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Jahrgang 2015 Nummer 21

Das Leben des »Hartschiers« Joseph Enzinger

Ein Traunsteiner Beitrag zur Bayerischen Landesausstellung »Napoleon und Bayern« – Teil II

Blick von der Schützenstraße auf das Haus des Lederers Josef Lackenbauer (Traunerstraße 2), wo Joseph Enzinger ab 1849 bis zu seinem Tod seine bescheidene Bleibe hatte. (Stadtarchiv Traunstein, PK 612)
Eigenhändige Unterschrift des »Leibgarde-Hartschiers« Joseph Enzinger. (Bayerisches Hauptstaatsarchiv – Abteilung IV Kriegsarchiv, UP Nr. 54624)
Der Traunsteiner Friedhof mit dem von den Veteranen errichteten Obelisken, 1843. (Details eines Aquarells, Privatbesitz)

Zieht man zu diesem Zeitpunkt ein Resümee, kommt man kaum umhin, Joseph Enzinger als Profiteur des Napoleonischen Zeitalters mit seinen gewaltigen Umwälzungen zu bezeichnen. Einfach, wenn nicht gar ärmlich abstammend(11), ohne eine Ausbildung genossen zu haben, hatte er die militärischen Auseinandersetzungen überstanden, zwar nicht ganz, aber scheinbar weitgehend unbeschadet. Er nutzte die sich im Anschluss bietenden Chancen, eine Karriere in der bayerischen Armee einzuschlagen und trieb diese nach seinen Möglichkeiten stetig voran. Jetzt war er Gardesoldat, bestens beurteilt und mit der Aussicht, irgendwann einmal in Ehren entlassen zu werden. Seinen Ruhestand würde er in Anbetracht der Tatsache, dass seine Braut, immerhin »Hofgutsbesitzerstochter« und somit eine »gute Partie«, eine durchaus ansehnliche Mitgift erwarten konnte, in einem eigenen Heim verbringen können, im Kreise seiner Familie, sollte sich Kindersegen einstellen, zumindest aber gemeinsam mit seiner Frau. Zusammen mit dem bis dahin Ersparten bzw. anderweitig Erwirtschafteten sollte die Pension das Auskommen und einen sorgenfreien Lebensabend sichern, nicht üppig, aber den damaligen Ansprüchen dieser sozialen Schicht zur Zufriedenheit genügend.

So hätte es werden können und, wäre es nach Enzinger gegangen, wohl auch sollen. Dass es nicht so kam, lag an einem einzigen, unscheinbaren Wort: präsumtiv. Eva Margaretha Fischer war eben nur die »als wahrscheinlich angenommene« Braut, und dabei sollte es, ungeachtet aller Vorbereitungen und Einverständniserklä rungen, bleiben. Am 26. November 1833 zeigte er seinen Vorgesetzten an, »daß diese eheliche Verbindung aus guten Gründen rückgängig gemacht worden sey«. Warum dies geschah, um welche »guten Gründen« es sich genau handelte und wer von den beiden Verlobten den Ausschlag zur Lösung des Eheversprechens gegeben hatte, darüber schweigen sich die Unterlagen aus. Der verhinderte Bräutigam gab lediglich zu Protokoll, er wäre »zur Zeit nicht gesonnen, die allerhöchste Gnade um anderweitige Verehelichung anzusprechen«. Daher sollten ihm »die als Heuraths-Caution hinterlegten Urkunden und Obligationen [...] wieder zurückgegeben werden. Zu welchem Ende ich das erhaltene Verehelichungs-Erlaubnis-Certificat des königlichen Leibgarde-Commandos [...] zurückstelle«. Natürlich bekam Enzinger seine Sicherheiten wieder. Das Thema Heirat aber hatte sich für ihn auf Dauer erledigt. Und hier darf man mit einigem Recht einen Bruch in seinem Leben vermuten.

