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Jahrgang 2008 Nummer 32

Das Leid der kleinen Leute…

… auf Altöttinger »Taferln« des 19. Jahrhunderts

Siebenfaches Leid: Maria hilf!

Siebenfaches Leid: Maria hilf!
Wildgewordener Kläffer: Kein tödlicher Biss

Wildgewordener Kläffer: Kein tödlicher Biss
Kleines Kind, große Mutter: Vorhang auf  fürs Drama!

Kleines Kind, große Mutter: Vorhang auf fürs Drama!
Mit 2000 Votivtafeln ist die Altöttinger Heilige Kapelle an den Außenwänden ausstaffiert. Dazwischen steht in deutlicher Frakturschrift, gerahmt wie ein Bild: »Das Beschreiben der Votivtafeln ist streng untersagt!« Gemeint ist vermutlich »das Beschriften«. Beschreiben darf man die »Taferl« ja wohl noch, wie der Volksmund sagt. Vom Boden bis an die Decke hinauf, die unteren besser, die oberen schlechter bis gar nimmer lesbar, machen die Votivtafeln den Kapellen-Umgang zu einer volkstümlichen Bildergalerie. Jeder kann Einsicht nehmen. Keinem ist der Zutritt verwehrt. Eine einzigartige Dokumentation, ein in vielen Farben leuchtender Spiegel des Leids der kleinen Leute vor 100, 150, 200 Jahren. Über den eng aneinander gedrängten, keinen einzigen Zentimeter Zwischenraum lassenden, gemalten und geschriebenen Votivbildern zieht sich die Reihe der mehr als 50 weltberühmten, seit kurzem mit großem Aufwand restaurierten und in einem schönen Buch des Altötting-Kenners Peter Becker erfassten »Mirakeltafeln« hin. Diese großformatigen Gemälde sind rund ein halbes Jahrtausend alt und stammen wohl von einem Maler aus dem Umkreis der »Donauschule«.

Belege für das Gottvertrauen

Nicht um die künstlerisch hoch stehenden Mirakelbilder, sondern um die »Taferl« soll es hier gehen, die vor allem als Belege gottesfürchtiger, auf Gott vertrauender Menschen aus der Zeit zwischen 1820 und 1890 gelten können. Die in Altötting festgehaltenen, vor Realismus oft nur so strotzenden Bild-Ereignisse, teils auf Blech, meistens auf Holz gemalt, in der Regel von ungelenker, wohlmeinender Hand, reichen freilich bis herauf in die 1990er Jahre. Und immer wieder kommt eine neue Tafel hinzu. Oder ein ihr ebenbürtiges Gebilde, ein Stück Leinen, ein Kinderhemdchen, ein paar getrocknete Blumen.

Lustig mutet den Betrachter an, wie manche Danksagende das Verbot des »Beschreibens« der Votivtafeln (an das sich keineswegs alle halten, wie zu sehen ist) dadurch umgehen, dass sie handgeschriebene Zettel zwischen die Holzrahmen der »Taferl« stecken. Auf einem steht: »Danke herzlich. Keine Frau. Keine Kinder. Keine Probleme…« Der Text geht weiter. Aber das (wahrscheinlich vom gestrengen Kapell-Verweser bald entfernte) Stück Papier herauszunehmen und zu entfalten, um weiter zu lesen, verbietet sich.

Maria soll helfen

Bis heute ist nicht genau bekannt, wer die eigens bestellten Votivbilder fertigte. Es gab geschickte Maler, die auch Papierbildchen frei oder nach alten Vorlagen für ein kleines Zubrot erstellten. Die guten Adressen sprachen sich herum. Und wurden aufgesucht, damit ein Täfelchen für die Heilige Kapelle zu »Alten-Oettingen« in Auftrag gegeben werden konnte. Zum Dank für erwiesene Wohltat und empfangene Gnade aus der gütigen Hand der »allerseligsten Jungfrau Maria«, der »allerliebenswertesten Muetter Gotts«, der »Himmelmutter« Maria, der um ihre Gunst angeflehten Mittlerin, der Fürsprecherin.

