Scheinwerfer blenden', Die Lichtkegel, die in der Dunkelheit umhergeirrt waren, waren wieder hinter die Zeissblende gebannt und daher auch für den Feind unsichtbar. Er wußte aber die Richtung in der wir waren und so knallte er ruhig weiter fort, aber die Aufschläge wurden immer schlechter.

Mit der Zeit gabelte er sich jedoch wieder mehr an uns heran. 'Scheinwerfer leuchten', kam wieder das Kommando. Der Feind mußte doch zu finden sein. Eine unbeschreibliche Wut bemächtigte sich meiner, als die Lichtkegel wie ratlos in der Dunkelheit umherirrten und nur das Feuer des unheimlichen Gegners auf uns lenkten. Das Schiff begann schon zu schwanken, so nah lagen die Aufschläge bereits. Kalt begann es mir über den Rücken zu laufen. Wollen denn die Scheinwerfer noch nicht blenden, dachte ich, als die nächste Salve beinahe im Schiff saß. Der Schweiß lief mir herunter. Bleich standen die Scheinwerferbedienungen an ihren Apparaten und gaben den Scheinwerfern umsonst alle möglichen Richtungen. Der Feind hielt sich wohlweislich außerhalb des Lichtkegels. Jetzt mußte es doch bald um uns geschehen sein. Ein Zischen und Brausen erscholl über uns in der Luft. Alles duckte sich unwillkürlich. Kurz an Feuerlee schossen die Granaten ins Wasser ihre Sprengstücke und Wassersäulen bei uns auf Deck werfend. Die Augen des Schiffes verdunkelten sich wieder und mit Zickzackkurs suchten wir nun dem Gegner auf das Fell zu rücken. Wir konnten ihn aber nicht finden, erreichten aber, daß sich sein Feuer verlangsamte, ohne indeß ganz zu schweigen. Plötzlich huschte vor unserem Bug ein dunkler Schatten vorüber. Posen hatte unterdessen ein russisches Kanonenboot 'Kurejetz' entdeckt und es mit 2 Salven zum Sinken gebracht. Er drehte sich direkt auf der Stelle und verschwand in den Fluten. Wir richteten unseren Scheinwerfer auf den dunklen Schatten. Es war das russische Kanonenboot 'Ssiwutsch'. Gladisch, schießen, schrillte der Ruf des Kommandanten. Gladisch schießen Sie doch, warum wird nicht geschossen?

Ich gab Befehl zum Schießen. Das war zwar sehr leicht gesagt, aber wenn wir geschossen hätten, hätten wir zu leicht die Posen treffen können, denn die Entfernung war zu gering. Der Russe wußte auch nicht, was er machen sollte, sollte er zwischen den beiden Schiffen bleiben, bis sich eine günstige Gelegenheit zum Entwischen fand, oder sollte er alles auf eine Karte setzen und durchpinschen. Jedenfalls, wenn er schlau gewesen wäre, hätte er seine Torpedos auf uns abgegeben. Wir drehten etwas nach Backbord, damit wir ihn kriegen konnten. Die Bedienungen der ersten beiden 8,8 cm standen auf dem Netzkasten und nahmen das Feuer auf. Der Russe fuhr sofort vor unseren Bug, daß wir ihn anders nicht kriegen konnten. Wir hatten nun soweit gedreht, daß auch das erste 15 cm mitfeuern konnte. Der erste Schuß aus diesem Geschütz saß genau dort, wo die Brücke mit der Back abschneidet. Das Boot richtete sich senkrecht auf, die Schrauben kamen aus dem Wasser und mit dem Bug voraus schoß es in die Tiefe. Unsere Torpedoboote waren sofort zur Stelle um die Überlebenden zu retten. Während der ganzen Zeit wurden wir wieder von dem unsichtbaren Feind beschossen. Wir mußten daher so schnell als möglich wieder blenden. Die Scheinwerfer gingen wieder in Grundstellung.