Zunächst einmal sind keine weiteren Vorgänge aktenkundig. Erst 1842 beginnen die Quellen wieder zu reden: »Hartschier Joseph Enzinger ist ledig. Er besitzt kein Vermögen und genießt weder Medaillen-Zulage noch anderweitige Unterstützung, sondern lebt lediglich von seiner in monatlich 24 Gulden bestehenden Gage. Enzinger hat indeß keine gerichtlich contrahirten [abgeschlossenen] Schulden und ebenso auch keinen Abzug an seinem Gehalte.« Dieser Vermerk leitete sein vorzeitiges Ausscheiden aus dem aktiven Dienst ein. Warum, das wird bei einer Zusammenschau der Fakten rasch offensichtlich. Enzinger war zwar »dem äußern Ansehen nach noch gut aussehend, jedoch eben ziemlich mager, das Fett verzehrt, die Muskulatur und allgemeine Bedeckung sehr schlaff«. Er litt an chronischem Katarrh, rheumatischen Beschwerden in der Schulter, Husten und übelriechendem Auswurf, Stichen und Druck in der Brust sowie Schweratmigkeit. Eng anliegende Kleidung, Treppensteigen und Erkältungen verschlimmerten die Beschwerden. Das Exerzieren mit dem Karabiner und der Hellebarde war dem Patienten nicht mehr zumutbar. »Diese Gebrechen schreibt derselbe der 1829 an der Koburger Gränze(12) von Schwärzern [Schmugglern] erlittenen unmenschlichen Mißhandlung mit Prügeln zu, wobei er nicht nur am Kopfe, sondern auch am ganzen Rücken, vorzüglich am rechten Schultergelenk und Schulterblatt, in dem Grade beschädigt worden sey, daß er von der Stelle getragen und des andern Tages in das Militär-Krankenhaus nach Bamberg gebracht werden mußte, in welchem er sechs Wochen in ärztlicher Behandlung und, aus dieser entlassen, drey Monate dienstesunfähig gewesen wäre. Überdieß habe zu seinen Gebrechen die vielen Beschädigungen durch Kälte und der mit starken Anstrengungen verbundene Dienst bei der Gendarmerie nicht minder beigetragen.«

Obwohl sich schon seit längerer Zeit Symptome gezeigt hatten und auch immer stärker wurden, hatte Enzinger kaum ärztliche Hilfe in Anspruch genommen. Im November 1841 war er schließlich von einer »sehr gefährlichen Lungenkrankheit befallen« worden, die ihn bis in den Februar hinein ans Bett gefesselt hatte. Die Diagnose ergab, dass »die Erscheinungen eines heftigen Brustleidens sich einstellten, welches das Gepräge einer vernachläßigten, schleichenden, in Eiterung übergegangenen Lungenrippenfellentzündung an sich trug«. Er war dadurch auch in einen finanziellen Engpass geraten, da er »zur besseren Wart und Pflege eine eigene Person halten« musste. Aus diesem Grund hatte er eine Zuwendung von 30 Gulden »aus dem Officiers-Unterstützungs- Fonde [...] ohne Rücksatz« erhalten. Medizinisch gesehen hatte man zwar die Auswirkungen dieser schweren Erkrankungen eindämmen und lindern, ihre tiefere Ursache jedoch nicht beseitigen können. Am 13. April 1842 erklärten der Regimentsarzt Dr. Erhard Rubenbauer und der Unterarzt Dr. Rudolph von Wisinger »den Herrn Hartschier Enzinger auf den Grund dieses unheilbaren Gebrechens als Realinvaliden, das ist zum Dienste in der kgl. Leibgarde der Hartschiere als untauglich«.