Maria ist in Altötting, dem Wallfahrtsort »im Herzen Europas«, der so innig mit der Biographie von Papst Benedikt XVI. verbunden ist, bekanntlich präsent als »schwarze Madonna«. Die grob geschnitzte Lindenholzfigur mit dem gütigen, mütterlichen Gesicht, das Jesuskind am Arm, eine Krone auf dem Haupt und ein Szepter in der Hand, steht aufrecht – je nach Anlass und Kirchenjahreszeit andersfarbig, stets kostbar gewandet – in einer oben gewölbten Nische des vergoldeten Gnadenaltars im ältesten bestehenden Kirchenbau des rechtsrheinischen Deutschland, der um 700 entstanden ist. Achteckig ist sein Grundriss. Ursprünglich war er zur Taufkapelle bestimmt. Der heilige Rupertus von Salzburg soll hier den ersten christlichen Bayernherzog getauft haben.

Im Zentrum: das Gnadenbild

Die Holzfigur, etwa 70 Zentimeter hoch, wurde 1489 – zwei Heilungswunder sind bekundet – zum Ziel von seither nicht abreißenden Wallfahrten. Im überdachten Umgang, in dem die kaum zu zählenden Votivbilder haften, tragen Pilger, selbst Kinder und Jugendliche als Sühneakt unter Gebeten und Gesängen Holzkreuze auf dem Rücken. Der Umgang kam erst im frühen 16. Jahrhundert, als gerade die Wallfahrt einsetzte, zusammen mit dem spätgotischen Langhaus dazu. Das wundertätige Gnadenbild, von dem eine Reihe von Stichen für Herrgottswinkel, Wohnstube und Gebetbuch zeugt und das auf dem Weg über gedruckte und illustrierte Gebetszettel, Wallfahrtsbildchen und -büchlein, auch Kerzenaufdrucke, Gittergüsse, Medaillen und Rosenkranzanhänger weltweit verbreitet wurde, steht auch im Zentrum fast aller alten Votivtafeln.

Kaum einmal sind der Heiland auf der Wies oder Schutzheilige wie Sebastian und Antonius von Padua, auch Sankt Rupertus auf den Votivbildern der Altöttinger Gnadenkapelle dargestellt. Im Wolkenkranz steht die lichte Gestalt der lächelnden schwarzen Muttergottes. Fast nie in der fürstlichen Bekleidung und kostbaren Bekrönung. Höchstens ein bescheiden angedeutetes Krönlein tragen Gottesmutter und Jesuskind. Die »nackte« Gnadenstatuette hat sich anscheinend bei den Votivbildmalern als zeitlose Metapher festgesetzt, die sie, einer vom andern abkupfernd, als »Numen« ihrer bescheidenen Kunstwerke verwendeten.

Gelobt und versprochen

Der Begriff »Votivbild« kommt von lateinisch »votivus« (gelobt, versprochen). Ein Versprechen, das man – von einer Krankheit geheilt, vor einem Unglück bewahrt oder aus großer Gefahr gerettet – der Altöttinger Muttergottes gab, war meistens Anlass einer »Ex Voto«-Tafel (»aus Gelöbnis«). Sie wurde auch als Bitt- oder Dankes-Gabe eingesetzt. In der Sakristei der Heiligen Kapelle abgegeben, legte man oft noch einen Batzen Geld oder ein Wachs-Opfer dazu, wofür man tief in den Geldbeutel gegriffen hat. Das vom Himmel erfahrene Heil, die Bewahrung vor unerträglichem Leid, vor lebenslangem Siechtum, Wirrnis, der hinfallenden Sucht, schwerer Not oder gar dem jähen Tod war dem frommen Altöttinger Pilger das alles und noch mehr wert: ein beschwerlicher Weg, verbunden mit Kosten aller Art, Verzicht auf eine Urlaubsreise zugunsten der Wallfahrt, Weihegaben, Devotionalienkauf. Das Votivbild kostete gewiss nicht die Welt. Und es war ein sichtbares, bleibendes Zeichen.

