Jahrgang 2001 Nummer 13

Das Leben der Malerin Gabriele Münter

Die Künstlerin war eine begeisterte Sammlerin religiöser Volkskunst

1907 war die gebürtige Berlinerin Gabriele Münter eine zarte, schöpferisch tätige Frau von dreißig Jahren. In München war sie 1902 Schülerin des russischen Malers Wassily Kandinsky geworden, der an der Schwabinger »Phalanx-Schule« lehrte. Hier hatte Gabriele Münter die Spachteltechnik erlernt, aber bald auch den Holzschnitt erprobt. Auf den Reisen über Land fiel der Blick der Malerin und Zeichnerin immer öfter auf die »schön gemalten Marterln«, wie sie sich erinnerte. Die alte Volkskunst hatte es den beiden Künstlernaturen, Münter und Kandinsky, besonders angetan. Von 1903 bis 1914 gingen sie, längst nicht mehr Studentin und Dozent, sondern Liebende, gemeinsam durchs Leben. Murnau am Staffelsee wurde ihnen zur geliebten Heimat.

»Glasbilder, scheint mir«, so notierte Gabriele Münter einmal, »lernten wir erst in Murnau kennen.« Das war 1908. Ihr beider Freund, der Maler Alexej von Jawlensky war es wohl, der sie auf einen bedeutenden Hinterglasmaler, den Murnauer Heinrich Rambold, aufmerksam machte. Begeistert begannen Münter und Kandinsky sich für die »naive« Kunst der Hinterglasmalerei zu interessieren. Und dies in zweierlei Hinsicht: zum einen malten sie selbst in der Art der Hinterglaskünstler, zum anderen sammelten sie auf ihren Nahreisen durch Ober- und Niederbayern, was sie bei Händlern und auf Dachböden fanden. Auf den »Auer Dulten«, die mehrmals im Jahr rund um die Mariahilfer Kirche in der Münchner Vorstadt »Au« stattfanden, kauften Münter und Kandinsky viele Stücke, die dann ihr Haus in Murnau, das sogenannte »Russen-Haus«, schmückten.

Daß die beiden fröhlich Reisenden (Paris, Rapallo, Tunis waren ihre Ziele gewesen) sich nach einem bleibenden Aufenthalt in ländlicher Umgebung sehnten, mag nicht von ungefähr gekommen sein. Die Suche nach einem harmonischen Ruhepunkt in ihrem unsteten Künstlerdasein hängt eng mit dem Wunsch nach Geborgenheit in einem Umfeld zusammen, das ungestörtes, lärmfreies, kontinuierliches schöpferisches Arbeiten ermöglicht.

Natürlichkeit und Ursprünglichkeit suchte die damalige Avantgarde der bildenden Künstler ganz allgemein – und im besonderen zog es das Künstlerpaar Münter/Kandinsky in die Gegend um den Staffelsee im Alpenvorland. »Hier fanden sie ländliche Einfachheit und volkstümlich-traditionelles Leben, dem sie sich in der Kleidung und der Inneneinrichtung des 1909 von Münter gekauften Hauses, bei Gartenarbeit und Besuchen volkstümlicher Veranstaltungen einfügten«, schreibt Brigitte Salmen. Für sie, die Gabriele Münters Murnauer Aufenthaltsjahre, insbesondere von 1908 bis 1914 und später von 1931 bis zu ihrem Tod 1962, erforschte, ist es nicht überraschend, daß Kandinskys Lebensgefährtin damals kleine Objekte religiöser Volkskunst zu sammeln begann. Angeblich war es der Murnauer Braumeister Johann Krötz, der eine stattliche Kollektion von mehr als 1000 Hinterglastafeln besaß, zum größten Teil Arbeiten aus dem Staffelseegebiet, »wo die Hinterglasmalerei seit dem späten 17. Jarhundert heimisch war und sich im späten 18. und 19. Jahrhundert in hausgewerblicher Herstellung zu routiniert ausgeführten, formreduzierten und flächigen Bildformen entwickelt hatte.«

Die Hinterglasbilder regten Gabriele Münter sowohl durch ihre einfachen Motive als auch durch ihre Malweise an, in der Linolschnitt-Technik ähnlich zu verfahren. Das Münchner Lenbachhaus, dem Gabriele Münter 1951 ihren Nachlaß schenkte, zeigt noch bis 16. April das druckgraphische Werk der Münter erstmals vollständig: insgesamt 88 Arbeiten, wozu nicht nur Holz- und Linolschnitte, sondern auch Radierungen und Lithographien zählen. Etwa ein Viertel dieser Arbeiten entstand bis zum Jahre 1908, also noch vor Münters erster Murnauer Zeit. Ihre damals geschaffenen Neujahrswunschkarten mit Vögelchen, Topfpflanze und Gugelhupf, einem glücksbringenden, Gitarre spielenden Rauchfangkehrer oder Kinderspielzeug könnten genauso gut volkstümliche Hinterglasmotive sein. Das 1912/13 entstandene Blatt »Habsburgerplatz«, vermutlich holzgeschnitten, erschienen im Mai 1913 als Titelbild der Zeitschrift »Der Sturm«, hat große Ähnlichkeit mit manchem Hinterglasbild, das in der Sammlung Münter/Kandinsky hing.

Man müßte annehmen, die beiden Lebensgefährten, die zu den Hauptvertretern der Gruppe »Der Blaue Reiter« zählen, hätten insbesondere die Hinterglasbilder gesammelt, die rund um den Staffelsee und in Oberammergau hergestellt worden waren. Doch ist bekannt, daß Münter und Kandinsky sich besonders für die Raimundsreuther »War« erwärmten. In dem kleinen Ort des Bayerischen Waldes Raimundsreuth malten fünf hausgewerblich tätige Werkstätten pro Jahr etwa 30 000 bis 40 000 Bilder und versandten sie in alle Welt. Ihre schwarzgrundierten Heiligendarstellungen bevorzugten leuchtende Farben und warteten immer auch mit pflanzlichen Elementen in sattem Gold auf. Anscheinend mochten Münter und Kandinsky gerade diese Art der volkstümlichen religiösen Malerei.

Heinrich Rambold (1872-1953) war es, der Gabriele Münter zum Glasmalen anleitete. Von ihm bezog die Malerin die Glasscheiben und Rähmchen, die eigens dafür angefertigt worden waren. Sie und Kandinsky bemalten eigenhändig auch die Holzrahmen gelegentlich, wie Kandinsky etwa auch manches Möbelstück farbig bepinselte, so daß es sich – dem Kinderspielzeug nahestehend – von einem seriösen Einrichtungsgegenstand munter abhob.

Auch wenn jemand noch nie etwas von der Künstlerin Gabriele Münter gehört hat – das nach ihr benannte Haus in Murnau kennt er. Gabriele Münter hat es schon 1913 in Holz geschnitten, wohl nach einer von ihr selbst angefertigten Fotografie. 1931, als die 54jährige sich – mit ihrem zweiten Lebensgefährten Johannes Eichner – dann endgültig in Murnau niederließ, malte sie es in Öl auf Leinwand und stellte vom gleichen Motiv einen handabgezogenen Linolschnitt her. Ein » neues Gefühl der Geborgenheit und Freude über ihr Zuhause« spräche aus den »ausgewogenen und geschlossen komponierten Bildern«, heißt es im Ausstellungskatalog. Nicht umsonst wählte man das farbige Ölgemälde des »Russenhauses« als attraktives Motiv für den Museums-Prospekt, der alljährlich hunderte von begeisterten Besuchern nach Murnau ins Münter-Haus locken soll.

Hans Gärtner



13/2001