Mit Wirkung vom 1. Oktober 1842 wurde er »mit der Normalpension in die Ruhe« versetzt. »Seine Majestät« vergaß dabei nicht, »Enzingers Arzt aufmerksam zu machen, ob nicht das bereits Lungensüchtige geheilt habende Weilbacher Wasser räthlich wäre, und wenn, berichtet werde, ob und welche Unterstützung der Leidende dafür bedürfe«. Das der Faulborn- Quelle entspringende, schwefelhaltige Wasser des Bades im Herzogtum Nassau (Weilbach ist heute ein Stadtteil von Flörsheim am Main im Main-Taunus-Kreis, Hessen) genoss, zumindest in den Augen Ludwig I., einen guten Ruf zur Behandlung von Bronchialerkrankungen. Dr. Rubenbauer jedoch folgte seinem König hier nicht. Lapidar stellte er fest: »So ist demselben der Aufenthalt auf dem Lande, wohin er sich auch begibt, und der Genuß der Milch zuträglicher, als der Gebrauch des Weilbacher Mineralwassers.« Eine finanzielle Unterstützung zur Deckung des »Wasserbedarfs« wäre nicht von Nöten.

Wieder folgen einige Jahre, deren Geschichtsblätter leer bleiben. Greifbar wird Enzinger erst wieder ab 1849, als es ihn zurück nach Traunstein zog, wo 1817 seine Karriere als Gendarm begonnen hatte.(13) Wohnung nahm er in der unteren Stadt bei Josef Lackenbauer (Haus Nr. 187; jetzt: Traunerstraße 2). Der, laut damaligem Sprachgebrauch, »Seelenstand« der Großfamilie des 1809 geborenen Lederermeisters belief sich zwischen 1855 und 1861 auf zehn bis 16 Personen, und ab 1858 »bereicherte« der Bau der Eisenbahn von München nach Salzburg den Hausstand kurzzeitig mit sechs weiteren Untermietern.(14) Unschwer kann man sich die beengten, insgesamt wenig komfortablen Verhältnisse vorstellen. Ohnehin scheint Enzinger materiell nicht auf Rosen gebettet gewesen zu sein. In diesem Zusammenhang muss man sich natürlich die Frage nach dem Verbleib des knapp 20 Jahre zuvor vorhandenen Heiratskapitals stellen; beantworten kann man sie, zumindest mit den derzeit bekannten Unterlagen, nicht. Jedenfalls bemühte Enzinger sich mit Nachdruck um die Pensionszulage, die Hartschiere entweder mit dem Erreichen des 70. Lebensjahres oder nach 50-jähriger Dienstzeit bekamen,(15) da »alle zur Lebsucht nothigen Artikl in solchem hohen Preiß stehen, daß ich dieselben aus meiner gegenwärtigen Pension, selbst bei der grossen Einschrenkung, kaum zu bestreiten vermag. [...] Infolge meiner krankhaften körperlichen Zustende [...] bin ich nicht im Stande, mir Nebenverdienste zu erwerben; anderwertiges Vermögen besitze ich nicht.« Ab 1. Februar 1852 wurde ihm ein monatlicher Aufschlag von vier Gulden ausbezahlt.

Sein soziales Umfeld fand Enzinger beim »Verein der beabschiedeten Soldaten der königlich-bayerischen Stadt Traunstein, der Gemeinde Au nebst Umgegend«. Ihm war der »pensionierte Hartschier« am 1. Oktober 1849 beigetreten, hatte brav die Aufnahmegebühr von 12 Kreuzern und fortan auch den jährlichen Beitrag von 36 (24 ab 1857/58) Kreuzern entrichtet.(16) Mochte er auch »alt und gebrechlich« sein, wie es ihm der Landgerichtsarzt, sein Namensvetter Dr. Josef Hell, am 25. Juli 1853 attestierte, unter den »Beabschiedeten« genoss der ausgezeichnete, heldenhafte Frontsoldat und ehemalige Leibgardist mit Sicherheit höchsten Respekt. Daher ist es sicher kein Zufall, dass der am 12. August 1862 um sechs Uhr morgens an Altersschwäche Verstorbene auf dem Gottesacker seine letzte Ruhestätte direkt neben dem Obelisken fand. Ihn hatten 1837 »seine« Veteranen aus eigenem Antrieb und auf eigene Kosten dort errichtet und dieses Denkmal, so die goldene Inschrift, DEN AUF DEM FELDE // DER EHRE GEBLIEBENEN, // DEN HIER RUHENDEN // WAFFENBRÜDERN und damit auch ihm gewidmet.(17)