Dargestellt sind auf den Gelöbnistafeln: die Gott am nächsten stehende Helferin und Fürbitterin Maria (im oberen Bereich der hochformatigen Rechtecke), der Anlass (das manchmal dramatische Geschehen), gelegentlich auch die Stifter. Nicht immer geht aus dem kurzen Text klar hervor, was eigentlich »los« war. Kurz ist oft nur die Rede von Magenleiden, Unglück, Krankheit, von Rettung aus Gefahr. Dann sind wieder Dramen verzeichnet, die sich zu veritablen »Geschichten« fügen, von denen der Höhepunkt ausführlich dargestellt ist.

Von einem »Biernbaum« erschlagen

»Wegen starkem Nasenbluten ist verlobt worden 1839«: Da ist der Anlass für das gemalte Votivbild genau benannt. Die Altöttinger Gnadenmutter im ovalen Wolkenkranz schwebt über zwei Beterinnen, die ganz in Schwarz gekleidet sind, den Rosenkranz halten und in einem Betstuhl nebeneinander knien, die eine klein und zart (wohl die Jüngere der beiden), die andere groß und kräftig. Namen aber und Herkunft der Stifterinnen fehlen. Die Angabe, »… dass eine große Fuhr Graß auf ihn fiel und ihm den linken Fuß zerschlug, so dass er 11 Wochen unter qualvollem Leiden im Beth lag…« – genügt, um Mitleid mit dem anonym gebliebenen Pechvogel zu haben. Man kann nicht umhin, über die Sache leicht zu schmunzeln. Zumal über Rechtschreibfehler, wenn zum Beispiel dasteht, dass einen Mann ein »Biernbaum« beinahe erschlagen hätte.

Die Armen, die so etwas traf, hatten gewiss nichts zu Lachen. Ernst zu nehmen sind noch heute die hier geschilderten Leiden, die den kleinen Mann, das Mägdelein, den existenziell bedrohten Dorfwirt oder die Kleinbäuerin, den Fuhrknecht oder den Dachdeckergesellen trafen. Was blieb ihnen übrig, als sich nach Altötting zu wenden, von wo Wundersames berichtet wurde? Befreit zu werden – von den Folgen eines Gerüststurzes, eines Stallbrandes oder einer Viehseuche – darum war den Bittenden zu tun. Feuersbrunst und Hochwasser, schwere Gewitter und Stürme, felsige Steilhänge und herab fallende Äste, ausschlagende Rösser oder wild gewordene Stiere – Natur und Tierwelt stellten allerhand Bedrohungen für den einfachen Häusler, den Landwirt oder »Sachler« dar. Ihnen blieb nur noch der Hilferuf nach dem unsagbar Numinosen, dem Göttlichen. Gott, so glaubte man fest, hat alles in der Hand. Er macht Kranke gesund und Lahme gehend, Blinde sehend und Verletzten schließt er die klaffende Wunde. Den Traurigen trocknet er die Tränen. Er – oder die Mittlerin: Maria, die Mutter Jesu. Ihr Schutzmantel ist weit. Ihre Gunst, die ihr der Sohn gewährt, unendlich groß.

Auf wunderbare Weise

Auf die »Fürbitte der heiligen Mutter Gottes blieb das Haus vor weiteren Schaden auf wunderbare Weise verschont«, heißt es auf einem »Ex Voto«-Taferl. Wunder – daran zu glauben, blieb für viele Menschen damals die einzige Hoffnung.

»Ein gewisser Knabe verlobte sich wegen der Frais zu der Gottesmutter und hat Hilfe erhalten. 1877«. Hilfe – die erflehte und erkaufte man sich oft teuer, durch eine lange, beschwerliche Wallfahrt, Opfergaben und das Aufhängen einer Votivtafel.