Was war das gewesen? Der eine Backbordscheinwerfer hatte beim Herumschwenken zu weit nach links herum gehauen und in sein Licht war der Bug eines Schiffes getaucht. Im nächsten Moment war alles wieder dunkel, aber nur für den Bruchteil einer Sekunde. Hell leuchteten alle Scheinwerfer auf den neuen Feind, der bis jetzt unsichtbar gewesen war. 'Slawa' erscholl es wie aus einem Munde. '16 hm, Salve feuern', die erste 15 cm Salve flog raus. Ein lautes Hurra mischte sich in das Krachen der berstenden Geschosse. Die Salve lag gut. Der Kommandostand des Feindes hatte einen Volltreffer bekommen und stand nicht mehr. 16 hm Salve erscholl das Kommando wieder; die leichte Artillerie schießt mit. 16 hm gab ich durch mein Telephon und stellte es zugleich auf meinem Apparat ein. Unsere gesamte Artillerie schoß bei der zweiten Salve mit. Das Mündungsfeuer von Turm Fritz schlug bis auf die Brücke rauf und eine glühend heiße Hitzewelle zog über uns hinweg. Ein 28 cm flog auf Slawa gegen die Barbette des achteren 30,5 cm Turms. Der Turm wurde etwas angehoben und rutschte dann über Bord als wenn er auf Rollen gestanden hätte. Das Vorderteil des Schiffes hob sich und der Bug ragte nun weit aus dem Wasser. Daß ein 30,5 cm Turm so glatt über Bord fliegen könne, hätte ich nie geglaubt. Ich hatte zwar schon gelesen, daß in der Seeschlacht von Tsushima 15 cm Türme durch einen Treffer von der einen Seite des Schiffes auf die andere versetzt wurden, aber daß das auch mit einem 30,5 cm Turm geschehen könne, hatte ich bis jetzt für eine Unmöglichkeit gehalten. Aber es blieb mir nicht lange Zeit zum Überlegen. Entfernung 14 hm. Wo ist mein Apparat? Er war weg. Doch da lag er ja, an der Reling. Schnell sprang ich hin und hob ihn auf. Er war bei der Erschütterung des Schiffes, als alle Kaliber schossen, aus seinen Lagern gerissen und an die Reling geschleudert worden. Ich probierte, ob er noch funktionierte; scheinbar ja, aber von den Geschützen kam die Meldung, daß der Apparat die Entfernung nicht mehr anzeige . . . «

Berger ist empört darüber, daß der englische Fischdampfer »King Stephen« die Schiffbrüchigen von Luftschiff »L 19« elend ertrinken ließ, wovon man in Deutschland durch eine Flaschenpost erfuhr:

». . . Am 2. Februar 1916 ging unser Luftschiff 'L 19' durch einen Sturm auf der Nordsee zu Grunde. Der englische Fischdampfer 'King Stephen' fuhr vorbei und wurde um Hilfe angerufen. Er leistete diese aber nicht, weil, wie der Kommandant sagte, seine Besatzung zu klein sei. Er ließ die Besatzung des deutschen Luftschiffes ertrinken. Ja er bekam sogar noch Belohnungen und ein englischer Bischof lobte sogar noch seine Haltung. Über so eine gemeine Handlungsweise ist weiter kein Wort zu verlieren . . .«

Das größte Ereignis der Kaiserlichen Marine im Ersten Weltkrieg, die Skagerrakschlacht, kam für beide Kriegsgegner völlig unerwartet. Berger berichtet über Gerüchte, nach denen sich englische Einheiten in der nördlichen Nordsee befanden. Die deutsche Flotte sollte diese angreifen. Ohne zu ahnen, dass es an diesem Tag und der darauffolgenden Nacht zur Seeschlacht vor dem Skagerrak kommen würde, liefen die Schiffe aus und gingen auf Nordkurs. Wer die packende Schilderung dieser Seeschlacht lesen will, dem seien die Tagebücher zur Lektüre empfohlen. Wer Näheres über das Buch erfahren möchte, kann sich an Ernst Lahner (ernst.lahner@gmx.de oder Telefon 0861/1669213) wenden.


Klaus Oberkandler


Teil 1 in den Chiemgau-Blättern Nr. 6 vom 6. 2. 2016

 

7/2016