War Joseph Enzinger nun ein Profiteur dieser dramatischen Jahre, oder war er doch nur eines ihrer Opfer? War er am Ende seines Lebens zufrieden mit dem, was er erreicht hatte, oder starb er arm, alt, krank und verbittert über sein Schicksal? Diese Fragen vermag Heimatgeschichte nicht zu beantworten. Sie kann lediglich ein Bild vermitteln, das sich jeder Leser vor Augen führen und seine Sicht der Dinge daraus ableiten mag. Auf jeden Fall lohnt es sich, die Ingolstädter Ausstellung zu besuchen, die jedem Besucher eine Vielzahl beeindruckender Aspekte vor Augen führt, die es wert sind, sich näher mit ihnen zu beschäftigen. Man braucht hier nicht die wohlfeilen Zitate politischer Sonntagsreden (»Wer nicht weiß, wo er herkommt ...« usw.) bemühen. Es ist einfach nur interessant und spannend, sich mit dem Napoleonischen Zeitalter auseinanderzusetzen und Dinge zu betrachten und zu bewundern, die man so sonst nicht zu sehen bekommt. Und – man wird Traunstein und den Chiemgau öfters entdecken, als man glaubt.


Franz Haselbeck


Anmerkungen:

11 Bislang ging der Verfasser davon aus, dass Joseph Enzinger der Sohn eines Chiemseefischers war; das übermittelte ihm zumindest ein regionaler Heimatforscher. In den vorzitierten »Manns-Grundlisten« jedoch werden Enzingers Eltern als »Taglöhner« tituliert. Der Taufeintrag Enzingers im Matrikelbuch von Frauenchiemsee nennt leider den Beruf des Vaters Joseph Enzinger, »vulgo Lipp«, nicht. (AEM Matrikeln 1881, S. 192; freundl. Auskunft von Frau Dr. Benita Berning, Archiv des Erzbistums München und Freising, v. 16.4.2015). Sicher falsch ist jedoch das in den Grundlisten (ohne Tag und Monat) mit 1790 angegebene Geburtsjahr; der Matrikeleintrag bestätigt zweifelsfrei den auf dem Grabstein vermerkten 10. Juli 1787. Enziger selbst weist in einem Schreiben vom 11. August 1853 auf diesen Fehler in den Personalunterlagen hin: »[...] indem ich nach dem Eintrag in den Militärsakten um 1 ½ oder zwey jahre, was ich nicht genau anzugeben vermag, jünger erscheine, als dieses der Fall ist. Ich bin nemlich, was ich mir die Ehre gebe, durch anliegenden Taufschein zu beurkunden, im Jahr 1787 am 10ten Juli geboren.«
12 Das Herzogtum Sachsen-Coburg und Gotha bestand von 1826 bis 1920.
13 Da Meldunterlagen fehlen, kann das Jahr nur anhand des Beitritts zu den »Beabschiedeten« belegt werden.
14 Stadtarchiv Traunstein: A 022/2-1, Volkszählung, Bevölkerungslisten 1855-1861.
15 Dabei wurde der Pensionszeitraum angerechnet, die Feldzugsjahre verkürzten die Frist entsprechend.
16 Stadtarchiv Traunstein: B V 1, Grundbuch des Vereins der beabschiedeten Soldaten.
17 Vgl. HASELBECK, FRANZ: Ein Zeigefinger, der zum Frieden mahnt. Der Obelisk der Traunsteiner Veteranen, in: ZAISBERGER, FRIEDERIKE (Hrsg.): Der Russlandfeldzug 1812 und der Salzachkreis. Schicksale im Krieg und daheim (Schriftenreihe des Salzburger Landesarchivs 20, 2013), Salzburg 2013, S. 421 - 450.

 

Teil I in den Chiemgau-Blättern Nr. 20/2015

 

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