»Ein 5-jähriger Knabe hat eine Kugel verschluckt«, erfahren wir lapidar. »Eine Mannsperson ist 2-mal gestürzt und wodurch er jedes Mal sehr schwer verletzt wurde« – hoffen wir, dass ihm die Wunden nicht fürs Leben blieben!

»Ein Bauersohn verunglückte unter dem Wagen« – keine seltene Quelle lebenslanger Beschwernisse bei Landarbeitern.

»Zur Danksagung der seligsten Mutter Gottes für ihre Fürbitte v. d. groß. drohenten Unglücke, in der Nähe von Trostberg. 1876« – nur allzu gern erführen wird, was da eigentlich passiert ist. Egal, ob wir alles verstehen, was hier, orthographisch mangelhaft und abgekürzt aufgeschrieben ist.

Anonymität für die Nachwelt

Die Namen der Votanten bleiben oft ungenannt. Die meisten Votivtafeln sollen in ihrer Anonymität auf die Nachwelt wirken. Anschaulich und glaubwürdig wird es, wenn die Namen der Unglücklichen verraten werden: »Anno 1875 verlobte sich Maria Kranberger wegen einen Anliegen ihrer fünf Kinder und wurde gleich erlöst.« Schön für die Kranbergerin, mehr noch für die Kinder. »Martin Rotheneicher von Unterdietfurt verlobte sich zur Gnaden Mutter, wegen fünfjähriger Krankheit und wurde durch Anrufung der GnMutter wieder gesund. G. u. M. s. Dank« – soll heißen: Gott und Maria sei Dank, auch dafür, dass sich Martin R. nicht etwa verschulden musste wegen zu hoher Arztkosten und es bei einer »Anrufung der GnMutter« bleiben konnte.

»Franz Reichl, Schuhmacher von Stefanskirchen, verunglückte am 25. Mai 1874 durch einen Schuß am linken Auge und hat auf die Fürbitte der gnadenreichen seligsten Jungfrau Maria Hilfe erhalten. Ex voto.« – Details werden hier mitgeteilt, wie es selten der Fall ist: Name, Beruf, Ort, Unglückstag, betroffener Körperteil – nur die Frage bleibt, wer den Schuss und aus welcher Waffe und welchem Anlass abgegeben hatte. Ähnlich ausführlich ist dieser Kurztext: »Am 7. April 1875 schlug der Blitz in das Anwesen des Jos. Eder, Hunsbauer von Hoyading ein, zündete und tötete Jungrinder. Durch Anrufung und Fürbitte der hl. Mutter Gottes blieb das Haus…« – den weiteren Text kennen wir schon (s. o.).

Ein Rundgang unterm Dach der Heiligen Kapelle von Altötting sollte mit Gebet und Lobpreis verbunden sein, jedenfalls dann, wenn es sich beim Besucher dieses heiligen Ortes um einen katholischen Christenmenschen handelt. Doch sei es erlaubt, die mitgeteilten »Votivtafel-Geschichten« – es gibt aberhundert davon – zu studieren. Um zum einen zu erfahren, wie schwer es unsere Vorfahren hatten, wie bitter ihr Leben war, und wie sie sich aus ihren Beschwernissen zu befreien suchten. Um zum andern aber auch dankbar zu sein, dass wir heute, in Zeiten hoher Sicherheit und ständig fortschreitender Kenntnis in Medizin und Heilkunst, permanenter Information (über heraufziehende Unwetter, mutmaßliche Überflutungen und Lawinenbildung) und verantworteter Aufklärung lebend, noch immer Grund zur Dankbarkeit haben. Wie viel bleibt uns doch, im Gegensatz zu den Menschen im 19. Jahrhundert, zumal den »kleinen Leuten«, erspart. Dennoch weiß keiner, was ihn morgen Gesundheit oder Leben kosten kann.

Hans Gärtner



32/2008